6. Das hatte wirklich nichts mehr mit begreifen zu tun, sondern war eine reine Frage des Willens. – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Und dann nahm ich einen Geruch war, den ich nun wirklich nicht hier erwartet hätte. Rosen und Zucker, kurz: Nessie. Sofort fuhr ich nach oben, Jess tat es mir gleich. Nessie blieb dicht vor mir stehen, den wütenden Blick scharf auf mich gerichtet. Ich würde Jess wegschicken müssen, ich wusste, wir würden uns wiedersehen, nicht wann genau, aber bald. Doch bevor mir Gelegenheit blieb, sie genau das zu fragen, hatte sie mich schon wieder losgelassen und lief in einem weiten Bogen an uns beiden vorbei. Ich küsste Nessie auf die Stirn und sie nahm meine Hand. Ohne ein Wort zu sagen, liefen wir Hand in Hand nebeneinander her. Immer, wenn sie einen Spaziergang machte, wollte sie mit mir reden.
„Esme hat bald Geburtstag.", sagte Nessie und lächelte: „Sie möchte einige Tage auf ihrer Insel verbringen und mit uns gebürtig feiern." Sie sah mich erwartungsvoll an und verschränkte ihre Finger mit meinen, als würde sie damit etwas andeuten wollen.
„Nicht, dass ich glaube, die Feier würde langweilig oder nicht nach meinem Geschmack sein, aber ich wäre die ganze Zeit allein. Ohne dich macht das für mich nicht wirklich Sinn, weißt du. Außerdem würde es dir sicher…genauso gehen."
Es brauchte nicht lange, bis ich die Situation erfasst hatte. Mein Kopf schien klarer als zuvor, ich wollte nicht darüber nachdenken, wieso das so war. Nessie wollte, dass ich sie begleitete, dass ich mit ihr auf unbestimmte Zeit zu einer Insel reiste, die ich nicht einmal kannte und das lediglich mit Vampiren als Begleitung. Wer wusste schon, wer dazu noch alles eingeladen war? Mit Sicherheit diese Blondinen und einige Rotaugen. Das würde für mich alles andere als feierlich werden, was also dachte sie sich dabei? Außerdem hatte ich weder Lust, noch Zeit. In der Werkstatt brauchte ich gar nicht erst nach Urlaub fragen, das wäre ja so, als würde ich direkt meine Kündigung abgeben. Und ja, vielleicht gab es auch noch einen anderen Grund. Vielleicht wollte ich Jess hier auch nicht allein lassen, wo ich doch der Einzige war, den sie kannte und dem sie vertrauen konnte. Wollte ich all das hinter mir lassen?
„Wer ist denn außer mir noch eingeladen?"
Ich versuchte, diese Frage so klingen zu lassen, als wäre sie nur eine Bemerkung nebenbei, nichts, worauf man seine Aufmerksamkeit richten musste.
„Keine Sorge, Jake, das ist keine besonders große Party! Da sind nur wir und du, vielleicht Seth. Ich glaube nicht, dass sie noch jemanden einladen werden, wer kommt, wird allerdings auch nicht abgewiesen."
Sie sagte das mit solcher Vorsicht, dass ich sofort wieder ein schlechtes Gewissen bekam. Ich hatte sie so lange nicht gesehen und war dennoch bereits in Gedanken dabei gewesen, ihre Einladung abzulehnen. Aber ich konnte sie nicht noch einmal allein lassen, das war ich ihr schuldig. Außerdem war es doch keine schlechte Idee, diesem Loch für ein paar Tage zu entfliehen? Ich könnte eine Pause von all dem hier nehmen, mal etwas Abstand von meinem Leben bekommen. Nichts daran musste schlecht sein. Bevor ich ihr allerdings antworten konnte, hatte Nessie schon von meinem inneren Konflikt mitbekommen. Sie konnte sich wahrscheinlich gut vorstellen, was das für mich bedeuten musste: „Jake, du hast genug Zeit, dich zu entscheiden, ich brauche jetzt noch keine feste Antwort. Ich wollte es dir nur schon sagen, dass du Bescheid weißt und ich später nicht einfach mit der Tür ins Haus falle, ich weiß, du kannst das nicht leiden… Aber ich würde mich freuen, wenn du mitkommst."
Ich konnte nicht ablehnen, ich konnte einfach nicht. Wie bitte sollte ich es ihr erklären? Sie würde mir die Worte im Mund umdrehen, ich kannte sie gut genug, zu wissen wie stur sie sein konnte.
„Ich denke, das lässt sich machen. Es fällt unter die Überschrift Ausnahme, aber für dich würde ich es tun."
Ich lächelte meine Zweifel einfach weg, vielleicht sollte ich genau das tun. Die Dinge, die mir nicht passten und die ich nicht versprechen konnte, einfach weglächeln. Dieses eine Mal würde ich mich anpassen müssen, um ihr Vertrauen zurück zu gewinnen. Glücklich erwiderte sie meine Freude, auch wenn es nur gespielt war und lehnte ihren Kopf zufrieden an meine Schulter. Ich konnte es nicht sehen, war aber sicher, dass sie die Augen geschlossen hatte.
„Sam wird es schaffen, eine Weile ohne dich auszukommen.", flüsterte sie lahm und meine Hand verkrampfte sich schlagartig um die ihre. Ich versuchte, mich zu entspannen, doch es war unmöglich, nur langsam ließ ich locker. Aber zu spät, Nessie hatte es längst mitbekommen und nahm ihren Kopf wieder von mir. Sie sah mich nicht an, sondern ließ ihren Blick in die Ferne schweifen, ich wusste jedoch, was jetzt gleich kommen würde. Ich konnte mir denken, dass sie sofort darauf ansprang, trotzdem hoffte ich, dass ich mich irrte, wenn auch nur dieses eine Mal. Eine ganze Zeit lang sagte sie gar nichts und ich saß wie auf heißen Kohlen, doch natürlich blieb es nicht dabei: „Es geht also gar nicht um Sam." Eine von mir erwartete Feststellung, die so trocken war, dass es mich dennoch zum tonlosen Seufzen brachte. Sie sog die Luft ein und stieß sie dann mit einem Mal heftig aus. Ihre Hand ließ meine los, doch sie lief noch immer neben mir her. Ich ging in Gedanken alle Möglichkeiten durch, was ich jetzt sagen könnte, nur für den Fall, dass sie noch nicht ganz auf der richtigen Spur war, was ich allerdings nicht glaubte. So naiv Nessie auch war, so schlau war sie auch. Etwas, das ganz und gar nicht zusammen passte.
„Lass mich raten, es geht um das Mädchen von vorhin?", riet sie und noch während sie es aussprach, wusste ich, dass ich keine guten Karten hatte. Was mit blieb war, die Sache klein zu reden, da sie wie gewöhnlich viel zu viel darin sah.
„Du meinst meine Schwester.", berichtigte ich sie und setzte sie gleichzeitig darüber in Kenntnis, dass ihre Vermutungen in diese Richtung falsch waren. Nessie blieb stehen und sah mich irritiert an. Sie begann, den Kopf zu schütteln, erst langsam, dann immer schneller: „Aber Jake, du - du hast sie doch gesehen? Es ist doch offensichtlich, dass sie sich als jemand ausgibt, der sie gar nicht sein kann. Wie kannst du das denn bitte ernst nehmen?" Ihre Stimme war aufgewühlt und ehrlich verwundert, aber auch wütend. Das war nun wirklich nicht, was ich erwartet hatte! Schnell versuchte ich, sie zu beruhigen: „Keine Sorge, ich weiß, was ich tue! Sie hat mir alles erzählt, das ich wissen muss, um zu verstehen." Sie starrte mich misstrauisch an, wollte dazu aber nichts weiter sagen.
„Sie gehört zu uns, ihre Loyalität gilt dem Stamm, es gibt wirklich nicht den geringsten Grund zur Besorgnis."
Nessie richtete ihren Blick in die Richtung, aus der wir gekommen waren und schob sich aufwendig eine Locke aus dem Gesicht, um sie dann ausgiebig hinter ihrem Ohr verschwinden zu lassen.
„Ist es wegen ihr?"
Unsere Augen trafen sich und als ich den Schmerz darin sah, gleichzeitig die unermessliche Sorge, wünschte ich mir, ihr ausgewichen zu sein. Ich stöhnte und beschloss dennoch, sie aufzuklären: „Außer mir weiß noch niemand von ihr. Würde ich jetzt gehen, wäre sie ganz allein, sie kann nicht zu Sam gehen, jeder weiß wie er in einem solchen Fall reagieren würde. Ich will sie nicht einfach damit hier sitzen lassen, kannst du das verstehen?"
Ich sah die Erkenntnis in ihrem Gesicht und atmete innerlich auf, als ich bemerkte, dass ich nichts weiter zu befürchten hatte. Sie nahm meine Hand, küsste jedes Fingergelenk einzeln und drückte sie dann an ihre Wange.
„Es tut mir ehrlich leid, Jake, ich…ich dachte – ich weiß nicht, was ich dachte. Wirklich, entschuldige meine Gedanken."
„Es ist okay, ich hätte vermutlich auch nicht anders reagiert. Das konntest du nicht wissen, es ist eine ziemlich verzwickte Situation, ich frage mich schon die ganze Zeit über wie ich das klären werde. Das beschäftigt mich ziemlich."
Sie nickte und versuchte, mich mit einem knappen Heben ihres Mundwinkels zu ermuntern. Doch als sie auf mich zukommen wollte, hielt sie plötzlich inne. Sie ließ meine Hand los und nahm ein kleines, silberner Kästchen aus der Hosentasche. Sie klappte es auf und hielt es an ihr Ohr, offenbar mit der Erwartung, etwas daraus zu hören.
„Ja, hallo?", fragte sie und verdrehte dann plötzlich die Augen. Ich erkannte die Stimme, welche sie gehört hatte und konnte meine Belustigung über derartige Kontrolle nicht unterdrücken.
„Dad, du – du brauchst dir wirklich keine - nein. Wir machen einen Spaziergang, es ist alles in Ordnung, wirklich."
Es war bei mir also immer noch nicht sicher genug für Nessie? So ein Schwachsinn, ehrlich, wie konnte man denn bitte so ängstlich sein? Selbst wenn es um die eigene Tochter ging, das war nun wirklich nicht mehr normal. Aber auch wenn ich nicht direkt lauschte, bekam ich die Aufregung am anderen Ende mit.
„Ist bei euch alles okay? Du klingst ziemlich aufgewühlt.", Nessie sah mich fragend an: „Ich verstehe nicht, was – ähm, jetzt? Sofort? …klar, das ist überhaupt kein Problem, denke ich." Sie nahm das Handy zögerlich von ihrem Ohr und hielt es mir hin, während ich noch mit dem Gedanken spielte, mir nicht noch einmal Vorwürfe oder Ähnliches anzuhören, sollte es sich darum handeln. Gab es irgendwelche Probleme? Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, weshalb er sonst mit mir sprechen wollte. Verwirrt nahm ich ihr das kleine Telefon aus der Hand, hielt es an mein Ohr und lief gleichzeitig einige wenige Schritte von ihr weg. Ich hatte keine Ahnung, was er wollte, vielleicht eine grobe Vorstellung, aber nichts konkretes. Aber ich wollte lieber auf Nummer sicher gehen.
„Hier bin ich, was ist los?", kam ich sofort zum Thema.
„Jacob."
Edwards Stimme war leise, aber bestimmt. Dennoch glaubte ich, so etwas wie Erleichterung darin hören zu können: „Bring Renesmee so schnell wie nur möglich hier her. Macht keine Umwege, nehmt den direkten Weg, klar? Und geht sofort los."
Bitte was? Was hatte der denn geraucht? Er hörte sich doch tatsächlich so an, als wäre entweder etwas wirklich schlimmes passiert oder wir würden in Lebensgefahr schweben. Beides völlig ausgeschlossen.
„Ich habe keine Zeit für Erklärungen, könntest du mir also dieses eine Mal Glauben schenken und Renesmee bitte – bitte – herbringen?"
Hinbringen? Warum, was war überhaupt los? Ich sollte sie in Sicherheit bringen, um… In Sicherheit? Alles in mir begann, Alarm zu schlagen. Das mit der Lebensgefahr war also gar nicht so daneben gegriffen.
„Würdest du jetzt einfach mit der Sprache rausrücken? So wie du dich anhörst, habe ich nicht viel Zeit, also beeil dich lieber.", zischte ich ins Telefon und warf einen schützenden Blick auf Nessie, die verwirrt hersah. Edward schwieg, offensichtlich überlegte er.
„Ich wollte persönlich vorbei kommen, aber wenn wir das so klären können, ist es nur von Vorteil. Alice hatte eine Vision, anders als jede davor. Es war mir nicht möglich, sie ebenfalls zu sehen, da es sich nicht um eine bildliche Vision handelte. Sie war rein körperlich oder seelisch, nichts sichtbares, sondern auf Gefühlsebene.", erklärte er, während sich in meinem Kopf die Erkenntnisse überschlugen: „Schmerz."
„Was?"
Seine Frage durchbrach jegliche vorhergehende Gedankengänge. Ich wusste, was passiert war, auch wenn ich es nicht verstehen konnte: „Schmerz. Keine Bilder, nur ein Gefühl. Sie konnte nichts sehen, aber sehr wohl spüren. Du warst nicht in der Lage, etwas zu sehen, weil es nichts gab. Der einzige, der nachempfinden könnte, was Alice fühlte, wäre – " Ich wusste nicht mehr wie ich auf den Lockenschopf gekommen war, doch er war so plötzlich in meinen Gedanken aufgetaucht, als hätte ihn jemand hinein gepflanzt.
„Jasper.", kam es, von uns beiden aus einem Mund. In meinem Kopf überschlug sich alles, ich verstand nichts von dem, was ich gerade begriffen hatte.
„Bring sie einfach her, klar? Dann sehen wir weiter."
Er legte auf und ich nahm das Telefon von meinem Ohr, um es Nessie zurück zu geben. Ich war eindeutig überfordert, zu überraschend kam diese Nachricht, dass irgendjemand hier war, der nicht hierher gehörte. Ohne mit Nessie darüber zu sprechen, verwandelte ich mich und brachte sie so durch den Wald zurück nach Hause.
