Kapitel 17 – Eine getrübte Erinnerung
Ich war ein paar Stunden früher zurück als die anderen, weil ich den Hogwarts Express genommen hatte und Harry, Ron und Ginny anscheinend anders zurückkamen. Diese Zeit nutzte ich, um zu Snape zu gehen. Ich hoffte, dass ich ihn nicht stören würde oder er mein Verhalten aufdringlich finden würde, aber ich hatte sein Buch dabei und könnte es ihm zur Not auch einfach so wiedergeben, wenn ich zu einer unpassenden Zeit da wäre.
Doch er lächelte sogar, als er mir die Tür öffnete und mich wie selbstverständlich hereinbat. „Tee?"
Anscheinend war dies nun unser neues Ritual und ich musste aufpassen, dass ich nicht zu sehr vor Freude strahlte.
„Danke für das Buch", sagte ich, als wir uns gesetzt hatten und er uns seine wunderbare Kräutermischung eingegossen hatte. Ich legte ihm das Buch vorsichtig auf den Tisch – ich hatte es die letzten Tag wie meinen größten Schatz behütet und solche Furcht gehabt, aus Versehen eine Seite umzuknicken. „Es war wirklich interessant."
„Das freut mich. Welcher Teil hat Ihnen am besten gefallen?"
Und schon waren wir in ausgiebigen Diskussionen über das Leben in der Antike und die beste Art und Weise, einen Zaubertrank zu brauen. So ein Gespräch konnte ich mit niemandem sonst führen. Ich fragte mich, ob Snape jemand anderes für solche Themen hatte oder ob er gerade deswegen mit mir so viel sprach. Ich hoffte, es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen bei uns.
„Wie war der Rest Ihrer Ferien?", fragte ich ihn, als unsere Teetassen schon fast leer getrunken waren.
„In Ordnung", sagte er und ich war froh, dass der nicht log und ‚Gut' gesagt hatte.
„Haben Sie das neue Jahr mit Professor McGonagall begrüßt?"
„Nein, ich war allein." Er klang bitter.
„Oh. Wollte sie nicht?"
„Ich wollte nicht."
„Aber warum denn nicht?" Er hatte Weihnachten schon alleine verbracht. Neujahr nun auch? Für einen Moment stellte ich mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich in den Ferien bei ihm geblieben wäre. Wie wir zusammen hätten feiern können. Es wäre trotzdem ruhig gewesen mit viel Lesen, aber gemeinsam wäre es eben nicht einsam gewesen.
Er schnaubte. „Ich habe kein Interesse an Freunden."
Ich zog die Luft ein. „Das ist gelogen", erwiderte ich dann. „Jeder Mensch möchte zumindest einen Freund haben."
„Dann bin ich vielleicht einfach nicht gut darin, einen Freund zu behalten."
Ich dachte an Lily und das Wort Schlammblut. „Haben Sie es nach Lily nie wieder versucht?"
„Nicht wirklich", sagte er leise. „Ich dachte, Lucius wäre mein Freund, aber er hat mich zum Dunklen Lord... Voldemort", er schluckte, „geführt." Dann sah er hoch zu mir mit einem traurigen Lächeln. „Das Leben eines Doppelspions ist nicht geeignet für Freunde."
„Außer die Person weiß darüber Bescheid", flüsterte ich.
Er runzelte die Stirn. „Wie meinen Sie das?"
„Ich... Ich würde gerne mit Ihnen befreundet sein." Jetzt war es raus und er starrte mich entsetzt an.
„Aber wieso?", fragte er und klang, als wäre er aus allen Wolken gefallen.
Ich zuckte mit den Schultern und versuchte, lässig zu wirken, obwohl mir in Wahrheit das Herz bis zum Hals klopfte. „Wir haben dieselben Interessen und können uns ganz wunderbar unterhalten. Das sind schon gute Voraussetzungen für eine Freundschaft. Ich kenne zudem Ihre negativen Seiten und mag Sie trotzdem."
Er blinzelte verdutzt.
„Wir könnten ja was zusammen machen", schlug ich vor. Jetzt nicht rotwerden, dachte ich verzweifelt, aber konnte meine Wangen warm werden spüren. „Wenn Sie wollen, könnten wir zusammen experimentieren und Sie könnten mir zeigen, wie Sie zu Ihren Erkenntnissen im Buch des Halbblutprinzen gekommen sind." Diese Idee war mir gekommen, als ich seinen Brief zum x-ten Mal gelesen hatte und diese Schrift gesehen hatte. Er hatte geniale Dinge in das Zaubertränke für Fortgeschrittene Buch geschrieben und ich wollte wissen, wie man wirklich Forschung betrieb.
„In Ordnung", sagte er schließlich und räusperte sich einmal. „Ich werde mir etwas überlegen." Er sagte nichts über meine Idee, Freunde zu werden, aber das musste er auch nicht – ich sah ihm an, dass er es wollte.
Später, als ich zurück zum Gemeinschaftsraum ging, war ich so in Gedanken und Vorstellungen, wie diese Forschungsstunden mit Snape wohl aussehen würden, dass ich Dumbledore erst bemerkte, als er direkt vor mir stand.
„Miss Granger, schön Sie zu sehen."
„Hallo, Professor Dumbledore", grüßte ich lächelnd. Es war immer gut, den Schulleiter zu sehen; er hatte mir schon immer ein Gefühl von Sicherheit gegeben.
Dumbledore reichte mir eine Pergamentrolle. „Würde Sie diese bitte Harry geben?"
„Oh ja, natürlich", sagte ich und nahm sie ihm ab. „Die nächste Unterrichtsstunde?", riet ich und Dumbledore nickte.
Dann blickte er hinter mich auf den Eingang zu den Kerkern. „Darf ich fragen, was Sie um diese Zeit in den Kerkern gemacht haben? Der Unterricht beginnt doch erst übermorgen."
„Oh", sagte ich. „Ich hab nur Professor Snape begrüßt." Es klang vollkommen irrational in meinen Ohren und ich spürte, wie ich rot wurde.
Doch anstatt mich zu belehren oder zu warnen, lächelte Dumbledore. „Es ist gut, dass Severus einen Freund hat", sagte er dann und ging fröhlich pfeifend in die Große Halle.
Ich blinzelte ein paar Mal und machte mich weiter auf den Weg zum Gryffindorgemeinschaftsraum. Hatte Dumbledore mir gerade sein Okay gegeben, dass ich private Zeit mit Snape verbringen durfte? Ich ging die Treppe hinauf und den Korridor entlang, immer noch in Gedanken.
Als ich meine Freunde sah, beeilte ich mich. „Harry! Ginny!" Es war so schön, sie wiederzusehen. „Hattet ihr schöne Weihnachten?" Ich ignorierte Ron absichtlich und hoffte, dass es ihn störte.
Ich gab der Fetten Dame das neue Passwort, wir traten ein und ich überreichte Harry die Pergamentrolle von Dumbledore, die die Zeit für ihr nächstes Treffen beinhaltete: morgen Abend.
Plötzlich kam Lavender, schrie „Won-Won!" und fiel ihm um den Hals.
Ich verdrehte nur die Augen. Das Gespräch mit meiner Mutter, der Abstand zu Ron und der Tee mit Snape hatten geholfen, mit dem Thema Lavender besser umgehen zu können.
Als Ginny sich mit Dean traf, suchten Harry und ich uns eine ruhige Ecke im Gemeinschaftsraum, damit er mir endlich erzählten konnte, was er so Wichtiges vor den Weihnachtsferien beobachtet hatte. Er erzählte mir, wie er Snape und Malfoy belauscht hatte, dass Snape versucht hätte, aus Draco herauszubekommen, ob er für Katie Bells Fluch verantwortliche wäre, und dass er ihm seine Hilfe angeboten hätte, um Voldemorts Plan auszuführen, und dass er all die Jahre nur Theatergespielt hätte und einen Unbrechbaren Schwur geleistet hätte.
Ich schluckte schwer. Das waren schwerwiegende Anschuldigungen, aber ich konnte – wollte –nicht glauben, dass Snape wirklich nur spielte, auf der Seite des Lichts zu stehen. „Glaubst du nicht-"
Harry unterbrach mich: „-dass er nur so getan hat, als würde er Hilfe anbieten, damit Malfoy darauf reinfällt und ihm verrät, was er vorhat?"
„Nun ja, genau."
Aber Harry wusste genau, dass dies bewies, dass Malfoy ein Todesser war. Ich hörte Harry nur noch halb zu, als er über Lupin und Greyback und Rufus Scrimgeour sprach – meine Gedanken waren bei Snape. Ich konnte einfach nicht glauben, dass er ein echter Todesser sein sollte. Aber einen Unbrechbaren Schwur zu leisten, war schon eine große Sache. Was, wenn er deswegen starb? Ich überlegte lange, ob ich abends zu ihm gehen und ihn einfach fragen sollte, bis ich es nicht mehr aushielt. Mit meiner normalen Lüge an Harry und Ginny, ich würde in die Bibliothek gehen, machte ich mich nach dem Abendessen auf den Weg zu Snapes Büro.
Ich klopfte härter an als sonst und trat sogleich hinein.
Snape saß an seinem Schreibtisch und sah mich verwundert an. „Miss Granger, ist es nicht schon ein bisschen spät für einen Besuch?"
„Es ist aber wichtig."
Er deutete auf den Stuhl vor seinem Tisch und legte seine Feder zur Seite. „Tee?", fragte er wie immer, doch ich schüttelte mit dem Kopf. Ich hatte keine Zeit und keine Nerven für Tee mit ihm.
„Harry hat mir etwas erzählt, das mich beunruhigt, und ich würde gerne Ihre Sicht der Dinge hören."
Nun war er ganz Ohr und nickte mir einmal zu.
„Vor den Ferien, am Abend von Slughorns Weihnachtsfeier, sind Sie mit Draco Malfoy hinaus gegangen."
„Und Potter hat uns belauscht", schlussfolgerte Snape schnell.
Ich nickte. „Er hat mir erzählt, dass Sie versucht haben, Draco bei einer Aufgabe zu helfen, die er anscheinend von Voldemort erhalten hat, und dass Sie einen Unbrechbaren Schwur dafür geschworen haben."
Seine Augen weiteten sich. „Und jetzt wollen Sie wissen, auf welcher Seite ich wirklich stehe."
„Nein, das ist mir klar. Ich will wissen, was Draco vorhat und ob Sie wirklich einen Unbrechbaren Schwur geschworen haben."
Er seufzte tief. „Das ist vertrauliches Wissen, das ich nur mit Dumbledore besprechen darf."
Ich blickte enttäuscht zur Seite.
„Hermine, glaub mir, ich würde es dir gerne sagen. Aber ich kann es nicht."
Ich nickte, ganz erstaunt, dass er mich beim Vornamen genannt hatte. „Und was ist mit dem Unbrechbaren Schwur?"
Er stritt es nicht ab, sondern sah mich nur traurig an.
Tränen sammelten sich in meinen Augen. „Aber dann könnten Sie sterben?"
„Ja", nickte er. „Aber nur, wenn ich meine Sache falsch mache."
„Glauben Sie denn, dass Sie es schaffen, was auch immer Sie geschworen haben?" Ich fragte gar nicht erst, um was es ging, da er es mir vermutlich sowieso nicht sagen durfte.
Er nickte. „Sonst hätte ich es nicht geschworen." Er schluckte und ich wusste, dass es etwas Schreckliches war.
Ich presste die Augen zusammen und ein paar Tränen verließen meine Augen.
Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich blickte erschrocken zu ihm hoch – ich hatte gar nicht gehört, wie er aufgestanden war.
„Es wird schon alles gut werden am Ende", sagte er. „Bitte vertrau mir einfach."
Ich nickte und lehnte meinen Kopf gegen seinen Arm. „Ich mach mir nur solche Sorgen um dich", flüsterte ich.
Er zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück. „Wir sollten uns nicht duzen."
„Du hast angefangen", meinte ich und dachte gar nicht daran, jetzt wieder mit dem Siezen anzufangen.
„Aber das ist nicht richtig."
„So was machen Freunde nun mal."
„Aber-"
„Nur wenn wir alleine sind?", bat ich.
Er sah mich einen Moment an, dann nickte er.
Am nächsten Morgen hing ein großer Zettel am Schwarzen Brett, der einen Apparierkurs verkündete. Ich unterschrieb sogleich – endlich würde ich das Apparieren lernen! Als Lavender sich dazudrängte, verschwand ich lieber schnell. Ich konnte immer noch nicht verstehen, wie Ron dieses einfältige Mädchen aushalten konnte…
Den Rest des Tages sprachen die anderen Sechstklässler immer wieder Harry an, um zu wissen, wie sich das Apparieren anfühlte, aber da Ron bei ihm war, fragte ich nicht. Ich hatte sowieso in einem Buch darüber gelesen; das reichte fürs Erste.
