19. Brüder
Yuuji war nicht weit gekommen. Megumi fand ihn direkt vor dem Eingang zur Halle vor, alleine da stehend, die Hände in die Taschen gesteckt, und vor sich hin starrend. Megumi räusperte sich um auf sich aufmerksam zu machen. Yuuji drehte kurz seinen Kopf zu ihm um und meinte dann: „Tut mir leid, ich hätte nicht weglaufen sollen. Bei meinem bisherigen Glück hätte ich inzwischen von den Jujujisten oder irgendwelchen Sukuna anbetenden Flüchen entführt werden können, ich weiß…"
Megumi zuckte nur mit den Schultern. „Wenn du schon wütend wegstürmen willst, dann sei zumindest nicht alleine wütend", meinte er nur.
Yuuji schüttelte den Kopf. „Es ist nur … Ich meine, ich habe nie darüber nachgedacht, vielleicht weil ich es nicht wissen wollte, aber ich hatte schon immer gehofft, dass ich mehr war als nur das Produkt eines … Zuchtexperiments; dass meine Eltern mich wollten, weil sie einander geliebt haben und nicht weil einer von ihnen … ein uralter verrückter böser Magier war…", erklärte er und unterdrückte sichtbar die Tränen, „Ich hatte nur Opa, und das war okay, aber ich hatte die Möglichkeit mir vorzustellen, dass es anders hätte sein können. Aber jetzt … Will nicht jedes Kind von seinen Eltern geliebt werden?"
Megumi schwieg einen Moment lang. Dann erklärte er ohne Yuuji dabei anzusehen „Mein Vater hatte mich schon vor seinen Tod mehr oder weniger an den Zen'in-Clan verkauft. Im Grunde hatte er das schon vor meiner Geburt getan. Wenn … Geto … nicht gekommen wäre und eingeschritten wäre, dann wäre ich nicht der, der ich heute bin, und auch nicht so mutig wie Maki-san, sondern ich wäre wie Mai, eine Marionette der Zen'ins."
Er konnte spüren, dass Yuuji ihn überrascht anblickte. Er warf einen vorsichtigen Blick hinüber zu dem pinkhaarigen Jungen. „Meine Gaben, dass ich so mächtig bin, diese Aussicht hat meinen Vater begeistert, weil er wusste, dass er deswegen einen höheren Preis für mich erzielen kann. Ich habe lange gedacht, dass das der einzige Grund ist warum Geto mich überhaupt aufgenommen hat: Weil ich stark bin", fuhr er fort, „Der Kaiser ist unser Kaiser, weil er der mächtigste Jujujist seit mehreren Generationen ist. Der Gojo-Clan war von seiner Geburt so begeistert, dass sie einen nationalen Feiertag ausgerufen haben. Weil ihnen klar war, dass sie den Thron noch eine weitere Generation lang würden halten können. Wenn Gojo Satoru weniger mächtig geboren worden wäre, dann hätte jemand aus dem Kamo- oder dem Zen'in-Clan den Thron beanspruchen können. Dann gäbe es jetzt vielleicht Kaiser Naoya. Jujujisten setzten Nachkommen nicht aus Liebe in die Welt, sondern als Erben, aber nur die machtvollen Erben zählen für sie. Sie züchten diese sehr gezielt heran. Jemand wie Maki-san wird als Fehlschlag angesehen, jemand wie ich als wünschenswertes Resultat, und der Kaiser als perfektes Ergebnis. Du befindest dich also in guter Gesellschaft was enttäuschende Erkenntnisse über die Umstände deiner Geburt angeht."
Yuuji wirkte betroffen. „Das wusste ich nicht", gab er zu, „Dass du verkauft werden solltest, meine ich. Ich habe erst durch die Gerichtsverhandlung erfahren, dass so etwas in der Jujutsu-Gesellschaft überhaupt möglich ist, von einer Familie als Kind eingekauft zu werden, meine ich. Ich dachte eigentlich, dass das nur mit Kindern passiert, die keine Eltern mehr haben…"
„Leider war mein Vater nicht der Einzige, der bereit war sein eigenes Kind zu verkaufen", erwiderte Megumi, „So etwas kommt öfter vor als du denken würdest."
Yuuji wirkte immer noch geschockt. „Das tut mir sehr leid", betonte er, „Das ist nicht richtig."
„Nein, nein, das ist es nicht. Aber ich habe dir das nicht erzählt damit du mich bemitleidest, sondern damit du siehst, dass es auch schlimmer hätte kommen können. … Für uns beide. Geto hat mich gekauft, und du magst Dinge über deine Eltern erfahren haben, die du nie wissen wolltest, aber dafür hast du neun Brüder dazu gewonnen, von denen du vorher nichts wusstest. Damit bist du nicht mehr alleine", erwiderte Megumi.
Yuuji sah ihn seltsam an. „Ich war auch vorher nicht alleine. Ich hatte dich", erklärte er, „Trotzdem, ich wurde nur geboren um Sukunas Gefäß zu sein. Das ist der einzige Grund warum es mich gibt. Ich war schon vor meiner Geburt für üble Zwecke bestimmt."
„Und ich war dazu bestimmt ein Zen'in zu werden, und wir wissen beide was daraus wurde. Du musst dich deiner Bestimmung nicht fügen", meinte Megumi, „Du bist mehr als nur Sukunas Gefäß. Du hast Yoshino gerettet – wer weiß was dieser Fluch mit ihm vorhatte? Und du hast Sukuna bisher trotz allem unter Kontrolle gehalten, das war mit Sicherheit nicht Teil des ursprünglichen Plans. Du bist also eindeutig mehr als du hättest sein sollen. Du kannst dich also entscheiden den üblen Zweck zu ignorieren und stattdessen Gutes zu tun. Oder einfach nur in Frieden leben, wie deine Brüder es wollen."
Yuuji schien einen Moment darüber nachzudenken. „Ich hoffe du hast recht", meinte er, „Ich will nämlich nicht das sein, wozu ich erschaffen wurde. Was immer der Plan meiner Mutter war, ich habe nicht vor ihm blind zu folgen."
Megumi nickte zufrieden. „Gut, nachdem das geklärt ist, sollten wir zusehen, dass wir wieder rein kommen", meinte er, „Bevor man sich noch Sorgen macht … Oder du wirklich gekidnapped wirst." Wenn man Yuujis jüngste Geschichte bedachte, dann war das nämlich durchaus nicht so unwahrscheinlich wie man meinen könnte.
Yuuji schenkte ihm ein schwaches Lächeln und folgte ihm dann wieder hinein in die Halle.
„Kenjaku hat sich verrechnet", erklärte der Kaiser, „Er dachte, er tut Sukuna einen Gefallen, wenn er dich erschafft, Yuuji, doch in Wahrheit hat er damit das perfekte Gefängnis für den König der Flüche erschaffen. Das alte Zwiegesicht könnte jeden anderen kontrollieren, aber du kannst ihn unterdrücken, und das obwohl du schon weit mehr von ihm in dich aufgenommen hast als andere überstehen würden. Was du bist ist eine gute Sache, Yuuji, keine schlechte. Durch dich können wir Sukuna in die Knie zwingen. … Das müssen wir dem Rat nur noch klar machen."
Yuuji war sich nicht sicher, ob er sich von all dem wirklich getröstet fühlte. Zu erfahren, dass man nur geboren worden war um einen gewissen Zweck zu dienen, noch dazu einem bösen Zweck, war hart, und auch wenn das in der Jujutsu-Gesellschaft als normal zu gelten schien, gab es einen gewissen Unterschied zwischen ihm und Megumi oder dem Kaiser. Er hätte nicht nur mächtig sein sollen, er hätte den mächtigsten Fluch beherbergen sollen. Er war kein reiner Jujujist, er war in Wahrheit auch teilweise Fluch, genau wie seine neugewonnen Brüder, nicht wahr? Gojo mochte es drehen wie er wollte, für Yuuji war dieses ganze Wissen kein Grund zur Freude, es war eine zusätzliche Last. Ein Grund mehr warum ihn jeder hassen und tot sehen wollen würde.
Und er wusste auch nicht was er von seinen neuen Brüdern halten sollte. Sie waren Halbflüche, was ihn an sich nicht störte, aber sie waren ihm vollkommen fremd, und er wusste, dass er durch seine Verwandtschaft mit ihnen in der Jujutsu-Gesellschaft erst recht keinen Stein im Brett haben würde. Dass nicht alle von ihnen so menschlich aussahen wie Choso war auch irritierend, etwas anderes zu behaupten wäre eine Lüge, aber daran könnte er sich vermutlich gewöhnen, es war nur so, dass er eben nicht sicher war, was er mit dem Wissen, dass er auf einmal neun Halbbrüder hatte, die jahrelang von den Leuten, die ihn nun ans Leben wollten, gefangen gehalten worden waren, anfangen sollte.
Hatten diese Wesen, die bisher noch nie wirklich gelebt hatten, überhaupt irgendetwas mit ihm, der bis vor kurzem ein stinknormaler japanischer Teenager gewesen war, gemeinsam? Und selbst wenn, sie lebten im Verborgenen, und er war auf der Flucht – seine Gegenwart alleine reichte schon aus um sie zu gefährden, gab es für sie überhaupt auch nur den Ansatz einer gemeinsamen Zukunft?
Und dann war das natürlich auch noch das Sukuna-Problem. Seit sie erfahren hatten, dass Yuujis als Sukunas Gefäß gezüchtet worden war, hatte sich der König der Flüche verdächtig still verhalten. Was nichts Gutes verheißen konnte. Vermutlich dachte Sukuna nun, da er wusste, dass Yuuji als sein perfektes Gefäß gezüchtet worden war, dass er sich nur genug anstrengen musste um die Macht über Yuuji übernehmen zu können. Und plante genau das zu tun. Vielleicht arbeitete er gerade in diesem Moment daran.
Du bist paranoid, Balg, hat dir das schon mal jemand gesagt?, erwiderte Sukuna auf diese Unterstellung sofort. Nun, das mochte sein, aber wie hieß es so schön: Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht trotzdem hinter dir her sind. Sukuna hatte mit Sicherheit seine eigenen Pläne, und wie auch immer sie lauteten, diese neuen Informationen würden sie beeinflussen, so viel war sicher.
„Auf jeden Fall haben wir mehr Vorteile als Nachteile durch die ganze Geschichte gewonnen", behauptete Gojo, „Macht euch also keine Sorgen mehr darüber, sondern überlegt euch wie wir sie zu unserem Vorteil nutzen können."
Denn offenbar hatte der Kaiser keine Ahnung wie er das erreichen könnte. Was ein Hinweis mehr darauf war, dass all diese neuen Informationen in Wahrheit nicht die großartige Sache waren, die der weißhaarige Mann daraus machen wollte.
„Nun, ehm, damit ist die Besprechung beendet, verstreut euch und entspannt euch, aber erinnert euch daran, dass wir hier Gäste sind und benehmt euch entsprechend", schloss er, „Yuuji möchte sicherlich Zeit mit seiner neugefundenen Familie verbringen. Geben wir ihm Gelegenheit dazu."
Yuuji sah erschrocken auf und blickte sich nach Megumi und Junpei um, doch nicht nur die beiden Jungs, sondern sogar Kugisaki zogen sich respektvoll vom Tisch, an dem Yuuji und Megumi nach ihrer Rückkehr wieder Platz genommen hatten, zurück und ließen Yuuji alleine mit seinen neuen Brüdern zurück.
Etwas besorgt starrte der pinkhaarige Junge auf Choso und auf die anderen, die hinter ihm lauerten.
„Uns ist klar, dass du mit dieser Situation nicht glücklich bist", meinte Choso nach einem Moment des peinlichen Schweigens.
„Das ist es nicht", beharrte Yuuji, „Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen Familie zu haben, von der ich bisher nichts wusste, noch dazu eine so andere Familie als ich erwartet hätte. Aber das Problem seid nicht ihr, ich bin es. Ich werde gesucht, bin Sukunas Gefäß, und … na ja, ich mache euch dadurch zu Zielen. Und das ist es, was mir zusetzt."
„Wir können auf uns aufpassen", behauptete Choso.
Yuuji wusste darauf nichts zu erwidern.
Schweigen kehrte zwischen ihm und seinen Brüdern ein.
„Ehm, also mein Name ist Itadori Yuuji, aber das wisst ihr ja schon. Ich bin 15 Jahre alt, ich mag Karaoke und Filme und TV-Sendungen und Mangas. Ich mag eigentlich jedes Essen, aber vor allem Reisgerichte mit Fleisch drinnen. Ich kann ein bisschen Karate, mein Opa hat mir ein paar Dinge beigebracht, bevor er … krank wurde. Er ist nämlich vor kurzem gestorben, und gleich danach wurde ich zu Sukunas Gefäß, weil ich seinen Fingern gegessen habe um Fushiguro helfen zu können. Und Fushiguro, also Megumi, der ist mein Besitzer in der Jujutsu-Welt, weil ich da nämlich ein Sklave bin, weil ich, bis ich den Finger gegessen habe, nicht in der Lage war Flüche zu sehen und daher nicht einmal einen Unterrang bekommen hätte, aber damit sie mich nicht gleich hinrichten, dachte Geto – das ist ehm Megumis … Adoptiv-Vater, schätze ich – das es eine gute Idee ist mich so auf die Akademie zu schummeln, aber wie sich herausgestellt hat, war es keine gute Idee, weil ich als Sklave keine Rechte habe und mir keiner offiziell was beibringen wollte, und alles, was ich falsch mache, auf Megumi zurückfällt. Und weil mich alle hassen, weil ich Sukunas Gefäß bin, wären wir beide fast hingerichtet worden, als man versucht hat mir den Tod von Junpeis Mutter anzuhängen. Ehm Junpei ist mein … ein … Freund. Aber wir haben uns geküsst, und … Ich hab ihn recht gern, aber seine Mutter ist meinetwegen umgebracht worden, aber er ist trotzdem mit uns auf der Flucht. Ehm … ja, mehr fällt mir im Moment nicht ein", legte Yuuji dann los, „Das ist das Wichtigste, was es über mich zu sagen gibt, denke ich."
Er kratzte sich verlegen am Kopf.
Choso musterte ihn mit ausdrucksloser Miene. Die restlichen Brüder (zumindest die, die zu Mienenspiel fähig waren) sahen ihn eher neugierig an. „Ist deine Haarfarbe echt?", wollte Choso dann wissen.
„Wie bitte?! Oh, also das … ehm, ich glaube nicht, dass mich das mehr wie euch macht", erwiderte Yuuji verwirrt, „ich bin eigentlich ziemlich menschlich. Wenn man davon absieht, dass ich sehr stark bin. Und schnell. Und taff. Aber das gilt nichts, fragt Maki-san. Das ist das Mädchen mit der Brille…"
„Ich bin 150 Jahre alt", sagte Choso dann, „Und nenne mich Choso, aber das weißt du ja schon. Ich bin der älteste deiner Brüder. Ich kümmere mich um meine Familie so sehr ich kann. Ich beschütze sie. Ihr Wohlergehen ist das Wichtigste für mich. Das von allen meiner Brüder."
Yuuji konnte nur stumm nicken.
„Das hier ist Eso, mein jüngerer Bruder." Er deutete auf den menschlichst aussehenden von den hinter ihm versammelten Brüdern. Eso wirkte auf den ersten Blick wie ein Mensch, wenn auch weniger angepasst als Choso. Seine Augen waren allerdings nicht menschlich und verrieten seine Herkunft, er schien Piercings ein wenig zu sehr zu mögen und Kleidung etwas zu wenig, da er zwar eine Leggings trug, sein Oberkörper aber vollkommen nackt war und er sein durchaus beeindruckendes Sixpack zur Schau stellte. Seine Frisur war weniger traditionell als die von Choso, nur in der Mitte seines Kopfes befand sich ein Haarstreifen aus dunklen Haar. Der Wikinger-Stil stand ihm aber gut.
„Hi, Yuuji", sagte er, „Mangas sind lehrreich, aber du solltest mehr lesen und weniger fernsehen." Er zwinkerte Yuuji bei diesen Worten zu.
„Eso mag Menschen", meinte Choso, „Aber sag deinen Freunden, dass sie nicht auf seinen Rücken starren sollen."
Yuuji wollte den Grund dafür gar nicht erst wissen. Vielleicht lief Eso nicht Oben ohne herum, weil er sich gerne zur Show stellte, sondern wegen dem, was auf seinen Rücken zu sehen war.
„Das ist dein nächster Bruder, Kechizu", fuhr Choso fort, und ein türkises buckeliges Wesen schob sich nach vorne. Es hatte ein Gesicht, zwei Arme und zwei Beine - und einen zweiten riesigen Mund auf seiner Brust.
Yuuji schluckte bei diesem Anblick. Das hier war eine Prüfung, das wusste er, wenn er versagte, dann würden seine neuen Brüder weniger nett zu ihm sein als bisher.
„Kechizu ist ein wenig anders als wir anderen, wie du siehst", meinte Choso, „Aber er ist unser Bruder."
Yuuji starrte das türkise Ding an. „Hallo Kechizu", sagte er dann, „Freut mich dich kennenzulernen."
„Yuuji", sagte Kechizu, „Hallo."
„Und das sind deine anderen Brüder: Noranso, Shouso, Tanso, Sanso, Kotsuso und Shoso", fuhr Choso fort, und Yuuji inspizierte seine anderen Brüder. Kechizu war nur der Aperitif gewesen wie es schien, denn er hatte zumindest ein relativ normales Gesicht zu bieten gehabt. Noransos Augen waren doppelt so groß wie sie sein sollten und seine Nase schien abgefallen zu sein, während er körperlich wie ein Mensch wirkte. Shouso war schwer verkrüppelt und orange und blind wie es schien. Tanso hatte nur einen Mund und gar keine Augen oder Nase. Sanso besaß ein Gesicht, doch es war auf seinem Bauch angesiedelt, während sein Kopf mehr ein nutzloser zusätzlicher Arm zu sein schien als irgendetwas sonst. Kotsuso war dünner als ein Mensch sein könnte um noch leben zu können und seine Augen schienen seitlich auf seinem Gesicht zu sitzen wie bei einem Fisch. Und Shoso war kohlrabenschwarz und mundlos, er schien nicht sprechen zu können, und Zeichensprache wäre für ihn angesichts der Tatsache, dass er keine Finger an seinen Händen hatte, wohl ein Problem.
Yuuji versuchte jedem seiner Brüder gegenüber höflich zu sein, jedem offen zu begegnen, aber es war nicht wie mit Choso oder Eso, und es lag nicht daran, dass sie zu sehr wie Flüche waren, nein, es war weil sie so menschlich wirkten, so menschlich in ihren Entstellungen, so menschlich wie Kinder, die Opfer medizinischer Experimente geworden waren als sie noch im Mutterleib gewesen waren. Immer wenn Yuuji sie ansah, dann musste er daran denken was ihnen angetan worden war, was man ihrer Mutter angetan hatte.
Yuuji versuchte es, er versuchte es wirklich, aber er konnte sich irgendwann nicht mehr zusammenreißen. Er brach in Tränen aus. „Es tut mir so leid", presst er hervor, „Aber … wieso …?" Er wusste nicht einmal welche Frage er eigentlich wirklich stellen wollte.
„Wir sind so, weil unsere Mutationen willkürlich aufgetreten sind", erklärte Eso gelassen, „Keiner weiß warum Choso aussieht wie ein Mensch, ohne ersichtlichen Makel, und wir anderen makelbehaftet sind. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn man uns gestattet hätte unter geregelten Bedingungen aufzuwachsen, wenn man bei unserer Inkarnation unterstützt hätte. Aber vielleicht auch nicht, vielleicht wären wir immer so geendet. Vielleicht sind wir das, was er Kenjaku aus uns gemacht hat; noch während unsere Mutter schwanger war…."
„Verstehst du warum ich unsere Brüder beschützen muss, Yuuji?", wollte Choso wissen, „Warum das wichtiger ist als alles andere und warum jeder Jujujist, der sie sieht, denken könnte…"
„Aber sie sind nicht wie Flüche", unterbrach ihn Yuuji, „Niemand der Flüche kennt und sie ansieht, würde das denken. Ich habe Flüche gesehen, Flüche sind in sich selbst genommen perfekt, ihr Aussehen, es passt zusammen, sie sind so wie sie immer hätten sein sollen. Vor allem die höher entwickelten…" Yuuji dachte an Jogo den Vulkankopf; Jogo hatte seltsam ausgesehen, das ja, aber er hatte richtig ausgesehen.
Diese hier, seine Brüder, sie sahen falsch aus. Als hätte jemand versucht Lebewesen zusammenzubauen und wäre dabei gescheitert, weil er nicht wusste wie diese in Wahrheit funktionierten. Er dachte darüber nach. „Kann man … kann man das ändern? Kann man ihnen irgendwie helfen?", platzte es dann aus ihm heraus.
„Wobei helfen?", wollte Choso wissen, „Dabei menschlicher zu werden?"
„Nein, ich meine …" Yuuji verstummte. „Ich will nicht sagen, dass sie so wie sie sind falsch sind…"
„Aber du denkst es", stellte Choso fest.
„Nein, ich … ich will nur…." Yuuji verstummte, weil er wusste, dass jedes weitere Wort falsch wäre.
„Keine Sorge, wir wissen, dass wir nicht hübsch sind, Yuuji", verkündete Kechizu.
„Ich dachte nur … dass es … vielleicht weh tut", murmelte Yuuji, „Ich wollte euch nicht beleidigen, ich wollte nur wissen, ob … man was machen kann, damit, wenn es so ist, es einen Weg gibt, der dazu führt, dass es nicht mehr weh tut. Tut mir leid…" Er wagte es nicht auch nur einen seiner Brüder anzusehen.
„Wenn es einen Weg gibt", erwiderte Eso, „Dann kennt ihn nur Kenjaku."
Kenjaku, stellte Yuuji fest, war wohl jemand, der sich an den Schmerzen anderer erfreute. Elternteil oder nicht, Yuuji hoffte nur, dass er diesem speziellen Fluchmagier niemals begegnen würde.
A/N: Ich hatte bei den restlichen sechs Brüdern freie Hand, also bin ich kreativ geworden. Vielleicht ein wenig zu kreativ, armer Yuuji und arme Fluchuterus-Brüder.
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