Szene 4: Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm
Es war ein ganz gewöhnlicher Donnerstag im Hause Hargreeves – so gewöhnlich wie eben ein Tag dort sein konnte – als es an Fives Zimmertür klopfte und Graces Stimme von der anderen Seite der Tür erklang.
„Five? Kann ich reinkommen?" Five schaute von seinem Lehrbuch der höheren Physik auf und seufzte: „Wenn es denn sein muss." Die Tür schwang auf und seine ganz in rosa gekleidete Mutter erschien auf der Türschwelle. „Kannst du bitte hinunter kommen? Dein Vater möchte dich gerne sehen." Five verzog das Gesicht. Er mochte ihn sehen? Das war ja mal etwas ganz was Neues, dachte er, während er sein Buch zuklappte und neben sich aufs Bett legte. Sonst hatte der Alte doch nie für sie Zeit, außer... es ging um eines seiner Experimente. Womit würde der Verrückte wohl dieses Mal aufwarten?
Ein ungutes Gefühl stieg in ihm auf, als er aufstand und auf den Gang hinaustrat, wo sich bereits seine Geschwister tummelten. „Weiß einer, was hier los ist"? fragte Klaus gerade in die Runde und zupfte dabei nervös an dem Ärmel seiner Schuluniform. „Dad will uns sehen! Er will uns sehen!" jubelte Luther und strahlte dabei über sein ganzes Gesicht. „Bestimmt hat er sich trotz seiner vielen Arbeit extra Zeit genommen, um was Tolles mit uns zu unternehmen!"
Five brachte es nicht über sich, Luther sein hoffnungsvolles Lächeln vom Gesicht zu wischen. Wie naiv sein Bruder doch war. Wenn ihr Vater etwas mit ihnen vorhatte, dann war das ganz bestimmt nichts, worüber man sich freuen konnte. Im Gegenteil. Five dachte mit Unbehagen an die unzähligen Versuche zurück, die sie über sich ergehen lassen mussten. Sämtliche Unterrichtsstunden, jede einzelne Trainingsstunde, jedes noch so kleine Aufblitzen ihrer Kräfte wurde genauestens dokumentiert, indem es auf Videobändern festgehalten wurde. Nicht einmal Nachts hatten sie eine Pause, denn ihr Schlaf wurde mit Elektroden, die an ihren Köpfen befestigt waren, aufgezeichnet und in dem sogenannten Überwachungsraum ausgewertet.
Gefangene waren sie, nicht besser dran als Versuchskaninchen, dachte Five bekümmert und ein Anflug von Zorn mischte sich unter sein mulmiges Bauchgefühl.
Sein Blick glitt hinüber zu seinen Geschwistern. In ihren Mienen spiegelte sich ein großes Fragezeichen angesichts der unerwarteten Aufmerksamkeit ihres Vaters. Natürlich nicht in der von Luther, der noch immer wie ein Honigkuchenpferd über beide Backen grinste.
Klaus jedoch schien die Tatsache, dass ihr Vater Zeit für sie hatte, ebenfalls ein eher ein beklemmendes Gefühl zu bereiten. Er nestelte immer noch an seiner Schuluniform herum und ließ sich hinter den anderen zurückfallen, als sie sich in Richtung große Halle aufmachten.
Kaum hatten sie die Treppe erreicht, drängte sich Five an seinen Geschwistern vorbei nach vorne. Stufe um Stufe kam er der Halle näher, doch als er sah, was sie unten erwartete, blieb er stocksteif mitten auf dem Absatz stehen. Seine rechte Hand umklammerte das hölzerne Geländer so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten, seine grünen Augen waren weit aufgerissen und sein Herz begann in Panik zu rasen. „Geht wieder nach oben! Sofort", zischte er seinen Geschwistern zu, die hinter ihm die Treppe runterkamen. „Warum denn? Ist Dad etwa noch nicht da?", fragte Luther aufgeregt und reckte neugierig den Hals, um an Five vorbeizusehen.
„Fragt nicht, tut, was ich euch sage!", keuchte er. Sein Herz drohte vor Angst in seiner Brust zu zerspringen. Um absolut jeden Preis wollte er verhindern, dass seine Geschwister das sahen, was er gesehen hatte. Was sein Verstand bedauerlicherweise in der Sekunde begriffen hatte, als sich die Szenerie vor seinen Augen ausbreitete. Der Mann mit der Nadel.
Bevor sie sich jedoch auch nur umwenden konnten, zerschnitt eine scharfe Stimme vom Treppenabsatz her den Raum: „Nummer Fünf! Du bist zu spät! Trödelei wird in diesem Hause nicht geduldet!" Die Stimme räusperte sich vernehmlich. „Genauer gesagt, seid ihr alle zu spät! Unpünktlichkeit ist ein Diebstahl an der Zeit der anderen und ist keineswegs akzeptabel. Ist das klar und deutlich genug?"
Schritte von klappernden Absätzen waren zu hören, dann erschien von links Sir Reginald Hargreeves' hochherrschaftliche Gestalt am Fuße der Treppe. Er war wie immer in einen tadellosen dreiteiligen Anzug gekleidet, sein goldenes Monokel glänzte im Licht der Lampen. Die Arme hatte er erwartungsvoll hinter seinem Rücken verschränkt und blickte mit strenger unnachgiebiger Miene zu ihnen herauf. „Ich erwarte, dass ihr auf der Stelle kommt, wenn ich euch rufe."
Five verharrte noch immer wie festgefroren inmitten der Treppe, während sich seine eingeschüchterten Geschwister an ihm vorbei zwängten. Er wollte sie festhalten, zurückzerren, doch sein Körper schien nicht mehr der seine zu sein. Er war völlig paralysiert, nur seine Gedanken rasten unaufhörlich.
Wie konnten seine Geschwister den Anweisungen ihres Vaters Folge leisten? Begriffen sie denn nicht, was ihnen unmittelbar bevorstand? Sahen sie denn nicht den untersetzten glatzköpfigen Mann mit dem langen Bart und der Tätowiernadel, die jetzt ein leises unheilvolles Surren von sich gab? Den Stuhl, der in der Mitte des Raums stand? Grace stand direkt daneben, deutete jetzt auf eine Reihe Stühle an der einen Seite des Raumes. „Setzt euch, Kinder, es sind genug Stühle da", sagte sie zu dem Pulk seiner Geschwister, die dicht gedrängt beieinander standen.
Nur zögerlich nahmen sie Platz. Alles Gewisper war verstummt, ein Ausdruck der Unsicherheit und Angst war in ihre Gesichter getreten, während sie mit panischen Augen den fremden Mann anglotzen. Sie hatten es begriffen.
Während seine Geschwister unruhig auf ihren Stühlen hin und her rutschten, hatte sich Five hingegen keinen Zentimeter von seiner Treppenstufe bewegt, sein Körper wollte ihm ganz einfach nicht gehorchen.
„Nummer Fünf, ich warte." bellte Reginald jetzt. Er rührte sich nicht. Da kam Grace in Trippelschritten die Treppe zum ihm hoch und packte ihn sanft, aber bestimmt am linken Arm. „Es geht schneller als du schauen kannst und tut auch gar nicht so weh." sagte sie mit weicher Stimme, dann zog sie ihn mit sanfter Gewalt die Treppe hinunter und führte ihn zu den Stühlen, wo er links neben Ben Platz auf dem letzten freien Stuhl Platz nahm.
Reginald räusperte sich vernehmlich. „Heute", sagte er in autoritärem Tonfall und so voller Inbrunst, dass sein Schnurrbart erzitterte, „ist der Tag gekommen, an dem ihr zu dem werdet, wofür ihr von Geburt an bestimmt seid. Ihr sechs - dabei warf er einen abschätzigen Blick auf Vanya, die abseits auf einer der Treppenstufen saß - seid auserwählt, die untergehende Welt vor Unheil zu bewahren und schützen. Dies ist eure Aufgabe, eure Bestimmung. Als Zeichen der Auserwählung erhaltet ihr am heutigen Tage das Ehrensymbol der Academy, den Regenschirm. Dies ist eine Auszeichnung, wie sie nur denjenigen zu Teil wird, die etwas besonderes sind. Sie zeigt eure Zugehörigkeit zu diesem Hause und zu der stolzen Familie Hargreeves. Das, was euch miteinander verbindet, macht euch stärker als ihr alleine je wärt. Es wird euch rüsten gegen den Schmerz und das Elend, mit dem euch die Welt beladen wird. Und glaubt mir eines, das Leben wird hart, es wird schmerzlich. Doch ihr seid der Funke in der Dunkelheit der Welt. Die Menschen blicken von nun an auf euch, auf die Umbrella Academy". Das Echo seiner Worte verhallte im Raum. Es folgte eine kurze Pause, bevor er erneut sprach. „Ich erwarte, dass ihr das Tattoo, dass ihr diese Auszeichnung mit Stolz und Würde tragt! Sie ist das Symbol dieser Institution und alleine denjenigen vorbehalten, die zu wahrhaft Großem bestimmt sind."
Ohrenbetäubende Stille senkte sich über den Raum. „Herr Vargas, wenn Sie dann bitte anfangen würden." Der bärtige Glatzkopf nickte und ließ die Nadel aufsurren. „Nummer 3, du bist zuerst an der Reihe", befahl Reginald. Five sah, wie Allison sich mit zitternden Knien von dem äußersten Stuhl erhob, wobei sie jedoch nicht Luthers Hand losließ. Dieser drückte ihre Hand liebevoll aufmunternd. Nervös blickte sie zu ihm zurück, als Grace sie zu dem einzelnen Stuhl in der Mitte des Raumes führte und ihr bedeutete, sich dort hinzusetzen. „Den linken Arm ausstrecken!" brummte der Tätowierer. Allison reichte ihm zögerlich ihren Unterarm, welchen der Mann umdrehte, sodass die Innenseite nach oben zeigte. Dann fixierte er ihn an der Stuhllehne. „Stillhalten jetzt!" Die summende Nadel senkte sich auf Allisons Unterarm und ein hässlich dumpfer Ton erklang, als sie in ihre Haut eindrang und immer wieder zustach, während der Mann die Nadel über ihren Innenarm führte. Allison wimmerte auf.
Five musste seine Augen schließen, so übel wurde ihm von dem Geräusch und Allisons schmerzerfülltem Wimmern, das unaufhörlich an-, und abschwoll. Seine Schwester erlitt Qualen und er konnte nichts dagegen tun. Er konnte nur dasitzen und seine Hände um die Sitzfläche klammern. „Aufhören, es soll aufhören!", flehte er innerlich. Er konnte es kaum noch ertragen.
Schließlich verstummte das Surren und Five schlug die Augen auf. In der Sekunde sprang Allison von dem Stuhl auf, ihr Gesicht war tränenverschmiert. Vorsichtig betastete sie die Wunde an ihrem linken Arm, dann huschte sie in eine weit entfernte Ecke des Raumes, wo sie sich hinter einer Säule versteckte, sodass Five sie nicht mehr sehen konnte.
Nach ihr folgten Klaus und Diego, die absolut keine Geräusche von sich gaben, während sich die Nadel Stück für Stück durch ihre Haut arbeitete. Ihr Gesichter grimmig, die Kiefer zusammengepresst ertrugen sie den qualvollen Schmerz der Stiche. Diego ließ es nicht einmal zu, dass Grace fürsorglich die Hand auf seine Schulter legte, als er unter Schmerzen aufzuckte.
„Nummer Fünf!" Als Fives Name schließlich aufgerufen wurde, erhob sich sein tauber Körper wie von selbst. Langsam ging er auf den Stuhl zu, sein Blick wie ein Tunnel auf die Hand und die Nadel gerichtet, während in seinem äußeren Sichtfeld alle Konturen verschwammen. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Ohne es wirklich wahrzunehmen, setzte er sich auf den Stuhl, streckte seinen linken Unterarm aus und sah wie in Trance der Nadel zu, die anfing auf seiner Haut Formen zu zeichnen. Zuerst beschrieb die sie einen großen schwarzen Bogen, der sich zu einem Kreis schloss. Danach malte die singende Nadel die Umrisse eines Regenschirms,schwarz mit rotem Griff, in den Kreis. Wieder und wieder glitt das spitze Metall über die selbe Stelle, füllte die Konturen des Regenschirms aus, färbte ihn schwarz. Winzige Tropfen seines Blutes perlten aus den Stichwunden hervor. Five sah das, was mit seinem Innenarm geschah, aber er fühlte sich seltsam losgelöst von seinem Körper, das Rauschen in seinen Ohren nahm zu, rollte an wie eine brausende Lärmwelle, wie man sie manchmal zur Rushhour auf den belebten Straßen der Stadt hören konnte.
„Five! Five! Hörst du mich? Es ist vorbei, Five! Vorbei!" Eine Stimme, die ihm seltsam bekannt vor kam, drang von weit weg an sein Ohr, durchbrach das Rauschen darin. Die Stimme zog Five langsam aus seinem Trance ähnlichen Zustand, das Gefühl in seinen Gliedern kehrte zurück und die Konturen am Rande seines Sichtfelds wurden wieder schärfer. Er drehte seinen Kopf nach rechts, sah dass Klaus an seiner Seite stand und zugleich spürte er eine Hand – Klaus' Hand - , die ihm über den Rücken streichelte. „Bitte, bitte,hör auf zu schreien, du machst mir und den anderen Angst", flehte er und sah ihn eindringlich an. „Du hast noch nie...Ich meine...bitte, Five!
Five schluckte schwer, seine ausgetrocknete Kehle brachte keinen Ton hervor. Er hatte geschrien? Er hatte geschrien und es nicht einmal bemerkt? Seine Geschwister mussten mitanhören, wie Schreie aus seiner Kehle drangen? Nein, nein. NEIN! Das konnte nicht, das durfte nicht...
Wie von der Tarantel gestochen sprang er von dem Folterstuhl auf, rannte die Treppe in den ersten Stock hoch. Tränen trübten seine Sicht, als er in sein Zimmer stürmte und die Tür laut hinter sich zuknallte. Erstickte Schluchzer drangen aus seiner Brust, ließen seinen schmalen Körper beben. Er warf sich auf sein Bett und zog den linken Arm eng zu sich an den Körper.
Er wollte dieses Tattoo nicht sehen, wollte nicht die wunde zerstochene Haut sehen, aus der immer noch kleine Blutstropfen traten. Heiße Tränen der Wut und des Schmerzes quollen unaufhörlich aus seinen Augen und liefen seine Wangen hinunter. Die Haut auf der Innenseite seines Arm brannte, als ob er mit einem glühenden Eisen versengt worden wäre. Sengende Schmerzwellen strahlten von der Wunde in seinen gesamten Körper aus. Er vergrub den Kopf in seinem Kissen, schrie seine ganze Pein hinein. Nicht nur, dass er markiert worden war wie eine Laborratte, die man zur Erkennung durchnummerierte, nein, seine Geschwister mussten auch noch Zeugen seiner Schmerzensschreie werden. Er war schwach gewesen, hatte sie verängstigt. Dabei war es doch seine Aufgabe, sie zu schützen. Er besaß den Verstand, nicht die anderen. Doch sein Verstand war machtlos gegen das Unheil gewesen, das ihnen heute widerfahren war. Er hatte sie nicht retten können. Five schluchzte noch lauter in sein Kissen hinein.
So bemerkte auch nicht, wie seine Tür leise aufschwang und sich eine schlaksige Gestalt neben ihn aufs Bett setzte. Erst als er eine warme Hand auf seinem Körper spürte, hob er sein verweintes Gesicht und erblickte Klaus, dessen Hand beruhigend seinen unverletzten Arm auf und ab fuhr.
„Schhhh, schon gut, Five, es wird alles wieder gut. Der Schmerz wird nachlassen. Das verspreche ich dir. Ich kenne mich nämlich gut damit aus, weißt du?" flüsterte Klaus. „Jedes mal, wenn Dad mich auf dem elenden Friedhof zurückgelassen hat, wollte ich am liebsten sterben. Aber noch bin ich da und du auch. Wir stehen das gemeinsam durch. Für die anderen, okay?" Five wehrte sich nicht, als Klaus seine Arme fest um ihn schlang und an sich zog. Er wisperte: „Für die anderen!"
