Der Fotograf.


Mittlerweile ist es Abend geworden. Oben war das Personal damit beschäftigt, den Tagesausklang der Familie Grantham so angenehm wie möglich zu gestalten. Und damit das funktionierte, herrschte unten bei den Bediensteten ein geschäftiges Treiben: Mrs. Patmores Töpfe und Pfannen zischten, schepperten und dampften. Ab und an konnte man die energische Stimme sogar durch die Gänge rufen hören. Mr. Carsons Stimme unterdessen versuchte sich Gehör bei der Köchin zu verschaffen, um herauszufinden, was es heute denn zum Dinner gäbe. Und Mrs. Hughes war damit beschäftigt, der Genauigkeit ihrer betriebsamen Mädchen nachzugehen.

Alles schien hier unten seinen gewohnten Gang zu gehen. Mr. Carson schien zufrieden und machte sich mit den gerade erhaltenen Informationen in sein Büro auf, um dort die Tischkärtchen mit dem heutigen Menü zu schreiben. Er schloss die Tür hinter sich um den Lärm so gut es ging auszuschließen. So konnte er sich besser auf Tinte und Feder und die damit entstehenden feinen, geschwungenen Letter konzentrieren. Er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Er holte tief Luft, hielt sie für einige Sekunden in sich und ließ sie dann langsam aus seinen Lungen entweichen. Schön, wieder hier zu sein.
Erst jetzt griff er nach dem Federkiel und tauchte sie in sein Tintenfass ein.

Mit den getrockneten Speisekärtchen in der einen Hand machte sich Mr. Carson auf in das Speisezimmer. Die Gedanken des Butlers kreisten bereits um die Zeit nach dem Dinner. Er wusste, sobald die Familie gegessen hätte, würde es wieder ruhiger zugehen und das Ende des Tages noch näher sein. Ein eher unüblicher Gedanke für Charles. Aber er war so erleichtert, dass zwischen Elsie und ihm nun wieder alles harmonisch zu sein schien, dass er sich wirklich sehr auf den Feierabend freute. Es war schließlich der erste richtige Feierabend in seinem Leben: Von der Arbeit nachhause gehen konnte er noch nie. Er konnte heute nach einem Arbeitstag mit seiner Frau gemeinsam nachhause gehen und dort Ruhe und Zweisamkeit finden. Was für ein herrlicher Ausblick.

Es war ein langer erster Arbeitstag nach den Flitterwochen gewesen. Er war nicht länger im Sinne von anstrengender als üblich. Aber seine Ungeduld, um mit seiner Frau endlich gemeinsam in den Feierabend spazieren zu können, ließ den Tag sehr träge vergehen. Zumal Charles vor gar nicht allzu langer Zeit eine intime Auseinandersetzung mit Mrs. Hughes hatte. Ein süffisantes Grinsen huschte ihm über die Lippen. Er hatte vor, die „Unterhaltung" von vorhin zuhause fortzuführen. Auch wenn er es absichtlich nicht beendet hatte, unvollendete Sachen waren schon immer unbefriedigend für ihn. Auf den Heimweg freute sich Charles daher schon sehr. Er wusste, dass das Heimkommen heute Abend viel angenehmer wird, als es das Weggehen heute Morgen war.

In der anderen Hand hielt er seinen hölzernen Maßstock, er würde jetzt den gedeckten Esstisch kontrollieren und danach die Speisekärtchen anbringen. Teller, Gläser und Besteck mussten den richtigen Abstand haben, genauso wie die Stühle zur Tischkante.

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"Lady Grantham ist gut in London angekommen. Miss Baxter hat mich nach dem Abendessen angerufen.", Charles seufzte ein wenig und ging neben Elsie im Gleichschritt den Flur entlang. Die Arbeit war für heute getan.

"Und weshalb dann das lange Gesicht?", fragte Elsie verwundert.

"Sie konnte noch keinen Fotografen finden."

"Ach, du, mit deinen Vorstellungen immer!", Elsie kicherte. "Natürlich hat sie heute noch niemanden gefunden, Charles. Sie sind erst heute in London angekommen, da hat sie viel zu tun. Miss Baxter hat wohl kaum Zeit gehabt, um nur für uns in der Stadt spazieren zu gehen. Das dauert."

Charles stieß ein zustimmendes Brummen aus. Elsie hatte Recht, das wusste er. Er wusste es sogar schon, bevor er es selber ausgesprochen hatte.

Als sie bei den aufgehängten Mänteln ankamen, griff er nach dem ihren und half seiner Elsie wie selbstverständlich in den Mantel hinein und reichte ihr ihren Hut. Nachdem auch er seinen Mantel übergeworfen hatte und sein Hut auf dem Kopf war, öffnete er die Tür der Bediensteten und ließ Elsie hindurch schreiten.
"Es war ein langer Tag, nicht wahr, Charlie?", meinte Elsie, als sie darauf wartete, dass er die Tür hinter sich schloss.
"Das stimmt, Elsie.", stimmte er seiner Frau zu und verschloss die Tür. Sie machten sich auf den Heimweg.

Weißt du, dass ich mich schon den ganzen Tag darauf gefreut habe, mit dir gemeinsam nachhause zu gehen?"

Bei den Worten blieb Charles stehen und sah Elsie skeptisch an. Das konnte er nicht so ganz glauben und brachte das mit seinem Gesicht zum Ausdruck. Seine Augenbrauen saßen nun am Haaransatz. Elsie musste lachen, denn sie hatte mit ihrer Wortwahl offensichtlich übertrieben.

Ok, ok, also nachdem wir uns in deinem Büro unterhalten hatten, habe ich mich darauf gefreut. Zufrieden?"

Charles fand, es war viel zu viel Platz zwischen ihnen, griff nach ihrem Oberarm und zog sie mit einem Ruck zu sich.

Welchen Grund hätte ich, unzufrieden zu sein?", Charles Blicke trafen Elsie direkt in ihrem Herzen. Er strich ihr liebevoll über die Wange und meinte: „Ich habe die störrischste Frau auf Erden geheiratet."

Charles legte in seine Worte viel Anerkennung, Elsie erkannte das auch in seiner Berührung. Auf ihrer Stirn platzierte er einen wertschätzenden Kuss. Ihre Hand führte er zu seinem Ellenbogen und hielt sie dort gut fest. Er setzte seine Füße wieder in Bewegung, zog sie mit sich und geleitete voller Stolz seine eingehakte Frau nachhause.

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Miss Baxter hielt wieder einmal ihre Augen offen, um für Mr. Carson einen passenden Fotografen zu finden. Der Tag war frühlingshaft frisch und auf den Straßen befand sich reges Treiben.
Sie war aber nicht sehr positiv eingestellt, heute jemanden zu finden. Die Route ist sie vor wenigen Tagen schon gegangen, als sie wegen einer Bestellung zur Schneiderei musste.
Heute sollte sie dort den Stoff für Lady Grantham abholen. Jedes Mal wenn es sich ergab und sie in die Stadt musste, hielt sie Ausschau für Mr. Carson. So kam es, dass sie zwar bereits vier Fotografen gefunden hatte, aber keiner für Mr. Carsons Wüsche zur Verfügung stand. Sie zeigten alle keinen Gefallen daran, eine Frau lachend abzulichten. Ein Fotograf empfand es sogar als "verstörend" und scheuchte Miss Baxter schnellstmöglich wieder aus seinem Atelier, um seine anderen Kunden vor solchen Verrücktheiten zu bewahren.
Mittlerweile verweilte Lady Grantham schon den achten Tag in London. Und übermorgen würden sie wieder abreisen. Die Zeit wurde also knapp.
Miss Baxter schlenderte durch die belebten Gassen. Lady Grantham war am Vormittag so nett und bot der umsorgenden Kammerzofe für heute Nachmittag ein wenig freie Zeit an, sobald sie bei der Schneiderei war. Freudig nahm sie das Angebot an. Sie wollte gerne schauen, ob sie vielleicht für Mr. Molesley ein interessantes Buch in einer Bücherei finden würde und es ihm als Überraschung mitbringen. Sie mochte Mr. Molesley wirklich sehr gerne. Bei dem Gedanken an ihn, sauste ihr ein zaghaftes Grinsen übers Gesicht.
Nach wenigen Minuten kam sie an einem eingezäunten Park vorbei. In der Mitte war ein anmutiger Springbrunnen, der von einigen Bänken umkreist war. Sie nutzte die Chance und ließ sich von der lieblichen Atmosphäre einladen, um eine Pause zu machen. Sie genoss das Plätschern und die junge Luft des Jahres, die schon ein wenig Blumenduft in sich trug.
Wenige Augenblicke später, setzte sich ein älterer Mann neben sie. Er erschien sehr höflich und grüßte sie, als er sich setzte.
Irritiert von seiner Ausstrahlung, linste Miss Baxter immer wieder zu ihrem Sitznachbarn hinüber. Ihr war so, als kannte sie diesen Mann, wusste aber nicht, woher. Die verstohlenen Blicke von Miss Baxter blieben dem Mann nicht verborgen und lachte sie an. Der Mann verwickelte sie in ein Gespräch.

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Miss Baxter rief am nächsten Morgen Mr. Carson an, um von ihrem zufälligen Treffen im Park zu berichten.

"Konnten Sie etwas ausfindig machen?", fragte Mr. Carson in den Apparat.

"Ich konnte in der Tat jemanden finden, Mr. Carson. Oder eher er mich. Wir haben uns zufällig im Park getroffen.", erzählte Miss Baxter weiter. "Er soll sehr modern sein, aber sehr talentiert. Gerüchten zufolge wird er auch von König und Königin engagiert."

Das waren Worte, die Charles Brust vor Freude anschwellen ließen. In seinem Gesicht zeichnete sich Selbstgefälligkeit ab. Diesen Fotografen wollte er seiner Elsie ermöglichen. Da seine Frau ein Lächeln tragen soll, brauchte Charles ohnehin einen mutigeren Fotografen. Das war schon eine hervorragende Voraussetzung. Aber dass König und Königin ebenfalls Vertrauen in ihn setzten, versüßte Charles das ganze Unterfangen umso mehr. Wer konnte schon behaupten, von dem Fotografen fotografiert worden zu sein, der auch schon König und Königin vor dem Apparat hatte?

"Gut gemacht, Miss Baxter.", freudig drückte Mr. Carson seinen Dank aus. "Und haben Sie mir die Kontaktdaten notiert?"

"Das habe ich, ja. Aber ich muss gestehen, dass es nicht leicht sein wird, bei ihm einen Termin zu bekommen. Ich habe zwei befreundete Kammerzofen hier aus der Gegend nach ihm ausgefragt. Und billig wird er auch nicht sein."

"Letzteres habe ich Ihnen doch gesagt, spielt keine Rolle. Wo hat er sein Studio? In London?"

"Er hat kein Studio. Ich weiß auch nicht genau. Ich habe es nicht so richtig verstanden."

"Wie meinen Sie das?", Mr. Carsons anfängliche Euphorie wirkte gedämpft.

"Er hat gemeint, er käme ausschließlich zu seiner Kundschaft. Er fotografiere nur bei den Menschen zuhause. Das ließe die Fotos authentischer wirken, meinte er. Er gab mir eine Karte, da stehen sein Name und seine Telefonnummer drauf. Mir wurde gesagt, dass er so moderne Fotoapparate haben soll, dass es sogar möglich sein soll, Fotos in Farbe zu bekommen." Miss Baxter schien ebenfalls sehr beeindruckt von dem Fotografen zu sein.

Wie bitte, was?In Charles Ohren stellten sich die feinen Härchen hoch. Er konnte es nicht fassen. Die Euphorie war wieder da! Diesen Fotografen brauchte er unbedingt.

"Und wie kamen Sie auf diesen Fotografen, Miss Baxter?"

"Es war seltsam, Mr. Carson.", begann Miss Baxter. "Als ich eines Vormittags zum Schneider ging, um den bestellten Stoff ihrer Ladyschaft abzuholen, traf ich am Weg zurück auf einen Mann. Wir saßen gemeinsam auf einer Bank. Der, wie es sich dann herausstellte, Fotograf war. Es hat wohl so sollen sein." Miss Baxter erwähnte nicht, das vertraute Gefühl, das der Mann in ihr aufkommen ließ.

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Charles rief in einer Pause die Telefonnummer vom Fotografen an. Anstatt eines Leerzeichens oder der Vermittlerin ertönte Musik. Es war Klaviermusik. "Tah tah tah tah tah tah tah taaah."

Entspannt lauschte Mr. Carson den Klängen, und war versucht seine Beine mitwippen zu lassen, als sich plötzlich eine freundliche Stimme meldete. Wie sich herausstellte, gehörte sie dem Fotografen selbst. Charles vereinbarte einen Termin mit ihm und erkundigte sich zur Sicherheit nun selbst, ob es wirklich möglich wäre, ein Lachen seiner Frau abzulichten. Der Fotograf lachte und bestätigte, dass das für ihn kein Problem sei.

Er vereinbarte mit dem Fotografen, dass er im Gesindetrakt von Downton Abbey erscheinen solle. Gemeinsam würden er und Elsie dann mit ihm zu ihrem Cottage weiter fahren.
Leider hieß es jetzt warten ... Den nächsten freien Termin hatte der Bildermacher erst in zwölf Wochen.

Als das Gespräch beendet war, und die Telefonmuschel wieder aufgehängt, grübelte Charles und verkniff dabei sein Gesicht. Die Stimme kam ihm so vertraut vor. Er überlegte kurz, ob ihm das Gesicht dazu einfiele. Doch er kannte keinen Fotografen.


Na, wer erkennt und hört ebenfalls die Musik aus der Warteschleife? :-) :-) :-)

Die erwähnten Briefe finden doch erst im nächsten Kapitel Platz ;-). Geduld, Geduld!

Bis bald, ihr Lieben! Passt gut auf euch auf.