Da War Doch Etwas.


Elsie und Charles marschierten den Kieselweg entlang, schweigend, aber noch immer durch ihre Arme verbunden. Es war nicht mehr dunkel, aber hell war es auch noch nicht. Die Luft war noch feucht von der Nacht, aber es war nicht kalt. Außer dem Knirschen unter ihren Füßen begleitete die beiden noch vereinzeltes Vogelgezwitscher, das selbstbewusst aus den Büschen kam. Manche Vögel waren wahrliche Frühaufsteher!

Elsie blickte ab und an für wenige Schrittlängen hoch zu Charles und dann wieder gerade aus.

"Sagst du mir, was los ist?", fragte er plötzlich, ohne Elsie anzusehen. Er merkte, wie sich Elsies Hand um ihn für einen Bruchteil einer Sekunde verkrampfte. (Aha! Erwischt!)

"Was meinst du?"

Charles blieb stehen und löste Elsies Griff von seinem Ellenbogen. Elsie betrachtete seine tiefe Falte, die sich zwischen seinen buschigen Augenbrauen bildete. Diese Falte reizte sie bereits seit Jahren, zu gerne würde sie sie einmal mit ihrem Zeigefinger nachziehen.

"Gestern sind wir doch glücklich eingeschlafen.", stellte Charles fest. Unsicher hängte er ein "Oder?" an.

Elsie gab keine Antwort und nahm ihren Schritt wieder auf.

"Ja, das sind wir, Charlie."

"Verstehe mich bitte nicht falsch, aber es kommt mir nicht so vor, als wären wir glücklich nebeneinander aufgewacht.", erläuterte Charles verwirrt und hechtete Elsie hinterher.
Elsie schwieg. - Das war eine weitere kleine Bestätigung für Charles. Ihr Fußweg dauerte nicht mehr lange, und bald würden sie Downton Abbey sehen können.

"Ähm ... Elsie. Mir fehlt da etwas. Ich weiß nicht ... ich weiß einfach nicht ... was ... ?", Charles rieb sich verdattert seine Finger an der Stirn, dabei stieß er an seinen Hut. Es hatte den Anschein, als würde ihn das Denken schmerzen, so sehr verknotete sich sein Hirn.

"Ich bin müde, Charlie. Das ist alles!" Ein gepresstes Lächeln zierte Elsies Gesicht.

Hmmm. Das ist natürlich eine Erklärung. Er richtete sich seinen verrutschten Hut wieder zurecht, blieb jedoch skeptisch. Er war sich nicht sicher, ob dies auch der Wahrheit entsprach. Er kannte seine Frau, sie war gut darin, Sachen für sich zu behalten. Charles hakte jedenfalls nicht mehr nach. Er wusste, dass er Elsie vor dem Erreichen des Dienstboteneinganges sowieso nicht mehr dazu bringen könnte, ihm den Grund für ihre (womögliche) Missstimmung zu nennen, dazu war sie zu professionell. Und zu stur.
Eine Schottin eben.

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Beide entledigten sich ihrer Mäntel und hingen sie auf die Haken neben der Eingangstür zum Gesindetrackt. Es roch schon herrlich nach Frühstück.
Charles wollte Elsie noch einen schönen Einstieg wünschen, aber kaum hing Elsies Mantel, machte sie auf ihren Fersen kehrt und stieg die wenigen Stufen hinab.

Bei aller Unsicherheit die Charles aktuell in sich trug, schnalzte ihm dennoch ein Mundwinkel in die Höhe, als er Mrs. Hughes den Korridor entlang gehen sah. Das Schwarz ihrer Tagesbekleidung untermauerte ihre anziehende Autorität, das Korsett formte verbotene Kurven und die Chatelaine rasselte neben ihren selbstbewussten Schritten den Gang entlang. Mr. Carson blickte ihr so lange genüsslich nach, bis von Mrs. Hughes nichts mehr zu sehen war und sie im Speisesaal verschwand.
Seine Schottin eben.

Mrs. Hughes war erleichtert, als sie eine bereits befüllte Tasse Tee auf ihrem Platz vorfand, innerlich dankte sie der guten Seele Mrs. Patmore dafür.
Sie wünschte allen Anwesenden einen guten Morgen. Es schienen alle wohlauf zu sein! Nur ein Platz war leer, sie wusste sofort wer abgängig war.
Elsie war im Inbegriff sich zu setzen, hatte schon ihre Hand an der Stuhllehne, als die anderen Anwesenden sich erhoben. Mrs. Hughes hielt inne - Mr. Carson betrat den Raum.

"Guten Morgen, Mr. Carson.", begrüßte ihn Mrs. Patmore von hinten freudig kichernd, die mit einer großen Kanne in der Tür erschien, im Schlepptau hatte sie Daisy, die zwei Gebäckkörbchen am Tisch platzierte.

"Guten Morgen, Mrs. Patmore.", grüßte er zurück und deutete den Bediensteten sich wieder zu setzen und tat es ihnen gleich. Alsbald alle wieder saßen, hörte man erneut das Scheppern von Porzellantassen und reges Gerede. Grinsend und stolz blickte er in die Runde, während ihm Mrs. Patmore Tee einschenkte.
Elsie bestrich derweilen eine Scheibe heißen Toast mit Butter. Sie nahm einen Bissen und befürchtete sogleich, er würde ihr vor Schreck wieder aus dem Mund springen.

"Wo ist Miss Baxter?", hörte sie ihren Mann fragen.

Diese Frage traf Elsie wie ein Schlag ins Gesicht. Es war, als würde jemand nach ihrem Herzen greifen und es so zum Stillstand zwingen. Sie sah, wie Mr. Carson neugierig in die Runde blickte. Genüsslich nahm er einen Schluck von seinem Tee, während er auf eine Antwort wartete.

Elsies Brust drückte unangenehm. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen und kaute auf ihrem Toast wie in Zeitlupe. Zu einer schnelleren Bewegung konnte sie ihren Kiefer nicht überreden.

"Wissen Sie, Ihre Ladyschaft frühstückt heute etwas früher. Sie fährt mit dem 7 Uhr Zug nach London. Daher ist Miss Baxter mit dem Frühstückstablett noch oben. Sie müsste aber ... ."

"Oh, einen wunderschönen guten Morgen, Mrs. Hughes. Guten Morgen, Mr. Carson. Wie schön Sie tatsächlich wieder hier zu haben.", strahlte Miss Baxter die beiden an als sie in den Raum trat. Zielstrebig ging sie zu ihrem Platz und griff in das Körbchen mit dem frischen Toast. Die Köchin bot noch einigen Bediensteten Tee an und verschwand danach in die Küche.

"Mr. Carson, hätten Sie heute einen Augenblick Zeit für mich?", sie beugte sich so über den Tisch, dass Mr. Carson sie gut sehen konnte.

Mrs. Hughes hustete. Sie spitzte ihre Ohren, und wartete ganz gespannt auf die Antwort ihres Mannes, versuchte dabei aber gelassen auf ihren Toast zu sehen.

"Natürlich. Kommen Sie, wann immer Sie Zeit haben."

Lächelnd nickte sie Mr. Carson zu und gab zu verstehen, dass das in Ordnung für sie sei.

Elsie hatte genug davon gesehen. Mrs. Hughes stand auf. Als sie bemerkte, dass sie damit alle Blicke auf sich zog, begann sie ein Lächeln aufzusetzen und verließ den Raum. Charles bereitete das Verhalten seiner Frau Sorge.Da war doch etwas. Um aber nicht weiter aufzufallen, frühstückte er weiter.

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"Sind Sie etwa mit dem Frühstück schon fertig?", rief Mrs. Patmore unglaubwürdig aus der Küche, als sie die Hausdame vorbei gehen sah.

Langsam änderte diese ihre Richtung und ging in die Küche.
Ermattet sprach Mrs. Hughes: "Nun, wissen Sie, es scheint mir genug freie Zeit in den letzten Tagen gewesen zu sein. Ich möchte meine Mädchen nicht länger als nötig einen außerordentlichen Tag zumuten."

"Miss Baxter hat Sie aber sehr ehrenhaft vertreten, muss ich gestehen. Ich denke nicht, dass Sie viel Arbeit nachzuholen haben, oder sich die Mädchen während Ihrer Abwesenheit unwohl gefühlt hätten."

"Oh fein, die tolle Miss Baxter.", entwich es der Hausdame vor Sarkasmus triefend und ließ dabei ihre Augen eine Runde kreisen.

Als sie wieder in die Augen von Mrs. Patmore sah, räusperte sie sich und zwang sich zur Selbstbeherrschung. Man konnte ihr ansehen, dass Mrs. Hughes dieser Gefühlsausbruch sehr unangenehm war.

Mrs. Hughes bemerkte, dass Mrs. Patmore etwas erwidern wollte, kam ihr aber zuvor: "Ich werde nach den Zimmern sehen, und ob Gerty überall Feuer gemacht hat. Haben Sie Dank für das Frühstück." Mit guter Mine und einem bestimmendem Kopfnicken beendete die Hausdame das Gespräch.

Mrs. Patmore beobachtete Mrs. Hughes, wie sie die Küche verließ. Sie kniff sorgvoll die Lippen zusammen und seufzte.Da war doch etwas.

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"Oh, Mrs. Hughes. Es ist so schön, Sie wieder hier zu wissen!", begann Lady Grantham, als sich diesen Morgen in der großen Halle zufällig ihre Wege kreuzten.

"Danke, M'Lady.", antwortete Mrs. Hughes höflich.

"Aber sagen Sie, fühlen Sie sich schon zum Arbeiten bereit? Sie sehen noch sehr blass aus. Hat Dr. Clarkson Ihnenschon das Arbeiten gestattet?"

"Oh keine Sorge. Ich bin nur müde. Letzte Nacht war sehr kurz. Und die Anreise scheint mir noch in den Knochen zu sitzen."

"Verstehe. Dann fühlten Sie sich nicht wohl im Cottage?"

"Doch! Gewiss! Haben Sie vielen Dank! Ich hörte, Sie reisen heute nach London? Kann ich noch irgendetwas für Sie tun, M'Lady?", Mrs. Hughes war froh, über ein anderes Thema sprechen zu können.

"Haben Sie vielen Dank! Ich habe bereits mit Miss Baxter über meine Wünsche gesprochen."

Mrs. Hughes nickte. Innerlich zum Explodieren genervt, äußerlich professionell genug um sich das nicht anmerken zu lassen.

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Endlich Pause. Elsie saß an ihrem Schreibtisch und genoss eine Tasse heißen Tee. "Was für ein Tag", dachte sich Elsie, als sie dem Löffel dabei zusah, wie er die Flüssigkeit mit kreisenden Bewegungen mit sich zog. Ihre Muskeln waren angespannt vor Stress und zeitgleich schlaff vor Erschöpfung.
Nach der ungewohnt langen Auszeit, war es sehr schwer wieder in den Alltag zu finden. Sie hatte Downton Abbey nicht so laut und quirlig in Erinnerung. Auch war sie sich nicht mehr darüber bewusst gewesen, dass sie, abgesehen von ihren Tätigkeiten als Hausdame, für so viel mehr verantwortlich war.
Sie hob den Löffel aus der Tasse und klopfte die Flüssigkeit am Tassenrand ab. Sobald der Löffel auf der Untertasse lag, brachte sie ihre Finger zu ihrem Genick und massierte damit wenige Sekunden ihre Muskulatur.

Miss Baxter hat wirklich für Ordnung gesorgt, Elsie fand die Zimmer von Downton Abbey in einem tadellosen Zustand wieder. Wenn sie ehrlich war, überraschte sie das aber nicht. Miss Baxter war eine tadellose Kraft.

Elsie nahm einen Schluck und merkte, wie die heiße Flüssigkeit in ihr hinab rann und ihren Magen wärmte. Was sollte sie von all dem nur halten? Wenn sie daran dachte,was Charles letzte Nacht im Schlaf sprach, wurde ihr ganz flau zumute. Und dann war ihr seit der Nacht auch noch im Gedächtnis, dass Charles mit Miss Baxter für einige Zeit von ihrem Begrüßungsempfang gestern verschwunden waren. Gestern kam ihr das noch nicht beunruhigend vor. Aber heute?Da war doch etwas.

Dennoch, sie konnte sich nicht vorstellen, dass Charles und Miss Baxter ... zusammen ... Nein! - Dazu war Charles zu sehr Edelmann und er liebte Elsie. Oder? Das tat er doch, oder? Schmerzender Zweifel machte sich in Elsie breit. Sie schloss die Augen und ließ sich erschöpft gegen die Stuhllehne fallen. Wenn der Tag doch nur schon zu Ende wäre.
Sie fühlte sich unsicher, und wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich ängstlich. Die letzten Tage - die letzten Wochen - hatte sie sich daran gewöhnt, Charles um sich zu haben. Sie hat ein Leben lang ohne Berührungen verbracht, aber jetzt, wo sie weiß, wie erfüllend sie sein können, hatte sie Angst, sie wieder zu verlieren. Angst Charles wieder zu verlieren. Sie würde nicht mehr wollen, dass er aus ihrem Leben tritt.

Elsie wollte nachhause. Und anders als zuvor dachte sie dabei nicht in erster Linie an ihre Heimat oder die einstige Nestwärme ihres Elternhauses, sondern an Charles. Charles war nun ihr zuhaue.
Sie wollte, dass er sie in die Arme nimmt, sie auf seinen Schoß zog und festhielt. Sie wollte seinen Duft einatmen. Sie wollte seine Wärme spüren, seine Arme um sich haben. Sie wollte zu ihm. Sie wollte, dass er ihr sagt, dass das alles Blödsinn sei. Und dass das, was er in der Nacht gesagt hat, nicht wahr wäre. Vorallem seine letzten Worte bereiteten Elsie ein Zittern, das ihr bis in Mark und Bein kroch: "Wir müssen äußerst diskret vorgehen, sodass uns niemand sieht, ich möchte nicht, dass das jemand erfährt. Es soll unser kleines Geheimnis bleiben, Miss Baxter."

Es klopfte.
Mrs. Hughes schrak aus ihren Gedanken. Ihren angehaltenen Atem ließ sie aus ihren Lungen und bat um Eintritt. Mr. Barrow erschien.

"Was kann ich für Sie tun, Mr. Barrow?", erschöpfter als beabsichtigt hörte sich Elsie diese Frage stellen.

"Haben Sie noch etwas Schuhpaste? Im Vorratsraum kann ich keine finden."

"Das ist seltsam, es kam erst welche mit der letzten Lieferung an, das entnahm ich jedenfalls den Lieferscheinen von letzter Woche. Vielleicht fragen Sie Mr. Carson danach."

"Das würde ich ja gerne, . Aber erunterhältsich gerade mit Miss Baxter."

"Warum betonen Sie das Wort 'unterhält' sich so seltsam, Mr. Barrow?"

"Weil Mr. Carson und Miss Baxter den Anschein machen, als wollen sie nicht dabei gesehen werden."

"Wieso meinen Sie das?"

"Nun, ich wollte an Mr. Carsons Tür klopfen - sie stand offen, aber kaum, als ich bemerkt wurde, stellte sich Mr. Carson in die Tür und schloss sie. Miss Baxter saß vor seinem Schreibtisch."

"Danke, Mr. Barrow. Es kann Ihnen vielleicht Mr. Molesley weiterhelfen."

Hastig versuchte sie Mr. Barrow aus ihrem Dienstzimmer zu geleiten. Sie wollte kein Wort mehr hören. Zumindest nicht von ihm. Nachdem sich Elsie vergewisserte, dass niemand im Gang zu sehen war, zog sie die Schlüssel an deren Kette hoch und zwang das Rasseln somit in ihrer Hand zum Schweigen. Um ein Klackern ihrer Stöckel zu vermeiden, hastete sie nur auf ihren Zehenspitzen zu Mr. Carsons Tür und hielt ihr Ohr an die kühle Oberfläche.