8. Und dann hatte ich auch schon vergessen, warum ich eigentlich hier war. – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Ich musste Jess Sam vorstellen, um irgendwelchen unvorbereiteten Konfrontationen aus dem Weg zu gehen und suchte Emilys Haus auf. Doch entgegen all meiner Erwartungen traf ich dort auf Jess, die sich augenscheinlich bereits offenbart hatte. Ich stellte sie wutentbrannt zur Rede, konnte nicht fassen, dass sie mich wie ein Idiot dastehen ließ und sich noch dazu völlig unüberlegt selbst in Gefahr gebracht hatte. Aber noch während unseres Gespräches fuhr Charlie im Polizeiwagen vor und überbrachte die Nachricht von Billys Zusammenbruch. Sofort machte ich mich mit ihm auf den Weg zum Krankenhaus, wo sich meine schlimmsten Erwartungen zum Glück doch nicht erfüllten. Billy war wohlauf, mehr noch, pochte darauf, dass ich ihn mit nach Hause nahm, da es nicht so gefährlich gewesen sei, wie es sich vielleicht anhörte. Erst haderte ich mit mir, schließlich war er nicht ohne Grund ins Krankenhaus eingeliefert worden, doch konnte ich meinen Vater nicht einfach so zurücklassen. Zu meiner großen Überraschung erwartete uns Charlie bereits auf dem Parkplatz und brachte uns – auch wenn er Billy nur widerwillig zur Flucht verhalf – zurück nach Hause. Noch wusste ich nicht, ob ich diese Entscheidung bereuen musste oder nicht, dennoch hoffte ich, dass es das Schicksal dieses eine Mal gut mit mir meinte.


„Weißt du was? Wenn du einmal dabei bist, kannst du mir auch gleich noch eine Tüte davon mitbringen – die sind hervorragend!", hörte ich Billy hinter mir rufen, während ich einen Stapel benutzter Teller neben der Spüle abstellte. Als daraufhin ein schallendes Gelächter erklang, seufzte ich und lehnte mich erschöpft gegen die Küchenschränke. Ich hatte den gesamten Tag über nichts anderes getan, als mich um meinen Vater zu kümmern und ihm jeden einzelnen Wunsch zu erfüllen, weil ich fürchtete, dass ich mich viel zu wenig mit ihm beschäftigte. Er war eben nicht mehr der Jüngste und ich hatte mich in letzter Zeit kaum um ihn gekümmert; seit dem Zusammenbruch vor wenigen Tagen erschlug mich mein schlechtes Gewissen regelrecht deswegen. Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Seit unserem Streit hatte ich nichts von dem mitbekommen, was außerhalb dieses Hauses passiert war. Jess ließ sich genauso wenig blicken, wie meine Brüder, aber vielleicht war es auch besser so, wahrscheinlich hätten sie mich sowieso nur wieder abgelenkt. Das hier war wichtig, auch wenn ich zugeben musste, dass es mir schon ganz schön zu schaffen machte. Ja, er war mein Vater und natürlich wollte ich, dass es ihm gut erging, schließlich war es mir als Sohn eine Pflicht, mich um ihn zu kümmern. Aber hin und wieder ging diese Sache zu weit, da waren diese Augenblicke, in denen er nur eine Art persönlichen Diener in mir sah. Und seit dem gestrigen Abend, an welchem es für einen Moment geschienen hatte, als wüsste er nicht einmal mehr, wer ich eigentlich wirklich war, wusste ich nicht weiter. Es hatte mich verstört, hören zu müssen, ich sei ein Einbrecher, ja, ein wildfremder Verrückter. Mein eigener Vater hatte mich vergessen, ich war aus seinem Gedächtnis gelöscht – wenn auch nur für einige Minuten. Denn er hatte sich wieder beruhigt und erinnert, allerdings erst nach gewisser Zeit. Bis jetzt war mir nicht ganz klar, wie ich damit umgehen sollte, und ob ich das überhaupt konnte. Zu sehr schmerzte es, mir bewusst zu werden, dass er offensichtlich an Alzheimer erkrankt war. Und nun hatte ich panische Angst vor dem Augenblick, in dem es wieder passieren würde und ich mich erneut etwas stellen musste, das ich nicht kannte und mit dem ich nicht umgehen konnte. Ich hatte einfach nicht die geringste Ahnung, was ich dann tun sollte, und das machte mich krank. Noch schlimmer war, ich konnte ihm nicht helfen und all das war möglicherweise nur so weit gekommen, weil ich ihn entgegen aller Vorsicht und Misstrauen mit mir nach Hause genommen hatte.

Ich hatte keinen festen Entschluss gefasst oder auch nur eine Sekunde nachgedacht, bevor ich handelte. Mir war klar geworden, dass ich verantwortlich für seine Lage war, zumindest trug ich eine gewisse Mitschuld. Und die logischste Schlussfolgerung daraus war für mich, von nun an alles zu tun, um diesen Fehler wieder gut zu machen, obwohl das nicht möglich war. Ich hatte ihn mit mir genommen und versprochen, dass er nicht zurück ins Krankenhaus musste und hier bleiben konnte, bis er sich auskuriert hatte – ein Zustand, der wohl nicht mehr eintreten würde. Und das war etwas, womit ich mich definitiv nicht abfinden wollte und konnte, das war schlichtweg inakzeptabel. Aber irgendetwas musste ich tun, auch wenn ich kein Arzt war und absolut nichts davon verstand, wie man diese Krankheit behandelte. Und obwohl ich mich im Moment um nichts anderes sorgen sollte, war da noch ein Gedanke. Ruhe. Ich wollte und brauchte Zeit für mich, Zeit, die ich in den letzten Tagen nicht bekommen hatte. Ich brauchte einige Augenblicke, um für mich allein zu sein und vielleicht eine Lösung für diese unlösbare Aufgabe zu finden. Meine Reaktion folgte prompt und dementsprechend grob und rücksichtslos. Ich stieß mich von der Anrichte ab und stürmte mit großen Schritten ins Wohnzimmer, wo ich den Fernseher ausschaltete und mehrere leere Tüten vom Tisch fegte, als ich Billy die Couchdecke wegzog.

„Du legst dich jetzt für eine Weile hin.", beschloss ich in strengem Ton, der dennoch nicht seinen Widerspruch verhinderte, denn anstatt sich von der Stelle zu bewegen, reagierte er nicht. Sein Gesicht war grimmig und sah aus, als würde er jeden Moment kontern und so war es auch, allerdings nicht mit Worten. Er nahm sich die Packung, die ich ihm eben mit aus der Hand genommen hatte, zurück und wollte bereits die Decke wieder an sich reißen, als ich sie ihm entzog: „Sofort!" Wieder ein miesepetriger Blick, er zog die Augen zusammen, doch der entrüstete Ausruf und meine verhärtete Miene schienen ihn letztendlich dazu zu bewegen, aufzustehen. Ich begleitete Billy in sein Schlafzimmer, passte auf, dass er sich auch wirklich ins Bett legte und zudeckte und ließ ihn dann allein. Schon den ersten Augenblick der nun folgenden Ruhepause genießend, ging ich zurück ins Wohnzimmer und beräumte den letzten Rest von Billys Fressorgie. Danach wollte ich mich in mein Zimmer zurückziehen, aber es klingelte, bevor ich es auch nur über die Schwelle geschafft hatte. Also schleppte ich mich zur Tür und wurde bereits überfallen, als diese noch nicht einmal halb geöffnet war. Nessie stürzte mir entgegen und warf sich an meinen Hals, als hätten wir uns Jahrzehnte lang nicht gesehen.

„Du glaubt ja gar nicht, wie sehr ich dich vermisst habe!", rief sie und strahlte mich nach einem stürmischen Kuss überglücklich an. Es war schön, ihr Lächeln zu sehen; jetzt wo sie so vor mir stand, merkte ich, dass ich sie ebenfalls vermisst hatte. Ihre Stimme fehlte mir und auch ihr Geruch, aber vor allem ihr Lächeln. Wenn sie glücklich war, glühten ihre Augen und sie wurde noch viel schöner, als sie es schon war, obwohl das unmöglich erschien. Nessie fragte mich, ob ich Lust hätte, mit zu ihr zu kommen, um etwas Zeit zusammen zu verbringen, wir hatten uns eine ganze Weile nicht gesehen. Aber ich lehnte ab, ich konnte Billy nicht allein lassen: „Er war im Krankenhaus, es wäre besser, ich bleibe hier. Jemand muss darauf aufpassen, dass er sich erholt und du weißt, wie stur er sein kann, was das betrifft." Nessie lächelte noch immer, sie legte mir eine Hand an die Wange.

„Aber Jake, genau deshalb bin ich doch hier?", erklärte sie und ich verstand kein Wort: „Ich dachte, dass du vielleicht mal etwas Abwechslung gebrauchen könntest. Dein Vater wird sicher auch einen Tag ohne dich auskommen, meinst du nicht?" Bildete ich mir das ein, oder verlangte sie gerade wirklich von mir, meinen Vater in seinem jetzigen Zustand einfach allein zu lassen? Offenbar hatte sie die Situation nicht ganz erfasst. Ich glaubte, zu erwähnen, dass er im Krankenhaus gewesen war, würde ihr zeigen wie es um ihn stand.

„Ich habe versprochen, mich um ihn zu kümmern. Es tut mir leid, aber es geht heute einfach nicht. Du verstehst das doch, oder?"

Sie schien nicht im geringsten sauer oder genervt deswegen zu sein, im Gegenteil. Ihr Verhalten wurde immer merkwürdiger und langsam begann ich, mich zu fragen, was sie ausgeheckt hatte, denn sie ließ nicht locker: „Ich würde das ja verstehen… Aber was hältst du davon, wenn du trotzdem mit mir kommst und jemand anderes dafür sorgt, dass Billy nicht allein ist? Wenn ich dir zum Beispiel sagen würde, dass Charlie jede Minute kommen wird und bis morgen früh bleiben könnte, was würdest du dann davon halten?" Ich sah sie an, unschlüssig, welchen Grund all das hatte.

„Ich hatte dir extra nichts erzählt…es sollte eine Überraschung sein. Nachdem du nicht sicher warst, ob du mit zur Insel kommen könntest, dachten wir, es wäre doch keine schlechte Idee, hier zu feiern und danach zur Insel zu fahren." Meinte sie das ernst? Moment – sollte das heißen, sie hatte alles schon geplant und ließ mir jetzt eigentlich keine andere Möglichkeit, als mitzukommen? Wenn ich ehrlich war, kam es mir vor, als wollte sie genau das. Ich hatte keine Wahl, theoretischer Weise schon, aber ich konnte ihr nicht so in den Rücken fallen. Nessie wusste das nur zu gut, allerdings fragte ich mich, ob das wirklich nötig gewesen war, um mich dazu zu bewegen, mitzukommen. Offenbar hatte sie es für nötig gehalten.

Nessie nahm meine Hand und zog mich zu sich: „Wir beide gehen jetzt zu Esmes Geburtstag. Und es ist egal, ob du ein Geschenk mitbringst oder einen Anzug trägst – oder eben nicht. Heute gehen wir es ganz entspannt an und haben einfach mal ein wenig Spaß zusammen. Und, was sagst du dazu? Ja oder ja?" Sie ließ mir nicht den Hauch einer Chance und das, obwohl ich mich zu gern auf das vorbereitet hätte, was mich nun erwartete. Denn diese Feier würde sicher alles werden, aber ganz bestimmt nicht entspannt, zumindest nicht für mich. Für einen halben Tag zusammen mit Rotaugen und allen Cullens in einem Raum und, ganz nebenbei, ohne irgendein Geschenk oder auch nur den kleinsten Funken Vorfreude. Ich würde mich zu einem Lächeln zwingen müssen, aber für Nessie nahm ich auch das ohne Zögern auf mich, denn ich liebte sie.


Wir waren gerade dabei, das im Wald versteckte Haus zu erreichen, als ich kläglich versuchte, ihre Meinung doch noch zu ändern. Ich wusste, es war zu spät, ich hatte mich darauf eingelassen, sie konnte mir diese Sache schließlich schön reden.

„Ich müsste eigentlich einen Anzug tragen…oder wenigstens etwas weniger Schäbiges. Bist du schon mal auf einer Geburtstagsfeier aufgetaucht und hattest kein Geschenk dabei?"

„Erstens ist es egal, was du anhast, du siehst immer gut aus. Und Zweitens hab ich dir gesagt, dass das kein Problem ist, alle wissen, dass es eine Überraschung für dich war.", erklärte sie und schien nicht im Geringsten besorgt zu sein, dass dieser Tag alles andere als schön für mich laufen würde. Ich zwang mir ein Lächeln auf die Lippen und versuchte, mich selbst zu überzeugen, dass sie Recht hatte, doch wie erwartet scheiterte ich, wahrscheinlich auch aus dem Grund, dass ich mich dabei nicht wirklich angestrengt hatte.

Sie öffnete die Tür und nahm meine Hand, um mich mit sich zu ziehen. Noch bevor wir das Wohnzimmer im Spazierschritt erreicht hatten, kam uns schon eine Wolke aus Mief entgegen. Gut, für mich war es Mief. Kein Vampir würde jemals nachvollziehen können, wie sehr er eigentlich stank. Meistens hieß es zwar, ich würde nicht weniger abartig riechen, doch wer wusste schon, ob man dem glauben konnte.

Bella bog um die Ecke und kam geradewegs auf uns zu. Sie trug ein kurzes, lilafarbenes Klein mit kleinen Rüschen, welches ihre Haut noch weißer aussehen ließ, als sie auch so schon war. Sie begrüßte mich mit einer festen Umarmung: „Jake, wie schön, dass du gekommen bist!" Vorsichtshalber hielt ich die Luft an, um nicht ersticken zu müssen, bis sie wieder Abstand zwischen uns gebracht hatte. Zwar kannte ich diesen Geruch und konnte ihn nun über geraume Zeit ertragen, aber gewöhnen würde ich mich wohl nie daran. Bevor ich die Nase rümpfen konnte, tauchte Edward hinter Bella im Türrahmen auf. Er nickte mir zu, ich reagierte nicht darauf. Sie begleiteten mich zusammen in einen kleinen Saal, in welchem überall Stehtische aufgestellt waren. Alles war mit roten Tüchern und Decken umhüllt und behangen. Egal, wie oft ich schon hier gewesen war, ich wusste nicht, in welchem Raum ich mich gerade befand oder wofür er sonst diente. Alles war umgeräumt und teilweise völlig neu gestaltet; eindeutig Alice' Werk. Nur der Flügel, der in der hinteren Ecke des Raumes stand, kam mir bekannt vor. Aber auch nur aus dem einen Grund, dass Nessie mir schon ein paar mal etwas darauf vorgespielt hatte. Ich sah mich um, entdeckte die blonden Verwandten aus Alaska, aber auch einige wenige Rotaugen. Es brauchte nicht mehr, ich wusste, ich wollte keine weitere Minute hier verbringen. Es war nicht so, dass ich sie noch immer alle verabscheute, wie ich es einmal getan hatte, ich fühlte mich nur einfach nicht wohl. Da war schlicht und einfach dieses Gefühl, nicht hierher zu gehören – was ich ja im Grunde auch nicht tat, aber in den letzten Jahren war ich doch ein Teil von all dem hier geworden – , mehr noch, ich wollte nicht hier sein. Vermutlich würde ich im Moment alles lieber tun, als hier inmitten von diesen Vampiren zu sein. Ich dachte an Jess, fragte mich, was dieser wahnsinnige Unterschied zwischen ihr und den Vampiren um mich herum war, dass es so einfach war, bei ihr zu sein, aber so schwer, hier mit Nessies Familie zu feiern.

Ich wollte mich gerade umdrehen, als jemand mich hinterrücks überraschte und mir die Augen zuhielt: „Augen zu!", flüsterte Nessies hohe Stimme und ich schloss die Augen. Sie nahm ihre Hände von meinem Gesicht und ich lauschte ihren Schritten nach, wie sie vor mich trat. Kurz darauf strich ihr warmer Atem über meine Wange und etwas stupste mich sanft an. Ihre weichen Lippen berührten meine und jeder Hass, den ich noch bis eben verspürte, war verschwunden. Sie beherrschte meine Gedanken, und das war gut so. Es fühlte sich vertraut an neben all dem Unbekannten. Berührt von ihrer Überraschung zog ich sie vorsichtig näher an mich und schloss meine Arme um ihren Körper. Ich könnte niemals vergessen, was für ein Glück ich doch hatte, sie bei mir zu wissen, sie jetzt zu halten. Nessie und meine Gefühle ihr gegenüber füllten mein Leben, schoben all das in den Hintergrund, was ich für sie auf mich nahm. Brachten mich dazu, sie vor alles zu stellen, schließlich war sie das Wichtigste für mich, immer und immer wieder. Es war so schön, so erlösend, ihren Atem ganz nah bei mir zu spüren und ihr bezauberndes Lächeln an meiner Wange zu fühlen, wenn ich wie schon so oft in ihrer Zärtlichkeit versank. All das zeigte mir, wie sehr ich sie doch liebte und auch, dass ich ihr viel zu selten gestand, dass es so war.

„Ich liebe dich.", sagte ich leise, als sie sich kurz von mir löste. Sie nickte, ihre Stirn an meiner, lächelte und küsste mich wieder. Ich verlor mich in ihr, es gefiel mir nicht, dass es so war, und doch wusste ich, dass ich nichts daran ändern könnte. Eine Prägung war wohl genau das, was man immer von Liebe erwartete; diese Bindung an den einen Partner, für welchen man alles tun würde und noch viel mehr, dass aus zwei Leben eines wurde.