Zusammenfassung des vorherigen Kapitels – Hermine

Hermine sucht Severus auf um mit ihm über die letzte Okklumentikstunde zu sprechen. Sie fühlt sich schuldig, ihn dazu gedrängt zu haben, den Unterricht trotzt seiner Bedenken wieder aufgenommen zu haben. Gleichzeitig ist ihr furchtbar peinlich, das er ihre Fantasien gesehen hat. Severus, der es aufgegeben hat, sich vorzumachen, er könne einen rein professionellen Umgang zu ihr wahren, nimmt sie mit in sein Wohnzimmer, wo sie ein langes Gespräch über ihre Bedürfnisse und geheimen Wünsche haben. Hermine erkennt einige Wahrheiten über sich selbst, und beide stellen fest, wie perfekt sie zueinander passen.

A/N: Sorry, dass ihr auf dieses Kapitel so lange warten musstet! Aber das schöne Wetter hat ich nach draußen gelockt, und es gab so viel im Garten zu tun. Danke nochmal für eure vielen, tiefgehenden Reviews! Ich bin immer noch ziemlich von den Socken und sehr froh, dass ihr das vorherige Kapitel insgesamt so positiv aufgenommen habt! :)Text

Mare Serenitatis

Hermine saß mit angezogenen Beinen in dem gemütlichen Ohrensessel neben dem Kamin in Severus Büro, Kapitel Dreizehn des Buches "Verwandlung für Fortgeschrittene" aufgeschlagen in ihrem Schoß. Ihr Blick lag unverwandt auf der Seite, aber ihre Gedanken waren ganz offensichtlich woanders.

Severus, der nach Jahren als Zaubertrankprofessor darauf trainiert war, stets ein wachsames Auge auf mit gefährlichen Substanzen hantierenden Schülern zu haben, hatte bemerkt, dass Hermine in den letzten fünf Minuten noch nicht eine einzige Seite umgeschlagen hatte. Es war ungewöhnlich, da sie eigentlich eine sehr schnelle Leserin war. Er wusste das so genau, weil sie neuerdings häufig in sein Büro kam, um für ihre KATZEn* zu lernen.

Sie hatte ihm die Vorteile genau erläutert, und sie waren nicht von der Hand zu weisen: Es war still im Verließ – sehr viel ruhiger als anderswo im Schloss. Hinzu kam, dass er normalerweise in der Lage war, ihre komplizierteren Fragen zu beantworten, die unweigerlich aufkamen, wenn sie in den zu wiederholenden Stoff eintauchte. Falls nicht, hatte er die entsprechenden Bücher zur Hand, in denen man nachschlagen konnte. Einige dieser Werke waren so speziell, dass sie nicht mal in der Bibliothek zu finden waren. Ganz abgesehen von den praktischen Aspekten behauptete Hermine beharrlich, dass seine Gesellschaft sie entspannte und besser lernen ließ.

Versonnen spielte sie mit einer Haarsträhne, die ihrem lockeren Knoten entkommen war. Severus bezweifelte, dass sie gerade in Gedanken Verwandlungssprüche oder Zauberstabsbewegungen durchging.

"Tagträume, Miss Granger?" fragte er provokant, und schreckte sie damit aus ihrer Selbstversunkenheit. "Wären wir jetzt im Zaubertränkeunterricht, würde ich mindestens zehn Punkte wegen Unaufmerksamkeit abziehen."

Jemand, der weniger geübt darin war, leichte Nuancen in seinem Ton wahrzunehmen hätte vermutlich nicht erkannt, dass er sie aufzog. Hermine jedoch war inzwischen ziemlich gut darin geworden, seine Stimmung zu deuten, und sah lächelnd auf. "Unter den Umständen würde ich lieber nachsitzen wollen, Professor", sagte sie kess. "Aber da dies im Gegensatz zum Labor keine potenziell gefahrvolle Umgebung ist, sind meine Tagträumereien absolut harmlos und verdienen keine Sanktionen."

Severus kannte eine Reihe von Schülern, die sein Büro durchaus als gefahrvolle Umgebung bezeichnen würden. Und auch an der anderen Hälfte ihrer Aussage hatte er Zweifel. "Harmlos? Das hängt wohl ganz davon ab, welche Richtung besagte Tagträume genommen haben..."

"Ich versichere, sie waren völlig harmlos. Ich habe gerade an meine letzte Okklumentikstunde gedacht."

Seine Augenbrauen gingen hoch. "Die letzte Okklumentikstunde war alles andere als harmlos, wenn ich daran erinnern darf."

Hermine errötete. Ja, wenn man das aus dem Blickwinkel betrachtete, war das sicher richtig. Die anschließende Unterhaltung war jedenfalls sehr intim gewesen und war zu einem weiteren, einschneidenden Punkt in ihrer Beziehung geworden. Auf eine merkwürdige Art und Weise hatte es alles und doch rein gar nichts zwischen ihnen verändert. Sie sah nun klarer, was vorher nur vage und verschwommen gewesen war; nahm auf bewußter Ebene wahr, was sie tief in ihrem Herzen schon die ganze Zeit über gespürt hatte. Und für Hermine, die den Dingen immer gerne auf den Grund ging, machte das einen entscheidenden Unterschied.

Es spielte keine Rolle, ob ihr gefiel, was sie herausgefunden hatte. Es machte keinen Sinn, das überhaupt beurteilen zu wollen – die Dinge waren nun einmal so, wie sie waren – so tickte sie eben. Und alles, was sie über sich selbst verstanden hatte, hatte auch bestätigt, dass Severus genau die Person war, die sie an ihrer Seite haben wollte: Jemand der klug und erfahren war und in der Lage, Verantwortung zu übernehmen; jemand, zu dem sie aufsehen konnte und an dem sie sich ausprobieren konnte. Er war ihr gewachsen und würde ihr nicht erlauben, ihn zu überfahren; er würde sie ständig neu herausfordern und war stark genug, ihr Halt zu geben, wenn sie ihre eigene Stärke nicht finden konnte. Es gab kein 'falls' mehr bezüglich ihrer Beziehung, sondern nur noch ein 'wann'.

Zum ersten Mal seit Wochen spürte Hermine, dass sie nicht nur körperlich auf dem Weg der Besserung war, sondern auch mental. Sie konnte das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels wieder sehen. Es gab Dinge, auf die sie sich freuen konnte, und sie war sicher, dass sie auch wieder Sinn und Ziel in ihrem Leben finden würde.

Eines der ersten Dinge, die sie in Punkto Antrieb, Motivation und Entschlossenheit wiederentdeckt hatte, war ihr Lerneifer. Allerdings lag ihr Fokus dabei nicht gänzlich auf ihren KATZEn. Sie wollte Okklumentik meistern. In ihren Unterrichtsstunden hatte sie den Punkt erreicht, an den sie hatte gelangen müssen: Sie hatte das ganze Bild des Wandteppiches gesehen, der Hermine in all ihren Farben zeigte. Obwohl nichts, was sie entdeckt hatte, wirklich neu für sie gewesen war, hatte doch der lange Prozess des Sich-Gewahr-Werdens, diese Entdeckungsreise ihrer selbst, die mit ihren Okklumentikstunden begonnen hatte, ihren Zielpunkt erreicht. Weiter konnte sie in ihrem Geist nicht mehr gehen, es gab nichts Verborgenes mehr zu entdecken, keine Geheimnisse mehr zu enthüllen. Wenn der Schlüssel zum erfolgreichen Okkludieren darin lag, seinen eigenen Geist zu kennen, dann hielt sie ihn in der Hand – sie musste lediglich noch herausfinden, wie man ihn benutzte. Und genau darüber hatte sie gerade nachgedacht.

"Ich habe mir lediglich über technische Fragen gegrübelt", korrigierte sie Severus Annahme, "nicht über... du weißt schon. Ich glaube, in der besagten Okklumentikstunde ist es mir zweimal gelungen, dich davon abzuhalten, eine Erinnerung näher zu betrachten. Oder zumindest habe ich es dir schwerer gemacht."

Er dachte an die Toilettentür, die sie ihm beinahe ins Gesicht geschlagen hatte. "In der Tat", meinte er trocken. "Es sieht aus, als hättest du das Prinzip verstanden." Bis dahin hatte sie es nur dann geschafft, ihn zu stoppen, wenn er versucht hatte, durch das Projizieren seiner eigenen Bilder und Gedanken an eine bestimmte Information zu gelangen. Es war etwas ganz anderes, ihren Geist zu durchsuchen, indem er ihren Emotionen folgte.

"Ich bin mir da nicht so sicher", meine Hermine zweifelnd. "Die meiste Zeit wusste ich nicht wirklich, was ich tat." Es war ein bißchen frustrierend... sie hatte das Gefühl, nahe dran zu sein – als würde sie alle Buchstaben kennen, aber nicht wissen, wie man diese zusammenzog, um daraus das Wort zu lesen. "Dich in letzter Minute daran zu hindern, dir eine Erinnerung im Detail anzusehen, ist nicht das gleiche, wie sie von vornherein zu verbergen. Wenn du in meinen Geist eindringst, liegt alles gleich zum Abruf bereit."

"Das liegt daran, dass deine Emotionen so greifbar sind. Ich musste ihnen nur folgen, um zu der verknüpften Erinnerung zu kommen. Du musst lernen, wie du deine Gefühle verbirgst."

"Ja, ich verstehe das – im Prinzip. Du tust das, indem du deinen Geist in diese Einöde verwandelst. Aber wie erschaffe ich so eine Ausdehnung von Nichts?" Es klang, als würde sie aufhören müssen, zu denken und zu fühlen, aber wie sollte sie das anstellen? Selbst, wenn sie ihre Gedanken treiben ließ, so wie jetzt, war ihr Geist doch immer noch sehr rege, rannte in Kreisen, führte sie hierhin und dahin. Nicht wie Severus Geist, der so ruhig und völlig leer gewesen war.

Er zuckte mit den Achseln. "Es ist einfach eine Visualisierung, genau so wie dein Schutzwall."

Hermine zog die Stirn in Falten. "Das kann es nicht sein. Wenn du Harry gesagt hättest, er solle sich eine stählerne Wand um seinen Geist vorstellen, denkst du, dass diese dann dein Eindringen hätte verhindern können?"

"Nein, natürlich nicht. Wenn es so einfach wäre, würde jeder einen starken Schutz gegen Legilimentik haben. Es gehört schon mehr dazu – wie ich schon immer sagte, Magie mehr ist als ein Herumwedeln mit einem Zauberstab und das Aufsagen von Sprüchen. Der Schlüssel zur Magie ist Absicht. Es war dein Wille, der die Mauer aufgebaut hat."

"Aber du hast das Bild doch bewusst ausgewählt. Mein Labyrinth war einfach da."

"Deine Visualisierung ist etwas willkürlich in ihrer Erscheinung. Als mich das erste Mal in deinen Gedanken verfangen habe, war es wie ein Stolpern oder sich Verstricken. Beim letzten Mal hingegen war es eher so, als würde ich in einem Strudel versinken. Es würde vielleicht helfen, dem Ganzen mehr Struktur zu geben. Ein Labyrinth kann eine gute Visualisierung sein, wenn du sie konsequent umsetzt. Aber wie bei deiner Schutzwand ist es dein Wille, der sie undurchdringlich macht. Eine Visualisierung kann dir lediglich helfen, deine Gefühle und Gedanken zu sortieren und aufzuräumen. Um erfolgreich zu okkludieren musst das schaffen, was Harry nie fertiggebracht hat: Deinen Geist leeren."

*'*'*'*'*

Um zu üben, was Severus vorgeschlagen hatte, hatte Hermine sich Mantel, Schal und Mütze angezogen und hatte den Ort aufgesucht, an den es sie oft zog, wenn sie Einsamkeit und Stille suchte: den Schwarzen See. Während der kleine Strand im Wald unterhalb der Burg im Sommer oft von Schülern heimgesucht wurde, war er zu dieser Jahreszeit normalerweise verlassen. Nachdem sie einen zusätzlichen Wärmezauber auf sich gelegt hatte, setzte sie sich auf einen Stein nahe des gefrorenen Uferrandes.

Als sie ihre Gedanken über die stille Fläche des Sees gleiten ließ und spürte, wie sich ihr Körper entspannte, wusste Hermine, dass sie die perfekte Visualisierung gefunden hatte. Wenn es irgendetwas gab, das ihr half, ihren Geist von Gefühlen zu befreien, dann das: Einfach nur über das Wasser zu schauen und den Himmel darin gespiegelt zu sehen, wenn der See völlig still dalag. Oder die Lichtflecken auf seiner Oberfläche tanzen zu sehen, wenn eine leichte Brise seine Oberfläche kräuselte. Oder dem Geräusch der ans Ufer schlagenden Wellen zu lauschen, wenn ein starker Wind das Wasser aufwühlte.

Wasser war die perfekte Visualisierung. Wie ihr Gemüt konnte es ruhig oder turbulent sein, kalt und abweisend oder warm und offen. Wenn sie es schaffte, ihren Geist Wasser ähneln zu lassen, würde er alles aufnehmen können, was hineingeworfen wurde, ohne dadurch verletzt zu werden; es würde ihren Gedanken und Erinnerung erlauben, an die Oberfläche zu steigen oder zum tiefsten Punkt zu sinken, wo nie ein Lichtstreif hinfiel. Idealerweise würde ihr Geist ruhig und gelassen sein, ein glatter Spiegel, der nur zurückwarf, was von außen hineinsah.

Entschlossen und von jenem Eifer erfüllt, den sie immer verspürte, wenn es darum ging, eine Aufgabe zu lösen, versuchte Hermine bewusst, ihren Geist still werden zu lassen wann immer es die Umstände erlaubten. Sie übte jeden Abend, bevor sie ins Bett ging und stellte fest, dass es ihr beim Einschlafen half, an ihren See zu denken und sich vorzustellen, wie die Wellen abflachten und das aufgewühlte Wasser glatt und ruhig wurde.

Es erwies sich jedoch als wenig ratsam, beim Mittagsessen oder inmitten des Verwandlungsunterrichts geistig wegzutreten, da es zu Irritationen bei Freunden und Lehrern gleichermaßen führte. Doch ungeachtet der besorgten Nachfragen und der Zurechtweisungen war Hermine stolz, dass sie es geschafft hatte, Lärm und Leute völlig auszublenden und einen inneren Zustand völliger Ruhe zu erreichen.

Eine Woche später war sie überzeugt, dass sie den Dreh raus hatte und war begierig darauf, ihre Visualisierungsfähigkeit zu testen. Sie wusste nicht, was Severus davon halten würde, wieder in ihren Geist einzudringen. Dieses Mal, so hatte sie sich geschworen, würde sie ihn zu nichts drängen. Wenn er zögerte, würde sie sich eben statt in Okklumentik in Geduld üben müssen.

Still betend, dass dies nicht nötig werden würde, brachte sie ihr Anliegen vor, nachdem sie mit dem Testen der Erst- und Zweiklässler-Tränke und dem Festhalten der Ergebnisse für die spätere Bewertung fertig war. "Wenn es für dich in Ordnung wäre, würde gerne, dass du noch einmal in meine Erinnerungen schaust", erklärte sie mit verhaltener Stimme. "Ich glaube, ich habe eine gute Visualisierung gefunden und würde gerne wissen, ob ich damit erfolgreich okkludieren kann."

Angesichts des Zögerns, mit der sie ihre Bitte vorgetragen hatte, zog Severus die Augenbrauen hoch. "Wie sicher bist du, dass es dir gelingen wird, mich aus eventuellen Minenfeldern herauszuhalten?" fragte er, als würde er ihre Bitte und die damit einhergehenden Risiken abwägen. Tatsächlich wollte er auf keinen Fall einen weiteren Blick in ihre Fantasien werfen – zumindest nicht, bis ihre Situation es ihnen erlaubt, sich davon mitreißen zu lassen. Er fühlte eine Welle von Wärme an allen möglichen Teilen seines Körper, wenn er nur darüber nachdachte, weshalb er sich bemühte, es nicht allzu oft zu tun.

Jedoch machte er sich keine Sorgen, dass es dazu kommen würde – er würde sich kein zweites Mal auf falschem Fuß erwischen lassen. Aber wenn ihr das Vertrauen in ihre Fähigkeit fehlte, war der Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt.

"Sehr sicher", antwortete sie jedoch ohne jedes Zögern. "Ich weiß jetzt, wie ich meinen Geist leere."

"Nachdem du lediglich eine Woche lang an deiner Visualisierungsfähigkeit gearbeitet hast?" fragte er, und zog die Augenbraue hoch. "Noch immer ganz die Streberin, nicht wahr, Miss Granger?"

"Das kannst du mich allerhöchstens dann nennen, wenn es geklappt hat", erwiderte sie auf seine gutmütigen Spöttelei.

Severus war zuversichtlich, dass sie es schaffen würde. Sie hatte sich als eine sehr fähige, gewissenhafte und fleißige Schülerin erwiesen, lernwillig, bereit, zuzuhören und Rat anzunehmen, stur und entschlossen. Er war froh, dass sie ihren Antrieb wiedergefunden hatte, wenn auch erstmal nur auf dem Gebiet der Okklumentik. Hoffentlich würde sie bald ein ebenso klares Ziel vor Augen haben, wenn es um ihre Zukunftsplanung ging.

"Ich nehme an, du willst nicht, dass ich zuerst versuche, deinen Schutzwall zu überwinden?"

"Nein, danke!" wies Hermine diese Idee sofort von sich. "Ich kann auf den Kopfschmerz verzichten, den ich nach dem letzten Mal hatte." Da sie wie vom Teufel gejagt aus seinen Büro geflohen war, hatte sie nicht um einem Trank gebeten. "Ich weiß jetzt, dass meine Schilde halten. Ich will wissen, ob meine Visualisierung gut genug ist, meine Gefühle zu verbergen, nachdem du in meinen Geist eingedrungen bist."

"Wie du willst", sagte er und deutete ihr, ihm in sein Büro zu folgen, wo sie sich sofort in ihrem Sessel niederließ. In letzter Zeit vergaß er häufig, ihn in den harten Stuhl zurück zu verwandeln, nachdem sie gegangen war, was ihm bereits einige überraschte Blicke von anderen Schülern eingebracht hatte, die in seinem Büro keinerlei Annehmlichkeiten erwarteten.

Hermine schien ein wenig erstaunt darüber, dass er so bereitwillig auf ihre Bitte einging. Offensichtlich hatte sie erwartet, dass er Einwände erheben würde. Aber dafür gab es keine Notwendigkeit mehr. Seine Zurückhaltung hatte ihre Ursachen hauptsächlich in der komplizierten Situation gehabt, in seinem Unbehagen mit jeglicher Art von Nähe und in seinem Verdacht, dass Hermine wohlmöglich nur einem Trugbild von ihm anhing, dem er niemals würde entsprechen können. Nun, da er begriffen hatte, wie gut sie einander ergänzten, hatte sich die meisten dieser Bedenken in Luft aufgelöst.

Wenn er noch immer darauf bedacht war, in ihrer Nähe Abstand zu wahren zu bleiben, dann nur, weil sie es ganz sicher nicht tun würde. Sie hatte diese schwer zu begreifende Angewohnheit, Zuneigung, Frohsinn und Dankbarkeit durch Berührungen auszudrücken, und mehr als einmal hätte sie ihn beinahe umarmt. Sein eigenes Bedürfnis, die Hand nach ihr auszustrecken und sie zu berühren, war ebenfalls gewachsen, aber er war besser darin als sie, seine Gefühle zu kontrollieren. Sie hatten seit jenem Abend seine privaten Räume nicht mehr betreten, in der Hoffnung, dass der formalere Rahmen seines Büros ihnen helfen würde, innerhalb der abgesteckten Grenzen zu bleiben.

"Dann wirst du mir sicher erlauben, selbst auch ein eigenes kleines Experiment durchzuführen..." sagte er, und unterdrückte seine Belustigung angesichts des Ausdrucks in ihrem Gesicht, als er an sie herantrat und unmittelbar vor ihrem Sessel stehen blieb.

"Was für ein Experiment?" fragte sie argwöhnisch.

"Ich werde keinen Zauberstab benutzen."

"Oh... Aber hast du nicht gesagt, dass ohne Zauberstab die Kraft, die du einsetzen mußt, weniger konzentriert ist und deshalb schwieriger zu kontrollieren?" fragte sie, einen Anflug von Besorgnis in der Stimme.

"Schon, aber ich werde keine Kraft aufwenden müssen, da du ja keinen Schutzwall aufbauen wirst. Es sollte also keine Rolle spielen, ob ich meinen Zauberstab gebrauche oder nicht." Wenn diese Theorie stimmte, dann müßte es ihm möglich sein, auch ohne Zauberstab in ihren Geist einzudringen. Seit sie auf diesen neuen, unerwarteten Aspekt von Legilimentik gestoßen waren, hatte er den Wunsch verspürt, ihn näher zu erforschen. Besonders eine Frage hatte seine Neugier geweckt, obwohl weitergehende Recherchen noch mindestens drei weitere Monate würden warten müssen: Was Legilimentik wohl zu der Gesamterfahrung beitragen würde, wenn man sie in einer intimen Situation einsetzte. Nach allem, was sie entdeckt hatte, versprach es, überwältigend zu sein. Auf jeden Fall wäre zauberstablose Legilimentik sehr praktisch, da seine Hände vermutlich anderweitig beschäftigt sein würden, wenn er seine Theorie endlich testen konnte.

Für den Moment legte er sie auf die Armlehne ihres Sessels, um seinen Oberkörper abzustützen, als er sich zu ihr hinunterbeugte. Es brachte ihre Gesichter einander sehr nahe und erlaubte engen Augenkontakt, führte aber auch dazu, dass er über ihr aufragte während sie in die Ecke ihres Sessel gedrängt war.

Obwohl Severus immer Acht gab, dass andere ihm nicht zu nahe kamen, war das Mißachten des gebotenen Diskretionsabstandes anderen gegenüber ein wirksames Mittel der Einschüchterung, das er oft und ohne darüber nachzudenken gebrauchte. Er hatte auch gerade nicht darüber nachgedacht. Wenn er es getan hätte, wäre ihm klar geworden, dass die Position, die alle anderen Schüler hätte angstvoll zurückweichen lassen, keinerlei solche Wirkung auf Hermine hatte. Seine unerwartete Nähe machte sie nur wuschig ließ ihr Herz schneller schlagen. Verdammt. Ein wenig zerknirscht wurde ihm klar, dass dies das Verbergen ihrer Emotionen nicht gerade leichter machte.

Nun denn, dann würde es eben ein Test unter erschwerten Bedingungen werden – er würde jetzt keinen Rückzieher machen. "Mach dich bereit", sagte er leise, und es war all die Warnung, die er ihr gab. Ohne die Zauberformel zu sprechen, ließ er sich einfach in ihre Augen fallen.

Sofort fand er sich auf der Schwelle ihrer Gedankenwelt wieder – ziemlich wörtlich sogar, da er in einer Art offenem Durchgang zu stehen schien. Er sah aus, als würde er in einen von Hogwarts zahlreichen Innenhöfen führen, wenn man außer Acht ließ, dass er sehr hoch über dem Boden lag – wobei es nicht mal einen Boden gab. Unter ihm erstreckte sich der Schwarze See – oder ein Gewässer aus tiefstem Blau, das an ihn erinnerte. Sonnenlicht glänzte auf der sich sanft kräuselnden Oberfläche und schien einladend zu funkeln, als wollte Hermine, dass er darin eintauchte. Einen Moment lang wurde er wieder von diesen seltsamen Gefühl übermannt. Es war das Vertrauen, das sie ihm so arglos entgegenbrachte – es warf ihn jedesmal um, erfüllte ihn mit Staunen, Verwirrung und Hochgefühl.

Anders als bei seinem letzten Versuch, in ihren Geist einzudringen, als die plötzliches Nachgiebigkeit ihres Schildes sein Eindringen beinahe wie einen sexuellen Akt hatte erscheinen lassen, war diesmal nichts daran sexuell. Er hatte eher das Gefühl, als stünde er im Begriff, ein heiliges Ritual zu begehen – auch, wenn der Gedanke ihm selbst völlig lächerlich erschien. Er war kein gläubiger Mensch.

Er konnte sich deshalb seine folgende Handlung nicht wirklich erklären... Vielleicht tat er es, weil die Visualisierung von Wasser danach verlangte, oder vielleicht auch, weil er das Gefühl hatte, ein Entgegenkommen zeigen und ihr im Austausch für ihr Vertrauen ebenfalls etwas geben zu müssen. Jedenfalls fühle er sich in dieser seltsamen, metaphysischen Welt getrieben, seinen Schutzmantel aufzuknöpfen und abzulegen; sich in der geistigen Vorbereitung darauf, in die Tiefen ihres Geistes einzutauchen, zu entblößen. Lage um Lage seiner Hüllen verschwand im Äther sobald er losließ, bis er schließlich nackt dastand. Nicht nackt im Sinne von körperlich ausgezogen, da er in ihrer geistigen Welt gar keinen physischen Körper besaß, sondern einfach bar der kaschierenden und beengenden Verkleidungen, die er stets trug.

Er schluckte den Kloß hinunter, der in seinem Hals steckte, holte tief Luft und schloss die Augen. Und dann sprang er kopfüber in das einladende Wasser.

Hermine, die von seiner überraschenden Nähe ein wenig aus der Bahn geworfen war, hatte im Versuch, sich wieder zu fangen, sofort alle ihre Gedanken auf die Visualisierung ihres Gedankensees konzentriert. Seine Oberfläche, gekräuselt und mit einem Muster aus von hellen und dunkleren Blautönen versehen, spiegelte ihre leichte Unruhe wider. Als sie diesmal auf das Errichten einer Mauer verzichtet hatte, hatte sie stattdessen irgendwie eine Art Eingangsbereich zu ihrem Geist erschaffen. Sie konnte ihn dort fühlen, wie ein dunkler Schatten am Rand ihrer Wahrnehmung, nicht ganz drinnen, aber auch nicht ganz draußen. Sie spürte auch seinen Moment des Zögerns, der vermutlich seinen Vorbehalten über die geteilte Vertraulichkeit geschuldet war. Obwohl wie nichts mehr zu verbergen hatte, wünschte sie sich doch keine Wiederholung dessen, was zuvor geschehen war.

Dennoch, seine spürbare Nervosität half ihr, die ihre zu beruhigen. Sie fühlte, wie die Wellen abflachten und am Ufer ausliefen, sodass sich die Oberfläche des Sees glättete und schließlich ruhig und heiter dalag – wie die der Hogwartssee an einem besonders windstillen Tag. Aber es lag eine Erwartung in der Luft, eine gesteigerte Wahrnehmung, die sie besonders empfänglich für seine Gegenwart machte. Irgendetwas daran hatte sich verändert.

Es war schwer in Worte zu fassen. Wäre sie gezwungen gewesen, es zu beschreiben, hätte sie gesagt, dass es sich anfühlte, als wäre die Person, die kurz davor war, in ihren Geist einzutauchen, nicht Severus Snape war, der renommierte Zaubertränkemeister, nicht Professor Snape, der Hausvorstand von Slytherin, und nicht der geläuterte Todesser, das Ordensmitglied oder der Spion. Nicht mal Snape, der Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlte und der alle möglichen aufregenden Gefühle in ihr erweckte. Nein, dies war einfach nur – Severus. Ein Mensch, verletztlich, mit Fehlern und Schwächen und seinen eigenen Unsicherheiten, rau und ungeschliffen. Und instinktiv begriff sie, was er getan hatte. Dieser so sorgsam zugeknöpfte, reservierte und stolze Mann ließ sie sehen, was er so sorgfältig vor allen anderen verbarg. Ihr wurde unsäglich warm ums Herz.

Als er in ihren wartenden Geist eintauchte, war das Gefühl allumfassender, intensiver als je zuvor – als wäre er, anstatt wie zuvor nur vorsichtig etwas in ihrem Inneren zu berühren – nun völlig in ihr versunken. Obwohl sein Eindringen erwartet, sogar willkommen war, erzeugte es doch zunächst eine aufgewühlte Unruhe, die sich in alle Richtungen ihres Geistes ausbreitete, als wäre ein Stein in einen See geworfen worden, der nun einen Kreis von Wellen bis ans entfernteste Ufer sandte und Dinge vom Boden aufwirbelte.

Severus war einen Moment lang desorientiert, als bedingt durch die Turbulenzen, die er hervorgerufen hatte, aus der Dunkelheit unter ihm Blasen aufstiegen. Er war schon halb in der Erwartung einer großen Welle, die ihn zurück ans Ufer und aus ihrem Geist herauswerfen würde, aber stattdessen beruhigte sich das Wasser langsam wieder um ihn herum, als sich Hermine bewusst entspannte und die Dinge einfach geschehen ließ. Severus Gegenwart war vertraut. Zaghaft streckte sie sich nach ihm aus und berührte ihn.

Er konnte die sanfte Bewegung des Wasser beinahe wie ein Liebkosung spüren, die aber immer noch rein gar nichts Sexuelles hatte. Es fühlte sich tröstlich an, besänftigend – ein seltsames Gefühl, das er noch nie zuvor empfunden hatte. Obwohl er ein störendes Element war, das nicht hierher gehörte, hatte sie ihn zu einem Bestandteil ihrer Welt gemacht, und so schwamm er in der Stille und Heiterkeit von Hermines Geist.

Es war ruhig und friedlich, es war nicht mal nötig zu atmen. Er fühlte sich komplett schwerelos als das warme Wasser ihn mühelos trug. Es war so leicht, sich in dem Gefühl zu verlieren und zu vergessen, warum er überhaupt hier war. Einen kurzen Moment lang dachte er er, er würde sich sogar gerne darin verlieren – in dieser Wärme und Schwerelosigkeit, in der Abgeschiedenheit, die sich überhaupt nicht wie Einsamkeit anfühlte.
Leicht aufgeschreckt von diesem Gefühl der Behaglichkeit rief er sich in Erinnerung, wo er war und was er hier tun wollte. Entschlossen begann er, sich wieder zu bewegen – schwamm er? Es gab nichts, woran er sich orientieren konnte, nichts was ihm einen Richtung wies.

Unter ihm war Dunkelheit – vermutlich der Ort, wo sie ihre Geheimnisse aufbewahrte – und er tauchte hinab. Um ihn herum waberten vage Formen aus Licht und Schatten – oder waren es nur Reflexionen von der silbrigen Oberfläche über ihm? Er war sich nicht sicher.

Einen kurzen Moment lag tauchte etwas vor seinen Augen auf – etwas Leuchtendes, Farbenprächtiges und Lebendiges. Ein Gedanke oder eine Erinnerung? Er streckte die Hand danach aus, aber bevor es greifen konnte, war es wieder in die Dunkelheit verschwunden. Er bemerkte nun, dass er von diesen geisterhaften Schemen umgeben war... sie waren alle von unterschiedlicher Farbe und trieben in sein Sichtfeld und wieder hinaus – eines hell, ein anderes trübe, einige blass oder sogar durchsichtig, wie Quallen. Aber so oft er diesen Formen auch nachjagte und versuchte, eine zu greifen, sie glitten ihm jedes mal durch die Finger.

Er beschloß, diese flüchtigen Gedanken und Erinnerung zu ignorieren und stattdessen gleich auf den Grund vorzudringen. Irgendwo in diesem See musste es doch einen Boden geben. Aber obwohl das Wasser dunkler wurde, je weiter er hinab tauchte, und obwohl er sicher war, dass es dort unten dunklere, schlammigere Stellen geben musste, so konnte er doch immer wieder den ein oder anderen Lichtstrahl durch die Dunkelheit fallen sehen, als würde ein Sonnenstrahl von oben auch den Weg selbst in die tiefsten Tiefen dieses Gewässers gefunden haben.

Er war nicht mal mehr sicher, ob es überhaupt ein See war. Es fühlte sich eher an, als würde er in die Tiefsee des Ozeans tauchen; es schien einfach kein Ende zu geben. Er hatte beinah aufgelacht bei dem Gedanken – was hatte er erwartet? Hermine war schließlich alles andere als oberflächlich.

Er bewegte sich nun mit Leichtigkeit, verursachte kaum mehr einen Wirbel. Er hatte es aufgegeben, einen dieser fischigen Formen fangen zu wollen, die ihre Gedanken und Erinnerungen waren. Sie wandte gerade erfolgreich Okklumentik gegen ihn an, und er fühlte sein Brust mit Stolz anschwellen darüber, dass sie es wahrhaftig vollbracht hatte. Seine Mission hier war abgeschlossen. Für den Moment war er einfach nur zufrieden, sich in ihrem Geist treiben zu lassen und die Ruhe, die Wärme und das Gefühl von Akzeptanz zu genießen, das ihn umfing, während er die farbprächtigen Erinnerungen heiter um ihn herumschwimmen sah.

'*'*'*'*'*

"Ich habe es geschafft!" stieß Hermine überglücklich hervor, als er schließlich aus ihrem Geist wieder auftauchte. Sie war beschwingt und erfüllt von dem berauschenden Gefühl, etwas vollbracht zu haben. Sie hatte Okklumentik gemeistert! Hätte sie nicht auch das Gefühl gehabt, Rücksicht auf ihn nehmen zu müssen, wäre sie vor lauter Freude am liebsten durchs Zimmer getanzt.

Severus sah ihre geröteten Wange und ihr strahlendes Lächeln und fragte sich, ob es ihr Erfolg war, der sie so glücklich machte, oder ob sie auch noch berauscht war von der Nähe, der Harmonie und dem Gefühl des Eins-Seins, das sie gerade geteilt hatten. Er selbst fühlte sich sehr seltsam. Was gerade passiert war, lag so außerhalb seiner Erfahrungswelt, dass er nicht wirklich wusste, wie er es einordnen sollte. Er fühlte sich auch merkwürdig erfrischt – als ob er gerade einen erholsamen Nachmittagsschlaf gemacht hätte. Er konnte nur vermuten, dass die Behaglichkeit, die Akzeptanz und die stille Heiterkeit in der er gebadet hatte, ihn zum alleresten Mal in langer Zeit völlig hatte entspannen lassen. Und Entspannung war kein Zustand, mit dem sein Geist oder sein Körper eng vertraut war.

Einmal mehr dankbar für seine Fähigkeit des Kompartmentalisierens*, schob die seltsame Gelassenheit und Seelenruhe, die ihn erfüllte, hinter seine Okklumentikwälle und schlüpfte in die vertraute Lehrerrolle, als er ihre Leistung würdigte.

"Meine Glückwünsche, Miss Granger!" sagte er im gleichen Tonfall, den er vermutlich benutzt hätte, wenn Longbottom überraschend einen brauchbaren Zaubertrank produziert hätte. "Du kannst dich mit Fug und Recht eine Okklumentikerin nennen." Sich bewusst werdend, dass ein Ton ein wenig seltsam war, wenn man bedachte, zu wem er sprach, fügte er ein wenig betreten, in einem leicht scherzenden Tonfall und mit einem kaum sichtbaren Grinsen hinzu: "Und eine Streberin."

Angesichts seiner unbestreibaren Autorität auf dem Gebiet war Hermine klar war, dass es ein wirklich großes Kompliment war. Nun, da sie besser verstand, wie dieser komplizierte Mann tickte, konnte sein oft brüsker Ton sie kaum mehr treffen. Nach dieser unglaublichen, wundervollen und unbeschreiblichen Erfahrung, die sie gerade geteilt hatten, war das Zurückfallen in eine vertraute Tonlage und Verhaltensweise nur eine weitere Methode, mit der er sich schützte. Nähe, besonders emotionale Nähe, wühlte ihn noch immer sehr auf. Sie schrieb es seiner Kindheit zu. Er war vermutlich viel zu selten in den Arm genommen, berührt und gekost worden, und wusste nicht, wie er mit den Gefühlen umgehen sollte, die das hervorrief. Als Erwachsener war er immer distanziert gewesen, unnahbar und sich selbst genügend. Gut möglich, dass sie der erste Mensch war, den er überhaupt so nah an sich heranließ.

Und ihn so in ihrem Geist zu fühlen war... nicht wie Sex gewesen, wie er einmal vermutet hatte, sondern mehr wie das Kuscheln, das nachher kam. Emotionale und körperliche Nähe auf einmal. Kein Wunder, dass er völlig durch den Wind war. Vermutlich hatte er noch nie mit jemandem geschmust.

Das Gefühl war unbeschreiblich gewesen. Sie konnte ihn noch immer spüren, in den unerreichbaren Stellen in ihrem Geist, wo er gewesen war – ähnlich, wie seine Stimme noch immer in ihren Ohren nachklang, wenn er längst aufgehört hatte, zu reden. Oder sein Geruch, den sie immer noch eine Weile in der Nase hatte, selbst, nachdem sie den Kerker verlassen hatte. Sie wusste schon jetzt, dass sie das Erlebnis wiederholen wollte, so gering die Wahrscheinlichkeit, dass er es zulassen würde, auch war.

"Danke", sagte sie, und lächelte sanft. "Dafür, dass du mich unterrichtet hast. Ich weiß, dass es nicht leicht für dich war und bin deswegen umso dankbarer dafür." Sie wollte ihm gerne das Unbehagen ersparen, in emotionalen Momenten nach den richtigen Worten suchen zu müssen, aber sie würde nicht aufhören, ihm zu danken, wenn ein Dank verdient war. Er würde sich einfach daran gewöhnen müssen, ihn entgegenzunehmen.

"Gern geschehen", antwortete er nach nur einen kurzen Moment des Zögerns. Na also. Er wurde schon besser darin.

"Können wir jetzt einen Tee trinken?" fragte Hermine, sich seiner erbarmend. Wenn er jetzt Normalität brauchte, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, würde ihr vertrautes Teeritual sicher helfen. "Obwohl ich ja eigentlich finde, der Anlass hätte auch einen Feuerwhiskey verdient."

"Das hättest du wohl gerne", meinte er mit strafenden Blick.

Um ehrlich zu sein, nicht wirklich. Es war nicht seine kein-Alkohol-für-Schüler-Politik, die ihr zu schaffen machte, sondern die nicht-den-Lehrer-küssen-Regel, die er aufgestellt hatte. Nun denn. Nur noch gut drei Monate.

"Solltest du nicht lieber ins Bett gehen?" fragte Severus. "Es ist spät." Er hielt noch immer wachsam ihre Schlaf- und Essensgewohnheiten im Auge. Sie vergaß allzu oft, dass Gedankenfutter ihren Körper nicht ernähren konnte, und dass entspanntes Lesen in seinem Büro keinen anständigen Schlaf ersetzte.

"Das werde ich", versicherte Hermine. "Sobald ich meinen Tee getrunken habe."

Es war oft so. Wenn er sie nicht an einem bestimmten Punkt rauswarf, würde sie vermutlich wieder auf seinem Sofa einschlafen. Aber was schon vor ein paar Monaten kaum akzeptabel gewesen war, war jetzt undenkbar.

Das Problem war nur, dass er sich an ihre Gesellschaft gewöhnt hatte. Seltsamerweise war es immer fürchterlich still, nachdem sie gegangen war, und das lag nicht daran, dass sie viel Lärm machte. Er war angenehm überrascht gewesen festzustellen, dass sie nicht endlos plapperte wenn man ihr die Gelegenheit gab, sondern normalerweise ebenso konzentriert war wie er, wenn sie ins Lernen vertieft war. Dennoch – allein, sie atmen zu hören oder das Geräusch, wenn sie die Seite umschlug, war seltsam beruhigend, und er vermisste beides, wenn sie fort war.

Nicht übermäßig begierig, sie gehen zu sehen, gab er nach und berührte seinen Teekessel, während er sich fragte, was für eine Magie sie auf ihn ausübte, dass er es fast unmöglich fand, ihr gegenüber 'nein' zu sagen. Es wäre vermutlich gut, wenn er wenigstens im Schlafzimmer seine Autorität würde geltend machen können.

"Wundern sich deine Freunde nicht inzwischen, warum du fast deine ganzen Abende im Kerker verbringst?"

Hermine zuckte die Achseln. "Ich glaube, Harry hat einen Verdacht, ist aber zu schüchtern, um zu fragen. Ron denkt immer noch, dass ich die ganze Zeit in der Bibliothek bin. Er ist auch viel zu sehr beschäftigt, mit Lavender rumzumachen, um sich über meine Abwesenheit zu wundern. Ehrlich, es ist genau wie im vierten Jahr. Und Draco – der ja eigentlich gar nicht wissen kann, ob ich im Gryffindorturm bin oder nicht – weiß Bescheid."

"Du hast es ihm gesagt?" Er war überrascht, dass sie ausgerechnet ihren früheren Erzfeind ins Vertrauen gezogen hatte.

"Nein, ich habe niemandem etwas gesagt. Aber er hat eine ganz merkwürdige Antenne wenn es um Leute geht, genau wie Luna. Er hat es um Weihnachten herum herausgefunden und macht seitdem ständig subtile Bemerkungen voller Anspielungen. Ich bin überrascht, dass sonst noch niemand darauf angesprungen ist."

"Du bist die einzige, die inzwischen genügend Slytherin spricht, um sie zu verstehen", grinste Severus. "Draco weiß das sicher auch. Er würde uns nicht in Schwierigkeiten bringen wollen."

"Das könnte er sowieso nicht. Dank dir kann ich jedem der fragt, die Wahrheit sagen: Dass ich viele Abend mit dir zusammen braue, dir mit deinen Forschungen helfe, Hausaufgaben korrigiere und für meine KATZEn lerne. Was in meinem Kopf und in meinem Herzen vorgeht, geht niemanden was an. Die einzige, die wirklich weiß, was Sache ist, ist Luna. Aber sie weiß vermutlich auch schon, wieviele Kinder wir mal haben werden und in welche Häuser sie kommen."

Severus war einen Moment lang ziemlich entgeistert - einerseits über die fremdländische Vorstellung und über die Tatsache, dass Hermine sie mit einem Schulterzucken hinnahm. Dann schüttelte er den Kopf. "Das kann sie nicht wissen", antwortete er in dem gleichen, trockenen und ernsten Ton. "Die einzigen Wesen, die verlässliche Informationen über die Zukunft geben können, sind langnasige Flitzpeltzer, und die kann man in unserer nördlichen Hemisphäre nur in geraden Jahrhunderten antreffen."

Hermine lachte. "Oh, gut! Dann sind sie also jetzt gerade in Australien? Ich könnte versuchen, sie zu finden, wenn ich demnächst meine Eltern besuche!"

"Dummerweise reden sie nur mit Schafen, aber wenn du dich entsprechend verkleidest... sie sind leicht zu täuschen."

"Ich frage mal nicht nach, woher du das weißt..." grinste Hermine, ehe sie ihr eigens Stichwort aufgriff: "Wo wir gerade von Familienbesuchen sprachen: Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie dein Besuch in Prince Haus letztes Wochenende gelaufen ist..."

Sein erstes Zusammentreffen mit seiner Tante während der Weihnachtsferien war überraschend gut über die Bühne gegangen. Nach seinen Schilderungen war Honoria Prince eine ziemlich respekteinflößende Person – reserviert und ein wenig steif, aber ehrlich und ehrbar. So wie er sie beschrieben hatte, hatte sie Hermine ein wenig an Minerva erinnert.

"Da gibt es nicht viel zu erzählen", tat Severus ihr den Gefallen und berichtete dennoch. "Wir haben gemeinsam zu Abend gegessen. Wir haben geredet. Oder besser gesagt, sie hat mich wieder erbarmungslos durch die Mangel gedreht, war aber lobenswert subtil dabei. Die alte Dame ist durch und durch eine Slytherin."

"Und hast du ihr befriedigende Antworten gegeben?"

Seine Mundwinkel zuckten amüsiert. "Nun, sagen wir, ich war sehr subtil dabei."

"Klingt wirklich nach einem tollen Abend... ich kann mir fast vorstellen, wie ihr so beide um den heißen Brei herumtanzt, einander Fangfragen stellt, versucht, doppeldeutige Antworten zu interpretieren und versteckte Motive zu finden – und all das nur, um herauszufinden, ob der jeweils andere die Erfordernisse erfüllt, die man an einen anerkannten Verwandten so stellen mag. Und ich hatte gehofft, dass es diesmal etwas lockerer sein würde."

Er schnaubte. "Was hast du erwartet? Angeregtes Geplauder, Scherze und wir, die wir uns gegenseitig das Herz ausschütten?" fraget er zurück. "Wir waren höflich und respektvoll miteinander, und alles, was wir vielleicht bedauern, wurde dezent angedeutet, ebenso wie eventuelle Entschuldigungen. Wir sind Slytherins, keine Gryffindors."

Hermine grinste. Wenn er Hauszusammengehörigkeit ins Spiel brachte und sich mit seiner Tante gegen Gryffindors verbündete, mußt er Madam Prince doch recht gut leiden können. "Heißt das, dass du dich in die Famlie hineinadoptieren lassen willst?"

"Es gibt keinen Grund zur Eile, solange meine Tante lebt", sagte er betont gleichgültig. "Sie hat mir das Testament meines Onkels gegeben. Ich kann es jederzeit dem Ministerium vorlegen. Der ganze Besitz wir mir zufallen, sobald dich die Papiere unterschreibe, die mich offiziell zu einem Prince machen."

Hermine schüttelte den Kopf. "Manchmal ist die magische Welt enttäuschend profan. Die Papiere unterschreiben macht dich zu einem Prinz? In Märchen muss man wenigstens gegen die Wand geworfen oder von einer schönen Maid geküsst werden um sich von Frosch oder Biest in einen Prinzen zu verwandeln."

Er zuckte die Achseln. "Nun, ich wurde zwar nicht gegen die Wand geworfen und war auch nie ein Frosch, aber abgesehen davon erfülle ich alle Bedingungen."

Hermine brauchte zwei Sekunden, um das implizierte Kompliment herauszuhören. "Hast du gerade gesagt, dass du manchmal ein Biest warst und dass du mich schön findest?" vergewisserte sie sich, und blinzelte.

"Nein. Das habe ich ganz sicher nicht gesagt."

"Nun, wie wir festgehalten haben, spreche ich inzwischen ein wenig Slytherin, und ich glaube wirklich, dass du genau das getan hast. Wollen wir die magische Feder herausholen und meine Theorie testen?"

Er sah sie argwöhnisch an als sie aufstand, nicht sicher, was sie vorhatte.

"Wir werden heute ganz sicher keine Theorien mehr testen!" sagte er fest, schob seinen Stuhl zurück und stand ebenfalls auf – nur für alle Fälle. "Aber wenn du darauf bestehst, kann ich einräumen, dass du definitiv nicht unansehnlich bist. Bitte sehr. Befriedigt dich das nun?"

"Ganz und gar nicht", sagte sie unumwunden. "Aber ich bin sehr angetan festzustellen, dass ein heimlicher Romantiker in dir steckt... Nur an deinen Komplimenten müssen wir arbeiten, damit sie ein bißchen mehr 'gryffindor' werden. Wie wär's, wenn du es noch mal versuchst?"

"Auf gar keinen Fall."

"Mein Selbstwertgefühl braucht das." Es war nicht wirklich eine Lüge. Sie hatte nicht allzu viele Komplimente über ihr Aussehen bekommen. Und wenngleich sie sich selbst auch nicht als unansehnlich empfand, so würde sie sich auch nicht unbedingt als schön bezeichnen.

"Du bist eine intelligente Hexe. Du brauchst keine Komplimente um zu wissen, welche Wirkung du auf mich hast."

"Ich könnte es ja versuchen rauszufinden.."

"Hermine!" Er sah sie streng an und machte einen unauffälligen Schritt rückwärts, als sie auf ihn zutrat.

"Bitte?" Ihn einfach nur sagen zu hören 'ich finde dich hübsch' wäre genug. Jedes Mädchen brauchte ab und an mal ein Kompliment. Besonders Bücherwürmer, die immer nur wegen ihres Verstands gepriesen wurden. Was sah er, wenn er sie ansah?

"Wirklich, Frau, du bist mein Untergang!" seufzte er, sah ihr dann fest in die Augen und fügte in weichem Ton hinzu: "Natürlich finde ich dich schön. Dein verrücktes Haar hat Feuer und Temperament und strahlt förmlich mit der Kraft deiner Magie. Und doch bist du so zierlich und zart, dass ich dich am liebsten in etwas Weiches einhüllen und immer nah bei mir halten würde, um sicherzugehen, dass dir niemals wieder etwas zustößt. Deine Augen haben die Unschuld, Reinheit und Ehrlichkeit eines Kindes, und dennoch liegt in ihnen so viel Verständnis, Reife und Weisheit, dass ich nicht sagen kann, ob sie jung oder alt blicken. Dein Körper hingegen ist eindeutig der einer Frau – so stark, so weich und so nachgiebig, wann immer ich ihn gegen den meinen gespürt habe. Und dein Lächeln lässt einfach den Raum erstrahlen, sogar hier im Kerker. Es ist betörend, und wenn du mich anlächelst, verschlägt es mir jedes Mal den Atem."

"Severus..." haucht sie, völlig überrollt. "Das ist das netteste, was je ein Mensch zu mir gesagt hat. Du brauchst ganz sicher nicht an deinen Komplimenten zu arbeiten. Das war wundervoll! Ich würde dich auf der Stelle küssen, wenn das nicht strengstens verboten wäre..." Mit einem weiteren Schritt stand sie unmittelbar vor ihm und lächelt mit leicht feuchten Augen zu ihm auf.

Er warf ihr einen warnenden Blick zu und machte ein unauffällige Bewegung von ihr weg. "Das ist es allerdings!" bestätigte er, und runzelte wieder die Stirn. "Benimm dich!"

"Nur drei Monate, und dann kann ich mich soviel daneben benehmen und dich küssen so oft ich will..." sagte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte einen zarten, keuschen Kuss auf seine Wange. "Bis dahin werde ich acht Monate nachzuholen haben – bereite dich also schon mal auf ganz viele richtige Küsse und Umarmungen vor, Severus!"

Und mit dieser kühnen Ankündigung nahm sie ihre Tasche von seinem Schreibtisch und verließ augenzwinkernd sein Büro.


A/N: *Nochmal zu Erinnerung: KATZEn war meine Übersetzung für NEWTs (Nastily Exhausting Wizarding Tests): Kaum auszuhaltende, traditionelle Zauber-Examina

Was das Wort 'Kompartmentalisieren' angeht, so bin ich nicht sicher, dass es das auf Deutsch überhaupt gibt. Ich habe es einfach mal aus dem Englischen so übersetzt. 'Compartmentalize' ist die Fähigkeit, seine Gedanken zu sortieren und alles in hübsche kleine Schubladen zu ordnen und wegzuschließen.