7. Und weil das alles ja noch nicht reichte, kamen wir dann doch wieder ganz schnell zum Thema zurück. – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Jess verwirrte mich, alles an ihr war verwirrend, brachte mich aus dem Konzept und dem Gleichgewicht. Ich handelte völlig widersprüchlich, konnte selbst nicht mehr nachvollziehen, warum überhaupt. Zwar fühlte ich mich beruhigt, sie bei mir in Sicherheit zu wissen, dennoch konnte ich – wie auch sie – nicht schlafen und sprach sie darauf an. Jess erzählte, dass ihre Erinnerungen an den Krieg in einer Neugeborenenarmee sie oft heimsuchten und sie nicht nur deshalb, sondern auch aufgrund ihres Wesens niemals in der Lage sein könnte, sich selbst zu kontrollieren. Doch ich würde sie nicht aufgeben, stattdessen versprach ich, ihr zu helfen. Ich umklammerte ihren klein und schmächtig wirkenden Körper mit meinen Armen, im Begriff sie nicht mehr frei zu lassen. Ich presste sie so fest an mich, bis das Zittern schwächer wurde und ließ selbst dann noch nicht los, als sie sich völlig beruhigt hatte.


Ich wachte erst auf, als ich etwas an meiner Wange spürte, das mich zu streicheln schien. Ein lautes Klappern drang an meine Ohren, das einfach nicht aufhören wollte und brachte mich dazu, aufzustehen. Meine Augen öffneten sich nur schwer, als ich bereits saß und erblickten zuerst das von gestern Abend noch offen stehende Fenster, das immer wieder vom Wind an die Wand geschlagen wurde. Eiskalte Ströme überliefen meine Haut und ich erzitterte, sogar ein paar Regentropfen fielen vom grauen Himmel. Ich erhob mich schwerfällig vom Sofa, auf welchem ich wohl doch eingeschlafen sein musste, und schloss das Fenster. Erst als ich mich daraufhin umsah, bemerkte ich, dass Jess verschwunden war. Ich erinnerte mich an den vergangenen Abend, dass ich noch lange mit ihr gesprochen hatte, über dies und jenes, ihre Probleme mit dem Schlafen und ihre Albträume. Ich hatte versprochen, ihr mit ihrem Problem zu helfen und brachte mich damit selbst in eine Zwickmühle. Es würde schwer werden, mit Nessie zu dieser Party zu gehen und gleichzeitig sicher zu gehen, dass Jess nicht Amok lief. Wobei Amok genau der richtige Ausdruck war für das, was da passierte. Ich konnte nicht genau sagen, was ich davon hielt, zu unglaublich war der Gedanke, dass es ihr immer so ging, wenn sie wütend wurde. Und ich wollte nicht wissen, was passiert wäre, hätte ich es nicht geschafft, sie zu beruhigen. Ihre urplötzliche Wut hatte mich ziemlich überrascht.

Schnell zog ich mir etwas über und sah ich mich dann im Haus um, konnte sie jedoch nicht finden und fragte mich, was ich denn erwartet hatte. Schließlich war sie vor mir ausgeflippt, sicher wusste sie jetzt nicht wie sie sich mir gegenüber verhalten sollte. Doch genau deshalb wollte ich jetzt mit ihr darüber sprechen, dass ich sie Sam vorstellen musste, um irgendwelchen unvorbereiteten Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Wie ich sie finden wollte, wusste ich nicht, doch das fiel mir erst ein, als ich bereits verwandelt und auf dem Weg zu Emilys Haus war. Genauso wie die Tatsache, dass ich mit Billy hatte sprechen wollen, nun ließ ich ihm nicht einmal einen Zettel da. Ich ärgerte mich über mich selbst, aber gerade als ich mir überlegte, vielleicht doch besser umzudrehen, war ich schon angekommen. Zurückverwandelt und noch immer in Gedanken stolperte ich – ungeschickt wie ich war – zur Tür hinein und wollte mich gerade zu meinen Brüdern setzen, die merkwürdiger Weise alle versammelt waren, als ich aus allen Wolken fiel. Mein Blick war dem von Jess begegnet, die ebenfalls ganz und gar nicht erfreut war, mich zu sehen. Aber das war nichts im Vergleich zu mir, denn mich überfiel eine unglaubliche Entrüstung, als ich begriff, was das hier bedeutete. Ich blinzelte und sah noch einmal genauer hin, aber das änderte nichts an dem Bild, das sich mir bot. Jess war tatsächlich hier! Sie stand da, mitten dort, direkt vor meinen Brüdern! Und die wiederum scharten sich interessiert um sie, unterhielten sich offenbar sogar mit ihr! Oder zumindest hatten sie das, denn nun starrten mich alle, absolut jeder in diesem Raum – Sam inklusive - , an. Ich bekam die Dinge nicht geordnet, konnte keinen Zusammenhang feststellen und reagierte im Affekt: Obwohl ich in einer Art Schreckstarre verharrte, konnte ich mich verwirrend leicht daraus befreien, fasste Jess schroff am Handgelenk und riss sie mit mir nach draußen. Dabei war mir völlig egal, ob ich ihr nun den Knöchel zerquetschte oder sie die Treppe herunter fiel und ich sie am Boden weiter mitschleifte. Aufgebracht und völlig aus dem Häuschen, wie ich war, zog ich sie hinter mir her, ein Stück in den Wald hinein, wo ich dann stehen blieb.

„Was soll das? Was zum Teufel machst du hier?", fuhr ich sie leise an, während sie ihr Handgelenk rieb: „Was hast du denen erzählt, ich meine wie konntest du – " Mir fiel nicht ein, was ich dazu sagen sollte, zu unglaublich war, was sie hier tat.

„Ich konnte nicht anders! Du warst so besorgt deswegen und ich wollte mich revanchieren für gestern, was du getan hast war – ich bin dir so unglaublich dankbar. Deshalb wollte dir helfen, ich dachte, es wäre besser, das gleich zu klären.", erklärte sie und sah mich dabei so warmherzig an, dass es schwer war, weiterhin streng zu bleiben. Doch ich konnte nicht darüber hinweg sehen, dass sie mich so ins wortwörtliche offene Messer laufen ließ. Was dachten meine Brüder jetzt von mir? Sie glaubten, ich wäre ein Lügner, ein Verräter noch dazu!

„Was du hier machst ist verdammt noch mal völlig verrückt! Sam sieht dich als potentielle Gefahr und du spazierst da so einfach rein, bringst dich in diese Gefahr, ich – wie stehe ich denn jetzt da?"

„Es…es tut mir leid, darüber habe ich nicht nachgedacht! Aber du brauchst dir keine Sorgen machen…ich weiß, es war dumm von mir, aber hätte ich diesen Schritt nicht gemacht – verstehst du nicht, was das heißt? Ich will bleiben, Jacob, ich will es unbedingt und deshalb musste ich es tun. Und es war…na ja, es war viel leichter als gedacht.", sagte sie mit einem so atemberaubenden Lächeln, dass es mir perdu die Sprache verschlug. Sie hatte sich in eine tödliche Gefahr begeben, nur um hier bei ihrem Stamm, ihrer Familie, ja, bei mir bleiben zu können. Ich raffte mich dazu auf, vorsichtig danach zu fragen, was genau sie erzählt hatte und wie sie darauf reagierten.

„Ich habe nur das Nötigste erzählt, was ich auch dir bei unserem ersten Gespräch sagte. Ich muss zugeben, dass sie mir wahrscheinlich keinen Meter über den Weg trauen, aber sie akzeptieren meine Anwesenheit. Und was dich angeht – wenn ich ehrlich bin, haben sie nicht nach dir gefragt, ich habe lediglich erwähnt, was dein Rudel bereits wusste. Dass du nach mir gesucht hast und ich dir zuvor kam. Bitte glaub mir, wenn ich dir sage, dass alles in Ordnung ist. Sicher werden sie nach mehr fragen, aber nicht heute."

Und bereits bevor sie zu Ende gesprochen hatte, steckte sie mich mit ihrem Optimismus an. Mir kamen ihre Worte in den Sinn, dass sie hier bleiben wollte und ich verstand erst jetzt, was das bedeutete. Und obwohl ich noch immer nicht nachvollziehen konnte, dass sie sich in diese Gefahr begab, ohne mir überhaupt irgendwas zu sagen, war ich nun froh, dass sie diesen Schritt gewagt hatte. Denn ich wüsste nicht wie lange ich mir dazu noch Zeit gelassen hätte. Trotzdem wollte diese Tatsache, dass sie sich einfach so offenbart hatte, nicht in meinen Kopf hinein. Ich würde das erst einmal sacken lassen müssen, bevor mir dazu vielleicht wieder etwas einfiel. Aber jemand kam mir zuvor und brachte schon wieder alles und jeden komplett durcheinander. Denn noch während ich dabei war, unser Gespräch fortzusetzen, fuhr ein Polizeiwagen vor und hielt direkt neben uns. Charlie sprang heraus, ließ die Tür offen stehen und hastete auf mich zu, es war offensichtlich, dass er nicht nur völlig durch den Wind, sondern auch ganz und gar aus der Puste war. Er blieb vor mir stehen, die Hände auf die Knie gestützt und schwer atmend: „Jacob, du – du musst sofort mitkommen, steig ein, wir haben nicht viel Zeit. Billy – es, es geht um Billy." Es ging um meinen Vater? Was war mit ihm und warum in aller Welt überbrachte mir Charlie diese Nachricht? Ich wechselte einen schnellen Blick mit Jess.

„Warum, was ist los?"

Er schüttelte den Kopf und richtete sich auf.

„Er – er ist zusammen gebrochen, ich hatte ihn besucht, sie haben ihn gleich hingebracht, ich weiß nicht, was – er ist im Krankenhaus."

Billy? Zusammengebrochen? Bitte was? Unmengen an Bildern, an Gesprächen rauschten durch meine Gedanken und mir kam sein Verhalten von gestern Abend in den Sinn. Ich hätte nach ihm sehen sollen, ich hätte mit ihm sprechen müssen! Was war ich nur für ein ignoranter Rabensohn?

„Ich muss zu ihm.", mein Körper handelte, bevor mein Kopf dazu in der Lage war und verabschiedete sich mit knappen Worten von Jess und meinen ebenfalls ziemlich erschrocken drein blickenden Brüdern. Dann lief ich zusammen mit Charlie im Eilschritt zum Wagen, versprach, bevor ich einstieg, dass ich Bescheid sagen würde, sobald ich etwas wusste, und fuhr dann mit ihm davon.


Dank Sirene und Blaulicht erreichten wir das Krankenhaus in Rekordzeit und Charlie setzte mich direkt vor dem Eingang ab. Er blieb jedoch im Wagen, was mich dazu veranlasste, innezuhalten.

„Ich kann leider nicht mit rein kommen, am anderen Ende der Stadt soll eine Leiche gefunden worden sein. Da komme ich nicht drum herum. Ich schaue später mal vorbei.", erklärte er und ich verabschiedete mich nickend, bevor ich auf das große, weiße Gebäude zulief und es ohne Zögern betrat. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was mich jetzt gleich erwarten würde, noch nie in meinem Leben war ich hier gewesen und hatte es auch nie vorgehabt, was nicht zuletzt daran lag, dass ich zum Club der Übernatürlichen gehörte. Als ich durch die Drehtür nach innen trat, fühlte es sich an, als würde mir eine Wand entgegen kommen. Denn die Wärme, die mich drinnen erwartete, war erdrückend und machte mir das Atmen schwer. Ich lief unbeirrt auf den großen, ebenfalls weißen Empfangstresen zu. Eine schmächtige, ganz zierlich aussehende Frau mit engelsblonden Haaren und einer schwarzen Hornbrille schien dort bereits auf mich zu warten. Sie sah irritiert zu mir auf und konnte mich ohne Probleme zuordnen.

„Zimmer 210, zweiter Stock.", murmelte sie, während sie sich die Brille zurechtrückte. Ich sagte kein Wort, folgte lediglich ihrer Anweisung und fand zu meiner eigenen Verblüffung sofort den Weg. Und obwohl ich im Moment gar nicht dazu aufgelegt war, klopfte ich erst leise und höflich, bevor ich eintrat. Und während ich noch auf der Herfahrt das Schlimmste befürchtete, und nur Bellas Entbindung vor meinen Augen gesehen hatte, das viele Blut, ihren nahen Tod, überraschte mich das Bild, das sich mir bot, vollkommen. Billy saß in seinem Rollstuhl am Fenster und sah nach draußen. Erst als ich die Tür hinter mir schloss, schien er mich zu bemerken und wandte sich mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu mir um. Allein sein Gesicht zu sehen, die Fältchen um seine Augen, machten mich fast verrückt. Ich hatte sonst was erwartet, Schlaganfall, Koma, Intensivstation, alles das. Umso glücklich machte es mich nun, ihn wohlauf zu sehen.

„Hey, Dad.", sagte ich mit leichter Verunsicherung, da er so gar nicht wirkte, als wäre er erst vor kurzem zusammengebrochen: „Wie geht es dir?" Ich legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter, wobei mir ein Schlauch auffiel, der an seinem Arm festgeklebt war. Das hier musste schlimmer sein, als es auf den ersten Blick aussah.

„Ah, Jake, gut, dass du da bist, du kannst mich gleich mitnehmen – es geht mir hervorragend!"

Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte: „Moment, soll das heißen, du kannst schon gehen? Ich dachte, du wärst zusammengebrochen, ich dachte – aber das hat doch einen Grund, die können doch nicht einfach…" Meine Stimme brach ab, als er sich den Schlauch mitsamt Nadel vom Arm zog, sich an mir vorbei zum Schrank schob, ihn öffnete und die wenigen Sachen daraus aufs Bett legte. Völlig perplex beobachtete ich, wie er sich umständlich seinen Mantel überwarf und die Klamotten auf seine Beine legte: „Das ist alles halb so wild, die machen nur wegen meinem Alter so einen Aufriss, dabei bin ich noch fit wie ein Turnschuh!" Er spielte das gerade nicht wirklich herunter, oder? Ich bekam das ungute Gefühl, dass er mir etwas verschwieg, was alles andere als unwichtig war.

„Ausruhen kann ich genauso gut zuhause, also was ist? Worauf wartest du noch, lass uns gehen!", forderte er mich auf und war bereits dabei, sich der Tür zuzuwenden. Der pendelnde Schlauch in meinem Augenwinkel erregte meine Aufmerksamkeit, doch ich versuchte ihn auszublenden.

„Dad, du bleibst schön hier! Hast du überhaupt eine Ahnung, was für Sorgen ich mir gemacht habe? Ich bin hergekommen so schnell ich konnte, weil ich verdammt noch mal wahnsinnige Angst um dich hatte und dann willst du mir weismachen, dass gar nichts wäre? Mit so was ist echt nicht zu spaßen, ich werde dich hier jetzt sicher nicht rausholen, bevor ich die Bestätigung von einem Arzt habe, dass alles in Ordnung ist, klar?", fuhr ich ihn an, denn was er hier tat machte mich wirklich rasend. Er wollte mich tatsächlich glauben lassen, dass alles in bester Ordnung war! Aber was, wenn es sich dabei vielleicht wirklich um eine ernste Krankheit handelte?

„Willst du mich etwa hier versauern lassen, Jake? Sieh her, es geht mir gut, ich bin nur etwas altersschwach, sonst nichts.", beteuerte er und ich konnte nicht fassen, dass ich tatsächlich dabei war, darauf einzugehen. Ich sah ihn vorwurfsvoll an, doch er starrte mit seinen dunklen Augen ebenso eindringlich zurück, ein Zeichen dafür, dass er stur bleiben würde.

„Ich kann das nicht verantworten, Dad, wirklich nicht. Ich frage jetzt einen Arzt und dann werden wir ja sehen…"

Ich steuerte auf die Tür zu und wollte bereits nach draußen gehen, als ich innehielt. Eigentlich war ich mir fast schon sicher, dass er eine Verordnung hatte, hier zu bleiben, wenn auch nur für eine Nacht zur Kontrolle. Aber er war mein Vater und ich wusste nicht, ob ich ihn wirklich zwingen konnte, hier zu bleiben. Ich könnte genauso gut auf ihn aufpassen und wenn es sich wirklich nicht um eine lebensbedrohliche Situation gehandelt hatte… Ich spürte meine Zweifel und begann ernsthaft mit dem Gedanken zu spielen, ihn mit mir zu nehmen. Nicht, weil ich Mitleid mit ihm hatte, sondern weil er es mir sicherlich jahrelang vorwerfen würde, wenn ich es nicht tat. Und weil ich so die Chance bekam, einmal ein paar wichtige Gespräche mit ihm zu führen, die längst überfällig waren. Ich wusste was ich tun würde, bevor ich mir im Klaren über dessen Folgen war. Ich schnappte mir die Griffe seines Rollstuhls und öffnete die Tür, um einen schnellen Blick nach draußen zu werfen, ob uns auch niemand bemerkte. Ich schob ihn vor mich, wobei mir sein Grinsen auffiel, sofort beugte ich mich zu ihm herunter: „Hör zu, das ist eine Ausnahme, klar? Du wirst dich zuhause schonen und so lange im Bett liegen bleiben, wie es nötig ist! Und ich mache nicht noch mal eine Ausnahme." Wir verließen den Raum und machten uns ohne Umschweife auf zum Fahrstuhl. Es war der schnellste Weg nach unten, wenn auch nicht der sicherste. Aber wir hatten Glück und begegnetem niemandem, dem wir fehl am Platz vorkamen. Unten angekommen beorderte Billy mich zum Hinterausgang, dessen Tür nicht ganz unbeschadet bei unserem Ausbruch zurück blieb, und wir verließen das Krankenhaus ohne Probleme. Zu meiner großen Überraschung erwartete uns Charlie bereits auf dem Parkplatz und brachte uns – auch wenn er Billy nur widerwillig zur Flucht verhalf – zurück nach Hause. Noch wusste ich nicht, ob ich diese Entscheidung bereuen musste oder nicht, dennoch hoffte ich, dass es das Schicksal dieses eine Mal gut mit mir meinte.