Kapitel 24 – Sectumsempra
Am nächsten Morgen in Zauberkunst erzählte Harry uns von seinem gestrigen Abend und zum ersten Mal war ich nicht dagegen, den Muffliato-Zauber zu verwenden, damit uns keiner belauschen konnte. Er hatte es doch tatsächlich geschafft, die Erinnerung von Slughorn zu holen! Und in dieser Erinnerung hatte Slughorn Tom Riddle erklärt, was Horkruxe sind und wie man sie erschafft. Ich schlug mir die Hand vor den Mund bei Harrys Erklärung eines Horkruxes – kein Wunder, dass Severus mir das nicht verraten wollte, das war ja grauenhaft! Harry erzählte dann, dass Dumbledore eine Idee hatte, wo ein weiterer Horkrux versteckt sein könnte und dass er zusammen mit Harry diesen finden und zerstören wollte.
Ron war so beeindruckt wie ich – eine echte Mission mit Dumbledore! –, aber ich war auch besorgt; das klang nach vielen Gefahren.
„Ron, du lässt es schneien", sagte ich, als weiße Flocken auf uns fielen.
„Oh", sagte er und wischte mir den Schnee aus den Haaren, was Lavender zum Weinen brachte. „Wir haben uns getrennt", erklärte Ron.
„Tja", meinte ich, „das war ein rundum schlechter Abend für die Liebe." Außer für Severus und mich natürlich, aber ich erzählte, dass Dean und Ginny sich getrennt hatten, nachdem es bei den beiden schon seit Längerem haperte.
Unser Gespräch wurde von Flitwick unterbrochen, der sich unseren Fortschritt ansah. Ich hatte natürlich schon längst meinen Essig in Wein verwandelt.
Nach Zauberkunst hatten wir eine gemeinsame Freistunde und gingen in den Gemeinschaftsraum. Es fiel mir schwer, mein Grinsen zu unterdrücken, immer wenn ich an Severus dachte. Das fiel sogar Harry auf, aber ich erwiderte nur: „Ist ein schöner Tag heute."
Im Gemeinschaftsraum stand jemand, den wir lange nicht gesehen hatten. „Katie!", rief ich erfreut. „Du bist wieder da! Alles okay mit dir?"
„Mir geht's richtig gut!", erwiderte sie lächelnd.
Harry mit seinem manchmal nicht vorhandenen Taktgefühl fragte natürlich gleich, woran sich Katie vor ihrem Fluch erinnerte, doch Katie erzählte nur, dass sie in den Drei Besen auf die Damentoilette gegangen war und dann nichts mehr wusste.
Als Katie mit ihren Freunden zur nächsten Unterrichtsstunde gegangen war, überlegte Harry wieder, ob es Malfoy gewesen war, dieses Mal mit Hilfe von Vielsafttrank. Er wollte Felix nehmen, um es beim Raum der Wünsche zu versuchen, aber das war vollkommene Verschwendung! Zum Glück hörte Harry dieses Mal auf mich.
In den nächsten zwei Wochen traf ich mich immer wieder heimlich mit Severus. Zu Anfang war es immer ein wenig komisch, aber wir setzten uns gemeinsam auf sein Sofa, er hielt meine Hand, während wir lasen, und irgendwann lehnte ich mich an ihn, er legte seinen Arm um mich und spätestens dann küssten wir uns. Es war insgesamt einfacher als je geglaubt und wir waren glücklich, einfach nur beieinander zu sein. Des Weiteren wurden unsere Gespräche interessanter und unsere Diskussionen hitziger, denn wir hielten uns nicht mehr zurück.
Die Aufregung im Schloss war groß, denn bald stand das wichtige Quidditchspiel Gryffindor gegen Ravenclaw an, das den Pokal entscheiden konnte. Während der ganzen Zeit bemerkte ich, wie Harry Ginny verstohlene Blicke zuwarf und ich hoffte, dass er sie bald nach einem Date fragen würde. Am liebsten würde ich ihm auf die Sprünge helfen, aber vermutlich würde er sich dann ganz abwenden… Jungs…
Eines späten Nachmittags kam ich in den Gemeinschaftsraum und fand Harry aschbleich neben Ron und Ginny auf einem Sofa sitzen. „Was ist passiert?", fragte ich mit einem unguten Gefühl im Bauch und setzte mich dazu.
Mit schweren Worten erzählte Harry mir, was passiert war: Er hatte Malfoy im Bad getroffen und irgendwie hatten sie angefangen, sich Flüche an den Kopf zu werfen, und Harry hatten einen Spruch aus dem Buch des Halbblutprinzen ausprobiert (Sectumsempra), der Draco aufgeschlitzt hatte. Zum Glück war Snape gekommen und hatte Draco gerettet, anschließend hatte Harry ihm alle seine Schulbücher bringen müssen, hatte sich Rons Zaubertränkebuch geschnappt und sein eigenes im Raum der Wünsche versteckt. Jetzt hatte er jeden Samstagvormittag bis zum Ende des Schuljahres bei Snape nachsitzen.
Ich saß fassungslos da und konnte nicht glauben, wie die Situation eskaliert war. Wenigstens war dieses blöde Buch jetzt weg, aber wie konnte Severus nur solch einen schrecklichen Spruch erfinden? „Ich hab dir doch gesagt, dass mit diesem Prinzen-Typen irgendetwas nicht stimmt", sagte ich, doch Harry verteidigte das Buch tatsächlich weiter, da es ihm sonst gute Dienste erwiesen habe und der Prinz ja nur Notizen für sich gemacht habe. Er wollte das blöde Buch doch tatsächlich zurückholen!
Als sich auch noch Ginny gegen mich stellte, hielt ich es nicht mehr aus und ging. Ich hatte sowieso noch ein ernstes Wörtchen mit Severus zu sprechen.
Ich klopfte härter an die Tür, als notwendig gewesen wäre.
Severus öffnete und trat schnell zur Seite, als er meinen wütenden Blick sah.
„Sectumsepra?", sagte ich. „Wirklich? Ein Fluch, der dein Gegenüber aufschlitzt, als hätte er in Messern gebadet?"
Er seufzte. „Was willst du jetzt, dass ich sage?"
„Ich frage mich nur, wie ein Jugendlicher auf solch einen Fluch kommt?"
Er zuckte mit den Schultern. „Das passiert nun mal, wenn man sich mit der Materie auseinandersetzt."
„Und ihn dann auch noch in sein Zaubertränkebuch schreibt?"
„Hey", erwiderte er verärgert. „Das Buch gehörte mir, alles, was ich reingeschrieben habe, war privat und nur für mich gedacht. Ansonsten hatte ich extra dazugeschrieben, dass es für Feinde war."
„Welche Feinde denn? Die Rumtreiber?" Plötzlich schlug ich mir die Hand vor den Mund. „Du hast doch nicht etwa-?"
„Nein, natürlich nicht!", fauchte er. Leiser fügte er hinzu: „Aber ich wollte."
Für einen Moment herrschte unangenehme Stille.
„Bist du jetzt enttäuscht von mir?"
Die ehrliche Antwort war: Ich wusste es nicht. Aber das konnte ich ihm ja so nicht an den Kopf werfen. „Ich glaube, ich bin eher erschrocken", sagte ich langsam. „Das ist das erste Mal, dass ich einen Beweis für deine dunkle Vergangenheit gesehen habe und die Vorstellung, dass du dir mit 16 solche Sachen ausgedacht hast... Es macht mich eher traurig."
Er sah mich eindringlich an. „Das kann passieren, wenn man in einem schwarzmagischen Haus aufwächst und nur fanatische Slytherinfreunde hat."
„Passt du deswegen auf Draco so auf?"
Er nickte.
Ich atmete einmal tief durch – es war nicht fair, wütend auf ihn zu sein. „Wenigstens ist das Buch jetzt weg."
„Ja? Er hatte mir Weasleys gebracht, oder?"
„Ja, aber auf dem Weg zu dir hat er sein Buch bzw. dein Buch im Raum der Wünsche versteckt. Bisher will er es sich irgendwann zurückholen, aber ich hoffe, er entscheidet sich dagegen. Er ist ziemlich geschockt von dem, was er aus Versehen getan hat."
„Das sollte er auch! Und ich würde es nicht aus Versehen nennen. Einen unbekannten Zauber, bei dem Für Feinde steht einfach auf jemanden zu schleudern, grenzt an Dummheit. Oder dunkle Züge."
„Wohl eher blinder Hass", murmelte ich. Draco und Harry konnten sich so wenig leiden wie Severus und James damals. Musste sich die Vergangenheit denn immer wiederholen?
„Das Nachsitzen hat er zumindest redlich verdient."
Ich nickte. „Aber du hast es nicht zufällig auf das Quidditchspiel gelegt, oder?"
„Das war ein Bonus", grinste er. „Aber vor allem wollte ich es nicht auf unsere Zeiten legen."
Ich lächelte. Es war ihm anscheinend genauso wichtig wie mir, Zeit miteinander zu verbringen.
„Kann ich dir einen Versöhnungstee anbieten?"
„Ein Kuss wäre mir lieber", sagte ich und versuchte, cool zu klingen, aber ich konnte meine Wange rot werden spüren.
Er lächelte und kam meinem Wunsch mit Freude nach.
Ich sah mir das Spiel auch ohne Harry an, denn immerhin spielten Ron und Ginny mit und Severus hatte sowieso keine Zeit für mich, da Harry bei ihm nachsitzen musste. Und es war nun mal das wichtigste Spiel des Jahres und irgendwie wurde sogar ich mitgezogen in all der Aufregung und Euphorie. Am Ende gewann Gryffindor sogar so hoch, dass wir tatsächlich den Quidditchpokal gewannen – das würde Severus sicherlich auf die Palme bringen, aber Slytherin hatte dieses Jahr sowieso keine Chance gehabt. Im Gryffindorgemeinschaftsraum herrschte eine große Party und ausnahmsweise war ich davon nicht genervt; die Stimmung war wirklich ansteckend.
Als Harry von seinem Nachsitzen kam, rief Ron: „Wir haben gewonnen!" und Ginny rannte auf ihn zu und plötzlich küsste Harry sie und Ron riss ihm nicht den Kopf ab.
Ich hatte Tränen in den Augen, als ich Harry und Ginny sah. Endlich war ihrer beider Traum wahrgeworden; die Liebe siegt am Ende immer.
