Kapitel 9 – Der Halbblutprinz

Am nächsten Morgen traf ich die Jungs vor dem Frühstück im Gemeinschaftsraum und nun konnte Harry mir endlich erzählen, wo er gestern Abend gewesen war. Als er jedoch meinte, er habe Malfoy belauscht, wie dieser angab, für Voldemort zu arbeiten, riss ich die Augen auf.

Aber er wollte doch offensichtlich nur vor der Parkinson angeben, meinst du nicht?", vermutete Ron, doch ich war mir nicht sicher.

Nun ja, ich weiß nicht… es würde Malfoy ähnlich sehen, sich wichtiger zu machen, als er eigentlich ist… Aber so was zu behaupten, ist schon eine dicke Lüge…"

Genau", stimmte Harry zu, aber es waren nun zu viele andere Schüler um uns, als dass wir uns hätten weiter unterhalten können.

Wir stiegen aus dem Portraitloch, während Ron einen Erstklässler rund machte, weil er offen mit dem Finger auf Harry gezeigt hatte. Dieses ganze Auserwähltengerede würde uns sicherlich noch lange begleiten. Wann Harry wohl mal ein entspanntes Jahr erleben durfte?

Ich finde es toll, Sechstklässler zu sein", grinste Ron draußen auf dem Korridor. „Und wir kriegen dieses Jahr auch noch freie Zeit. Ganze Schulstunden, in denen wir einfach hier sitzen und uns entspannen können."

Ich sah ihn empört an. „Diese Zeit werden wir zum Lernen brauchen!" Ich kann nicht glauben, dass ich früher davon ausgegangen war, wir könnten irgendwann einmal ein Paar werden. Ich brauchte jemanden, mit dem ich zusammen intelligent und fleißig sein konnte, nicht jemanden, den ich versuchen musste, mit mir zu schleifen…

Aber nein, Ron wollte nicht nur endlos Faulenzen, sondern freute sich auch noch über eine Fangzähnige Frisbee, die ich einem Viertklässler abnehmen musste, weil sie verboten waren. Und das schlimmste war, dass Lavender Brown das zum Kichern und Ron zum Grinsen brachte – solche oberflächigen Mädchen nervten mich tierisch!

Beim Frühstück in der Großen Halle erzählten die Jungs mir dann von ihrem peinlichen Gespräch mit Hagrid am gestrigen Abend. „Aber er kann doch nicht wirklich glauben, dass wir mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen!", meinte ich erschrocken. Schließlich fing jetzt unsere UTZ-Zeit an und da sollte man nur die Fächer belegen, in denen man sich wirklich prüfen lassen wollte. Und schließlich hatten wir das Fach nur seinetwegen ernst genommen.

Gequält sahen wir zum Lehrertisch, wo Hagrid uns fröhlich zuwinkte. Am Rande bemerkte ich, dass Professor Snape nicht anwesend war, aber dachte mir nichts weiter dabei; es war schon schlimm genug, dass es mir überhaupt aufgefallen war.

Nach dem Frühstück warteten wir auf Professor McGonagall und unsere Stundenpläne. Wie jedes Jahr war ich ganz gespannt, denn die Kombination der Fächer an einem Tag, mögliche Freistunden, all dies würde meine weitere Planung beeinflussen.

Professor McGonagall kam und überprüfte unsere ZAG-Noten, ob wir in bestimmte Kurse durften. Bei mir war das natürlich kein Problem und nach ein paar Minuten hatte ich alle meine Fächer in einem Stundenplan: Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Verwandlung, Kräuterkunde, Arithmantik, Alte Runen und Zaubertränke. Also alle Hauptfächer und meine Wahlfächer aus dem dritten Schuljahr außer Pflege magischer Geschöpfe. Für einen Moment überlegte ich, ob ich Hagrid zuliebe dieses Fach nicht doch noch belegen sollte (ein Fach mehr machte den Kohl sicher nicht fett), aber ich wusste, dass ich dann die einzige in Hagrids Klasse wäre und dass ich die Stunden draußen besser in der Bibliothek nutzen sollte. In diesem Punkt musste ich leider egoistisch sein.

Dann machte ich mich voller Tatendrang auf zur ersten Stunde: Alte Runen.

Nur sieben Schüler waren noch in diesem schwierigen Fach übriggeblieben, ich als einzige aus Gryffindor. Ich setzte mich neben die lesende Lisa Turpin aus Ravenclaw und schlug ebenfalls mein Buch auf, um noch einmal zu wiederholen. Ich hatte mir zwar alles auf der Zugfahrt gestern und abends im Bett angeschaut, aber Wiederholung konnte nie schaden.

Professor Babbling betrat das Klassenzimmer, schloss die Tür hinter sich und schritt nach vorne. Sie war noch recht jung, mit blonden Locken und leuchtenden grünen Augen, und nach Professor McGonagall meine Lieblingslehrerin, weil sie es schaffte, trotz ihrer Jugend sowohl freundlich und motivierend, als auch streng und fordernd zu sein. Freudestrahlend begrüßte sie uns. „Willkommen im Alte-Runen-UTZ-Kurs. Jetzt wo, die ZAGs vorbei sind, fängt der Spaß erst richtig an. Sie haben bisher die Basics kennengelernt, kennen viele wichtige Vokabeln und Grammatikphänomene, sodass wir uns nun an schwierigere Texte wagen können, als auch versuchen können, vom Englischen aus in Alte Runen zu übersetzen."

Meine Augen begannen zu leuchten – was für eine wunderbare Herausforderung. Erst durch solch eine Rückübersetzung wurden einem bestimmte Grammatikstrukturen bewusst und man konnte die Sprache richtig durchdringen.

„Beginnen wir nun zu Anfang mit einem Wiederholungstest, keine Sorge, unbenotet, nur um Ihnen wieder vor Augen zu führen, was Sie bis hierher können sollten und was Sie vielleicht selbständig noch einmal wiederholen sollten. Aber da wir nur O- und E-Schüler im Kurs haben, sollte niemandem der Test allzu schwerfallen." Und lächelnd verteilte sie ein paar Arbeitsblätter.

Ich überflog die Aufgaben, erkannte schnell, dass mir das alles bekannt war, und schrieb los. Wie so oft war ich als erste fertig, überprüfte noch einmal meine Antworten, und ließ dann meinen Blick ins Nichts schweifen, um in Ruhe zu denken.

Die nächste Stunde würde Verteidigung gegen die dunklen Künste sein. Professor Snape mal nicht in Zaubertränke zu haben, würde sicher seltsam werden, auch wenn ich gespannt war, was er uns alles beibringen konnte, er war schließlich einer der mächtigsten Zauberer der Schule, der sich zudem auch noch bestens mit schwarzer Magie auskannte und daher vermutlich auch, wie man sie abwehren konnte. Ich hatte mir ja vorgenommen, ein Ohnegleichen zu schaffen, aber ob das bei Snape überhaupt möglich war? Und Harry tat mir leid, da sein liebstes Fach nun von seinem verhasstesten Lehrer geführt wurde…

Als alle den Test beendet hatten, verglichen wir ihn gemeinsam und gingen dabei die Grammatik durch. Ich dachte, dies sei doch eine ganz angenehme erste Stunde gewesen, bis Professor Babbling die Hausaufgaben vergab.

„So, jetzt geht es schon los mit der harten Arbeit", meinte sie und sah sogar ein wenig betrübt aus. „Es tut mir leid, ich weiß, Sie werden viel zu tun haben, aber wir sind nun mal im UTZ-Kurs und da muss man richtig pauken, damit man es schafft. Bis zur nächsten Stunde möchte ich von Ihnen einen vierzig Zentimeter langen Aufsatz über die Anwendung der verschiedenen Kasus haben. Dazu übersetzen Sie bitte diese zwei Texte." Sie ließ mit ihrem Zauberstab Pergamente durchs Zimmer fliegen. „Und lesen diese Bücher." Drei Bücher kamen auf jeden einzelnen Tisch geschwebt.

Die Klasse schaute erschrocken auf ihren Hausaufgabenberg, besonders die Bücher, und selbst ich musste hart schlucken – das konnte ja heiter werden dieses Schuljahr.

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag", lächelte Professor Babbling und wir waren entlassen.

Ich nahm meine Bücher in den Arm, denn sie passten nicht in meine Tasche, und machte mich auf den Weg zu Snapes Klassenraum, während Lisa und ich über die Hausaufgaben stöhnten. Wir warteten vor der Tür, bis Harry und Ron auch dazukamen und ich auch ihnen von meinem Hausaufgabenberg erzählen konnte.

Gemeinheit", gähnte Ron und ich vermutete, dass er und Harry die letzte Stunde im Gemeinschaftsraum gefaulenzt hatten!

Wart's nur ab", fauchte ich ihn daher an. „Ich wette, Snape halst uns jede Menge auf."

Als habe er auf mein Stichwort gewartet, öffnete Snape die Klassenzimmertür und ließ uns murrend eintreten.

Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich hatte das Gefühl, dass sein Blick an mir hing, während ich an ihm vorbeiging und auf meinen Platz.

Der Raum war recht dunkel, da die Vorhänge zugezogen waren und nur ein paar Kerzen leuchteten. Zudem waren Bilder von Menschen mit schrecklichen Schmerzen oder Verletzungen an den Wänden, die ich mir gar nicht so genau ansehen wollte. Anscheinend machte Snape seinem Ruf als Schwarzmagier alle Ehre…

Ich holte mein Buch Im Angesicht des Gesichtslosen heraus, als Snape sich vor die Klasse stellte und befahl, die Bücher wieder wegzuräumen, was ich auch sofort tat – ich würde alles für ein Ohnegleichen tun!

Ich will Ihnen etwas sagen und ich erwarte Ihre volle Aufmerksamkeit", forderte Snape dann und die mucksmäuschenstille Klasse starrte ihn gespannt an.

Ich fühlte mich wie in meiner ersten Zaubertränkestunde und wartete auf eine weitere angsteinflößenden, nicht besonders motivierende Anfangsrede.

Sie hatten bislang fünf Lehrer in diesem Fach, meine ich."

Ich nickte: einen von Voldemort Besessenen, einen Hochstapler, einen Werwolf (kein Vorwurf), einen Todesser, und eine Ministeriumspionin. Und jetzt Snape. Bis auf Lupin konnte er im Vergleich zu den anderen nur besser sein, und wenn man sich an seinen Zaubertränkeunterricht erinnerte, konnte er uns zumindest etwas beibringen.

Natürlich haben all diese Lehrer ihre eigenen Methoden und Schwerpunkte gehabt. Ich bin überrascht, dass so viele von Ihnen trotz dieses Durcheinanders einen ZAG in diesem Fach geschafft haben."

Harry, Ron und ich grinsten uns kurz an. Dank Dumbledores Armee und unseren zahlreichen Abenteuern waren die Prüfungen kein Problem gewesen. Vielleicht lag es an meiner Versteinerung am Ende des zweiten Schuljahres, weswegen ich in den ZAGs nur ein E bekommen hatte – mir fehlte ein Abenteuer… Aber ich wusste selber, dass das Quatsch war. Ich war wohl eher theoretisch veranlagt als praktisch.

Noch mehr," fuhr Snape fort, „wird es mich überraschen, wenn Sie alle mit dem UTZ-Pensum zurechtkommen, das noch viel anspruchsvoller sein wird."

Ich atmete einmal tief durch. Ich schaff das, sagte ich mir mein Mantra auf. Mit viel Fleiß und Engagement ist alles machbar!

Snape ging nun im Klassenraum umher, sodass wir unsere Köpfe nach ihm drehen mussten. Es wirkte auf mich, als genieße er seine Rolle der Macht und wie ein Schauspieler wollte er sein Publikum in den Bann ziehen. Bei mir funktionierte das auf jeden Fall und ich fragte mich, warum mir sein Verhalten nicht schon früher aufgefallen war.

Die dunklen Künste", sprach er in seiner dunklen, samtigen Stimme, „sind zahlreich, vielgestaltig, in ständigem Wandel begriffen und unvergänglich. Der Kampf gegen sie ist wie der Kampf gegen ein vielköpfiges Ungeheuer, dem jedes Mal, wen ihm ein Hals durchgeschlagen wird, ein weiterer Kopf nachwächst, noch wilder und gerissener als der alte. Sie kämpfen gegen das Unberechenbare, das sich Wandelnde, das Unzerstörbare."

Mein Mund hing leicht offen, als ich ihm fassungslos anstarrte. Nicht wegen dem, was er gesagt hatte, sondern wie. Das war ja geradezu poetisch! Und dann auch noch mit einer mythischen Anspielung – das übertraf seine Rede aus dem ersten Schuljahr um Längen. Wer hätte gedacht, dass Snape solche Worte formulieren konnte? Wenn man die Augen schließen und ignorieren könnte, dass er gerade ein wenig die dunklen Künste verherrlichte, konnte man sich leicht einen wunderbaren Menschen hinter dieser Stimme und diesen Worten vorstellen, fast schon einen romantischen.

Romantisch?, fuhr ich mich innerlich an. Snape und romantisch!? Ich schüttelte kurz den Kopf, um meine seltsamen Gedanken wegzuwerfen, und hörte meinem Lehrer weiter brav zu.

Ihre Verteidigung," fuhr Snape ein wenig lauter fort, „muss daher so flexibel und erfindungsreich sein wie die Künste, deren Wirkung Sie zu zerstören suchen." Danach deutete er auf die schrecklichen Bilder an den Wänden, auf denen die Auswirkungen eines Cruciatus-Fluches, ein Dementorenkuss und Inferi gezeigt wurden.

Nicht nur ich musste schlucken bei diesen Bildern und nach einer kurzen Diskussion, ob Voldemort Inferi einsetze, widmeten wir uns dem Thema der Stunde.

Sie sind, denke ich, im Gebrauch von ungesagten Zaubern völlige Anfänger," sagte Snape, während er wieder zu seinem Pult ging, sein Umhang hinter ihm wehend. „Was ist der Vorteil eines ungesagten Zaubers?"

Ich habe das große Glück, dass ich ein fast fotografisches Gedächtnis besitze und daher schoss meine Hand sofort nach oben. Wie in jedem Schuljahr wollte ich Snape beeindrucken und wie in jedem Schuljahr gelang es mir nicht, denn er nahm mich erst nach einer Weile und auch dann äußerst genervt dran. Ich lieferte meine Antwort trotzdem, ohne mit der Wimper zu zucken: „Unser Gegner ist nicht gewarnt, welche Art von Zauber wir einsetzen werden, was uns einen Vorteil von einer knappen Sekunde einbringt." Mein Herz klopfte aufgeregt, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, warum. Vielleicht, weil ich unbedingt wollte, dass ihm meine Antwort gefiel?

Snape sah mich verächtlich an. „Eine Antwort, die fast wortwörtlich aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 6 übernommen wurde." Da hatte ich sie ja auch her, viele Kapitel vor dem, in dem wir uns eigentlich erst befanden.

Hinter mir fing Malfoy an, leise zu lachen, und meine Wangen färbten sich rot.

Aber im Wesentlichen korrekt, ja", gab Snape zu und fuhr fort zu erklären.

Meine Gedanken schweiften kurz ab, während ich versuchte, meine glühenden Wangen wieder zu entfärben. Nicht nur, dass ich nie Anerkennung für meine Leistungen von Snape bekam, er stellte es auch so hin, als sei ich nur eine fleißige Auswendiglernerin, die keine eigene Intelligenz besitze. Das war demütigend…

Sie werden sich nun aufteilen", hörte ich Snape sagen und versuchte, mich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren. „Und paarweise zusammengehen. Der eine Partner wird versuchen, den anderen, ohne zu sprechen, zu verhexen. Der andere wird versuchen, den Fluch ebenso stumm abzuwehren. Nun los."

Ich stand auf und schaute auf Harry und Ron neben mir. Das war das dumme, wenn man zu dritt befreundet war und ein Übungspaar bilden sollten – einer blieb immer übrig. Ich sah mich um, entdeckte Neville und ging zu ihm.

Er lächelte dankbar und wir stellten uns auf.

Trotz des Verbots von Worten konnte ich überall um mich herum leises Flüstern hören, aber ich schummelte nicht. Wie soll man es auch sonst lernen? Ich brauchte ganze zehn Minuten, bevor ich Nevilles Wabbelbein-Fluch stumm abwehrte, aber immerhin.

Ich freute mich so sehr, dass ich automatisch strahlend zu Snape blickte, der mich jedoch nur kurz emotionslos betrachtete und dann einfach ignorierte. Ich versuchte, nicht allzu enttäuscht zu sein, schließlich sollte ich das doch langsam von ihm gewohnt sein… Manchmal wünschte ich mir, für einen Moment in Slytherin zu sein, damit er mir Punkte geben konnte.

Er ging durch die Klasse und beobachtete die Paare mal mehr, mal weniger. Einmal ging er so dicht an mir vorbei, dass mir der Geruch von Kräutern auf einer Waldlichtung in die Nase stieg. Ich blieb stocksteif stehen, sodass Neville mich leicht verfluchen konnte.

Finite Incantatem, dachte ich jedoch und war sofort wieder befreit. Ich drehte mich zu Snape um, der nun bei Harry und Ron stand. Nein!, verbot ich mir Gedanken darüber, was sein Duft mit mir gemacht hatte. Stattdessen konzentrierte ich mich wieder auf Neville, doch plötzlich hörte ich ein lautes Poltern und die ganze Klasse sah zu Snape, der gegen sein Pult geknallt war – und Harry stand vor ihm.

Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass wir ungesagte Zauber üben, Potter?", sagte er nun bedrohlich.

Und Harry antwortete angespannt: „Ja."

Ja, Sir."

Sie brauchen mich nicht ‚Sir' zu nennen, Professor."

Mir klappte der Mund auf bei dieser Antwort und alle schauten nun zu Snape, wie er auf so eine Frechheit reagieren würde.

Nachsitzen, Samstagabend, mein Büro", verkündete er, die Kiefer wütend zusammengepresst. „Ich lasse es nicht zu, dass mir einer frech kommt, Potter… nicht einmal der Auserwählte."

Ich hatte erst nach dem Unterricht die Chance, mit Harry zu reden, und während Ron ihn feierte, versuchte ich ihn zu bremsen – mit mäßigem Erfolg, wie immer…

Harry redete sich stattdessen in Rage. „Und hast du gehört, wie er über die dunklen Künste gesprochen hat? Er liebt sie!"

Nun ja", gab ich zu, „ich dachte, er klingt ein bisschen wie du." Auch wenn Harry nicht so wundervoll poetisch sprechen konnte…

Wir diskutierten ein wenig darüber, bis Harry ein Brief von Dumbledore überreicht wurde, dass er ihm am Samstag in seinem Büro erwarte. Er hatte jedoch keine Ahnung, was Dumbledore von ihm wolle, und obwohl wir uns verschiedene Theorien überlegten, blieb uns nichts anderes übrig als abzuwarten. Da musste er wohl das Nachsitzen mit Snape verschieben.

Während die Jungs eine erneute Freistunde hatten (auch wenn sie diese schon mal mit Snapes Hausaufgaben verbrachten), ging ich zu Arithmantik meinem Lieblingsfach. Professor Vektor hatte ihre erste Stunde nach den Ferien ähnlich wie Professor Babbling aufgebaut und auch hier legten wir sofort mit schwierigerem und zeitaufwendigerem Stoff los…

Nach dem Mittagessen half ich den Jungs ein wenig bei ihrem Aufsatz (wenn sie sich schon freiwillig am ersten Tag ransetzten, musste das doch belohnt werden), bevor wir uns zu Zaubertränke in die Kerker aufmachten.

Es fühlte sich seltsam an, den Zaubertränke-Klassenraum zu betreten, ohne dass Snape vorne stand… Für fünf Jahre hatten wir diesen Raum immer mit ihm verbunden und jetzt war jemand anderes hier.

Wir waren nicht viele Schüler (nur 12). Leider war Malfoy auch dabei…, aber wir ignorierten uns gegenseitig.

Im Klassenzimmer begegneten uns Dämpfe und Gerüche von drei großen Kesseln, die auf den Gruppentischen verteilt waren. Ich brauchte nur einen Blick auf sie zu werfen, sie kurz riechen, und wusste schon, worum es sich handelte. Wir setzten uns zu dem goldenen Kessel.

Professor Slughorn begann seine Stunde mit diesen drei Tränken. „Kann mir jemand sagen, was das für einer ist?" Er zeigte auf den Kessel bei den Slytherins.

Ich meldete mich sofort und durfte erklären, dass dies Veritaserum sei; beim zweiten bei den Ravenclaws, dass es sich um Vielsaft-Trank handelte; und beim letzten, bei unserem – dass es Amortentia war.

Slughorn war mittlerweile ganz begeistert von mir. „Wie ich annehme, haben Sie ihn aufgrund seines charakteristischen Perlmuttschimmers erkannt?"

Ich nickte. „Und wegen des Dampfes, der angeblich für jeden von uns anders riecht, je nachdem, was wir anziehend finden." Ich atmete einmal tief ein und verkündete: „Ich kann frisch gemähtes Gras riechen und ein neues Pergament und…" Ich konnte nicht weitersprechen, als mir der dritte Duft auffiel: Kräuter auf einer Waldlichtung. Snapes Geruch. Doch bevor ich eine Möglichkeit hatte, darüber nachzudenken, wollte Slughorn meinen Namen wissen und anschließend, ob ich mit dem berühmten Tränkemeister Hector Dagworth-Granger verwandt sei, was ich verneinte.

Ich stamme von Muggeln ab, wissen Sie." Für einen Moment wartete ich nervös auf Slughorns Reaktion, denn ich hatte schon so oft Negatives wegen meiner Herkunft erfahren, doch er grinste nur zu Harry und meinte:

Oho! Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig und sie ist die Beste in unserem Jahrgang! Ich nehme an, das ist die Freundin, von der Sie sprachen, Harry?"

Harry bestätigte es stolz und Slughorn gab mir 20 Punkte. Aber viel mehr freute ich mich über Harrys Lob – er war wirklich mein allerbester Freund!

Und auch den letzten Trank auf Slughorns Pult konnte ich bestimmen und erläutern – Felix Felicis, flüssiges Glück –, was mir weitere 10 Punkte für Gryffindor brachte. Bei Snape hatte ich nie auch nur einen einzigen Punkt bekommen in all den Jahren...

Die Klasse löcherte Slughorn noch einen Moment mit Fragen zu diesem höchst komplizierten, aber wirklich nützlichen, wenn auch bisweilen gefährlichen Trank, bis er verkündete, dass dieses kleine Fläschchen Felix Felicis der Preis der heutigen Stunde sei für denjenigen, der am besten den Sud des lebenden Todes brauen konnte.

Ich brauchte selten eine extra Motivation, um perfekte Arbeit zu leisten, aber so ein Fläschchen flüssigen Glücks wäre nun wirklich etwas ganz Wundervolles. Und dem Rest der Klasse schien es ebenso zu gehen. Alle schlugen schnell die Seite 10 ihres Buchs Zaubertränke für Fortgeschrittene auf und begannen mit dem Zutatenholen, Vorbereiten und Brauen.

Ich gab mein Bestes, las jede Zeile noch einmal genau nach, bemühte mich, so gleichmäßig wie möglich meine Baldrianwurzel zu schneiden und war zufrieden, als mein Trank nach zehn Minuten eine glatte Flüssigkeit von der Farbe Schwarzer Johannisbeeren annahm – wie es im Buch stand.

Zwischendurch wurde ich kurz von Harry gestört, der sich mein silbernes Messer ausleihen wollte, aber ich nickte nur und las weiter. Mittlerweile war mein Trank noch immer dunkelrot, obwohl er laut dem Buch einen leichten Lilastich haben sollte – und ich verstand einfach nicht, was ich falsch gemacht hatte!

Ich rührte meinen Trank gegen den Uhrzeigersinn und sah währenddessen zu Harrys Trank, der das perfekte Rosa war. „Wie machst du das?", fragte ich ihn ungläubig. Wie konnte sein Trank besser sein als meiner? Bisher war ich doch stets die mit Abstand Beste in Zaubertränke gewesen, weil ich es verstand, genau zu lesen.

Rühr zusätzlich einmal im Uhrzeigersinn", begann er, aber ich fuhr ihn an.

Nein, nein, im Buch steht, gegen den Uhrzeigersinn!" Was für ein Unsinn. Bestimmt hatte ich wirklich an einer Stelle etwas übersehen. Aber eigentlich nicht...

Und dann war die Zeit auch schon um und Slughorn begutachtete unsere Versuche. Für meinen Trank nickte er anerkennend und ich wollte mich schon freuen, als er bei Harrys in Strahlen ausbrach und laut verkündete: „Der klare Sieger!" Und er überreichte Harry die Flasche Felix Felicis.

Ich konnte mich nicht für ihn freuen, zu frustriert war ich mit mir selber. Was war nur los mit mir? Lag es etwa immer noch an dem Duft von Kräutern, der weiterhin aus dem Amortentiakessel zu mir strömte. Hatte mich die Tatsache, dass ich Snapes Geruch erkennen konnte, unbewusst so sehr beschäftigt, dass ich geschlammt hatte? Ich musste dringend über dieses Problem nachdenken, sonst würde ich nur noch E's erhalten...

Im Gemeinschaftsraum lüftete Harry jedoch das Geheimnis, wie ausgerechnet er einen perfekten Trank zustande gebracht hatte: Jemand hatte Extraanweisungen in sein Buch gekritzelt und so die Vorgehensweise verbessert. Ich sah mir die Seiten genauer an und erkannte schnell, dass dieser jemand ein Genie gewesen sein musste. Seine oder auch ihre Anweisungen waren wunderbar! Ich hätte mich stundenlang darin vertiefen können – wäre ich nicht so wütend gewesen.

Ich vermute, du denkst, ich hätte geschummelt", meinte Harry nach seiner Erklärung.

Also, das war eigentlich gar nicht deine Arbeit, oder?", giftete ich zurück, vermutlich nur, weil ich ein wenig neidisch war, dass nicht mir dieses Buch zuteil geworden war. Da sah ich plötzlich auf der ersten Seite den Satz: Dieses Buch ist Eigentum des Halbblutprinzen, in einer Schrift, die mir seltsam bekannt vorkam.

Plötzlich stand Ginny neben uns und merkte an, dass das Buch wie Riddles Tagebuch sein könnte, weswegen ich es nach irgendwelchen Zaubern absuchte. "Specialis revelio!" Aber nichts geschah.

Harry reagierte genervt und nahm seinen Schatz an sich.

Aber ich nahm mir vor, so viel über diesen Halbblutprinzen herauszufinden, wie ich konnte, und wenn es sich um einen Schwarzmagier handelte, dann musste dieses Buch konfisziert werden! Auch wenn ich irgendwie das Gefühl hatte, dass ich eher einen der genialsten Zaubertränkemeister unserer Zeit finden würde.