Kapitel 14 – Felix Felicis

Am nächsten Morgen erzählte Harry Ron und mir auf dem Weg und in Kräuterkunde von Dumbledores erster Begegnung mit Voldemort, beziehungsweise Tom Riddle. Anscheinend war seine Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben und er in einem düsteren Waisenhaus großgeworden. Und auch wenn dies erklärte, warum Voldemort Muggel so sehr hasste, war es erschreckend zu sehen, dass er schon mit 10 Jahren durchaus grausame Züge an sich hatte. So ähnlich konnte ich mir Snapes Werdegang vorstellen, nur dass er rechtzeitig von Dumbledore gerettet worden war…

Als Harry nach der Party gestern fragte, konnte ich ein wenig von Gwenog Jones erzählen, bis Professor Sprout uns unterbrach. Viel lieber hätte ich den beiden von Snape erzählt, aber das musste mein Geheimnis bleiben. Nachdem wir ein paar Snargaluff-Stümpfe ausgepresst hatten, konnte ich weitererzählen.

„Wie auch immer, Slughorn gibt eine Weihnachtsparty."

Ron war natürlich wieder beleidigt, dass er nicht Teil des ‚Slug-Klubs' war, aber deswegen musste er sich doch nicht so abfällig äußern…

„Wir dürfen Gäste mitbringen", sagte ich, und für einen kurzen Moment stellte ich mir vor, wie es wäre, Snape mitzubringen, aber das wäre vollkommener Blödsinn. „Und ich wollte eigentlich dich fragen, aber wenn du es lieber hättest, dass ich McLaggen anbaggere" ahmte ich seine Worte nach. Ich mochte Ron sehr gerne und wusste, dass es uns bestimmt war, irgendwann zusammenzukommen, aber manchmal konnte er so furchtbar kindisch sein!


„Eigentlich sollen im sechsten Schuljahr die Unverzeihlichen Flüche gelehrt werden", sagte Snape am Anfang der nächsten Verteidigung gegen die Dunklen Künste Stunde. „Doch Sie hatten bereits im vierten Schuljahr das Vergnügen. Ich sehe daher davon ab, Ihnen erneut die Effekte des Cruciatusfluchs und Avada Kedarvra zu zeigen."

Ich war nicht die Einzige, die erleichtert aufatmete. Das waren Bilder, die man nicht zu oft sehen musste...

„Der Imperiusfluch jedoch", fuhr Snape fort, „erweist sich weiterhin als undurchdringlichster der drei, den es gilt zu durchbrechen. Ich weiß, dass Moody beziehungsweise Crouch Junior Sie dies hat versuchen lassen und dass es niemandem gelungen ist, den Fluch vollkommen abzuschütteln. Heute und in den nächsten Stunden werden Sie es erneut versuchen und ich gehe davon aus, dass sich nach zwei Jahren Zauberertraining Ihre Leistungen verbessert haben sollten. Aber nur der Imperiusfluch wäre natürlich zu einfach. Miss Granger, kommen Sie bitte nach vorn."

Ich schreckte leicht hoch, obwohl ich aufgepasst hatte. Jetzt endlich sollte ich also seine Assistentin spielen. Auf dem Weg nach vorne begegneten mir mitleidige Blicke, denn alle wusste, dass Snape nur Gryffindors nach zu sich bat, wenn er etwas Unangenehmes demonstrieren wollte.

Als ich vorne angekommen war, reichte er mir eine Phiole mit ein paar wenigen Tropfen einer transparenten Flüssigkeit. „Was ist das?", fragte ich. Ich vertraute ihm, dass er mir nichts Schlimmes verabreichen würde, aber ich hatte auch von ihm gelernt, niemals einfach so einen Trank zu sich zu nehmen.

„Veritaserum", erwiderte er und grinste leicht.

Ich zog die Augenbrauen hoch. Er wollte also die Effekte des Imperiusfluches mit denen des Veritaserums verbinden? Das konnte interessant werden. Ich hob die Phiole an und ließ die paar Tropfen auf meine Zunge fallen. Es schmeckte wirklich nach überhaupt nichts. Gespannt blickte ich ihn an, während die Klasse den Atem anhielt.

Snape wandte sich an die Klasse. „Um herauszufinden, ob das Veritaserum wirkt, sollte man zunächst ein paar Testfragen stellen. Miss Granger, haben Sie schon einmal bei einem Test geschummelt?"

„Nein", sagte ich sofort, meine Zunge schneller als meine Gedanken. Nicht dass ich wüsste, dachte ich dann leise.

„Eine Hausaufgabe abgeschrieben?"

„Nein."

Er drehte sich wieder zur Klasse. „Der Trick ist es, eine Frage zu stellen, die die Person vermutlich ohne den Trank nicht wahrheitsgemäß beantworten würde." Er wandte sich mir zu. „Miss Granger, haben Sie schon einmal Zaubertrankzutaten gestohlen?"

Ich lief rosa an, mein Mund öffnete sich und ich biss ihn verzweifelt wieder zu.

„Es nützt nichts, dagegen anzukämpfen", sagte Snape triumphierend.

„Ja", keuchte ich, als der Schmerz zu groß wurde, und ein paar aus der Klasse begannen sogleich zu tuscheln. Harry und Ron gaben mir ein aufmunterndes Lächeln; schließlich hatte ich die Haut einer Baumschlange für unseren Vielsafttrank im zweiten Schuljahr gestohlen.

„Wir sprechen nach der Stunde darüber", murmelte Snape. Lauter fuhr er fort. „Wir haben hier nun also den Effekt des Veritaserums. Nun werde ich Miss Granger mit dem Imperiusfluch belegen und wir werden sehen, wie diese beiden Komponenten zusammenwirken."

Ich schluckte und blickte Snape angstvoll an. Es war nie schön, die Macht über sich selbst abzugeben, und ich erinnerte mich noch genau, wie hilflos ich mich bei Moody unter dem Fluch gefühlt hatte, und wie peinlich das Erwachen hinterher gewesen war.

Snape richtete seinen Zauberstab auf mich und zauberte wortlos.

Plötzlich hatte ich das Gefühl zu schweben. Alle Sorgen verließen mich und zurück blieb nur ein wohliges Glücksgefühl. Ich entspannte mich und lächelte. Dann hörte ich Snapes Stimme in meinem Kopf.

„Singen Sie Ihr Lieblingslied."

Mein Veritaserumgehirn gab mir die Antwort (Hey Jude von den Beatles) und der Imperiusfluch wollte mich dazubringen, meinen Mund zu öffnen und loszusingen, auch wenn ich nicht besonders gut singen konnte. Aber irgendetwas fühlte sich falsch an.

„Singen Sir Ihr Lieblingslied", forderte Snape erneut. Aber warum würde Snape mich darum bitten? Und das mitten im Unterricht? Das gehörte sich doch gar nicht!

Ich begann, gegen den Fluch anzukämpfen, aber das Veritaserum machte es mir nur noch schwerer.

„Miss Granger, singen Sie!", rief Snape nun forsch und ich wollte mich für einen Moment beugen, dann öffnete ich den Mund und schrie: „Neeein!"

Der Fluch ließ ab, entweder weil ich ihn gebrochen hatte oder weil Snape ihn aufgehoben hatte, aber das Veritaserum in mir zwang mich immer noch dazu, singen zu wollen. Ich fiel auf die Knie und begann zu weinen. So etwas Schreckliches hatte ich noch nie gefühlt. Diese Mischung aus völliger Hilflosigkeit und Schmerz machte mich ganz hoffnungslos.

„Sie sehen", sagte Snape der Klasse und er klang selbst ein wenig erschrocken, „dass selbst wenn man den Imperiusfluch bricht, das Veritaserum immer noch bewirkt, dass man nicht frei ist."

Ich saß immer noch auf dem Boden, wie ein Häufchen Elend, und versuchte, mein Weinen in den Griff zu bekommen.

„Die Klasse ist entlassen", sagte Snape da. „Schreiben Sie Ihre Beobachtungen auf und recherchieren Sie erneut die Effekte des Imperiusfluches."

Langsam begann die Klasse zu sprechen, Stühle scharrten und Füße schlurften hinaus.

„Hermine!", Harry kniete vor mir. „Ist alles in Ordnung mit dir?"

Ich wollte nicken, doch das blöde Veritaserum ließ mich den Kopf schütteln, was wieder neue Tränen hervorbrachte.

„Potter, Weasley!", bellte Snape da. „Gehen Sie!"

„Aber Hermine", sagte Harry.

„Da das Veritaserum noch aktiv ist, kann ich sie nicht rauslassen; jeder könnte sie nach ihren tiefsten Geheimnissen fragen."

Sofort schoss mir Snapes Amortentiageruch in den Kopf und meine Wangen färbten sich rot.

„Aber", versuchte Ron.

„Ich werde mich schon um sie kümmern", meinte Snape und nach weiteren bösen Blicken gingen die Jungs.

„Miss Granger", sagte Snape, als wir allein waren.

Ich sah mit verweintem Gesicht zu ihm hoch.

Er hielt mir seine Hand entgegen und half mir hoch. „Kommen Sie", sagte er nur und führte mich durch eine Tür in sein Büro nebenan.

Ich lächelte. Mein sicherer Hafen.

Er bugsierte mich zu dem Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch und zauberte dann eine Kanne mit zwei Tassen hervor. „Tee?"

Ich nickte. Langsam ebbte der Drang zu singen in mir ab und ich konnte wieder freier atmen.

Snape gab mir eine volle Tasse und die Wärme begann, auch mein Inneres zu wärmen.

Snape setzte sich auf seinen Platz und nahm ebenfalls eine Tasse. „Es tut mir leid", sagte er plötzlich.

Ich blickte ihn verdutzt an.

„Solch eine heftige Reaktion ist selten. Normalerweise verstärkt das Veritaserum den Imperiusfluch und fast niemand kann sich gegen beides wehren. Ich habe Sie unterschätzt."

Ich nickte und überlegte, ob er jetzt beeindruckt von mir war. Seinem Gesichtsausdruck konnte man jedenfalls nichts anmerken. „Wie lange hält die Wirkung des Veritaserums noch an?", wollte ich dann wissen. Wie lange musste beziehungsweise durfte ich noch hier sein.

„Ungefähr zwanzig Minuten."

Ich nickte und trank einen Schluck Tee.

„Sie haben also von meinen Vorräten gestohlen."

Ich seufzte. Natürlich würde er das nicht vergessen. Bevor er mich fragen konnte, erzählte ich die Geschichte lieber selbst, damit mich das Veritaserum nicht zu mehr zwingen konnte als ich preisgeben wollte.

Am Ende nickte er. „So ähnlich war meine Vermutung, aber die Vorstellung, dass eine Zweitklässlerin einen Vielsafttrank korrekt brauen konnte, machte mich stutzig."

Ich lächelte leicht. Jetzt musste er zumindest ein wenig beeindruckt sein.


Eines Abends saß ich auf dem Sofa des fast verlassenen Gemeinschaftsraums mit einem Buch in der Hand, als Ginny vom Quidditchtraining wiederkam und sich mit einem lauten Ächzen in den Sessel fallen ließ.

„Kein gutes Training?", fragte ich.

Ginny schüttelte mit dem Kopf. „Ron ist vollkommen nervös wegen Samstag und ist daher ein Wrack. Heute hat er aus Versehen Demelza getroffen."

Ich biss mir auf die Unterlippe. Vielleicht hätte ich doch nicht Cormac verzaubern sollen. „Das wird bestimmt schon wieder bis Samstag."

Ginny schnaubte. „Dean ist jetzt übrigens der Ersatz für Katie."

„Oh. Ist das gut?"

„Irgendwie macht es die Situation noch komplizierter. Ich bin jetzt mit dem Jungen, in den ich wirklich verliebt mit, dem, mit dem ich ausgehe, und meinem Bruder in einer Mannschaft... Ich sollte am besten alle ignorieren."

„Oder einfach rumknutschen."

„Wie bitte?"

„Ja", rief ich mit einer plötzlichen Idee. „Wenn du mit Dean rumknutschst und Harry das sieht, wird er bestimmt eifersüchtig. Mir ist schon aufgefallen, dass er dich in letzter Zeit anders ansieht als früher."

„Wirklich?"

Ich nickte. „Vielleicht nach dem nächsten Training im Abkürzungskorridor. Da muss Harry doch sicher lang."

Ginny nickte. „Das klingt nach einem Versuch."

Ich fragte mich, ob wir ein schlechtes Gewissen haben sollten, wie es Dean damit ging. Benutzte Ginny ihn nicht eigentlich nur? Aber ihm würde die Erfahrung sicher später auch im Leben nützen…

Zwei Tage später erzählte Ginny mir leise am Frühstückstisch, dass Harry sie und Dean zusammengesehen hatte.

„Und?", fragte ich neugierig.

Ginny seufzte. „Ron hat es leider auch gesehen und ist total ausgerastet."

„Oh. Das erklärt vielleicht, warum er schon den ganzen Tag so wütend ist." Ohne dass ich ihm etwas getan hätte, zeigte Ron mir die kalte Schulter und blickte mich schon den ganzen Morgen wütend an.

Das ging den ganzen Tag so weiter, aber weder Harry noch Ginny wollten mir den Grund dafür verraten, obwohl ich ihnen ansehen konnte, dass sie es wussten oder doch zumindest eine Vermutung hatten. Also wartete ich abends vor dem Jungenschlafsaal auf Ron.

Als dieser die Treppe hinaufschlurfte und mich sah, verfinsterte sich sein Gesicht sofort.

„Kannst du mir bitte sagen, warum du wütend auf mich bist?", begann ich. „Wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann sag es mir einfach, damit ich es wiedergutmachen kann." Ich hatte mir den ganzen Tag das Gehirn zermartert, weswegen er auf mich wütend sein könnte. „Ist es immer noch wegen der Weihnachtsfeier?"

Ron schnaubte. „Da hast du doch McLaggen."

„Bist du eifersüchtig?"

Rons Ohren färbten sich knallrot.

„Ron", versuchte ich es ruhig. Ich mochte es nie, wenn wir uns stritten, aber er konnte manchmal so stur sein! „Irgendwas ist doch vorgefallen gestern. Deine Wut ist so plötzlich und das mit der Weihnachtsfeier weißt du doch schon länger."

Plötzlich baute er sich vor mir auf. „Stimmt es, dass du Viktor Krumm geküsst hast?"

„Ich- was?", sagte ich verdutzt. „Wie kommst du denn jetzt darauf?"

„Stimmt es oder stimmt es nicht?"

Ich wollte nicht lügen, auch wenn ich wusste, wie er reagieren würde. „Ja, er hat mich nach dem Winterball einmal geküsst. Aber es hat mir nicht gefallen."

Den letzten Satz hörte Ron schon gar nicht mehr, weil er die Tür hinter sich zugeschmissen hatte.

Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. Was erwartete er denn? Dass ich mein ganzes Leben auf ihn warten würde, ohne auszuprobieren? So ein Kindskopf!

Und auch am nächsten Tag blieb Ron sauer auf mich, aber ich konnte nun wirklich nichts dagegen tun. Wenn er halt wütend auf mich sein wollte, dann war es eben so!

Die ganze Sache frustrierte mich so sehr, dass ich am Freitag nach der letzten Stunde lieber zu Snape ging als in den Gemeinschaftsraum. Erst als ich in seinem Büro war und die Tür hinter mich geschlossen hatte, konnte ich wieder frei atmen.

„Stress?", fragte er und schaute von einem Stapel Aufsätze hoch.

„Nur ein sturer Freund."

„Weasley oder Potter?"

„Ron."

„Ah", machte er nur, dann korrigierte er weiter.

Ich setzte mich an den Tisch, den ich mittlerweile ‚meinen Platz' getauft hatte, und holte Bücher und Pergament hervor. Doch bevor ich anfing, blickte ich mich um. Dieses kalte, unheimliche Büro war mein sicherer Hafen geworden. Und die Gespräche mit Snape eine wohlige Abwechslung. Jeder normale Schüler hatte Angst in diesem Raum, aber ich dagegen fühlte mich wohl hier. Ein Kichern entfuhr mir.

„Ein amüsanter Gedanke?", fragte er, ohne aufzublicken.

„Ja", meinte ich, aber ich erwähnte lieber nicht, was ich gedacht hatte. Stattdessen wechselte ich das Thema. „Mögen Sie eigentlich Quidditch?" Schließlich hatte ich in den letzten Tagen von nichts anderem gehört. Das passierte nun einmal, wenn die drei besten Freunde in der Mannschaft waren. Und morgen war das große Eröffnungsspiel Gryffindor vs. Slytherin, das Snape noch nie verpasst hatte.

„Warum wollen Sie das wissen?" Jetzt blickte er hoch, hatte sogar seine Feder zur Seite gelegt.

Ich zuckte mit den Schultern. „Zum Besserkennenlernen."

Er verengte die Augen, kommentierte aber nicht. Stattdessen sagte er: „Nicht besonders. Ich mag das Fliegen, aber Quidditch war immer eine Sportart, bei der nur beliebte Schüler teilnehmen durften, zu denen ich nie gehörte. Ich habe lieber gelesen." Er gab mir ein winziges Lächeln, das ich erwiderte.

„Aber Sie sind bei jedem Spiel dabei und scheinen auch mit den Slytherins mitzufiebern."

„Hausstolz ist in jedem Fall wichtig, ob es nun um den Hauspokal, Quidditch oder den besten Schüler des Jahrgangs geht."

„Oh", grinste ich. „Da mache ich Ihnen das Leben aber schwer." Ich war mit Abstand die beste, nach mir kamen ein paar Ravenclaws und dann erst Draco Malfoy.

Er lächelte traurig. „Nicht schwerer als sonst."

Und mit diesem düsteren Gedanken machten wir uns beide wieder an unsere Aufgaben.


Der Samstagmorgen machte aus der Schülerschaft, aber vor allem den Gryffindors und Slytherins aufgeregte Hummeln. Ich versuchte, mich davon nicht beeindrucken zu lassen, aber die Stimmung war ansteckend und schließlich waren meine drei besten Freunde Teil der Mannschaft. Und wie Snape gesagt hatte: Hausstolz war immer wichtig, natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Da Ron aber weiterhin mies zu mir war, setzte ich mich nicht mehr zu ihm und Harry an den Tisch. Dennoch wollte ich ihnen viel Glück wünschen, besonders Ron, der wegen seiner aufgeregten Nerven ganz bleich im Gesicht war.

„Wie geht es euch beiden?" fragte ich vorsichtig.

Gut", erwiderte Harry und gab Ron ein Glas Kürbissaft. „Hier, Ron. Trink aus."

Ich hatte auf dem Weg zu den beiden gesehen, wie Harry etwas in den Saft gekippt hatte, und plötzlich begriff ich, was das war. „Trink das nicht, Ron!", rief ich noch, aber er wollte ja nicht auf mich hören. Wütend zischte ich zu Harry: „Dafür sollten sie dich rauswerfen!" Er hatte doch tatsächlich einen Schluck Felix Felices in den Saft gemischt und das, obwohl er ganz genau wusste, dass man den Trank nicht bei Sportwettkämpfen einsetzen durfte!

Aber Harry erinnerte mich nur an meinen Verwechslungszauber und daraufhin konnte ich nichts erwidern.

Ich ging trotzdem zum Spiel, auch wenn ich die ganze Zeit die Arme verschränkt hatte. Wie konnte Harry nur? Ein Gryffindorsieg würde nun kein echter sein. Und da hatte man jahrelang den Slytherins vorgeworfen zu schummeln…

Ich ließ meinen Blick über die Tribünen gleiten, bis ich ihn gefunden hatte. Erst als ich Snape sah, bemerkte ich, dass ich nach ihm Ausschau gehalten hatte. Er saß bei den Slytherins, eingehüllt in einen schwarzen Mantel, Schal und Handschuhe. Ich hätte gerne neben ihm gesessen, damit wir das Spiel zusammen kommentieren konnten.

Die Hauptkommentation kam leider von Zacharias Smith, der es – obwohl er in Hufflepuff war – immer schaffte, die Gryffindors schlecht zu reden.

Doch diese ließen sich davon nicht beirren. Die Mannschaft spielte großartig und Ron hielt jeden Ball – natürlich, dachte ich augenverdrehend – und schon bald wurde Weasley ist unser King gesungen. Und schließlich fing Harry den Schnatz und das Spiel war perfekt. Für Harry und die anderen klatschte ich sogar am Ende; es hatte ja eigentlich nur Ron geschummelt.

Ich ging hinterher zu den beiden in die Kabine. Als wir alleine waren, sagte ich zu Harry: „Das hättest du nicht tun dürfen. Du hast Slughorn gehört, es ist verboten."

Ron stritt mit mir darüber, bis Harry endlich enthüllte, dass er nur so getan hatte, als würde er Felix Felices in den Saft kippen, damit Ron Selbstvertrauen bekam.

Ich starrte ihn mit offenem Mund an – das war genial!

Ron sah mich jedoch wieder wütend an: „Und du dachtest, ich schaffe es nicht, ohne den Trank meine Tore zu halten!"

„Ron", sagte ich beschwichtigend, „so meinte ich das nicht."

Aber Ron war schon wütend gegangen.

„Wollen wir dann auch hoch zur Party?", fragte Harry schließlich in die Stille, aber ich schüttelte den Kopf, blinzelte die Tränen weg und stürmte aus der Umkleidekabine. Ich hatte ganz sicher keine Lust auf irgendeine Party und schon gar nicht mit Ron! Wie konnte man nur so kindisch sein!

Eine Weile wanderte ich draußen umher, ging zum See und wieder zurück, aber es wurde mir langsam zu kalt und ich musste wieder ins Schloss. Am liebsten wäre ich zu Snape gegangen, aber da Gryffindor gewonnen hatte, wollte ich lieber nicht seine schlechte Laune ausbaden müssen… Also ging ich doch wieder zum Gemeinschaftsraum, vielleicht war die Party ja nicht so schlimm und ich konnte wenigstens Ginny zu ihrem Sieg gratulieren.

Doch als ich durch das Portraitloch hineinkletterte, schoss mir eine Lautstärke entgegen, dass ich mir die Ohren zuhalten wollte. Was war denn das bitte für eine Musik? Und dann sah ich ihn. Mitten im Raum stand Ron, fest umschlungen mit Lavender, und sie knutschten, als gäbe es kein morgen mehr. Der Anblick gab mir den Rest und ich verschwand wieder.

Ich flüchtete in das erste unverschlossene Klassenzimmer, das ich finden konnte, und setzte mich aufs Lehrerpult. Da ich mich plötzlich einsam fühlte, zauberte ich die kleinen gelben Vögel hervor, die wir letztens in Flitwicks Unterricht gelernt hatten.

Die Tür ging plötzlich auf, doch zum Glück war es nur Harry.

„Oh, hallo", sagte ich und ärgerte mich über meine brüchige Stimme. „Ich bin nur am Üben."

„Jaah… die – äh – sind wirklich gut."

„Ron scheint sich auf dem Fest ja bestens zu amüsieren", sagte ich bitter.

„Ähm… tatsächlich?"

Ich gab Harry einen Blick. „Tu nicht so, als hättest du ihn nicht gesehen. Er hat es ja nicht gerade verheimlicht." Und das musste er ja auch nicht. Wir waren ja nicht offiziell zusammen. Nur inoffiziell ein bisschen.

Die Tür ging erneut auf und hinein stürmte Ron mit einer kichernden Lavender an der Hand.

Uups!", machte sie peinlich und ging wieder hinaus.

Ron blieb stolz stehen.

Ich sprang vom Lehrerpult und zischte: „Du solltest Lavender nicht draußen warten lassen." An der Tür kam mir plötzlich ein diabolischer Gedanke. „Oppugno!", sagte ich und meine gelben Vögel begannen, Ron anzugreifen.

Er schrie: „Machdieweg!", aber ich schmiss die Tür hinter mir zu.

Ich stürmte aus dem Klassenzimmer und eilte den Flur entlang. Wut und Enttäuschung vermischten meine Gedanken und ließen meine Sicht durch Tränen verschwimmen. Als ich um die Ecke lief, rannte ich gegen jemanden. Die Arme der Person hielten meine, damit ich nicht hinfiel, und erst als ich ein paar Mal geblinzelt hatte, konnte ich erkennen, wer vor mir stand.

„Miss Granger!", sagte Snape wütend. „Was rennen Sie hier so wild durch die Gegend? Und das auch noch nach der Sperrstunde?" Erst dann schien er mich wirklich zu sehen. „Was ist geschehen?", fragte er sofort und er klang so besorgt, dass ich alle Vorsicht in den Wind schoss. In einer Bewegung lag mein Kopf an seiner Brust und ich weinte hemmungslos.

Für einem Moment stand er nur reglos da, dann spürte ich seine Arme um mich. Er führte mich vorsichtig in einen freien Klassenraum und schloss die Tür hinter uns.

„Miss Granger, was ist passiert?"

Unter Schluchzen erzählte ich ihm von Ron und Lavender. Währenddessen rieb er meinen Arm.

„Ah", machte er am Ende. Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, sagte er: „Ich kann verstehen, dass Sie betroffen von dieser Sache sind. Aber glauben Sie wirklich, dass Weasley", er sprach den Namen wie eine Krankheit aus, „Sie glücklich machen könnte?"

Ich zuckte mit den Schultern. Die ehrliche Antwort war nein – Ron war viel zu kindisch und uninteressiert an Wissen – aber er war immer an meiner Seite. War es nicht einfach logisch, dass wir zusammenkommen würden? „Aber wenn nicht Ron, wer denn dann?", sagte ich leise. „Es ist ja sonst niemand da."

„Aber Miss Granger!", meinte Snape und klang wütend. „Sie wollen mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass es niemanden außer Weasley auf der Welt gibt, der sich in Sie verlieben könnte!"

Ich lief rot an. Natürlich nicht, aber es war schwer, sich das vorzustellen.

„Selbst wenn sich niemand in Hogwarts finden sollte, ist die Welt groß genug da draußen. Und Sie sind jung genug, den Richtigen zu finden. Glauben Sie mir, eines Tages werden sich die Leute um Sie reißen."

„Ich will einfach nur nicht mehr alleine sein", flüsterte ich und lehnte mich an ihn.

„Ich weiß", flüsterte er zurück und strich wieder über meinen Arm.

Und erst dann bemerkte ich, dass ich im Augenblick nicht allein war, und ich atmete seinen Duft tief ein, der mich beruhigte.