3. Und ich hatte einmal gedacht, so was wie mich gäbe es nur im Märchen… - TEIL 2
Was zuvor geschah…
Und dann, ohne nachzudenken, folgte ich einem Impuls und lief ihr nach. Rannte verzweifelt diesem einen Gefühl nach, das mich urplötzlich überfallen hatte. Ich wähnte mich kurz hinter ihr, sprang in einer einzigen flüssigen Bewegung über eine dichte Verästelung von kleineren Sträuchern…und wurde beinahe von einem Pickup überfahren. Erschrocken, dass ich mich bereits an der dicht befahrenen Schnellstraße weiter außerhalb von Forks befand, lief ich zurück in den geschützten Wald und blieb mit wild pochendem Herzen stehen. So sehr ich mich auch gezwungen fühlte, diesem Mädchen weiter zu folgen, drehte ich um. Ich musste mich beruhigen und erst einmal über das nachdenken, das ich gesehen hatte.
Hi Jake., sagte da plötzlich jemand und mit einem leisen Reißen tauchte Seth in meinem Kopf auf. Ich antwortete ihm jedoch nicht, zumindest nicht direkt, denn dazu war ich jetzt einfach nicht in der Lage. Und bei all der Aufregung vergas ich vollkommen, dass ich nicht allein war mit meinen Gedanken und begann, gegen meine Vorsätze, nach Hause zu gehen und dort mit mir selbst zu klären, was ich tun würde, über das Geschehene nachzudenken. Wieder und wieder rief ich mir ihr Bild vor Augen, kam aber nie zu einem Vorstoß, konnte einfach keinen Schluss daraus ziehen. Ihre körperlichen Eigenschaften waren mit nichts zu erklären. Wie aus einem Reflex heraus holte ich tief Luft, doch der von mir erhoffte Geruch war nirgends zu finden. Ich schnaubte, weil ich den eigentlich guten Duft von Wald und Wiese auf einmal mehr als nur abstoßend fand.
Wow., kam es dann von Seth und ich realisierte, dass ich ihm alles erzählt hatte, wenn auch unbewusst. Ein verärgertes Knurren entschlüpfte meiner Kehle und ich wollte mich am liebsten selbst ohrfeigen. Wenn Seth es wusste, würde es nicht lange dauern, bis alle darüber genaustens im Bilde waren! Wie blöd war ich eigentlich?
Ganz ehrlich, Jake, Sam würde das brennend interessieren.
Natürlich würde es das! Ich brauchte einen Plan, und zwar dringend. Denn ich hatte bestimmt nicht vor, ihm davon zu erzählen. Er würde mit Sicherheit sofort alles daran setzen, diese ‚mögliche Gefahr' auszuschalten, um den Stamm zu schützen. Auch, wenn ich zugeben musste, dass es sich dabei in diesem Fall vielleicht sogar um die richtige Entscheidung handelte. Dennoch konnte ich es nicht zulassen, erst musste ich sie ausfindig machen und dann das Geheimnis ihrer Existenz lüften. Erst dann wäre es möglich zu entscheiden, ob sie für uns gefährlich war oder nicht. Ohne weiter zu zögern heulte ich auf. Nicht Sam, aber zumindest mein Rudel sollte Bescheid wissen, denn ich würde Hilfe brauchen, ob ich wollte oder nicht. Und sie ließen auch nicht lange auf sich warten, dann tauchten Ryan, Josh, Chris und Scott auf, meine ‚Neuen'. Sie waren zwar schon eine ganze Weile dabei, aber dadurch, dass ihre Verwandlung im Jugendalter und viel zu früh stattgefunden hatte, waren sie fast nie mit dabei. Ich warf einen Blick durch ihre Augen und erkannte, dass sich keiner von ihnen allzu weit weg befand. Je schneller das hier vonstatten ging, umso besser. Doch während ich und Seth abwarteten, fiel mir das Gespräch am gestrigen Abend mit Billy wieder ein. Er hatte gefragt, ob alles ruhig war und ich hatte mir nicht viel dabei gedacht. Aber das konnte doch unmöglich ein Zufall sein, oder? Sollte er also gewusst haben, dass wir Besuch bekamen? Hatte er eine Art Vorahnung? Das war absoluter Schwachsinn, denn Dad, auch wenn er nicht mehr der Jüngste war und es daran liegen könnte, war nie sonderlich hellseherisch gewesen. Misstrauisch und verschlossen, ja. Aber selbst wenn, woher sollte er dieses Mädchen denn kennen? Bestimmt war das nur so eine harmlose Routinefrage gewesen und er wollte einfach mit mir reden, egal worüber, immerhin redeten wir ziemlich selten miteinander. Nicht, weil wir nicht wollten, uns fiel einfach nicht ein, worüber. Währenddessen ich mir die Idee, Billy wüsste Bescheid, aus dem Kopf schlug, trudelten alle so langsam ein. Auch Quil und Embry hatten uns erreicht, Seths Schwester würde nicht weit sein, doch noch konnte ich ihre Gegenwart nicht in meinem Kopf wahrnehmen. Ich lief unruhig und mit Seth an meiner Fußsohle klebend hin und her, während ich meine Erlebnisse in Dauerschleife ablaufen ließ.
Sam darf nicht wissen, was ihr gerade gesehen habt. Er wird sie als eine Gefahr für den Stamm und alle anderen Menschen einstufen, bevor er überhaupt weiß, ob sie denn eine ist. Deshalb werden wir versuchen, das ohne ihn zu klären.
Scott, schon immer ein Verfechter des Widerspruchs, ließ sich auf dem Waldboden nieder: Woher sollen wir wissen, ob sie gefährlich werden könnte oder nicht? Wir wissen nicht einmal, was genau sie ist, warum also willst du es auf die nette Tour versuchen?
Ich fletschte die Zähne und brachte ihn mit einem tiefen Grollen zum Schweigen.
Dann werden wir sie eben kennenlernen!, sagte ich mit dem doppelten Klang des Leitwolfs in meiner Stimme: Auf jeden Fall treffen wir keine voreiligen Entscheidungen, diesen Fehler machen wir nicht noch einmal. Und das hoffe ich auch für Sam. Allerdings wird er es nicht erfahren, weil ihr nichts erzählen werdet! Weder ihm, noch den anderen, ich will kein Risiko eingehen.
Er gab sich freiwillig meinem Willen hin, auch wenn es ganz und gar untypisch für ihn war. Ich nahm meinen wütenden Blick von ihm, als Leah auf der Lichtung ankam. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sie sich verwandelt hatte, aber das war jetzt auch unwichtig.
Wir teilen uns in kleine Gruppen auf und laufen abwechselnd Streife. Seth und Leah; Quil und Scott; Embry und Chris. Ich nehme Ryan und Josh mit. Immer in der Reihenfolge. Jede Gruppe ist einen halben Tag dran. Früh bis Mittag; Mittag bis Abends. Seth, Leah? Erst die Grenze, La Push und dann Forks, aber bleibt außerhalb.
Die beiden drehten sich um und liefen los, ich sah ihnen nach, bis sie im Dickicht verschwunden waren. Selbst wenn ich es niemals zugeben würde, so fand ich es doch ziemlich kindisch, mit welchem Eifer ich plötzlich an diese Leitwolfsache heran ging. Denn früher hätte ich nicht einmal im Traum daran gedacht, die anderen zu zwingen, Dinge für mich zu erledigen und sie meinem Willen zu unterwerfen. Es war seltsam, dass ich gerade jetzt darauf zurückgriff und damit eigentlich mein eigenes Versprechen brach. Quil und Embry schien das aber weniger zu stören, ihr Interesse konzentrierte sich weniger auf meine Taten als auf mich.
Sie scheint ihn schwer beeindruckt zu haben., dachte Quil mit Blick auf mich, ich versuchte jedoch, ihn zu ignorieren.
So schlecht sah sie ja auch nicht aus., kommentierte Embry mit einem belustigten Bellen: Ist dir aufgefallen, dass er noch kein einziges Mal nach Renesmee gefragt hat, seitdem er diesem Mädchen begegnet ist? Quil unterbrach ihn schnell: Jetzt wo du's sagst… Was ist nur aus dem Klammeräffchen Jake geworden?
Sie lachten kläffend, während ich versuchte, zu übergehen, dass sie gerade im Begriff waren, sich über mich lustig zu machen. Und dann auch noch mit Nessie… Mich als Klammeräffchen zu bezeichnen, war ihre Lieblingsbeschäftigung, seit ich und Nessie zusammen kamen. Sie liebten es unwahrscheinlich mich damit aufzuziehen, dass ich es keinen Tag ohne sie aushielt, dabei waren sie selbst nicht besser, zumindest Quil nicht. Im Gegensatz zu ihm hatte Embry noch immer keine Seelenverwandte gefunden, die zu ihm gehörte.
Ehrlich gesagt ist es gar nicht so schlecht, mal wieder was zu tun zu haben, es wurde langsam richtig langweilig., wechselte Embry daraufhin das Thema. Ich gefiel es nicht zu hören, dass er noch immer allein war. Meine einzige Trumpfkarte, um von mir selbst abzulenken.
Irgendwann waren auch er und Quil verschwunden, um sich zurück an die Arbeit zu machen, die sie für mich kurz niedergelegt hatten. Es war eine Befreiung, als ihre Stimmen aus meinem Kopf verschwanden und ich endlich meine Ruhe hatte. Der Gedanke an Nessie und unsere Verabredung war bald schon verschwunden und allein die Hoffnung, das Mädchen vor Sam zu finden, blieb zurück.
So verbrachte ich diese und die nächsten Nächte draußen im Freien, ohne mich auch nur ein einziges Mal zurückzuverwandeln. Der Wald wurde mein Zuhause und mit ihm meine Suche zur Lebensaufgabe, Billy setzte ich nicht in Kenntnis über mein Verbleiben, denn er hatte ja anscheinend sowieso schon vorher alles gewusst.
