5. Das war wirklich erbärmlich, da brachte ich nicht mal einen Smalltalk zusammen… - TEIL 2


Was zuvor geschah…

Auf halbem Weg zu meiner Werkstatt blieb ich stehen, zurecht misstrauisch geworden, wie ich kurz darauf erfuhr, denn Jess war wie aus dem Nichts erschienen. Ich kannte ihre Stimme, ich wusste nicht woher, aber so war es. Als hätte ich sie schon einmal in meinem Leben gehört. Offensichtlich interessierte sie sich für Autos, doch das war es nicht, weshalb sie gekommen war, denn sie bedankte sich bei mir, dass ich sie nicht verraten hatte.


„Jedenfalls…war ich noch nicht fertig mit der Geschichte. Ich weiß, es ranken sich einige Mythen um Vampire, was die Menschen angeht. Es gibt diejenigen, welche in der Sonne verbrennen oder mit Holz gepfählt werden können und einige wenige, die Gaben besitzen.", sie hielt inne, offensichtlich um sich zu vergewissern, ob ich darüber Bescheid wusste, sprach jedoch schnell weiter, als hätte allein mein Anblick es ihr verraten: „Obgleich ich und meine Schwester keine richtigen Vampire sind, so sind wir es dennoch zur Hälfte. Auch wir besitzen Gaben, wobei meine wesentlich komplizierter zu erklären ist. Meine Schwester ist in der Lage, die Fähigkeiten anderer zu unterdrücken, recht simpel und sehr effektiv. Es fühl sich an, als wäre man in einem Leerraum, vor allem für diejenigen, welche die Gaben anderer spüren können. Ich hingegen – du solltest wissen, dass es weniger mit dem zu tun hat, das du jetzt vielleicht denken wirst – kann die Fähigkeiten anderer Vampire für mich selbst nutzen. Es ist nicht, als würde ich sie stehlen, ich borge sie mir aus. Man könnte auch sagen, dass ich sie mir kopiere. Dabei kann ich allerdings nicht das jeweilige Level eines Vampirs, das er mit seiner Gabe erreicht hat, übernehmen. Das muss ich mir selbst antrainieren. Habe ich eine Gabe übernommen, kann ich sie einsetzen, wann immer ich will, wo immer ich bin. So viele wie möglich gleichzeitig und glaub mir, ich habe eine Menge Übung darin."

Sie grinste. Warum in aller Welt grinste sie? Denn wenn eines sicher war, dann dass sie eine mir noch unbekannte Macht mit vielen tausend Facetten besaß. Eine Kriegswaffe, ja, eine Massenvernichtungswaffe. Die Dimension ihrer Kraft war für mich nicht einmal annähernd vorstellbar und sie erzählte es, als hätte sie das schon unendlich viele Male vor irgendwem getan.

Und dann war alles anders. Zwar hatte ich deutlich gehört, was sie gesagt hatte und sollte jetzt eigentlich darüber nachdenken, ob es überhaupt möglich war, etwas so Übermächtiges zu kontrollieren, doch ich wusste nicht mehr, was so schlimm daran war. Als wäre all das völlig normal und meine erste Reaktion viel zu stürmisch. Als ich sie daraufhin ansah und wissen wollte, was meine Meinung geändert hatte, kam mir aber eine ganz andere Frage in den Sinn.

„Wirst du bleiben?", fragte ich und ihr Lächeln verschwand, als hätte man es ausgeknipst. Sie sah zu Boden: „Das wird sich noch entscheiden müssen, vorerst bin ich nur zu Besuch. Aber ich glaube, dass es mich…sehr freuen würde, hier zu bleiben." Was bitte sollte das heißen? Ich konnte mich nicht festlegen, doch irgendetwas daran klang, als wäre nicht sie es, die diese Entscheidung zu treffen hatte.

„Gut, und was hast du hier für einen Schrotthaufen?"

Ihre Stimme war verändert, in welcher Hinsicht konnte ich nicht sagen, doch sie wirkte etwas verloren, als sie weiter zu meinem alten Motorrad ging. Ich schloss die Motorhaube und folgte ihr auf dem Fuß.

Als wäre ich jetzt wieder klar im Kopf, erinnerte ich mich daran, dass nichts hieran normal war. Weder diese Unterhaltung, noch das Mädchen vor mir oder ihre…Gabe. Theoretisch gesehen war nichts davon real. Ich hatte das starke Gefühl, dass sie auf keinen Fall hier sein sollte, doch auch den unverständlichen Willen, sie für eine sehr, sehr lange Zeit weiterhin hier zu behalten. Was zum Teufel war los mit mir? Ich sah sie an, ihren perfekt anmutenden Körper, ihre unglaubliche Ausstrahlung. Doch das war es nicht, was mich zwang, sie immerzu anzusehen. Ich fühlte mich nicht von ihrer Schönheit angezogen, nein, auch wenn ich als Mann wirklich sagen musste, dass sie außergewöhnlich schön war. Irgendetwas war da, das mir ebenfalls bekannt vor kam, aber…ich wusste nicht was. Dieses Mädchen mit seiner Außergewöhnlichkeit brachte mich um den Verstand.

„Jacob?"

Jess sah mich von der Seite an, der Blick fragend, dennoch anziehend. Ich blinzelte und zog die Augenbrauen nach oben: „Ähm…" Sie lachte leise und kurz auf, ein himmlisches Geräusch – das komplette Gegenteil zu ihrer teuflischen Gabe.

„Ich hab gefragt, ob du vielleicht Hilfe brauchen könntest.", wiederholte sie sich offenbar selbst, was ich wieder nur mit einem Nicken beantwortete. Eigentlich war es mir egal. Aber wenn sie das Modell meines Golfs erkannte, musste sie sich schon ein wenig auskennen. Es würde reichen, sich unter meiner Aufsicht mit meiner Schrottkiste zu befassen, ohne dass ich mir Sorgen machen müsste. Das bedeutete allerdings auch, dass wir ab jetzt mehr Zeit miteinander verbrachten. Ob ich das wollte, konnte ich in dem Moment nicht wirklich sagen.

Sie kniete sich auf den Boden und fing an, die Reifen zu begutachten, die ich schon beiseite gelegt hatte. Tonlos setzte ich mich ihr gegenüber, vor das Motorrad, und öffnete den unteren Kasten eines weiteren Schrankes. Als ich gerade feststellte, dass das, was ich suchte, schon vor mir lag, blieb mein Blick wieder an ihr hängen. Am liebsten hätte ich mich sofort selbst für meine belästigenden Blicke bestraft, aber meine Hand ließ sich gerade nicht bewegen, um zum Schlag auszuholen. Als sie den Kopf hob und mich erwischte, verschleierte ich meine Tat: „Woher die Augenfarbe?" Sie wartete einen Augenblick, als wüsste sie, dass es nicht das war, weshalb ich sie angesehen hatte. Doch dann nahm sie meine Frage hin: „Obwohl ich zur Hälfte Vampir bin, trinke ich kein Blut. Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber ich glaube, dass ich welches trinken könnte, wenn ich es wollte. Das wäre allerdings ein ziemlicher Alptraum für mich… Ich glaube, dass sich das Gelb ausgeprägt hat – weder goldig oder orange wie bei Vampiren, die sich von Tierblut ernähren, noch rot wie bei welchen, die Menschenblut trinken – weil der Vampir in mir in seiner Entwicklung unterbrochen wurde und zwar von meinem Wolfs-Ich. Ich habe mich früh verwandelt wie meine Schwester auch. Ob das allerdings so stimmt, kann ich dir nicht sagen."

Ich sah sie ungläubig an, mittlerweile schien dieses Gespräch schon völlig normal für mich: „Wirklich nicht? Kein bisschen, nicht mal einen Tropfen?"

„Bin trocken."

Sie lächelte und steckte mich an. Es war so einfach, mit ihr hier zu sitzen und zu reden.

„Eigentlich ist all das ziemlich plausibel, ich meine, meine Körpertemperatur ist höher als die eines normalen Menschen, aber kälter als eure, die eines richtigen Wolfes. Meine Haut kann man nicht hiermit vergleichen, was die Farbe angeht, der ägyptische Teint lässt sich auch durch eine Verwandlung nicht vertreiben. Aber noch etwas, ich glitzere nicht, und ich bin wirklich froh darüber."

Ich dachte darüber nach wie es wäre, wenn sie glitzern würde, die Vorstellung war irgendwie…amüsant. Ich musste grinsen und sie stieg mit ein, doch ihre Augen blieben reglos, es erreichte sie nicht. Und dann kam mir ein Blitzgedanke und ich dachte darüber nach, ob es unhöflich wäre, sie nach ihrem Alter zu fragen. Eigentlich wusste ich gar nicht, ob ich das überhaupt wissen wollte, nur, dass man diese Frage keiner Frau stellte, wenn man denn etwas von Manieren verstand und hielt.

„Wie…alt bist du eigentlich?"

Sie sah auf, mehr verwundert als wütend.

„Ich…weiß es nicht.", erwiderte sie und es klang unfassbar ehrlich. Ich hakte nach: „Was?" Zu unglaublich klang es, dass sie meinte, nicht zu wissen wie alt sie war.

„Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Weder ich noch meine Schwester kennen das genaue Geburtsjahr, wir können uns nicht mehr daran erinnern, genauso wenig wie an unsere Mutter. – Ich weiß, das hört sich komisch an, aber vielleicht…vielleicht ist es ja auch besser so."

Ich war mich sicher, diese Ungewissheit wäre verstörend für mich, sich selbst nicht zu kennen. Es war eine ziemlich gruselige Vorstellung. Aber sie nahm es locker und das ließ jeden Zweifel bei mir verschwinden.

Und dann nahm ich einen Geruch war, den ich nun wirklich nicht hier erwartet hätte. Rosen und Zucker, kurz: Nessie. Sofort fuhr ich nach oben, Jess tat es mir gleich. Sie konnte es ebenfalls riechen, wohl aber niemandem zuordnen. Das ist Renesmee, ein Halbvampir. Ich versuchte, sie diese Gedanken hören zu lassen, sollte sie in meinen Kopf eindringen. Ich hatte in diesem Moment keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich davon hielt, dass sie das tun konnte, wann immer sie wollte. Und offensichtlich war es das, was sie auch tat. Die Erkenntnis leuchtete dunkel in ihren Augen und ich machte ihr pantomimisch klar, dass sie sich ruhig verhalten und hinter mir bleiben sollte. Als Nessie um die Ecke bog, schob ich Jess hinter meinen Rücken. Wie weich ihre Haut war, als ich sie berührte, fiel mir dabei weniger stark auf, aber ich bekam es durchaus mit.

Nessie blieb dicht vor mir stehen, den wütenden Blick scharf auf mich gerichtet. Etwas, das ich so gar nicht von ihr kannte. Sie schaffte es immer wieder, mich so anzusehen, dass ich mir selbst Vorwürfe machte, obwohl sie vielleicht gar nicht so wütend war wie sie tat. Dennoch war ich mir sicher, sie noch nie so gesehen zu haben, starr, mit kaltem Blick. Zum ersten Mal konnte ich den Vampir in ihr erkennen, so deutlich wie noch nie.

„Was soll das?", ihre Stimme war weicher als erwartet, es schwang zu viel Sorge darin mit, als dass sie ernsthaft verärgert sein könnte: „Wie kannst du mich tagelang zu Hause sitzen lassen, ohne dich zu melden? Ich hatte…" Sie brach ab, ich sah ihre gläsernen Augen und sofort erschlug mich mein schlechtes Gewissen. Ich war ein Blödmann, offensichtlich hatte ich keine Ahnung wie man eine Frau behandelte.

„Ich hatte verdammt noch mal eine scheiß Angst um dich, Jake."

Ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Sie schien kurz mit dem Gedanken zu spielen, näher zu kommen, blieb jedoch wie angewurzelt stehen. Anscheinend wollte sie mich noch eine Weile schwitzen lassen, was ich allerdings – und das musste ich offen und ehrlich zugeben – auch mächtig verdient hatte.

„Wieso rufst du nicht einmal mehr zurück?", fragte sie, mich noch immer völlig erschüttert ansehend. Eigentlich hatte ich nichts sagen wollen, es würde sowieso nichts wirklich Durchdachtes sein, doch als ihr Blick hinter mich fiel, setzte sie mich dadurch zunehmend unter Druck. Ich platzte, ohne es zu wollen, ich konnte nicht länger ruhig bleiben: „Das Telefon war kaputt." Wieso in aller Welt musste ich sie jetzt noch anstacheln? Ich war wirklich ein hoffnungsloser Fall, was auch Nessie so zu sehen schien, sie schnaubte, eine Mischung aus Ärger und Belustigung: „Das ist doch kein Grund, Jake!" Okay, das hier würde eindeutig zu einem Streit werden, wenn ich jetzt nicht sofort handelte. Aber mit Jess im Genick fühlte ich mich merkwürdig festgenagelt. Und Nessie wollte mit Sicherheit keine Zuhörer, vielleicht tat sie nur so, weil wir nicht unter uns waren. Ich würde Jess wegschicken müssen, aber wie reagierte sie dann? Oh, Mann, ich war eindeutig überfordert! Aber da legte sich bereits eine kalte Hand auf meinen Rücken. Ich zuckte kurz zusammen, hatte mich aber schnell daran gewöhnt. Wie von selbst drehte sich mein Kopf zu ihr und wir sahen uns an, ihr Blick schien seltsam unberührt. Diese gelben Augen wirkten tot, fast so, als wäre da kein Leben. Und dann sah ich diese Bilder, erleuchtete, unwirkliche Bilder wie ich sie von Nessie kannte. Ein Mädchen, sie, nicht weit von mir entfernt. Die Erkenntnis kam, ohne dass ich sie erwartete. Ich wusste, wir würden uns wiedersehen, nicht wann genau, aber bald. Doch bevor mir Gelegenheit blieb, sie genau das zu fragen, hatte sie mich schon wieder losgelassen und lief in einem weiten Bogen an uns beiden vorbei. Ich folgte ihr kurz mit dem Blick, bis ich an Nessie hängen blieb.

Und dann waren wir allein und sofort war alles ganz anders, wie immer wenn wir zusammen waren. Ich musste mich entschuldigen, mit Worten und Taten, das wusste ich: „Hör zu, Ness, das war…eine einmalige Sache. Ich weiß nicht, ich…ich hätte es auch nicht länger ohne dich ausgehalten. Schätze, ich brauchte einfach ein wenig Zeit für mich."

Dann ging ich auf sie zu und umarmte sie, weil ich das Gefühl, sie an mich zu drücken, zu sehr vermisste, was mir allerdings erst jetzt wirklich aufgefallen war. Langsam legte auch sie ihre Arme um mich und wir versanken einen Moment ineinander. Durch ihre rotbraunen, welligen Haare konnte ich sehen wie Jess am Haus vorbei lief. Sie musste meinen Blick auf sich gespürt haben, doch sie drehte sich nicht um. Ich schloss die Augen, um sie nicht mehr sehen zu müssen, denn mir war klar, dass sie der Grund hierfür war. Für meinen Streit mit Nessie, dafür, dass ich völlig verwirrt war. Dennoch musste ich eingestehen, dass es gut war zu wissen, dass sie mich nicht angelogen hatte. Sie hatte diese unfassbare Gabe, das zeigte sie mir gerade. Aber jetzt war es besser, sie nicht mehr um mich zu haben, nur für diesen Augenblick… Ich küsste Nessie auf die Stirn und sie nahm meine Hand. Ohne ein Wort zu sagen, liefen wir Hand in Hand nebeneinander her. Immer, wenn sie einen Spaziergang machte, wollte sie mit mir reden.