3. Und ich hatte einmal gedacht, so was wie mich gäbe es nur im Märchen… - TEIL 1


Was zuvor geschah…

Ein kurzer Augenblick in der Realität und mir war entglitten, wovon dieser Traum gehandelt hatte. Alles, war ich wusste, war dass ich jetzt sicherlich nicht mehr einschlafen würde können. Es musste schon sehr früher Tag sein und ich sollte mich erst wieder beruhigen. Also stand ich auf und öffnete mein Fenster. Mit einer schnellen, leisen Bewegung stieg ich hinaus in die morgendliche Dämmerung. Ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft würde mir sicher gut tun.


Ich sah zum Himmel. Zwischen den dichten, leicht gräulichen Wolken konnte man immer öfter die Sonne erkennen. Trotzdem war es im Wald teilweise noch genau so dunkel, als wäre es mitten in der Nacht. Nicht, dass er dadurch unheimlich wirkte, es war schließlich nicht sonderlich eigenartig, dass das Gebiet um Forks im Dunkeln lag. So lief ich schon seit geraumer Zeit einfach nur die nächstbesten Waldwege entlang und atmete den angenehmen Geruch der Natur ein. Dabei war mir nicht aufgefallen, dass ich mich immer weiter auf Forks zu bewegte, was bedeutete, dass ich schon eine ganze Weile unterwegs sein musste. Die Zeit verging offensichtlich wie im Flug und so bog ich an der nächsten Kreuzung einfach links ab. Dieser kleine Waldabschnitt, der darauf folgte, war dunkler als die anderen. Ich kannte ihn kaum, wenn ich in Wolfsgestalt unterwegs war, nahm ich ja sowieso immer den kürzesten Weg. Aber wenn ich meiner inneren Landkarte Glauben schenken konnte, dann führte er geradewegs Richtung Küste, von wo aus es mehrere Möglichkeiten zurück zu mir nach Hause gab. Die leisen Stimmen der Vögel verloren sich im endlosen Rauschen der Bäume, ebenso wie der sonst allzu gegenwärtige Geruch nach Tannenzapfen und Moos. Irgendetwas war da, das ich nicht kannte. Und das brachte mich in Alarmbereitschaft. Es roch süßlich, bei weitem nicht so extrem wie ein Blutsauger, wohl aber anders als alles, das ich kannte. Zu anders. Regelrecht aufdringlich angenehm drängte sich die Luft in meine Lungen und ließ sie anschwellen. Mein Atem wurde schneller. Von der fast unerträglichen Ruhe verunsichert, sah ich mich unauffällig um. Lediglich das dumpfe Geräusch meiner Schuhe, die im steten Rhythmus auf dem weichen Waldboden aufschlugen, und mein eigener Herzschlag drangen an mein Ohr. …doch dann war da noch etwas anderes. Ein leises, dumpfes und merkwürdig schweres Pochen tauchte in der Ferne auf. Ein Herzschlag, wie ich erst später bemerkte, der immer näher kam. Ebenfalls auftauchende Schritte wurden immer schneller und ich begann ungeduldig, mich auf den Weg vor mir zu konzentrieren. Und wie erwartet dauerte es nicht lange, bis jemand in meinem Blickfeld auftauchte. Ein Mädchen, vielleicht eine junge Frau. Doch sie wirkte sehr jung auf mich, regelrecht unberührt und unbefleckt von sämtlichem Leid dieser Erde. Kurzes, schwarzes Haar ging nur teilweise bis zu den schlanken Schultern. Sie trug ausschließlich dunkle und sehr lange Klamotten, die ihre restliche Gestalt weitgehend verbargen. Deshalb und weil sie nicht viel kleiner war als ich, erinnerte sie mich sehr an Leah. Erst, als ich ihr in die Augen sah, merkte ich den Unterschied. Auch, wenn es im Dunkel des Waldes nicht leicht zu erkennen war, glaubte ich tatsächlich, ein Zitronengelb darin schimmern zu sehen. Nicht orange wie die der Cullens oder rot wie von Neugeborenen. Nein, es war eine hellgelbe, fast neonartige Färbung, die in meinen Augen völlig untypisch schien. Wie zwei leuchtende Sterne durchbohrten sie die langsam dem Tag weichende Nacht. Sie zogen mich magisch an und ließen mich gar nicht mehr los. Es gelang mir nur schwer, mich von ihnen loszureißen. Ich ließ meinen Blick über ihr Gesicht schweifen und musste erst genauer hinsehen, musste ich erst genauer hinsehen, um es zu verstehen. Sie war von Kratzern, Narben und sogar schwachen Blutergüssen überzogen, fast so, als hätte man sie aufs Übelste misshandelt. Aber irgendetwas sagte mir, dass sie keinesfalls so schwach war, wie ihre Jugend es vortäuschte. Das hier hatte mit einem Kampf zu tun, keine Frage. Anscheinend war sie übernatürlich, vielleicht eine Art Vampir, wie ich sie noch nicht kennen gelernt hatte. Aber das konnte ich mir beinahe nicht vorstellen, schließlich war ich schon eine Weile hier und hatte einiges gesehen, das ganz und gar nicht normal war. Und doch wurde ich wieder überrascht, als der Kragen ihrer Jacke beiseite fiel und mir einen von weißen Halbmonden völlig übersäten Hals offenbarte. Sollten das etwa alles Bisse sein? Ich suchte in meinen Erinnerungen nach etwas Vergleichbarem, etwas, das damit zu tun haben könnte. Und ja, da war etwas, das ich schon einmal gesehen hatte. Was das anging, war Jasper ihr absolutes Ebenbild. Sie stand ihm in dieser Hinsicht in absolut nichts nach, hatte sogar noch mehr Beweise, dass sie viele blutige Kämpfe ausgefochten hatte. Worum kämpfte sie? Sie wirkte nicht sonderlich aggressiv auf mich, aber auch nicht allzu zurückhaltend. Ihr Blick, teils abtrünnig, teils ungewiss, war der eines aufgescheuchten Rehs. Etwas, das ich für sehr menschlich hielt und das mir das Gefühl gab, sie wäre vertrauenswürdig. Aber was war mit den Kratzern und Blutergüssen? Vampiren war es durch ihre steinharte, kalte Haut unmöglich solche zu bekommen. Sollte das bedeuten, ich war hiermit auf etwas völlig Neues gestoßen? Ein neues… Wesen? Unsere Blicke trafen sich – kurz und scheinbar schmerzlos, aber effektiv. Der leblose, starre Ausdruck sollte Respekt einflößen, aber er gab ihr etwas gleichgültiges. Und je länger ich hinsah, desto bewusster wurde mir, dass ihre Augen der Schlüssel zu ihrer Seele waren. So vieles konnte ich darin lesen, so viele Gefühle in allein einer Regung erkennen. Der Gedanke durchschoss mich wie ein Blitz, doch er hallte lange nach. Das konnte kein Vampir sein. Ich wusste nicht, wie ich darauf kam, doch ich wusste, dass es so war. Ich wusste es einfach! Aber bevor ich ergründen konnte, woher dieser Gedanke gekommen war, musste ich wegsehen. Ich hatte keine Ahnung, was gerade in mir vorging, irgendetwas musste mich überfallen haben. Ich konnte nichts mehr denken, nichts mehr fühlen. Als hätte ich die Nadel meines Kompasses verloren und würde nun taub und stumm durch die Gegend wandern, ohne ein Ziel zu haben, ohne zu wissen, was ich überhaupt wollte. Mein Kopf war so voll und gleichzeitig so leer, ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Beinahe vergas ich, was überhaupt passiert war, da erschienen die stechenden, gelben Augen in meiner faden Erinnerung. Ich schaffte es, mich wieder zu beruhigen und meine Gedanken zu ordnen, aber es war zu spät. Sie war nicht mehr da. Verwirrt blickte ich mich um, realisierte, dass der Wald leer war. War ich stehen geblieben? Ich hörte weder einen Herzschlag, noch Schritte, noch Atemzüge. Gar nichts außer der vorherigen Stille. Erneut drehte ich mich um meine eigene Achse, mehrmals, sah in die Richtung, in welche sie verschwunden sein müsste. Dabei hatte ich nicht die geringste Ahnung wie lange ich hier schon stand, denn inzwischen war es deutlich heller. Und dann, ohne nachzudenken, folgte ich einem Impuls und lief ihr nach. Rannte verzweifelt diesem einen Gefühl nach, das mich urplötzlich überfallen hatte. Ich wusste weder warum, noch wobei es sich bei ebendiesem Gefühl genau handelte. Ich hoffte so sehr, dass ich sie einholen würde, dass ich sie noch einmal sehen konnte! Und wenn ich sie erreicht hatte, würde ich sie bitten, den Zauber aufzuheben, den sie auf mich wirkte. Denn dieser eine Moment, in dem ich in ihre wunderschönen, außergewöhnlichen Augen blicken konnte, hatte etwas entscheidend verändert. Mein Universum, mein gesamter Glauben schienen auf den Kopf gestellt worden und das in so unfassbar kurzer Zeit. Zwar konnte ich nicht genau sagen, ob ich nun anders dachte oder fühlte, aber ich wusste sehr wohl, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. Sei es ihr Erscheinen, ihre ganze Existenz oder meine Aufgewühltheit. Und so lief ich immer weiter, durchforstete den gesamten Waldabschnitt, den ich bei meinem Spaziergang bereits hinter mich gebracht hatte und das sogar mehrmals. Aber da war niemand. Ich könnte den ganzen Tag so weitermachen und würde zu keinem Ergebnis gelangen. Sie war nicht hier, sagte mir mein Verstand, du weißt genau, dass sie nicht hier ist, nicht mehr. Ich wollte ihm nicht glauben. Wieder sah ich mich um, nachdem ich erneut an einer Stelle ankam, die ich schon zu oft passiert hatte. Hier war nichts, aber auch gar nichts, das auf sie hindeutete. Kein Geruch, keine Spur, überhaupt nichts. Als wäre die vom Erdboden verschluckt worden oder war von Anfang an nur meiner reinen Einbildung entsprungen. Schwer atmend hielt ich an und stemmte meine Arme gegen einen Baum. Es konnte nicht sein, es konnte einfach nicht sein! Sie war hier gewesen, sie…sie musste hier gewesen sein. Ich war doch nicht so jemand, der sich Dinge einbildete, die vollkommen absurd waren, oder? Ich schüttelte meinen Kopf und stieß mich vom Baumstamm ab. Ich würde sie suchen und ich würde sie finden! Diesen Gedanken fest im Kopf behaltend, verwandelte ich mich, um meine Suche fortzusetzen. Nun war ich schneller und hatte größere Chancen, sie doch noch einzuholen. Und als hätte mich jemand erhört, nahm ich eine Fährte auf, die eindeutig ihre sein musste. Ich erkannte den ungewöhnlich angenehmen Geruch sofort, ich würde ihn aus tausenden wiedererkennen! Angespornt durch diesen Erfolg legte ich weiter an Geschwindigkeit zu, was durch eine eindeutige Verstärkung ihres Geruchs belohnt wurde. Ich wähnte mich kurz hinter ihr, sprang in einer einzigen flüssigen Bewegung über eine dichte Verästelung von kleineren Sträuchern…und wurde beinahe von einem Pickup überfahren. Erschrocken, dass ich mich bereits an der dicht befahrenen Schnellstraße weiter außerhalb von Forks befand, lief ich zurück in den geschützten Wald und blieb mit wild pochendem Herzen stehen. Was in aller Welt war in mich gefahren, dass ich so blind und taub einem wildfremden Mädchen hinterher stürzte? Was fiel mir ein, mitten in der morgendlichen Rush Hour auf eine vielbefahrene Straße zu laufen? Was, wenn mich außer dem überraschten Fahrer jemand gesehen hatte? Sam würde nicht begeistert sein, wenn schon wieder jemand aufbrach, um den ‚Bären' zu fangen, der die Gegend um Forks unsicher machte. So sehr ich mich auch gezwungen fühlte, diesem Mädchen weiter zu folgen, drehte ich um. Ich musste mich beruhigen und erst einmal über das nachdenken, das ich gesehen hatte.