Hallo alle zusammen! Ich habe im November fleißig für den NationalNovelWritingMonth geschrieben, daher kommt erst jetzt das nächste Kapitel. Es passt aber wenigstens schön in die Weihnachtszeit. Viel Spaß :)

Kapitel 16 – Sehr frostige Weihnachten

Ich saß auf dem Sofa und las, obwohl der Fernseher lief. Ich hatte es jedoch schon früh gelernt, meine Umgebung auszuschalten, damit ich mich auf den Text konzentrieren konnte – deswegen konnte ich auch im Gemeinschaftsraum und in der Großen Halle einfach lesen. Lesen in den Ferien bedeutete für mich, dass ich mir Romane gönnte, und es war seit jeher Tradition, dass mir meine Eltern ein oder zwei neue zu Weihnachten schenkten. Einen davon las ich gerade – ein Klassiker über den Zerfall einer Kaufmannsfamilie in Norddeutschland – aber irgendwie funktionierte meine Ausblendungsstrategie heute nicht. Immer wieder sah ich lustlos zum Fernseher, wo meine Mutter erneut eine Dokumentation über Australien schaute. Mein Vater hatte heute Zahnarztnotdienst zwischen den Feiertagen und würde erst zum Abendessen zurückkommen.

Wir hatten ein schönes Weihnachtsfest verbracht und ich war doppelt froh, nicht in den Fuchsbau gefahren zu sein.

Ich seufzte.

Meine Mutter sah mich an. „Mein Schatz, dich bedrückt doch etwas. Möchtest du es mir nicht sagen?"

Ich nickte und sie schaltete den Fernseher aus. Bevor ich Ginny hatte, war meine Mutter wohl meine beste Freundin gewesen, da ich ihr immer alles erzählt hatte, was ich erlebt hatte und worüber ich nachdachte, sowohl die guten als auch die schlechten Dinge.

„Ist es eine... Zaubersache?", fragte sie vorsichtig.

Das war das Wort in diesem Haus. Alles, was mit mir als Hexe zu tun hatte, wurde nur ‚Zaubersache' genannt. Ich hatte in meinen ersten zwei Jahre in Hogwarts viele Briefe nach Hause geschickt und geschildert, was ich alles Tolles gelernt hatte, doch als ich in den Ferien darüber sprechen wollte, wechselten meine Eltern immer wieder das Thema auf etwas Normales. Und da wusste ich, dass sie nicht wussten, wie sie mit mir als Hexe umgehen sollten, und habe fortwährend wenig aus Hogwarts erzählt.

Ich schüttelte den Kopf. „Eine Jungssache."

Meine Mutter lächelte erleichtert – damit konnte sie mir helfen. Da meine beiden Eltern Ärzte sind, wurde das Thema Liebe immer recht klinisch behandelt – das Sex-Gespräch war eher eine Biologievorlesung – und alle Arten von Romantik als kitschig abgetan. Aber vielleicht war eine objektive Sicht auf meine Lage genau das, was ich brauchte. Mit Ginny konnte ich nicht darüber reden, da Ron ihr Bruder war und sie Snape kannte – sie wäre von vornherein parteiisch.

„Du erinnert dich doch sicher noch an Harry und Ron", begann ich.

Meine Mutter nickte. „Harry ist dein bester Freund und er hat als Baby diesen Schwarzmagier aufgehalten, wie auch immer er das als Baby gemacht hat."

Ich nickte. Ich hatte besser nicht erwähnt, dass dieser Schwarzmagier zurück war, denn ich war mir sicher, dass meine Eltern mich sonst nicht zurück nach Hogwarts ließen. Alles, was sie nicht kannten und was sie nicht einschätzen konnte, ängstigte sie.

„Und Ron ist der Junge, in den du verliebt bist."

Ich riss die Augen auf. Das hatte ich nie erwähnt.

„Es ist die Art, wie du von ihm schreibst und erzählst", erklärte meine Mutter, als habe sie meine Gedanken gelesen. „Wie du dich über ihn aufregst und wie du trotzdem mit ihm eng befreundet bleibst, sind eindeutige Zeichen."

Ich nickte einmal.

„Also geht es um Ron?"

„Auch", erwiderte ich und begann von meinem bisherigen Schuljahr zu erzählen: Wie ich Snape in seinem Haus gesehen hatte, was Marietta und ihre Großmutter mir erzählt hatten, was Lupin über Lily gesagt hatte, von Amortentia und unserem Deal, und wie ich seitdem die schönsten Gespräche mit Snape hatte. „Ist das schon Liebe?", fragte ich am Ende.

Meine Mutter war die ganze Zeit nachdenklich gewesen und hatte nicht erschrocken aufgeschrien, als ich von meinem Lehrer erzählt hatte. Sie hatte mir mal erzählt, dass sie früher eine Weile in ihren Uniprofessor verliebt gewesen war, bevor sie meinen Vater kennengelernt hatte, der zudem über 10 Jahre älter war als sie.

„Ich denke nicht", sagte sie schließlich. „Vielleicht aber Verliebtheit. Dieser Dufttrank sagt dir, was dich anzieht?"

Ich nickte kurz.

„Aber Anziehung bedeutet eher etwas Sexuelles, und das hast du bisher nicht beschrieben."

Ich wurde rot, aber sie hatte recht: Ich hatte bisher noch nicht einmal darüber nachgedacht, wie es wäre, Snape zu küssen, auch wenn es bestimmt schön wäre. Der Kuss auf die Wange zählte nicht, auch wenn er in mir Wärme aufstiegen ließ, wenn ich daran dachte.

„Dennoch verbringst du viel Zeit mit ihm und scheinst ihn zu mögen."

„Ja."

„Aber ich erinnere mich noch an deine Briefe früher, dass er sehr gemein zu dir war. Ist er jetzt nett zu dir?"

Ich nickte schnell. „Wenn wir alleine sind und uns unterhalten, wirkt es manchmal, als wären wir Freunde."

„Und Ron bedeutet dir nichts mehr?"

„Natürlich bedeutet er mir etwas. Aber ich glaube, dass ich eher in die Idee von einer Beziehung mit ihm verliebt war als in ihn selbst. Wenn ich ehrlich zu mir bin, passen wir gar nicht zusammen. Wir würden uns immer streiten."

„Und Snape passt zu dir?"

Ich zuckte die Schultern. „Wir lesen beide gerne und sind interessiert an neuem Wissen. Mit ihm kann ich ernsthaft diskutieren und er versteht, wie das Leben läuft."

„Und warum bist du dann so wütend auf Ron?"

„Ich war zuerst einfach nur enttäuscht, aber mittlerweile bin ich gar nicht mehr wirklich wütend auf ihn. Aber Lavender, seine neue Freundin, ist so nervig und einfach... dumm, dass ich sie nicht ausstehen kann – schon vor dieser ganzen Nummer. Und dann knutschen sie immer und überall rum!"

„Klingt nach Eifersucht."

„Ja, vermutlich. Aber nicht, weil ich Ron will, sondern weil ich das will, was Ron hat: jemanden an seiner Seite."

Meine Mutter nickte. „Schreib diesem Snape doch einen Brief."

„Einen Brief?"

„Ja, einen netten Weihnachtsbrief. Schreib nicht, dass du dich vielleicht in ihn verliebst, aber einfach, dass du an Weihnachten an ihn denkst. Wenn er erst merkt, dass er dir wichtig ist, könnt ihr Freunde werden und vielleicht noch mehr."

„Und das, obwohl er mein Lehrer ist?" Ich musste die Frage jetzt endlich stellen – es konnte nicht so einfach sein!

„Ja, das ist natürlich doof. Aber so eine Sache braucht sowieso Zeit und außerdem bist du in der Zaubererwelt doch schon erwachsen oder?"

„Ja." Im September war ich 17 geworden.

„Gibt es Schulregeln, die dagegensprechen?"

Ich wurde rot, denn natürlich hatte ich die Bibliothek nach solchen Regeln durchforstet. „Nicht direkt, aber es wird nicht gern gesehen und führt dazu, dass alle meine Prüfungen extern geprüft werden müssen, was mit dem Ministerium wirklich aufwendig ist."

Meine Mutter nickte verstehend. „An deiner Stelle würde ich die restliche Schulzeit dafür nutzen, mit ihm gut genug befreundet zu sein, dass ihr nach deinem Abschluss schauen könnt, wie es weitergeht. Du musst dir jetzt gar keinen Stress machen, ob und wenn ja, was du für ihn empfindest. Wenn du ihn magst, verbringe Zeit mit ihm und lerne ihn besser kennen und dann findest du das ganz von alleine raus." Sie lächelte zufrieden mit ihrer Lösung.

Ich fiel ihr um den Hals. „Danke, Mum, das ist perfekt."

Sie streichelte mir über den Kopf. „Schön, dass ich meiner anscheinend schon erwachsenen Tochter noch helfen kann."

Am Abend setzte ich mich hin und schrieb einen Weihnachtsbrief an Snape. Ich brauchte vier Anläufe, dann hatte ich etwas Brauchbares.

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Lieber Professor Snape,

ich hoffe, Ihre Ferien sind ruhig und Ihre Bücher bald ausgelesen. Ich habe ein schönes Weihnachtsfest mit meinen Eltern verbracht und freue mich nun auf Silvester. Nirgendwo ist es so schön wie in Hogwarts im Winter und ich wäre nun gerne bei Ihnen, um es gemeinsam zu erleben. Ich hoffe, dass Sie nicht zu einsam sind, auch wenn Sie behaupten, dass es Ihnen gefällt. Ich sende Ihnen nachweihnachtliche Grüße und ein paar selbstgebackene Kekse.

Viele Grüße,

Hermine

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Ich las den Brief noch drei Mal und gab ihn sogar meiner Mutter. Wir waren uns einig, dass er eine gute Mischung aus formaler Distanz und anbahnender Freundschaft war. Ich gab ihn am nächsten Tag der Eule mit, die mir weiterhin den Tagespropheten brachte, und wartete nun gespannt, ob Snape mir antworten würde.

Sein Brief kam zwei Tage nach Neujahr, zusammen mit einem kleinen Paket. Als ich den Brief öffnete, weiteten sich meine Augen: Er hatte ihn in seiner eigentlichen Handschrift, der schwungvollen mit rechts, geschrieben. Das war ein Vertrauensbeweis, denn wenn Harry diesen Brief sah oder ich ihm dem Ministerium übergab, könnte man Snape leicht überführen wegen der ganzen illegalen Zauber, die er entworfen und in Umlauf gebracht hatte.

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Liebe Miss Granger,

ich danke Ihnen für Ihre Weihnachtsgrüße und kann Ihnen versichern, dass es für mich nichts Schöneres geben kann, als in aller Ruhe zu lesen und dabei solch leckere Kekse zu essen. Aber sorgen Sie sich nicht, Professor McGonagall ist ebenfalls über die Ferien geblieben und fordert mich immer wieder zu einer Partie Schach heraus.

Ich muss Ihnen sagen, dass es seltsam ist, in meinem Büro zu sitzen und zu wissen, dass Sie nicht klopfen werden. Das ist wohl die wahre Einsamkeit.

Mit freundlichem Gruß,

Severus Snape

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Voller Herzklopfen las ich den letzten Absatz erneut und zeigte den Brief dann meiner Mutter.

„Er vermisst dich", lächelte sie. „Und was war in dem Paket?"

Das hatte ich ganz vergessen und öffnete es jetzt schnell. Zum Vorschein kam ein Buch über die Geschichte der Zaubertrankbrauerei in der Antike. Als ich es öffnete, kam ein Stück Pergament heraus.

In Snapes schwungvollen Schrift stand: Dieses Buch hat mir bisher am besten gefallen. Vielleicht haben Sie ja auch Freude daran. Behandeln Sie es bitte pfleglich und geben Sie es mir wieder, wenn Sie es durchgelesen haben.

Mein Mund formte ein O. Snape hatte mir ein Buch geliehen? Ein weiterer, großer Vertrauensbeweis.

Den Rest der Ferien las ich in dem Buch, auch als ich es schon durchgelesen hatte, und freute mich darauf, wieder nach Hogwarts und zu ihm fahren zu können.