Kapitel 13 – Der geheime Riddle
Das ganze Schloss war in Aufregung wegen Katie und Harry konnte nicht aufhören, es Malfoy in die Schuhe schieben zu wollen. Daher war ich recht froh, als er Montagabend nach dem Abendessen zu Dumbledore ging für eine seiner Spezial-Voldemort-Stunden. Ich wäre sehr gerne dabei gewesen, denn es klang äußerst spannend, und es war immer gut, mehr über seinen Feind herauszufinden, aber ich war nun mal nicht die Auserwählte. Da Ron noch mit seinen Hausaufgaben beschäftigt war – wohl eher bös hinterherhing – machte ich mich auf den Weg zu Snape. Er hatte mir gesagt, dass ich bis 20 Uhr kommen dürfe und es war gerade einmal 18:30 Uhr. Da Slughorns nächste Party um 19 Uhr beginnen sollte, trug ich bereits meine bessere Kleidung statt der langweiligen Schuluniform. Zudem hatte ich überhaupt kein Problem damit, später zu erscheinen.
Ich klopfte einmal an Snapes Bürotür und ausnahmsweise öffnete er sie persönlich statt nur „Herein" zu brüllen.
Er blickte mich skeptisch an. „So spät noch am Arbeiten?"
Ich hob das Buch in meiner Hand und zuckte mit den Schultern. „Wenn ich im Gemeinschaftsraum bleibe, überredet Ron mich sicher wieder, seine Hausaufgaben für ihn zu machen, und das sehe ich nicht ein."
Er machte einen Schritt zur Seite und ich trat herein.
„Und Sie haben sich extra schick gemacht für mich?", fragte er spöttisch, während er die Tür schloss.
Ich spürte meine Wangen warm werden. „Eine von Slughorns Partys findet gleich statt."
„Ah, ja, Horace hat schon reichlich von diesen 'Partys' erzählt." Er blickte angeekelt. „Ich wusste gar nicht, dass Sie im Slug-Klub sind."
„Ja, leider", erwiderte ich. „Manchmal sind interessante Gäste da und ich verstehe ja, dass es wichtig ist, gute Verbindungen im Leben aufzubauen, aber dieses ganze Gehabe nervt mich schon ziemlich."
Snape nickte, dann schaute er nachdenklich drein. „Sie sind also im Slug-Klub und Draco Malfoy nicht?", wunderte er sich laut.
Ich ging sofort in die Defensive. „Was soll das denn heißen? Wenn das jetzt ein Vorurteil gegen Muggelstämmige wird und dass Reinblüter doch viel besser seien, dann gehe ich sofort und komme nie wieder!"
Er starrte mich einen Moment an, dann lächelte er einseitig. „Ein verlockendes Angebot, aber nein, mein Kommentar war keinesfalls eine Beleidigung, sondern eher eine Verwunderung. Vor 25 Jahren hatte Horace noch keine Muggelstämmigen in seinen Klub gebeten."
Meine Wut wich sofort. „Aber Harry meinte, seine Mutter war im Slug-Klub."
Snape nickte und wandte sich ab, um zu seinem Schreibtisch zu gehen. „Lily Evans war auch etwas Besonderes." Die Art, wie er dies sagte, klang fast liebevoll, und ich konnte mein vorschnelles Gehirn nicht aufhalten zu fragen:
„Und warum haben Sie sie dann als Schlammblut beschimpft?"
Er drehte sich abrupt um. „Woher wissen Sie das? Hat Potter es endlich ausgeplaudert?"
Ich schüttelte den Kopf. „Remus Lupin hat es mir im Sommer erzählt."
Er wirkte überrascht darüber, nickte aber. Für einen Moment glaubte ich, er würde nicht antworten oder mich für meine Frechheit rausschmeißen, aber schließlich sah er mir fest in die Augen. „Es war ein Fehler. Ein Wort, an das ich nicht glaubte und das mir herausgerutscht war."
„Wie kann einem denn so etwas herausrutschen?"
Er dachte sichtlich darüber nach, ob er sich mir öffnen sollte, und ich weiß nicht, warum er weitersprach, aber er tat es. „Meine Schulzeit war nicht die schönste. Lily war eine der wenigen Freunde, die ich hatte. Es gab Schüler, die mir das Leben schwergemacht haben, schlimmer als das, was Sie unter Slytherins erdulden müssen. Und eines Tages hatten sie mich umstellt, Lily wollte mir helfen, aber ich wollte stark bleiben."
„Und da haben Sie sie als Schlammblut beschimpft?"
Er nickte traurig. Er öffnete den Mund, um noch mehr zu sagen, als sich sein Gesicht plötzlich vor Schmerz verzerrte und er seinen linken Arm hielt.
„Oh Gott", sagte ich erschrocken und war automatisch bei ihm. „Er ruft Sie, nicht wahr?"
Snape nickte. „Sie müssen jetzt gehen. Und sagen Sie niemandem, wirklich niemandem, was Sie gesehen haben!"
„Ja, natürlich." Ich sah ihn weiter erschrocken an. „Wird es schlimm sein?", fragte ich mit leiser Stimme.
„Das kann man nie vorher sagen", erwiderte er mit zusammengebissenen Zähnen, „aber meistens ist es... in Ordnung."
Ich schluckte, aber nickte und verließ dann schnell das Büro, damit er ebenfalls gehen konnte. Nicht, dass er meinetwegen zu spät bei Voldemort ankam und dafür bestraft wurde!
Draußen auf dem Flur versteckte ich mich in einer Nische und wartete auf ihn. Einen Augenblick später hastete er aus seinem Büro, einen schwarzen Umhang um und etwas Silbernes in seiner Hand. Er nahm einen Hinterausgang aus dem Schloss und ich wusste, dass er hinter der Grenze disapparieren würde.
Ich hätte gerne auf ihn gewartet, damit ich wusste, ob er heil wiederkommen würde, aber ich musste zu Slughorns Party und es würde schwer werden, allen zu erklären, warum ich nicht dagewesen wäre.
Das Slug-Treffen war wie immer: Ein Haufen begabter oder aus einflussreichem Hause stammender Schüler aus allen Häusern war versammelt und wusste nicht viel, miteinander anzufangen. Dazwischen war Slughorn wie ein überschwänglicher Zirkusdirektor, der alte Geschichten erzählte, die mich nicht interessierten, und vor allem Kontakt zu McLaggen suchte, wegen dessen anscheinend tollen Beziehungen zum Ministerium und sogar dem Minister höchstpersönlich. Heute war Gwenog Jones als Ehrengast da, eine Quidditchspielerin bei den Holyhead Harpies, einer Mannschaft nur für Frauen, und auch wenn sie mir ein bisschen eingebildet vorkam und unangenehm laut und süßlich lachte, war es doch spannend zu hören, wie man sich als Frau in einer immer noch eher männerdominierten Sportwelt durchschlagen konnte.
Um halb elf entließ Slughorn uns endlich. Da es schon nach der Ausgangssperre war, hatten wir alle einen Zettel von ihm mit einer Sondergenehmigung erhalten.
Ginny wollte mit mir zurück zum Gemeinschaftsraum gehen, doch ich behauptete, dass ich noch kurz etwas mit Slughorn wegen der Hausaufgabe besprechen wollte. Stattdessen wartete ich jedoch, dass die Slytherins in ihrem Gemeinschaftsraum verschwanden, als ich ihnen mit viel Abstand folgte.
Ich ging zu Snapes Bürotür, doch niemand reagierte auf mein Klopfen. Dann blickte ich den Gang hinunter und bemerkte zum ersten Mal eine besondere Tür, die nur zu Snapes Wohnbereich führen konnte. Ich wusste, dass es aufdringlich wirkte, aber meine Sorge überwog. Und das schlimmste, was geschehen konnte, war Nachsitzen und ein paar Punkte Verlust.
Ich klopfte und ein paar Augenblicke später öffnete er.
Er sah müde aus, aber nicht, als habe er Schmerzen. „Miss Granger, was ist denn nun schon wieder?" Er versuchte, sich unauffällig gegen den Türrahmen zu lehnen. Dabei sah ich, dass er einen Bademantel trug, und meine Wangen erwärmten sich wieder.
„Ich wollte nur wissen, ob Sie heil wiedergekommen sind."
Er blinzelte kurz, dann nickte er. „Ich hoffe, Sie fragen jetzt nicht, wie es war."
„Das würde ich gerne", lächelte ich kurz, „aber ich weiß ja, wie vertraulich die ganze Sache ist."
Für einen Moment blickten wir uns nur an.
„Gut", stammelte ich. „Dann geh ich jetzt wohl wieder."
„Das wäre wohl das Beste."
„Gute Nacht."
„Gute Nacht", sagte er. „Und danke."
Ich blinzelte verdutzt.
„Für Ihre Sorge", sagte er leise und schloss schnell die Tür wieder.
Und auf dem ganzen Weg zum Gemeinschaftsraum konnte ich mein glückseliges Lächeln nicht unterdrücken.
