Kapitel 12 – Silber und Opale
Die nächsten Wochen besuchte ich Snapes Büro immer wieder und genoss die Ruhe, die ich dort hatte, auch wenn Snape selbst mich manchmal ablenkte. Die meisten Tage redeten wir kein Wort miteinander außer einer Begrüßung und Verabschiedung, aber es war eine angenehme Stille und ich konnte nicht umhin, ihn heimlich zu beobachten. Sein Duft umgab den ganzen Raum und manchmal, wenn er anscheinend vergessen hatte, dass ich im Raum war, fiel seine Maske der Gleichgültigkeit und ich konnte sehen, wie müde er eigentlich war.
Ich hatte ihn nach langem Ringen nach Stan Shunpike gefragt, aber er meinte nur, dies sei eine Information, die er nicht geben dürfe, weder im Positiven noch Negativen. Wenigstens war er wegen der Frage nicht wütend geworden.
Manches Mal fragte ich ihn nach etwas Speziellem zu Zaubertränke oder Verteidigung gegen die Dunklen Künste, aber ich versuchte, mich zu zügeln, damit ich ihn nicht nervte und er unseren Deal zurücknehmen würde. Ich traute mich jedoch nicht, ihn zu fragen, ob meine Magie lockerer geworden war. Ich bemühte mich ums Äußerstes darum, aber das war vermutlich genau der Fehler. Es ist schwer, seine Persönlichkeit einfach so zu ändern, und ich mag es nicht, die Kontrolle abzugeben.
„Wieso fragen Sie eigentlich nicht Slughorn Fragen zu Zaubertränke?", fragte Snape einmal. „Schließlich ist er doch jetzt Ihr Lehrer."
„Ich habe es einmal versucht", erwiderte ich. „Aber er hat mir keine neuen Informationen gegeben, sondern nur die aus dem Buch, die ich eh schon wusste. Sie dagegen wissen mehr und dieses Mehr ist es, was mich interessiert."
Er nickte nur und beantwortete mir dann meine Frage.
„Professor", sagte ich ein anderes Mal.
Er sah hoch zu mir.
„Können Sie nicht Harry das Buch des Halbblutprinzen wegnehmen?"
Er zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Er setzt die Zaubersprüche ein, ohne sich wegen der Gefahren Gedanken zu machen. Seien Sie ehrlich: Es gibt gefährliche Zaubersprüche in dem Buch, oder nicht?"
Er seufzte. „Einen. Aber der kann tödlich enden."
Ich zog schnell die Luft ein. „Dann müssen wir etwas tun!"
„Wir?"
„Haben Sie vergessen, dass es sich um Ihr Buch und damit auch Ihre Verantwortung handelt? Ich hätte es ja schon längst selbst versucht, aber Harry nimmt das Buch überall mit hin und liest noch spät abends darin. Außerdem würde er mich als erstes verdächtigen."
„Und warum das?"
„Naja", meinte ich und wurde rot. „Ich beschwere mich in einer Tour über das Buch und er meint, ich wäre nur eifersüchtig."
Snape gab ein freundloses Lachen von sich. „Ist die Streberin Miss Granger etwa nicht mehr die Beste in jedem Fach?"
Mein Rot vertiefte sich, aber ich ließ mich nicht unterkriegen. „Wenn es Harrys eigene Arbeit wäre, dann würde es mich gar nicht so sehr wurmen. Aber er benutzt Ihre Arbeit, um sich unverdiente Lorbeeren einzuheimsen, und das finde ich unfair. Dass ich gegen Sie und Ihr Wissen keine Chance habe, das weiß ich natürlich."
Für einen Moment schwieg Snape, dann sagte er: „Sobald sich eine gute Gelegenheit bietet, nehme ich ihm das Buch ab."
„Danke", sagte ich und widmete mich wieder meinem Pergament zu.
Mitte Oktober war endlich unser erstes Hogsmeadewochenende. Am Frühstückstisch erzählte Harry erneut von einem Zauber des Halbblutprinzens, den er ausprobiert hatte. Ich versuchte verzweifelt, ihn auf die Gefahren hinzuweisen – eine handschriftliche Formel bedeutete, dass der Spruch nicht vom Ministerium genehmigt war, und es sei kein Jux, jemanden kopfüber zu hängen – aber erst als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass die Todesser bei der Quidditch-Weltmeisterschaft ebenfalls Leute haben über Kopf baumeln lassen, sah er erschrocken aus.
Ron verteidigte ihn und sagte: „Du magst den Prinzen nicht, Hermine, weil er in Zaubertränke besser ist als du."
Ich wehrte mich dagegen, auch wenn es zum Teil stimmte. „Ich finde nur, dass es sehr verantwortungslos ist, einfach irgendwelche Zauber auszuprobieren, wenn man nicht einmal weiß, wofür sie gedacht sind, und hör endlich auf, vom ‚Prinzen' zu reden, als wär das sein Titel, ich wette, das ist nur ein bescheuerter Spitzname, und ich hab nicht den Eindruck, als wär er ein besonders netter Mensch gewesen!" Das letzte stimmte auf jeden Fall.
Harry diskutierte, dass ein Todesser wohl kaum damit angeben würde, halbblütig zu sein, und ich erinnerte ihn daran, dass es so gut wie keine reinblütigen Zauberer mehr gebe.
Unsere Diskussion wurde von Ginny unterbrochen, die Harry ein Pergament von Dumbledore überreichte (seine nächste Stunde), und wir machten uns auf den Weg nach Hogsmeade. Es war bitterkalt und wir mummelten uns in unsere Schals – Oktober in Schottland…
Ich machte mir keine großen Hoffnungen, Snape zu begegnen – ich hatte ihn noch nie in Hogsmeade gesehen –, aber ich hielt trotzdem Ausschau.
Zonkos war geschlossen, aber wenigstens der Honigtopf war geöffnet. Nur dass darin leider Professor Slughorn auf uns wartete, der erneut versuchte, Harry zu einer seiner Partys zu locken (Harry setzte immer ein Quidditchtraining auf diese Termine an und so musste ich immer alleine aufkreuzen, denn selbst Ginny fehlte mir dann, und McLaggen aus dem Weg gehen). Manchmal waren diese Partys sogar ganz nett, wenn ein interessanter Gast da war, aber insgesamt hätte ich lieber etwas anderes unternommen.
Auf dem Weg zu den Drei Besen trafen wir Mundungus Fletcher, der Waren auf der Straße verkaufte – Sirius' Sachen, wie wir entsetzt feststellten.
Harry ging Mundungus an die Gurgel und ich hatte ihn selten so wütend erlebt. Ich war froh, als Tonks erschien und Harry von Mundungus befreite, der sofort disapparierte. Sie brachte uns zu den Drei Besen und wir gingen hinein, wo Harry sich immer noch aufregte, selbst als ich mit unseren Butterbieren vom Tresen wiederkam. Und Ron starrte auch noch die ganze Zeit Madame Rosmerta nach – ich hatte mich wenigstens irgendwann von Lockhart lösen können…
Da die Stimmung so mies war, gingen wir bald wieder zurück zum Schloss.
Vor uns gingen Katie Bell und ihre Freundin Leanne, die sich anscheinend um ein Päckchen stritten. Als sie daran zerrten, riss das Papier auf und im nächsten Moment schwebte Katie in der Luft, als wäre sie tot.
Wir blieben erschrocken stehen. Das sah nach einem schwarzen Fluch aus.
Dann begann Katie zu schreien, fiel zu Boden und wand sich im Schnee.
Harry lief los, um Hilfe zu holen, und kam zum Glück bald mit Hagrid wieder. Snape hätte vermutlich besser helfen können, dachte ich, doch ich war damit beschäftigt, mich um die völlig aufgelöste Leanne zu kümmern.
Während Hagrid Katie ins Schloss trug, betrachteten wir das Päckchen genauer und fanden ein reich verziertes Opalhalsband, das Harry aus Borgin & Burkes kannte und das verflucht war…
Harry wickelte das Halsband in seinen Schal als Beweisstück und wir gingen hinauf zum Schloss. Auf dem Weg erzählte Leanne uns, dass Katie dieses Päckchen auf dem Klo in den Drei Besen plötzlich bekommen hatte und nicht sagen wollte, von wem sie es bekommen hatte.
Kurz vor dem Schloss kam uns Professor McGonagall entgegen, die uns in ihr Büro brachte und die ganze Geschichte hören wollte. Als Leanne ihren Teil erzählt hatte, wurde sie in den Krankenflügel geschickt, und Harry, Ron und ich ergänzten, was wir gesehen hatten.
„Ich glaube, Draco Malfoy hat Katie das Halsband gegeben", sagte Harry da und ich rollte mit den Augen – nicht das schon wieder.
Professor McGonagall wirkte ebenfalls skeptisch und hakte scharf nach. Harry versuchte, seine Theorie glaubhaft zu machen, aber sie wies Lücken auf, und ich konnte nicht anders, als diese aufzuzeigen – mein logikliebendes Gehirn kann nicht einfach abgestellt werden…
McGonagall beendete unsere Diskussion, indem sie uns mitteilte, dass Malfoy heute bei ihr nachsitzen musste und daher gar nicht in Hogsmeade hätte sein können.
Wir gingen zurück zum Gemeinschaftsraum, aber Harry war immer noch überzeugt, dass es Malfoy gewesen sein musste, mit Hilfe eines Komplizen. Wenn Hass blendete… Irgendwann nervte es mich so sehr, dass ich von unserem Sofa aufstand und sagte, ich würde zur Bibliothek gehen.
Ich wanderte eher ziellos umher, mit meinen Gedanken bei Katie und wie dieses schreckliche Halsband in ihren Besitz gekommen sein könnte. Ich war es mittlerweile zwar schon irgendwie gewohnt, dass immer mal wieder etwas Schreckliches in der Zaubererwelt geschah, aber normalerweise konnte man sich besser darauf vorbereiten, wie letztes Jahr, als wir uns auf den Weg ins Ministerium gemacht hatten, um Sirius von Voldemort zu befreien. Aber heute? Das Hogsmeadewochenende ist eines der großen Highlights vieler Schüler, eine Möglichkeit, dem Schulalltag für ein paar Stunden zu entfliehen und Spaß zu haben an einem anderen Ort. Ich hoffte nur, dass die Lehrer uns jetzt nicht die Hogsmeadebesuche verbieten würden.
Ich bemerkte erst recht spät, dass mich meine Füße in den Korridor des Krankenflügels gebracht hatten, und blieb stehen. Ich würde sicher keinen Einlass zu Katie bekommen und um ehrlich zu sein, standen wir uns ja auch gar nicht nahe.
Während ich noch darüber grübelte, ob ich umkehren sollte, kam mir Snape auf dem Flur entgegen. Er sah müde aus und besorgt, seine Haltung weniger aufrecht als sonst und ich wunderte mich für einen Moment, dass er sich so gehenließ, aber dann fiel mir auf, dass es ja nur noch eine Viertelstunde bis zur Sperrstunde war und keine Schüler weit und breit mehr zu sehen waren. Bis auf mich.
Erst ein paar Meter vor mir blickte er auf und entdeckte mich. Sofort schob sich seine Maske vor sein Gesicht: Gleichgültigkeit und Strenge. „Miss Granger, was machen Sie hier?"
Ich zuckte mit den Schultern. „Herumwandern und denken", erwiderte ich ehrlich. „Wie geht es Katie? Konnten Sie ihr helfen?"
Snape seufzte und seine Maske bekam einen Riss. „Ich war in der Lage, den Fluch fürs Erste einzudämmen, und konnte sie so weit stabilisieren, dass sie morgen ins St Mungo gebracht werden kann."
„So schlimm?" Meine Augen weiteten sich.
Er nickte. „Das war ein äußerst schwarzer Fluch."
„Haben Sie eine Vermutung, wer ihr die Kette gegeben haben könnte?"
Er starrte mich kurz an, bis er mit dem Kopf schüttelte, aber irgendwie wollte ich ihm nicht glauben. Dann trat er einen Schritt näher. „Bitte seien Sie vorsichtig, Miss Granger", sagte er ernst. „Hogwarts ist nicht sicher."
Ich nickte einmal, weil mir meine Worte im Hals steckenblieben. Es wirkte fast so, als würde ich ihm etwas bedeuten. Natürlich mussten wir uns alle in Acht nehmen, aber das war nichts Neues.
„Und jetzt sollten Sie besser möglichst schnell zurück in Ihren Gemeinschaftsraum gehen. Und bitte wandern Sie nicht mehr allein im Schloss umher, besonders wenn es so spät ist."
Ich nickte wieder und wir gingen ein Stück gemeinsam, bis ich die Treppe hinauf und er die hinunter nehmen musste.
„Gute Nacht, Professor", murmelte ich.
„Gute Nacht", erwiderte er und ging.
