4. Ich hatte Verstecken spielen schon immer gehasst, aber das war nichts im Vergleich zu heute! – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Wir teilen uns in kleine Gruppen auf und laufen abwechselnd Streife. Jede Gruppe ist einen halben Tag dran. Früh bis Mittag; Mittag bis Abends. Erst die Grenze, La Push und dann Forks, aber bleibt außerhalb.

Der Gedanke an Nessie und unsere Verabredung war bald schon verschwunden und allein die Hoffnung, das Mädchen vor Sam zu finden, blieb zurück.

So verbrachte ich diese und die nächsten Nächte draußen im Freien, ohne mich auch nur ein einziges Mal zurückzuverwandeln. Der Wald wurde mein Zuhause und mit ihm meine Suche zur Lebensaufgabe, Billy setzte ich nicht in Kenntnis über mein Verbleiben, denn er hatte ja anscheinend sowieso schon vorher alles gewusst.


Als ich mit Ryan und Josh gerade von einer weiteren erfolglosen Streife zurückkam, standen Seth und Leah schon bereit, um uns abzulösen. Da ich nicht arbeiten musste, entschied ich mich, erst einmal nach Hause zu gehen. Ich freute mich wahnsinnig auf eine Dusche und etwas ordentliches zu Essen, nachdem ich mich die letzten Tage fast ausschließlich auf meine Suche konzentriert hatte. Aber so viel ich auch gab, meine Bemühungen waren nutzlos geblieben. Ich hatte sie nicht gefunden, nicht einmal die geringste Spur von ihr, keinen einzigen Beweis, dass es sie je gegeben hätte. Langsam begann ich wirklich zu zweifeln, ob sie überhaupt existierte und ich in dieser Nacht nicht vielleicht doch geträumt hatte. Vielleicht war es besser, nachzugeben, denn was, wenn sie schon längst über alle Berge war? Wenn sie ein Nomade auf der Durchreise gewesen war und nie wieder zurückkommen würde?

Als ich ankam, wartete Billy bereits auf mich. Er schien verwirrt und vielleicht sogar etwas wütend, aber nicht im geringsten besorgt. Schon wieder musste ich daran denken, dass er vielleicht gewusst hatte, was passieren würde.

„Du scheinst in den letzten Tagen sehr beschäftigt zu sein wie ich sehe.", begrüßte er mich. Der deutlich aus seiner Stimme heraus hörbare Vorwurf machte mich nachdenklich, jedoch ohne Erfolg. Ich kam einfach nicht darauf, was ich falsch gemacht haben sollte. Als er sich mir absichtlich in den Weg stellte, obwohl ich gerade ins Bad gehen wollte, reagierte ich genervt. Was bitte sollte das jetzt werden? Er beantwortete meine stumme Frage, bevor ich sie aussprechen konnte: „Jacob, ich hätte nicht gedacht, dass ich dich so schlecht kenne." Ich zuckte mit den Schultern und wollte ihn zur Seite schieben, um endlich duschen zu können, doch er hob abwehrend seine Hand und hielt mich in meinem Vorhaben auf.

„Renesmee hat mindestens zwanzig Mal hier angerufen und nach dir gefragt. Ich musste ihr jedes verdammte Mal sagen, dass ich ihr nicht weiterhelfen kann, weil ich selbst nicht einmal wusste, wo du warst, weil du ja nie eine Nachricht zurücklässt. Warum lässt du nichts von dir hören? Es ist nicht so, dass ich dir übel nehme, dass du mir nichts gesagt hast, aber was ist mit Renesmee? Sie macht sich Sorgen, Jake, vor allem weil du eine Verabredung versäumt hast. Wo zur Hölle bist du gewesen? Und wie hast du es geschafft, dich von ihr fernzuhalten? Das ist mir ein Rätsel, Jacob, ehrlich."

Sein Blick wurde misstrauisch, als ich erneut die Schultern hob und wieder fallen ließ. Wenn ich ehrlich darüber nachdachte, dann wusste ich es selbst nicht einmal. Jetzt wo er es sagte, fiel mir ein, dass ich ja tatsächlich mit Nessie verabredet gewesen war: „Ich hab' es vergessen. Ich werd' sie gleich anrufen, nachdem ich wieder einigermaßen annehmbar rieche." Er seufzte nur, dann verschwand er in der Küche, wo er noch immer war, als ich aus dem Bad wiederkam. Ohne ihn jedoch zu beachten, machte ich mich mit frischen Sachen auf den Weg zu meiner Werkstatt. Ich versuchte zu ignorieren, dass ich seinen stechenden Blick in meinem Rückgrat spürte. Als ich mich auf den Boden kniete, um die Kette meines Motorrades in Beschlag zu nehmen und sie zu ölen, schweiften meine Gedanken ab. Mir war klar, dass Billy Recht hatte. All die Zeit, die ich draußen und auf der Suche verbrachte hatte, war Nessie unbewusst in den Hintergrund gerutscht. Nicht eine Sekunde hatte ich ihr oder unserem Treffen gewidmet, was mich nun ernsthaft zum Nachdenken brachte. Ich fragte mich genauso wie er, wie das überhaupt möglich war und ich es geschafft hatte, ohne sie auszukommen. Wieder fielen mir Quil und Embry ein, die mich immer als Klammeräffchen bezeichnet hatten, denn genauso war es gewesen. Nessie und ich…das gehörte einfach zusammen, es gab keine andere Möglichkeit. Aber warum hatte ich es dann plötzlich nicht mal mehr eilig, Nessie anzurufen und mich zu entschuldigen? Vielleicht erklärte ich ihr einfach, dass ich zurzeit viel zu tun hatte und es mir nicht allzu gut ging. Nein, das war völliger Blödsinn, sie wusste sofort, wenn ich log, außerdem war sie über meine tagtäglichen Beschäftigungen sehr im Bilde. Sie würde mich sofort fragen, was passiert war und wie sollte ich ihr sagen, dass wir drauf und dran waren, einen Eindringling zu schnappen? Sie würde es Edward und Bella erzählen und dann hätte ich auch noch die an mir hängen… Ich konnte den Anruf nur so lange wie möglich vor mir herschieben und damit meine Erklärung herauszögern. Denn ich wollte sie nicht anlügen, ich…ich konnte sie nicht anlügen. Aber ich konnte es ihr auch nicht sagen… Wieso war das alles so verdammt kompliziert? Stöhnend griff ich mir an den Kopf. Ich dachte nicht wirklich gerade darüber nach, was ich machen konnte, um Renesmee nichts erzählen zu müssen oder? Das war so erbärmlich, immerhin sagten wir uns doch sonst auch immer alles?!

Als ich dann nach einer gefühlten Ewigkeit endlich fertig war, stand ich auf und wischte meine klebrigen, schwarzen Finger an einem alten Geschirrtuch ab. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren, wenn ich die ganze Zeit über all das nachdachte. Wenn ich dieses Mädchen vor mir sehe…der Zug um ihre Lippen, die neongelben Augen so hell und leuchtend, das Muster aus Narben und Blutergüssen auf ihrer Haut, jeder Sonnenstrahl, der darauf ein wildes Spektakel an Formen verursachte. Wie der Wind die Strähnen ihres pechschwarzen, kurzen Haares zum Fliegen gebracht hatte… Sie hing mir wirklich immer noch im Kopf und zwar mit jedem noch so kleinen Detail. Ich hatte keine einzige Einzelheit ihrer Erscheinung vergessen. Die Zurückhaltung und die Fremde des Mädchens machten mich neugierig. Ich wollte unbedingt ergründen, was so besonders und anders an ihr war, wollte wissen, was sie war und warum. Irgendwie…konnte es sein, dass ich sie mochte? Ich tat so vieles in meiner Macht stehende, um sie zu finden und sie gleichzeitig vor Sam zu schützen. Ich wollte sie hier haben, in Sicherheit und endlich ihr Geheimnis lüften! Ihre Nähe hatte etwas mit mir angestellt, das ich nicht beschreiben und schon gar nicht begreifen konnte. Sie war so gar nicht wie die anderen Mädchen, die ich kannte.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als das schrille, laute Klingeln des Telefons erklang. Nachdem die letzte Müdigkeit abgeklungen war, rieb ich mir hartnäckig den Schlaf aus den Augen und stand währenddessen auf. Billy war gerade dabei, mich zu rufen, da stand ich bereits im Türrahmen und nahm ihm den Hörer aus der Hand. Er formte mit seinem Mund ein lautloses ‚Renesmee' und erklärte mir dann pantomimisch, dass er sich nun nach draußen zurückziehen würde. Ich nickte ihm zu und drückte den Hörer an mein Ohr: „Black?"

Meine Frage verklang in der Leere der Leitung und ich kam mir merkwürdig vor. Das erste Wort, das man ins Telefon sagte, kam einem immer irgendwie sinnlos vor. Man hatte das Gefühl, dass man in etwas Hohles hineinsprach, etwas Leeres. Etwas, das auf keinen Fall antworten würde.

„Jake!", erklang eine hohe Stimme am anderen Ende und ich hielt mir aus Reflex mein anderes Ohr zu, um nicht völlig taub zu werden: „Jake, ich hab mir solche Sorgen gemacht! Warum hast du dich nicht gemeldet? Wo bist du gewesen?"

Ich verdrehte genervt die Augen, als mir klar wurde, dass ich nun wieder die übliche Fragerei über mich ergehen lassen musste, genau das, was ich erwartet hatte und gleichzeitig auch das, wonach mir jetzt mit Sicherheit nicht der Sinn stand.

„Ich war im Wald.", sagte ich kurz angebunden und hörte sie leise seufzen. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass das hier länger dauerte als ich es aushalten würde.

„Genau das hat mir Billy auch immer gesagt. Aber ich durfte dich ja nicht suchen! Er meinte, du würdest schon wieder auftauchen, aber was, wenn nicht? Niemand konnte mir eine Garantie geben, dass du je wiederkommen würdest."

Sie rasselte diese Sätze so schnell herunter, dass in meinem Kopf alles durcheinander geriet. Irgendwie war mir das hier zu viel, das Gefrage, Nessies Stimme, einfach alles. Ich wusste nicht, warum, weil ich mich nicht daran erinnern konnte, jemals so empfunden zu haben. Es war verwirrend, dass ich mich nicht nach ihr gesehnt hatte, aber jetzt wusste ich auch wieder, weshalb. Meine Hand fasste geistesabwesend nach meiner Nasenwurzel und rieb daran: „Ich bin ein Werwolf, Nessie. Ich verbringe nun mal meine meiste Zeit im Wald, das ist, was wir tun. Wie soll ich dir den natürlichsten Trieb von Wölfen erklären?" Der natürlichste Trieb eines jeden Tieres war die Fortpflanzung, das wusste jedes Grundschulkind. Genau der Grund, aus dem ich es sagte, da Nessie niemals zur Schule gegangen war. Edward hatte es nicht gewollt, als unterrichteten sie sie zuhause. Keine besonders gute Notlösung, wenn sie mich fragten, aber meine Meinung war sowieso unwichtig, wenn es um ihre Bildung ging. Ich hatte da nicht mitzureden.

„Jake, du hast mir doch sonst jedes Mal gesagt, wenn du weg gegangen bist? Es ist genau wie mit unserem Treffen, ich denke dann immer sonst was, das weißt du doch! Es ist einfach so gut, zu hören, dass es dir gut geht."

Jetzt war es an mir, zu seufzen. Sie führte sich hier gerade wie meine Mutter auf! Ich konnte nur über mich selbst den Kopf schütteln, als ich realisierte, dass es genau das war, was ich von ihr kannte und liebte. Ihre unglaubliche Fürsorge, ihre verrückte Liebe…

„Tut mir leid, Ness, tut mir wirklich leid. Ich hab es einfach nur vergessen, es ist zurzeit einfach etwas stressig.", erwiderte ich etwas sanfter. Stressig? Was bitte erzählte ich da?

„Was ist los? Braucht ihr Hilfe?", fragte sie sofort mit unverhüllter Besorgnis in der Stimme. Jetzt war es wieder zu viel der Fürsorglichkeit!

„Es ist alles in – Ordnung!", machte ich ihr angespannt klar und versuchte dabei inständig, meine plötzliche Wut über sie im Zaum zu halten: „Wir…keine Sorge, es ist wirklich alles in Ordnung. Na ja, ich und Sam sind vielleicht ein wenig aneinander geraten, aber das ist ja jetzt schon alltäglich. Das, ähm, das mit dem Treffen holen wir nach, ja? Ich ruf dich an."

Damit legte ich auf. Verdammt! Beinahe hätte ich ihr wirklich verraten, was mich so aufwühlte! War ich eigentlich völlig geistesgestört? Nicht einmal Billy wusste davon, wieso also sollten alle anderen es erfahren? Tja, und die Lüge mit Sam…er war mir sowieso noch etwas schuldig gewesen.

Schnell verzog ich mich wieder in mein Zimmer und setzte mich auf's Bett, wo ich meinen Rücken langsam rückwärts gegen die Wand sinken ließ und mein Gesicht in meinen Händen vergrub. Ich hatte definitiv überreagiert, nicht nur ich, mein Körper hatte einfach... Was auch immer mich geritten hatte, sie anzulügen und anzufahren, jetzt war es weg. Und es hatte mir hier einen Berg von Gedanken überlassen, die ich zu Ende denken musste. Hätte ich mir das alles nicht ersparen können, indem ich gar nicht erst zurück nach Hause gekommen wäre? Indem ich mich wie damals vor Bellas Hochzeit einfach meinem Wolfs-Ich überlassen hätte? Nein, ich hätte es womöglich nur vor mir hergeschoben und am Ende doch schlimmer gemacht. Dennoch wäre es einfacher gewesen, zumindest vorerst. Aber so war ich nun mal, immer zuerst den schnellsten Weg nehmen und wenn der nicht funktionierte, den Dickkopf mit einem durchgehen lassen. Und weil ich gerade bei Dickköpfen war, kam mir das Mädchen wieder in den Sinn. Sie bohrte sich in meine Gedankengänge hinein, als sollte ich sie nie wieder herausziehen können. …als sollte ich sie niemals wieder vergessen. Etwas, das jetzt schon beinahe unmöglich war, weil ich jedes Mal, wenn ich auch nur irgendetwas tat, das vielleicht nicht einmal mit ihr in einem Zusammenhang stand, an sie denken musste. Dann, wenn die Erinnerungen zurückkamen, wenn mich die Empfindungen dieser einen Nacht einholten und mich in sich einschlossen. Reaktionsartig schloss ich die Augen, um die Gefühle wieder herbeizusehnen. Um vielleicht wieder so fühlen zu können wie in diesem Moment, gedankenlos, warm, geborgen.

Ich wusste nicht mehr wie und warum, aber irgendwann schlief ich erneut ein und sank in mein vorhin unterbrochenes Nickerchen zurück. Die Bilder vor mir fingen an sich zu drehen und vermischten sich in einem riesigen Strudel zu einem reißenden Strom, der mich mit sich nahm und davon schwemmte.