Kapitel 8 – Snape triumphiert
„Komm, Hermine", sagte Ron nach einer Weile, in der wir vergeblich nach Harry gesucht hatten. „Vielleicht ist er schon im Schloss."
Ich hielt das eher für unwahrscheinlich, aber was sonst könnten wir tun? Er wäre doch sicherlich auf den Bahnsteig gekommen. „Aber wenn er nicht da ist, melden wir es Professor McGonagall", meinte ich und wir gingen zu den Kutschen.
Ich erinnerte mich noch genau an die Situation vor einem Jahr, als Harry behauptet hatte, er könne schwarze Pferde vor den Kutschen sehen, und nur Luna dies ebenfalls vermochte. Es war eine seltsame, um nicht zu sagen unangenehme Situation gewesen, die mein Bild von Luna vermutlich für immer prägen würde…
Doch in diesem Jahr sah ich sie auch: Die unheimlich aussehenden schwarzen Pferde mit den fledermausartigen Flügeln – Thestrale. Ich blieb geschockt stehen, bis mir Lunas Worte in den Kopf kamen, die sie auf der Kutschfahrt gesagt hatte: „Sie können nur von dem gesehen werden, der den Tod gesehen hat."
Ich hatte mitangesehen, wie Sirius ermordet worden war. Ich hatte den Tod gesehen, daher konnte ich nun auch Thestrale sehen. Mein Blick zu Ron zeigte mir, dass er die Tiere nun ebenfalls bemerkte, und der Blick, den wir danach austauschten, verriet, dass wir uns über die Traurigkeit und Ungerechtigkeit der Situation einig waren, aber nicht darüber sprechen wollten…
Die Fahrt zum Schloss war relativ unspektakulär, doch als ich Hogwarts zum ersten Mal wiedersah, strahlte ich bis über beide Ohren. Wie für Harry war auch für mich Hogwarts eher mein Zuhause als mein eigentliches, denn hier konnte ich Ich sein und musste meine Magie nicht verstecken oder meine Eltern belügen, dass Voldemort nicht so schlimm sei, wie sie befürchteten… Hier konnte ich mein wahres Talent entfalten, hier war ich frei und glücklich.
Auf dem Weg zur Großen Halle hielt ich weiter Ausschau nach Harry, doch ich konnte ihn nirgends entdecken. Als wir uns an den Gryffindor-Tisch setzten, sagte ich leise zu Ron: „Ich glaube, wir sollten es Professor McGonagall sagen."
Ron schüttelte mit dem Kopf. „Und wenn er dafür Ärger bekommt? Wir wissen ja nicht, was er gerade macht. Lass uns noch ein paar Minuten abwarten, vielleicht kommt er ja mit einer der späteren Kutschen."
Ich biss nervös auf meiner Unterlippe herum, während ich durch die Halle sah und immer wieder zur Eingangstür blickte, in der Hoffnung, dass Harry bald auftauchte. Ich malte mir hundert schreckliche Situationen aus, in denen er jetzt stecken könnte… Wenn nur Voldemort ihn nicht in die Finger bekommen hatte… Ich hätte ihn nicht alleine losziehen lassen dürfen! Oder Neville nicht ohne ihn zurückkehren!
Plötzlich blieb mein umherschweifender Blick an einer Person mit schwarzen, langen Haaren und einem schwarzen Umhang hängen. Dort vorne am Lehrertisch saß Snape und sprach leise mit Flitwick.
Nach all dem, was ich im Sommer über ihn erfahren hatte, wusste ich nicht, wie ich über ihn denken sollte. Einerseits tat er mir leid, da er in seinem Elternhaus Schreckliches erfahren hatte, anderseits hatte er seine beste Freundin mit dem Wort Schlammblut von sich gestoßen, der schlimmsten Beleidigung, die man einem Muggelgeborenen an den Kopf werfen konnte.
Wie aufs Stichwort stolzierte Draco Malfoy in die Große Halle. Als er an mir vorüberging, beugte er sich leicht zu mir und flüsterte bösartig: „Schönen Sommer gehabt, Schlammblut? Schade, dein blaues Auge ist ja weg. Es sah so hübsch an dir aus." Er lachte fies.
Ich versuchte, ruhig zu bleiben, sah ihn nur böse an, doch Ron neben mir war schon auf den Beinen.
„Verzieh dich, Malfoy!", zischte er, die Hand an seinem Zauberstab.
Draco grinste nur höhnisch, verbeugte sich theatralisch und ging hinüber zum Slytherin-Tisch, wo er ihnen anscheinend von eben erzählte, denn einen Moment später brach lautes Gelächter aus.
„Danke, Ron", meinte ich und er setzte sich wieder hin.
„Kein Problem", murmelte er verlegen zurück und trank schnell einen Schluck Kürbissaft.
Ich sah wieder zu Snape und dachte weiter über ihn nach. Auch wenn ich nicht wusste, wie ich nun über ihn denken sollte, wurde mir schnell bewusst, dass ich auf jeden Fall nicht mehr wie früher von ihm denken konnten. Er hatte auf einmal eine Vergangenheit, tief-komplexe Emotionen, über die ich mir zuvor nie Gedanken gemacht hatte. Er war nicht anders als sonst, nur mein Verständnis von ihm hatte sich verändert und daher auch mein Bild von ihm. Er war nicht mehr nur der gemeine Zaubertränkelehrer, er war mehr. Er war eine Person, eine Persönlichkeit, und ich hatte plötzlich das Bedürfnis, mehr über ihn zu erfahren. Was genau ihn so verbittert gemacht hatte und wie man ihm vielleicht helfen konnte.
Helfen?!, dachte ich auf einmal erschrocken. Wollte ich Snape wirklich helfen? Aber es lag vermutlich in meiner Natur, allen Wesen zu helfen, die meine Hilfe benötigten, sei es nun die Hauselfen, Zentauren oder ein griesgrämiger Professor. Aber wie sollte ich das anstellen?
In dem Moment schoss plötzlich eine weiße Kugel herein und blieb vor dem Lehrertisch stehen.
„Was ist das?", fragte Ron erschrocken.
„Keine Sorge", beruhigte ich ihn. „Nur ein Patronus." Er hatte die Form eines Wolfes, aber Lupin hatte ihn nicht geschickt, oder?
Was immer der Patronus verkündet hatte, Snape stand auf und verließ die Große Halle. Als er im Mittelgang zwischen den Haustischen hindurchschritt, fiel mir zum ersten Mal auf, wie geschmeidig sein Gang war…
„Ich geh jetzt zu McGonagall", verkündete ich entschlossen und ging zum Lehrertisch, ohne mögliche Widerworte Rons abzuwarten.
Die Stellvertretende Schulleiterin lächelte mir erfreut zu, als ich auf sie zutrat. „Willkommen zurück, Miss Granger", strahlte sie.
„Ich freu mich auch, wieder hier zu sein", entgegnete ich schnell mit einem halbherzigen Lächeln.
McGonagall blieb wenig verborgen, so auch nicht meine angespannte Miene. „Was kann ich für Sie tun, Miss Granger?", fragte sie geschäftsmäßig.
„Es geht um Harry", sagte ich. „Er ist nicht da. Ron und ich haben nicht gesehen, wie er aus dem Zug gestiegen ist und-" Ich verstummte, da McGonagall eine Hand erhoben hatte, um mich zu bremsen.
„Es ist alles in Ordnung", erwiderte sie lächelnd. „Machen Sie sich keine Sorgen: Professor Snape holt ihn gerade."
„Also geht es ihm gut?", hakte ich eifrig nach.
McGonagall nickte. „Gewiss. Der Patronus eben kam von Auror Tonks, die ihn am Bahnhof gefunden hat."
Ich atmete erleichtert auf und nickte vor mich hin. „Gut, gut." Ich sah zu meiner Lieblingslehrerin. „Danke, Professor", strahlte ich und ging zurück zu Ron, um ihm davon zu erzählen. Ich erwähnte jedoch nicht Snapes Rolle, damit er sich nicht unnötig aufregte und schimpfte.
Dieser runzelte die Stirn. „Aber warum war Harry noch am Bahnhof?"
Ich zuckte mit den Schultern. „Wir werden es wohl bald erfahren."
„Schau, da ist Hagrid!", rief Ron plötzlich und ich drehte mich zum Lehrertisch, wo der freundliche Halbriese uns zuwinkte.
Wir winkten aufgeregt zurück.
Hagrid sah sich verwundert um und rief dann: „Wo isn Harry?"
„Kommt gleich!", rief Ron zurück.
„Gut!", machte Hagrid und wandte sich Professor Sprout zu.
Na toll, dachte ich. Jetzt hatte auch der letzte Depp mitbekommen, dass Harry nicht da war… Das würde ihm ganz und gar nicht gefallen.
Es dauerte das ganze Lied des Sprechenden Huts und die ganze Zuteilung, bis Harry wiederauftauchte! Er saß so plötzlich neben uns, dass ich ihn gar nicht hatte kommen sehen. Ich drehte meinen Kopf blitzschnell zum Lehrertisch und sah, wie Snape sich wieder auf seinen Platz setzte, als sei nichts geschehen.
„Wo warst", begann Ron. Dann hielt er erschrocken inne. „Meine Fresse, was hast du mit deinem Gesicht gemacht?"
„Warum, was ist damit?", erwiderte Harry unschuldig und nahm sich einen Löffel als Spiegel.
„Du bist völlig blutverschmiert!", rief ich erschrocken. Ich nahm meinem Zauberstab heraus, sagte. „Tergeo!" und das getrocknete Blut wich von seiner Nase und seinem Mund.
„Danke", meinte Harry. „Wie sieht meine Nase aus?"
Ich besah sie mir, konnte jedoch nichts Unauffälliges erkennen. „Normal. Was sollte mit ihr sein?" Ich sah ihn besorgt an. „Harry, was ist passiert, wir hatten furchtbare Angst!" Hatte er sich etwa die Nase gebrochen? Kam daher das ganze Blut? Und wenn ja – wer hatte ihm das angetan?!
Doch Harry winkte ab. „Das erzähl ich euch später."
„Aber-"
„Nicht jetzt, Hermine", sagte er eindringlich und sah zu Ginny, Neville, Dean, Seamus und dem Fast Kopflosen Nick, die uns alle belauschten.
Ich nickte verstehend. „Später dann."
Wir erzählten Harry von der Zuteilung und dem Lied des Sprechenden Hutes, in dem er uns gemahnt hatte, sich in diesen schwierigen Zeiten zu vereinen.
„Hat Dumbledore Voldemort überhaupt erwähnt?", wollte Harry danach wissen.
Ich erwiderte, dass der Schulleiter seine wichtige Rede immer erst am Ende des Festes halten würde.
Harry nickte und fuhr fort: „Snape meinte, Hagrid sei zu spät zur Feier gekommen-"
Weiter kam er nicht, denn Ron fiel ihm ins Wort: „Du hast Snape gesehen? Wie das?"
Ich blickte Ron erstaunt an. Wie konnte er nicht bemerkt haben, dass Snape Harry geholt hatte? War er so blind gewesen? Oder war ich die einzige, die auf den Zaubertränkeprofessor geachtet hatte…?
Laut sagte ich jedoch: „Hagrid kam nur ein paar Minuten zu spät." Ich sah erneut zum Lehrertisch. „Schau mal, er winkt dir, Harry."
Der Nachtisch wurde gegessen und nach einer Weile fiel mir etwas ein. „Was wollte eigentlich Slughorn?", fragte ich Harry.
„Wissen, was wirklich im Ministerium passiert ist", antwortete er genervt.
Ron und ich berichteten, wie wir ebenfalls im Zug von allen deswegen belästigt worden waren.
Da mischte sich der Fast Kopflose Nick in unser Gespräch ein und erzählte, dass sogar die Geister über dieses Thema sprachen, ob Harry wirklich der Auserwählte sei… Der Geist gab damit an, ein guter Freund Harrys zu sein, der zwar viel über ihn wissen würde, aber nichts den anderen preisgeben würde. „Ich würde eher sterben als sein Vertrauen zu missbrauchen", behauptete er schließlich.
Harry lächelte zufrieden, doch Ron zeigte sich einmal wieder besonders gefühlsvoll: „Das heißt nicht viel, wenn man bedenkt, dass Sie ja schon tot sind." Ach, Ron…
Bevor jedoch viel Streit ausbrechen konnte, stand Dumbledore auf und die Große Halle verstummte erwartungsvoll.
Plötzlich sah ich, dass seine rechte Hand geschwärzt war, als sei sie abgestorben. „Was ist mit seiner Hand passiert?", keuchte ich erschrocken und war damit nicht die einzige.
Dumbledore meinte jedoch, sie sei kein Grund zur Sorge, und begann mit seinen üblichen Ansprachen: Was alles verboten war, etc.
Ich war immer noch entsetzt von seiner Hand. Ob sie einem nicht zu heilenden alten Fluch zum Opfer gefallen war?
Erst als der Schulleiter einen neuen Lehrer vorstellte, wandte ich ihm wieder meine ganze Aufmerksamkeit zu.
Professor Slughorn war genauso, wie Harry ihn beschrieben hatte, und ich erwartete schon jetzt nicht allzu viel von ihm. Und dabei hatte ich mich doch verbessern wollen in Verteidigung gegen die Dunklen Künste…
Doch da überraschte Dumbledore vermutlich die ganze Halle, indem er verkündete: „… der sich bereit erklärt hat, seinen alten Posten als Lehrer für Zaubertränke wieder einzunehmen."
„Zaubertränke", sagte ich erschrocken und sah Harry verwundert an. „Aber du hast doch gesagt-"
Da fuhr Dumbledore lauter fort: „Professor Snape indes wird der neue Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste."
„Nein!", rief Harry laut und ich sah ihn entsetzt an.
Natürlich war auch ich schockiert über diese Nachricht, aber es war nicht klug, seinen Unmut so laut zu verkünden. „Aber, Harry, du hast doch gesagt, Slughorn würde Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichten!"
„Das dachte ich auch!", erwiderte er mit einem gequälten Gesichtsausdruck.
Ich sah zu Snape und erkannte ein eindeutig triumphierendes Grinsen auf seinem Gesicht. Fand ich es gut, dass er nun VgdDK unterrichtete? Ich gönnte es ihm irgendwie, dass er nach all den Jahren seinen Traumjob bekommen hatte, aber es tat mir leid, dass Harrys Lieblingsfach dadurch vermiest wurde und dass ich nichts mehr von ihm in Zaubertränke lernen konnte… Andererseits würde ich nun in VgdDK richtig gefordert werden und könnte mich daher vielleicht besser auf ein Ohnegleichen steigern.
„Also, einen Vorteil hat es", meinte Harry da düster. „Am Ende des Schuljahres ist Snape weg." Er begründete das damit, dass angeblich ein Fluch auf dem Fach lastete, wodurch ein Lehrer schon nach einem Jahr entlassen wurde oder anderweitig aufhörte. „Ich persönlich drück die Daumen, dass noch einer stirbt…"
„Harry!", rief ich bestürzt. Wie konnte er sich nur Snapes Tod wünschen. Natürlich war er ein grausamer, ungerechter Mann, und Harry und er hassten sich wie die Pest, aber er war auch ein Genie mit einer schrecklichen Vergangenheit, der es genauso verdient hatte, wie jeder andere, glücklich zu sein!
Dumbledore räusperte sich und die Halle verstummte erneut. Da fuhr der Schulleiter mit einem noch brisanteren Thema fort: Lord Voldemort und seine Anhänger. Er ermahnte uns zu Vorsicht, erläuterte die neuen Sicherheitsvorkehrungen, betonte, dass wir die Regeln einhalten müssten, und bat uns, Auffälliges sofort zu melden. Schließlich entließ er uns mit einem warmen Lächeln und wir machten uns auf den Weg, in unsere Gemeinschaftsräume.
Ich eilte zum Eingang der Großen Halle, um als Vertrauensschülerin den Erstklässlern zu helfen. Während ich alle zusammenrief, spürte ich plötzlich eine dunkle Gestalt an mir vorbeischreiten. Ich drehte mich um und sah Snape, der sich mithilfe seiner düsteren Miene Platz in der Menge verschaffte. Auf einmal sah er mir direkt in die Augen und ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, daher meinte ich nur: „Gute Nacht, Professor Snape" und sah schnell weg.
Er entgegnete nichts und schritt weiter durch die Eingangshalle und hinunter in die Kerker.
Noch abends im Bett, als ich versuchte einzuschlafen, musste ich über seinen Blick nachdenken. Ja, er war so kalt und berechenbar wie eh und je gewesen, aber ich wusste nicht, ob ich es mir nur einbildete – aber ich war der Meinung, einen versteckten Schmerz in seinen Augen erkannt zu haben…
