6. Das hatte wirklich nichts mehr mit begreifen zu tun, sondern war eine reine Frage des Willens. – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Esme hatte bald Geburtstag und würde diesen auf ihrer Insel feiern, wie Nessie sagte, war ich herzlich eingeladen. Ich konnte nicht ablehnen, ich konnte einfach nicht. Wie bitte sollte ich es ihr erklären? Sie würde mir die Worte im Mund umdrehen, ich kannte sie gut genug, zu wissen wie stur sie sein konnte. Doch sie hielt inne, nahm ein kleines silbernes Kästchen aus der Hosentasche, klappte es auf und hielt es an ihr Ohr. Erward sorgte sich um sie – immer noch? Nein, denn er wollte mit mir sprechen. Verwirrt nahm ich ihr das kleine Telefon aus der Hand, hielt es an mein Ohr und lief gleichzeitig einige wenige Schritte von ihr weg. Ich sollte Nessie nach Hause bringen, etwas war passiert, ein Angriff, und Alice musste dabei zu Schaden gekommen sein. Ich war eindeutig überfordert, zu überraschend kam diese Nachricht, dass irgendjemand hier war, der nicht hierher gehörte. Ohne mit Nessie darüber zu sprechen, verwandelte ich mich und brachte sie so durch den Wald zurück nach Hause.
Als wir ankamen, wartete man bereits auf uns, offensichtlich waren alle in Alarmbereitschaft. Ich hatte kaum Zeit mich von Nessie zu verabschieden, da schickte man sie schon nach drinnen. Ich fragte nach Alice, aber Edward wies mich an, ebenfalls nach meiner Familie zu sehen und sicher zu stellen, dass alles in Ordnung war. Und da ich keinen Sinn darin sah, hier weiter mit dem Kopf gegen die Wand zu stoßen, machte ich Kehrt, beschloss aber, mich auf dem Weg nach Hause noch im Wald umzusehen. Ich durchlief das gesamte Gelände im näheren Umkreis der Cullens, stieß aber auf gar nichts. Entweder hatte sich der Angreifer verflüchtigt oder er war mir durch die Lappen gegangen. Trotzdem entschied ich, nun nach Hause zu gehen und nach Billy zu sehen. Ich war gerade dabei, den richtigen Weg einzuschlagen, als ich im Halbdunkel etwas bemerkte. Ich roch etwas und nicht nur irgendetwas, ich kannte diesen Geruch. Neugierig sah ich mich um, drehte mich einmal um die eigene Achse und erlitt beinahe einen Herzschlag, als ich dabei auf Jess stieß. Ich taumelte rückwärts, fasste mich jedoch schnell wieder und merkte, dass sie ebenso erschrocken war.
Was zur Hölle tust du hier?, fluchte ich in Gedanken und konnte noch immer nicht fassen, dass ich gerade wegen ihr so zusammengefahren war.
„Jake?", stieß sie aus, als hätte sie sich verschluckt: „Ich – ähm…"
Hey, Jake., erklang im selben Moment Embrys Stimme in meinem Hinterkopf. Und dann fiel es mir wieder ein, all das, was ich offensichtlich völlig verdrängt und vergessen hatte. Mein Rudel war noch immer auf der Suche nach ihr, alle liefen sie abwechselnd Kontrollgänge um sie zu finden – meinetwegen. Ich konnte von Glück reden, dass ich sie gerade gefunden hatte und niemand anderes!
„Sie wissen noch nichts davon?", fragte sie und jetzt war ich eindeutig überlastet. Das stimmte allerdings! Und ich dachte hier gerade so darüber nach und Embry konnte all das ohne Probleme mithören! Wie blöd war ich eigentlich?
Du bist schon seit Ewigkeiten nicht mehr vorbei gekommen, was treibst du denn die ganze Zeit, Mann? Wir laufen uns hier die Pfoten wund und du lässt nichts von dir hören!
Moment – er hatte es nicht mitbekommen? Was bitte lief hier gerade ab? Meine Blicken trafen Jess' und ich brauchte nicht lange überlegen, um zu wissen, dass sie damit zu tun hatte. Denn es war nicht möglich, einfach mal ‚wegzuhören'. Aber wie machte sie das? Was für monstermäßige Gaben existierten eigentlich, die sie benutzen konnte? Ich hatte noch keine Erfahrungen damit gemacht, da sie ihre Gabe bisher nicht vor mir eingesetzt hatte. Und obwohl sie es offensichtlich jetzt tat, kam mir nichts daran merkwürdig oder gar falsch vor. Sie half mir gerade und ich war ihr wirklich dankbar dafür. Dennoch wies ich sie an, damit aufzuhören und sie erklärte, dass es wohl besser wäre, wenn sie voraus ginge. Ich nahm dieses Angebot dankend an, doch nun war ich auf mich allein gestellt, was meine Gedanken anbelangte.
Embry, könntest du den anderen ausrichten, dass sich das erledigt hat? Ihr sollt alle eine Pause einlegen und es für ein paar Tage ruhen lassen. Wenn wir bis jetzt nichts gefunden haben, wird es auch nicht demnächst dazu kommen.
Ich versuchte, sehr ernst und ehrlich zu klingen, obwohl ich diese Angelegenheit ja eigentlich völlig vergessen hatte.
Soll das heißen, du gibst auf?
Das soll heißen, dass ich will, dass ihr euch ausruht. Ihr habt genug getan, ab jetzt übernehme ich wieder allein.
Ich begann, mich ebenfalls auf den Heimweg zu machen und trabte langsam in Richtung La Push an.
Du glaubst nicht, dass sie zurückkommt, oder?
Nein, Embry, das glaube ich nicht. Wenn es ein Nomade war, dann kehrt sie nicht zurück, das wäre völlig untypisch. Aber so bekommen wir wenigstens keine Probleme mit Sam. Es ist gut, wenn ich mit ihm im Reinen bleiben kann.
Gereizt aus einem mir völlig unbekannten Grund stieß ich meine Pfoten tief in die Erde und übersprang einen Baumstamm, der mir den Weg versperrte. Ich hatte mein Tempo unbewusst gesteigert und würde in kürzester Zeit das Haus erreichen.
Man sieht sich, Kumpel., verabschiedete ich mich und wartete nicht einmal ab, was er erwiderte, bevor ich mich zurückverwandelte. Und während ich vom Wald aus auf das Haus zulief, wusste ich, was mich so störte. Jess hatte ihr Leben aufs Spiel gesetzt, indem sie dort draußen herumgelaufen war und hielt es offensichtlich nicht einmal für nötig, mir Bescheid zu geben! Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Ich gab alles, sie zu verstecken und zu schützen, und was tat sie? Ich riss die Haustür auf und knallte sie mit der gleichen Wut zu, sodass der ohrenbetäubende Knall alle Wände erschütterte. Mir war nicht klar, wieso ich mich nicht beherrschen konnte und das alles plötzlich so schlimm war, trotzdem stoppte ich nicht in meinem Vorhaben. Sie wandte sich urplötzlich um, nachdem ich herein gekommen war, der Ausdruck auf ihrem Gesicht undefinierbar. Sie spürte meine Wut, ich wusste, dass es so war.
„Was sollte das, was hast du dort draußen gemacht? Ich versuche, dich vor ihnen zu verstecken, bis ich einen Weg gefunden habe, es zu erklären und du bietest dich auf einem Silbertablett an?", fuhr ich sie an und bemerkte wie schwer ich atmete. Ich konnte einfach nicht nachvollziehen, was sie sich dabei dachte, doch während ich sie so ansah wie sie dort stand, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Alles das passte plötzlich zusammen und erklärte sich beinahe von selbst. Der Anruf, Alice neue Vision und ihre Schmerzen, Jess' Auftauchen im Wald, all das war nur aufgrund der einen Person passiert, die hier vor mir stand und mich anblickte, als wäre sie ein scheues Reh. Deshalb war ich auf sie gestoßen, ohne mit ihr gerechnet zu haben.
„Was glaubst du, was du da tust? Niemand, absolut niemand weiß von dir, was denkst du dir dabei, einfach – "
„Es tut mir leid!", platzte sie heraus und brachte mich zum Schweigen: „Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, ich bin spazieren gewesen und dann war da ihre Fährte und…" Es war eindeutig ein Fehler gewesen, sie weg zu schicken, als Nessie gekommen war. Es war ein Fehler, sie hier herumlaufen zu lassen, ohne zu wissen, wo genau sie sich aufhielt.
„Ich konnte nicht anders, ich habe so viel von ihnen gehört und indem ich ihnen so nahe gekommen bin, konnte ich – "
Ich hielt sie auf, indem ich abwehrend meine Hand hob. Und wieder war da ein Geistesblitz, wieder wurde mir etwas klar. Das alles war so einleuchtend, dass ich mich fragte, wie ich nicht gleich ganz von selbst darauf hatte kommen können.
„Du hast ihre Gaben übernommen? Du bist dort draußen herumgelaufen, um sie aufzuspüren und zu erlernen? Es geht dir wirklich nur darum, noch mehr Macht zu bekommen?", fragte ich und verstand dabei gar nicht, was es bedeuten würde, wenn sie das jetzt bejahte. Doch sie sah mich nur an mit diesen großen, gelben Augen, mit diesem beinahe ängstlich anmutenden Blick. Überlegte sie gerade, was sie sagen konnte?
„Nicht direkt.", flüsterte sie und ich wurde beinahe wahnsinnig, weil sie nicht mit der Sprache rausrückte. Musste man ihr denn alles aus der Nase ziehen?
„Was soll das heißen, nicht direkt? Indirekt, oder was?"
Ich war eindeutig zu aufbrausend, um ihr eine ehrliche Antwort zu entlocken.
„Ich…ich wollte etwas wissen und deshalb habe ich – könntest du aufhören, mich so anzustarren? Jacob, ich war dort, um etwas über die Zukunft zu erfahren, ich wollte wissen, was passieren wird, ob ich hier bleiben kann oder nicht und deshalb – ich besaß ihre Gaben schon, weil ich sie alle bereits getroffen habe. Also, nicht wirklich getroffen, ich sah sie, aber sie bemerkten es nicht. Es war reiner Zufall, also nutzte ich meine Chance, aber das spielt jetzt keine Rolle. Ich gebe zu, es war eine dumme Idee, das zu machen, und es tut mir auch leid, dass ich Alice dafür benutzt habe, aber jetzt weiß ich wenigstens, woran ich bin.", erklärte sie und machte mich damit vollkommen sprachlos. Das erklärte einiges, doch es warf auch neue Fragen auf. Sie war wirklich die Ursache für das, was mit Alice passiert war. Ob Edward mehr wusste? Ob er doch etwas mitbekommen, Jess vielleicht sogar gehört hatte? War sie vorsichtig genug gewesen?
„Was hast du mit Alice gemacht?", fragte ich, nachdem ich mich neu geordnet hatte. Ich war jetzt wesentlich ruhiger, zumindest versuchte ich, mich nach außen so zu geben. Sie seufzte: „Ich habe nichts mit ihr gemacht, ich musste ihre Fähigkeit, die Zukunft in Visionen zu sehen, nutzen. Ich habe sie über eine andere Gabe mit der von Jasper kombiniert, da Alice selbst nie in der Lage wäre, meine Zukunft zu sehen, weil ich nie ganz Vampir war. Aber sie kann ihre eigene und die ihrer Familie sehen, doch da diese Zukunft nur für mich bestimmt war, musste ich die Kombination nutzen und es nicht über ihre gedanklichen Visionen passieren lassen, Edward hätte es sonst sehen können. Außerdem musste ich nebenbei Bellas Schutzschild anwenden, um nicht entdeckt zu werden, diese Aktion war – "
„Verdammt gefährlich und ziemlich wahnsinnig.", bemerkte ich trocken und war mir dabei bewusst, dass ich nichts von dem, was sie gerade sagte, verstanden hatte. Ich verstand weder den Grund, noch den Zusammenhang dessen. Und noch weniger konnte ich zuordnen, was es bedeutete, was sie da getan hatte. Es spielte keine Rolle. Ich hatte das Gefühl, mich längst entschieden zu haben, ohne zu wissen, wofür eigentlich
„Die Sache ist ziemlich kompliziert, nicht?", fragte sie und ich hob unmissverständlich die Schultern: „Entschuldige, ich werde mich zurückhalten, das nicht wieder zu tun." Unsere Blicke trafen sich und ich bemerkte diese ungewöhnlich matte Farbe ihrer Augen.
„Was sagt die Zukunft?"
Sie wich mir aus, als diese Frage meine Lippen verließ, es stand fest, dass es nichts gutes war: „Ich sollte gehen." Ihre Stimmung hatte sich verändert, sie war nun weniger zugänglich und umso mehr abwehrend. Ich fühlte mich unbehaglich, hätte ich auf einem Sofa gesessen, wäre ich nun aufgesprungen.
„Geh nicht."
Ich verstand nicht, worauf genau diese plötzliche Bemerkung von ihr bezogen war, ob es sich dabei um die Vision oder unsere jetzige Situation handelte. Wieder sahen wir uns an, dann, mit einem Mal, wollte sie an mir vorbei, doch ich ergriff sie in einer reflexartigen Bewegung.
„Was soll das?", sie fuhr herum, hob ihren Arm in die Höhe, den meine Hand fest umklammert hielt, als wollte sie ihn mir vor Augen führen. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte oder woher ich schließlich das nahm, was ich darauf sagte: „Ich kann nicht verantworten, wenn das noch einmal passiert. Wenn sie dich erwischen, bringen sie dich um, egal ob es meine Brüder sind oder diese Vampire." Ich wollte sie schützen, doch so würde ich ihr das niemals sagen. Ich kannte sie nicht und trotzdem fühlte ich mich für sie verantwortlich, ich konnte das Gefühl nicht beschreiben, dass mich bei dem Gedanken beschlich, sie könnte Sam über den Weg laufen. Das durfte schlicht und einfach nicht passieren.
„Ich kann nicht – "
Die Haustür sprang auf und Billy schob sich in seinem Rollstuhl herein, er beachtete uns nicht. So wie er sich verhielt wäre es gut denkbar, dass er uns gar nicht mitbekommen hatte, während er in seinem Schlafzimmer verschwunden war. Ich würde dann noch einmal nach ihm sehen, doch es hatte mir gerade ganz und gar nicht geholfen, dass er hier hereingeplatzt war. Jess wirkte nur noch apathischer, sie sah mich an, als hätte ich ihr ins Gesicht gespuckt.
„Du kannst auf dem Sofa schlafen.", erklärte ich und ließ selbst dann keinen Widerspruch zu, als sie mir drohte, nachts heimlich zu verschwinden und dass es sowieso keinen Zweck hatte, sie hier festhalten zu wollen. Nachdem ich ihr die Couch ausgeklappt hatte, sah ich kurz nach, ob Billy nicht doch wieder vergessen hatte, das Licht auszuschalten, aber es war nicht so. Als ich die Tür öffnete, schlief er anscheinend schon, weshalb ich mein Gespräch mit ihm auf später verschob. Ob irgendetwas mit Charlie vorgefallen war, dass er nichts gesagt hatte? Vielleicht war es auch wieder nur eine von seinen Anwandlungen gewesen, die hatte er in letzter Zeit öfter… Ich ging ebenfalls ins Bett, natürlich nicht ohne noch einmal kontrolliert zu haben, dass Jess auch wirklich noch auf dem Sofa lag. Und mit dem Wissen, dass sie sicher war, schlief ich schnell ein.
