2. Und das sollte heißen: Lass mich in Ruhe, ich will die Überraschung in deinem Gesicht sehen! – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Mit einem zufrieden klingenden Seufzer legte sie auf und ich hing das Telefon ein. Dann verließ ich das Haus und machte mich in meiner Werkstatt an mein Motorrad. Obwohl ich nicht sicher war, dass ich noch genug Geld und Ersatzteile besaß, um es zu reparieren, fing ich einfach an. Die Kette musste zuerst dran glauben.


Es musste schon ziemlich spät am Abend sein, als ich hinter mir ein wohlbekanntes Räuspern wahrnahm. Billy stand am Eingang und sah mich zufrieden an.

„Ich hab uns eine Pizza bestellt, sie ist gerade gekommen. Kommst du mit rein?"

Ich nickte nur und stand auf. Dann half ich ihm, den Rollstuhl über die Wiese zu bugsieren. Wieder musste ich daran denken, dass das alles war, worüber wir seit Jahren gesprochen hatten. Aber seit wann verhielten wir uns so? Was war da zwischen uns? Ich wusste es nicht. Doch als ich ihn drinnen an den Tisch geschoben, meinen Platz eingenommen und angefangen hatte, zu essen, glaubte ich in seinen Augen sehen zu können, dass er das Gleiche dachte. Oder irrte ich mich? Ich stoppte, und erwiderte seinen stechenden Blick neugierig.

„Und, ist bei dir ist alles in Ordnung?", fragte er und schob sich das erste Stück Pizza in den Mund. Er aß, während er mich weiter beobachtete. Ich zog die Augenbrauen zusammen: „Ähm…ja, klar. Was sollte sein?"

Diese Situation war gerade ziemlich abstrus, wenn man bedachte, dass es eine halbe Ewigkeit her war, als er mich das zum letzten Mal gefragte hatte. Ich konnte nicht umhin, misstrauisch zu sein.

„Nichts.", sagte er schnell und schüttelte unwissend den Kopf, bevor er sich wieder dem Essen widmete. Doch es dauerte nicht lange, da stocherte er weiter, diesmal mit mehr Gleichgültigkeit in der Stimme: „Also ist alles ruhig?" Das war ja richtig unangenehm! Und diese Blicke…was sollte denn bitteschön passiert sein? Was wusste er, das ich und die anderen nicht wussten? Aber was noch viel wichtiger war, um was ging es hier eigentlich?

„Ja.", murmelte ich kurz angebunden und beobachtete, wie ein Stück Salami langsam vom Pizzateig rutschte: „So ruhig wie schon lange nicht mehr, ich schätze, dass es ab jetzt auch dabei bleiben wird. Sam hat übrigens meinen Rat befolgt und die Kontrollgänge abgeschafft. …oder - oder haben wir einen Grund, uns Sorgen zu machen?"

Er schüttelte wieder den Kopf und zwang ein Lächeln auf sein Gesicht.

„Ich denke nicht. Schließlich sind die schweren Zeiten lange vorbei, nicht? - Und ja, davon habe ich gehört."

Billy konnte ziemlich gruselig sein, wenn er nur wollte. So schaffte er es, mir gerade ein ziemlich mulmiges Gefühl zu machen. Was wollte er nur? Immerhin hatte ich die Idee von ihm, die Streifzüge einzustellen. Ich würde wohl nie schlau aus ihm werden… Langsam schob ich meinen Stuhl zurück und stand auf. Ich schnappte mir den letzten Bissen Pizza und steckte ihn mir ganz in den Mund. Dann wandte ich mich ab: „Ich geh' dann mal schlafen." Sein Nicken nahm ich nur am Rand wahr, während ich durch den kurzen Flur in mein Zimmer ging und die Tür hinter mir schloss. Ich legte mich auf mein Bett und wartete kauend und mit offenen Augen ab, bis das Licht vollkommen erloschen war. Wir hatten seit sieben Jahren keine Probleme mehr mit Vampiren, es war also wirklich kein Grund, sich Sorgen zu machen. Manchmal war er schon verrückt… Typisch mein Vater eben.

Ich stand auf einem Felsvorsprung und sah auf das Meer. Alles war so ruhig und friedlich, die Natur wirkte schöner als je zuvor. Die Wellen, die an der Klippe brachen und wild aufschäumten, glitzerten hell und verheißungsvoll. Es war windstill, nicht einmal eine leichte Brise wehte über die sonst stürmische See. Aber dann veränderte sich etwas. Die Atmosphäre war weniger befreit, die Luft knackte beinahe vor unausgesprochener Anspannung. Ich wollte mich umsehen, da spürte ich urplötzlich etwas Hartes, unnachgiebig Festes an meinem Hals. Der Druck wurde stärker und stärker, mir fiel erst ein, dass ich um Hilfe rufen könnte, als es bereits zu spät war. Meine Stimme hatte mich verlassen, alles was meine Kehle verlies, war ein Röcheln. Es dauerte nicht lange, bis ich gar keine Luft mehr bekam. Mir wurde schwindlig, alles drehte sich und dann wurde vor meinen Augen alles schwarz. Mein ganzer Körper zitterte und zuckte unkontrolliert, meine Versuche, mich zu befreien, gingen einfach unter. Ich merkte nur noch wie meine Beine unter einem ungeheuren Gewicht zusammenbrachen und ich ungebremst zu Boden stürzte. War ich noch bei Bewusstsein? Ich dachte, ich wäre gefallen? Mein Körper hatte nie die Felsen unter mir berührt. Doch was war das? Jemand schob an meinem Rücken. Was sollte das werden? Ich fiel immer weiter, immer tiefer. Da war nichts, das mich hielt. Aber dann, wie von selbst, öffneten sich meine Augen. Hatte ich sie jemals geschlossen? Ich war knapp über der Wasseroberfläche, schwebte regelrecht. Es war, als wäre die Zeit angehalten worden. Ich hob den Kopf und erblickte eine mir unbekannte Gestalt, die sich schützend vor mir aufgebaut hatte. Mein Retter? Ich versuchte, die Person genauer zu erkennen, aber es war, als hätten meine Augen jegliche Schärfe verloren. Ich griff kraftlos nach der Hand, die vor mir schwebte und mich bewachte, berührte sie sogar für einen Augenblick, doch dann entglitt mir der Moment.

Etwas war anders, mit mir.

Ich bemerkte es, bevor es passierte: Mein Traum zerplatze. Ich glitt aus der warmen, weichen Blase der Einbildung und war wieder im Hier und Jetzt angekommen. Mein Körper reagierte, bevor mein Verstand es begriffen hatte und ich setzte mich im Dunkeln auf. Meine Haut war schweißnass, die Klamotten klebten an mir wie Kaugummi. Ich atmete verwirrend schnell und flach. Ein kurzer Augenblick in der Realität und mir war entglitten, wovon dieser Traum gehandelt hatte. Alles, war ich wusste, war dass ich jetzt sicherlich nicht mehr einschlafen würde können. Es musste schon sehr früher Tag sein und ich sollte mich erst wieder beruhigen. Also stand ich auf und öffnete mein Fenster. Die vergangene Nacht schlug mir entgegen, lau und geheimnisvoll. Mit einer schnellen, leisen Bewegung stieg ich hinaus in die morgendliche Dämmerung. Ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft würde mir sicher gut tun.