Kapitel 15 – Der Unbrechbare Schwur

Schnee begann, das Schloss und die Ländereien in Weiß zu tauchen, und Hogwarts wurde weihnachtlich geschmückt. Die zwölf Tannen standen in der Großen Halle, Stechpalmengirlanden und Mistelzweige schmückten die Flure und die Statuen trugen Lametta und Christbaumkugeln.

Ich hatte mich seit meinem ersten Schuljahr nicht mehr so einsam gefühlt. Da ich Ron und Lavender aus dem Weg ging, trafen Harry und ich uns abends in der Bibliothek und ich war froh, dass Ron niemals freiwillig einen Fuß hierhersetzen würde. Wenn Harry keine Zeit für mich hatte wegen des Quidditchtrainings oder Hausaufgaben, ging ich zu Snape. Aber seit er mich getröstet hatte, konnten wir nicht mehr so frei miteinander reden wie vorher und schwiegen die meiste Zeit bis auf ein höfliches „Guten Tag/Abend" und „Gute Nacht".

Den Abend vor Slughorns Weihnachtsfeier saß ich mit Harry wieder in der Bibliothek und machte ihn darauf aufmerksam, dass er vorsichtig sein solle.

„Zum letzten Mal," erwiderte Harry wütend, „ich geb dieses Buch nicht zurück, ich hab mehr von dem Halbblutprinzen gelernt, als Snape oder Slughorn mir in-"

Ich unterbrach ihn, bevor er noch mehr Blödsinn sprechen konnte. „Ich rede nicht von deinem blöden so genannten Prinzen." Anscheinend war ich frustrierter wegen der Sache mit Snape als ich es zugeben wollte. Stattdessen machte ich Harry darauf aufmerksam, dass ein paar Mädchen – besonders Romilda Vane – versuchen wollten, ihm einen Liebestrank unterzujubeln.

Er war verwundert, wie sie diese Produkte ins Schloss bringen konnten, wenn doch alle Eulen überprüft wurden, und ich berichtete ihm von Fred und Georges Idee, solche Liebestränke als Hustensaft zu tarnen. Dies brachte Harry jedoch wieder zu seinem Lieblingsthema Malfoy und ich war froh, als Madame Pince uns unterbrach und wegen Harrys bekritzelten Buchs (eigentlich Snapes bekritzelten Buchs) aus der Bibliothek warf.

Wieder im Gemeinschaftsraum machte sich Romilda auch sofort an Harry ran und ich verdrehte die Augen. Wie konnte man nur so aufdringlich sein? Dann sah ich jedoch Ron und Lavender und verschwand schnell im Mädchenschlafsaal, obwohl es noch früh am Abend war. Ich hatte mittlerweile herausgefunden, warum mich die Sache mit Ron so fertig machte. Nicht, weil ich unbedingt etwas von ihm wollte, sondern weil ich neidisch war. Ich wollte auch jemanden an meiner Seite haben, der meine Hand hielt und mich küsste, mit dem ich reden konnte und der mir auch zuhörte. Ich seufzte und warf mich aufs Bett. Plötzlich tauchte Snapes Gesicht in meinem inneren Geist auf und ich lächelte. Ja, das wäre schön…

„Bist du verrückt!", zischte ich mich selbst an und war froh, dass niemand im Raum war. Seit ich herausgefunden hatte, dass mein Amortentia nach ihm roch, machten sich immer wieder solche Gedanken heimlich breit. Aber Attraktion war nicht gleich Liebe. Aber vielleicht Verliebtheit?

Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien sollten wir in Verwandlung die Farbe unserer Augenbrauen verändern. Als Ron sich stattdessen einen Schnauzbart zauberte, musste ich lachen, vermutlich zum Teil aus Schadenfreude. Ich wollte ihm gerade einen Tipp geben, als er plötzlich die Hand in die Luft hob und auf seinem Platz hopste. Als ich realisierte, dass er mich nachahmte, kamen mir die Tränen. So sah ich also aus, wenn ich im Unterricht aufgeregt war? So sah Snape mich?

Ich war heilfroh, als es ein paar Minuten später klingelte, und stürmte aus dem Klassenraum und ins nächste Mädchenklo. Diese ganze Sache mit Ron hatte mir noch mehr gezeigt, dass ich nur ein dummes Kind war, das niemand lieben könnte. Und dann musste ich auch immer daran denken, wie Snape mich in den Arm genommen hatte, und ich wünschte mir, er könnte es wieder tun.

„Hermine?"

Ich drehte mich erschrocken um, aber es war nur Luna.

„Was ist passiert?"

„Ron", murmelte ich nur, aber es schien genug zu sein.

Sie nickte und nahm mich wortlos in den Arm und ich heulte los.

„Sch, sch", sagte sie und strich über meine Haare. „Es wird alles wieder gut."

Ich beruhigte mich bald wieder. „Danke Luna", murmelte ich – ich schämte mich so sehr, dass ich sie früher auch Loony genannt hatte – und verließ das Badezimmer, wo Harry mir meine Sachen gab, die ich in meiner Hast im Klassenraum vergessen hatte. Ich dankte ihm und ging dann aber weg, da ich gerade kein Bedürfnis hatte, mit jemandem zu sprechen.

Traurig ging ich den Flur entlang.

Meine Schritte lenkten mich automatisch in Richtung der Kerker, ohne dass ich unbedingt zu Snape wollte. Ich war jedoch froh, als er mir entgegenkam.

„Miss Granger", nickte er.

„Professor", murmelte ich.

Er blieb stehen und sah mich an. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?"

Ich konnte mir vorstellen, wie verheult ich aussah. „Nur ein anstrengender Tag", sagte ich und versuchte zu lächeln, aber es gelang mir nicht.

„Hätte Sie Interesse an einer Tasse Tee?", bot er mir an.

Ich nickte und wortlos gingen wir in sein Büro, wo er uns wieder Tee kochte. Derselbe wohlige Duft, wie letztes Mal schwebte durch den Raum.

„Was ist das für ein Tee?", wollte ich wissen.

„Kräuter", sagte er, dann grinste er leicht, „selbst zusammengebraut." Die Kunst des Zaubertrankmeisters. Er konnte bestimmt auch gut kochen.

Ich lächelte kurz, als er mir meine Tasse reichte. Angespannt wartete ich, dass er mich nach meinen Problemen fragte, denn ich wollte gerade nicht über Ron sprechen, aber stattdessen fragte er, was ich in den Ferien vorhätte.

„Ich fahre zu meinen Eltern nach Hause und verbringe wohl ein eher ruhiges, dafür aber gemütliches Weihnachten. Und Sie?"

„Wie immer verbringe ich die Zeit damit, endlich alle Bücher zu lesen, zu denen ich sonst nicht komme." Wir tauschten ein wissendes Lächeln aus. „Ich habe mir schon einen Stapel zusammengesucht." Er schien sich wirklich darauf zu freuen.

„Bleiben Sie in Hogwarts?"

Er nickte.

„Gibt es dann so etwas wie eine Lehrerweihnachtsfeier?"

„Die war gestern schon, aber ich war nur kurz da." Er schüttelte den Kopf. „Das ist nichts für mich. Und an Weihnachten selbst gibt es ein Festessen für die paar Lehrer und Schüler, die geblieben sind, das war's."

„Das klingt irgendwie einsam", rutschte es mir heraus.

Er lächelte kurz. „Aber in der Einsamkeit kann auch Ruhe liegen und die kann sehr schön sein."

Ich nickte. „Sind Sie heute Abend auch auf Slughorns Weihnachtsfeier?"

Seine Miene verfinsterte sich. „Leider."

Ich lachte auf – so fühlte ich mich auch.

„Haben Sie ein Date gefunden?", fragte er dann und mein Lachen verschwand schlagartig. „Ich habe seit Wochen nichts anderes mehr von den Schülern gehört als diese Party und wer mit wem geht." Er verdrehte die Augen.

„Ähm, ja." Ich wurde rot.

„Aber nicht Potter, oder?"

„Nein."

Er sah mich fragend an, bis ich leise erwiderte: „Cormac McLaggen."

„McLaggen?", sagte er verwundert. Einen Moment starrte er mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen.

„Aber es ist nicht so, wie es aussieht", sagte ich schnell und wollte, dass er mich verstand. Ich war niemand, der auf strohdoofe, eingebildete Quidditchspieler stand. „Ich wollte nur Ron ein wenig eifersüchtig machen." Jetzt kam mir mein Plan sehr dämlich vor, aber es war zu spät, Cormac abzusagen.

Snape zog seine Augenbraue hoch. „Und ich dachte, Sie stünden über solchen Dingen", sagte er und klang enttäuscht.

Das machte mich wütend – was wusste er schon?! „Ich kann gehen, mit wem ich will!"

„Oh, ja natürlich", scharrte er. „Aber weinen Sie nicht rum, wenn er Sie nicht ordentlich behandelt."

Ich war so wütend, dass ich aufstand und sein Büro verließ, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum fielen mir dann kluge Sätze ein, die ihm an den Kopf hätte werfen können über die Unabhängigkeit der Frau und den gleichzeitigen Zwang der Gesellschaft, nicht ohne Partner zu einer Party zu gehen, aber nun war es zu spät und mein Verhalten kam mir kindisch vor. Ich wünschte, ich könnte einfach mit Snape hingehen, dann hätte ich diese ganzen Probleme nicht. Dafür aber natürlich andere...


Beim Abendessen stocherte ich in meinem Essen. Ich hatte wenig Lust auf Slughorns Feier und meine Wut kochte immer weiter hoch, bis ich es mir nicht verkneifen konnte, an Harry, Ron, Lavender und Parvati vorbeizugehen und davon zu schwärmen, dass ich mit Cormac zu Slughorns Feier gehen würde.

„Dann bist du jetzt also mit ihm zusammen?", fragte Parvati sofort.

„Oh – ja" log ich schnell. „Hast du das nicht gewusst?" Damit würde ich es Ron zeigen! Sollte er ruhig denken, jemand anderes hatte mich jetzt weggeschnappt. Und Snape konnte sich seine Kommentare auch sparen!

Als ich um acht jedoch auf Cormac in der Eingangshalle traf, der mich am Arm nahm wie ein Besitzstück und triumphierend den anderen Jungs zulächelte, bereute ich meine Entscheidung sofort. Ich hätte ihn nicht ermutigen sollen…

„Sehr schön, dass du es dir anders überlegt hast", grinste er mich an. „Ich wusste doch, dass mir nicht einmal so eine Streberin wie du widerstehen kann."

Ich biss die Kiefer zusammen, damit ich ihn nicht verhexte. Aber er bemerkte es sowieso nicht, sondern begann sogleich über nichts anderes als Quidditch und seine eigenen tollen Paraden zu sprechen…

Slughorns Büro war größer gezaubert worden als sonst und feierlich geschmückt mit grünen, roten und goldenen Behängen an den Wänden, sodass es wirkte, als seien wir alle in einem Zelt. Es hatte etwas Gemütliches und man konnte für einen Abend vergessen, dass man sich in der Schule befand.

Slughorn hatte wirklich aufgefahren für die Party: Er hatte einen echten Vampir eingeladen, echte Feen flatterten an der Decke, und sogar die Schicksalsschwerstern waren hier.

„Ist es nicht herrlich, beliebt zu sein?", sagte Cormac und legte seinen Arm unangenehm um meine Taille. Ich versuchte, mich herauszuwinden, aber er hielt zu sehr fest. „Komm." Er zog mich zu einem Mann, der sich als hohes Tier im Ministerium herausstellte.

Ich lächelte nur höflich.

Dann ging er weiter, nur um abrupt stehenzubleiben. „Oh schau mal, Hermine", grinste er und deutete nach oben.

Ich blickte hoch und entdeckte einen Mistelzweig. Als ich wieder zu Cormac sah, waren seine Lippen schon gespitzt und auf dem Weg zu mir. Ich riss die Arme hoch. „Cormac, nicht, ich will nicht."

„Ach hab dich nicht so", sagte er und versuchte, meine Arme runterzuziehen, um an mein Gesicht zu kommen. „Ist doch nur ein Kuss."

„Nein, ich will nicht!" Langsam ging mir die Kraft aus.

Plötzlich umfasste eine Hand Cormacs Arm und drehte ihn um, sodass Cormac aufschrie.

„Sie hat Nein gesagt", zischte Snape und ich war noch nie so froh gewesen, ihn zu sehen.

„Aber sie ist mein Date!", rief Cormac.

„Das macht sie nicht zu Ihrem Besitz", erwiderte Snape und ließ Cormac mit einem Stoß los. „60 Punkte Abzug für Gryffindor. Und jetzt verschwinden Sie, bevor ich mir weitere Strafen einfallen lasse."

Cormac eilte davon, ohne sich einmal nach mir umzusehen.

Snape stand nun vor mir. „Alles in Ordnung?"

Ich nickte und versuchte, mein Haar wieder zu glätten. Ich hoffte inständig, er würde mir jetzt keinen Vortrag halten nach dem Motto: „Ich hab's Ihnen ja gesagt."

„Danke", flüsterte ich und sah zu ihm hoch. „Mein Retter in der Not", grinste ich.

„Jetzt werden Sie mal nicht frech", sagte er, lächelte aber kurz. „Kommen Sie jetzt wieder allein zurecht?"

„Ja, ich geh am besten Harry oder Ginny suchen."

„Machen Sie das", sagte er und verschwand dann wieder in der Menge.

Ich starrte ihm nach. Er hatte mich doch tatsächlich gerettet, wie ein Ritter oder ein Gentleman, und ich war mir nicht sicher, ob mein Herzklopfen noch wegen Cormac war oder Snapes Tat.

Ich fand bald Harry und Luna, die sich ausgerechnet mit Professor Trewlaney unterhielt, und erzählte Harry von Cormac, auch wenn ich Snape aus meiner Geschichte heraushielt.

Als Cormac auf uns zukam, verschwand ich schnell in der Menge, um mich zu verstecken. Ein paar Minuten später kam Filch mit Draco Malfoy hereingestürmt. Anscheinend hatte Malfoy versucht, sich auf die Party zu schleichen, aber Slughorn meinte, es sei Weihnachten und daher in Ordnung. Mist, er hätte ruhig Punktabzug bekommen sollen.

Ich musste grinsen, als ich sah, dass wenig später Snape mit Draco die Feier verließ – jetzt würde er sicher Ärger bekommen.

Ich fand Ginny und unterhielt mich kurz mit ihr, aber sie war zu sehr mit Dean beschäftigt. Ein wenig verweilte ich noch auf der Feier, aber als Snape nicht zurückkam, gingen mir die Gründe aus zu bleiben und ich ging, nachdem ich sichergestellt hatte, dass Cormac mich nicht sah.

Ich ging durch die leeren Korridore, bis mir auf einmal Snape entgegenkam, noch bleicher und müder aussehend als sonst. „Hey", sagte ich versöhnlich. Nachdem er mich vorhin gerettet hatte, war unser Streit davor natürlich vergeben. „Alles okay?"

Er sah mich traurig an. „Ich weiß es nicht."

„Was-", begann ich, doch er hob seine Hand und ich verstand. „Wieder was Geheimes."

Er nickte. „Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen darüber sprechen."

„Können Sie wenigstens mit Dumbledore reden?"

„Ja."

„Dann müssen Sie wenigstens nicht alles alleine tragen."

Er lächelte kurz auf, dann seufzte er und blickte nach oben. Plötzlich versteifte er sich.

Ich folgte seinem Blick und sah einen Mistelzweig über uns hängen. Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich sah ihn erschrocken an.

Er sah ebenfalls erschrocken aus. Es war nicht so, dass wir uns küssen mussten – es war schließlich kein Zwang und niemand war hier –, aber die Frage hing im Raum, ob wir es trotzdem tun würden.

Schließlich nahm ich all meinen Gryffindormut zusammen und ging einen Schritt näher zu ihn, sodass ich jetzt dicht vor ihm stand. Er sah mich mit großen Augen an, fast wie ein verängstigtes Tier, und ich musste schmunzeln – der furchterregende Professor Snape hatte also Angst vor einem Kuss? Ich ging auf die Zehenspitzen und gab ihm einen sanften, fast nicht vorhandenen Kuss auf die Wange. „Danke", flüsterte ich, „für vorhin."

Snape sah aus, als habe er einen Geist gesehen.

Ich lächelte ihn an und ging langsam weiter. „Schöne Ferien", wünschte ich ihm noch, doch er erwiderte nichts.

Ich grinste über das ganze Gesicht, als ich zum Gemeinschaftsraum zurückging, und selbst Rons und Lavenders verschlungene Lippen konnten mir die Stimmung nicht verderben. Später dauerte es eine Weile, bis ich einschlafen konnte, und meine Träume hinterließen ein wohliges Gefühl bei mir, auch wenn ich mich später nicht mehr an sie erinnern konnte.

Am nächsten Morgen sah ich Harry nur kurz beim Frühstück, als er mir zuraunte, dass er nach den Ferien ‚große Neuigkeiten' für mich habe, und dann ging es auch schon mit dem Hogwarts Express los. Da ich weiterhin nicht mit Ron und Lavender in einem Abteil sein wollte, suchte ich mir ein ruhiges voller lesender Ravenclaws und las ebenfalls. Zwischendurch sah ich aus dem Fenster und ließ meine Gedanken fließen. Der Kuss auf Snapes Wange wollte mich nicht loslassen und ich verlor mich in harmlosen Tagträumen, wie ich seine Wange streichelte oder er mich in den Arm nahm.

Erst als ich den Kings Cross Bahnhof verlassen hatte und meine Eltern mich fest umarmten, konnte ich wieder in die Wirklichkeit zurückkehren.