9. Wenn man glaubt, dass man verfolgt wird, fangen langsam die Nerven an verrückt zu spielen. – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Nachdem ich Embry Billys Pflege überlassen hatte, machte ich mich auf den Weg zur Arbeit und verwarf dabei jeden Gedanken an den vergangenen Tag. Neben Ryan und dessen Vater traf ich auch unerwartet auf Jess. Nachdem Embry mir erzählt hatte, dass das Lagerfeuer früher stattfinden würde, drängte ich sie zu einem Treffen mit ihrer Schwester Jennifer, welcher ich bisher noch nicht einmal begegnet war. Sie versprach, sich darum zukümmern. Aber auch Sam verlangte danach, mit mir zu sprechen, was wesentlich problematischer werden könnte. Er wollte sicherlich einige Dinge in Bezug auf Jess hinterfragen. Und außerdem war da noch Billy, weswegen ich langsam aber sicher das Gefühl dafür verlor, wo mir der Kopf stand.


„Wie geht es ihm?", fragte ich, nachdem Embry die Tür zu Billys Schlafzimmer vorsichtig geschlossen hatte. Es war bereits später Abend und ebenso erschöpft schien mein bester Freund, als er sich zu mir an den Tisch setzte: „Ich denke, er ist über den Berg. Heute hätte er gut und gern eine Gans allein verdrücken können, es war echt schwer, ihn mit irgendwas zufrieden zu stellen. Ich musste mich also trotz meiner vagen Kochküste ziemlich rein hängen." Er versuchte sich an einem stolzen Grinsen, scheiterte jedoch kläglich und musste stattdessen ein Gähnen unterdrücken.

„Danke, Mann, dass du durchgehalten hast. Ab jetzt übernehm' ich wieder."

Ich klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und überlegte, wie ich es ihm danken sollte, dass er mir aushalf. Jedoch bremste er meine Vorfreude auf einen entspannten Abend aus: „Aber Jake, ich weiß echt nicht, ob es so eine gute Idee war, ihn herzubringen. Ich kann ja verstehen, dass er nicht dort bleiben wollte und du ihm das nicht antun konntest… Was ist mit einem ärztlichen Gutachten? Du weißt doch nicht einmal, was überhaupt los gewesen ist?" Er hatte Recht und ich wusste, dass er wusste, dass ich meine Entscheidung auch nicht wirklich durchdacht hatte. Embry sah den Ausdruck auf meinem Gesicht, bevor ich ihn verbergen konnte.

„Mir ist aufgefallen, dass da irgendwas nicht stimmt mit ihm. Er verhält sich merkwürdig, tut Dinge, die er bei klarem Verstand nicht tun würde. Er hat mit mir gesprochen, als würde er mich zutiefst verachten, Jake. Und ich will mir nicht vorstellen, wie er mit dir spricht. Gerade eben hat er mich gefragt, ob es schon Morgen sei, obwohl ich ihm nur kurz vorher ins Bett geholfen habe."

Ich wollte den Gedanke nicht fassen, doch er kam mir wie von selbst. Es war schlimmer geworden. Mein Kopf fühlte sich schwer an, als ich mit meinen Händen über mein Gesicht fuhr und so versuchte, die Sorgenfalten wegzuwischen. Womöglich konnte ich von Glück reden, dass er nun erst einmal schlief. Aber es würde nicht sonderlich lange so bleiben. Mit mulmigem Gefühl dachte ich an das Lagerfeuer.

„Denk' drüber nach, Jake. Überzeug dich selbst, du musst entscheiden, ob es nicht vielleicht doch besser wäre – "

„Danke, Embry.", bedankte ich mich, bevor er sagen konnte, was ich auf keinen Fall hören wollte: „Ich bin dir was schuldig, Kumpel, also meld' dich, wann immer ich helfen kann." Ich würde Billy nicht zurückbringen, weil ich wusste, wie er reagierte. Außerdem hatte ich es ihm versprochen, wenn auch widerwillig. Ob er mich dafür hassen würde?

„Kommst du allein klar, ab jetzt?"

„Sicher."

Embry stand auf und lief zur Tür, während ich hinter ihm her trottete. Er verabschiedete sich und versprach, mich nicht im Stich zu lassen. Allerdings verlangte er auch, dass ich eine Entscheidung traf, die möglichst seinen Vorstellungen entsprach, da Billy ihm am Herzen lag. Wahrscheinlich wollte er einfach vermeiden, dass ich mich am Ende noch schuldiger fühlte, als sowieso schon.

Kaum war er auf sein Motorrad gestiegen und hinter den Bäumen verschwunden, erschien Jess, die offenbar schon darauf gewartet hatte.

„Du solltest öfter vorbeikommen.", erklärte ich, als ich sie hereinbat. Ich freute mich unheimlich, sie jetzt zu sehen, fast so, als wäre sie bereits vollends Teil meines Lebens geworden. Das gab mir ein gewisses Gefühl von Sicherheit, obwohl ich nicht sagen konnte, weswegen. Sie lächelte nicht das erste Mal an diesem Tag und das war es, was mich sogar etwas glücklicher machte. Beinahe hatte ich den gestrigen Reinfall vergessen, beinahe.

„Wenn du das willst."

Sie klang wenig überzeugt, doch ließ ich mich davon nicht beirren. Mir fiel wieder ein, dass sie heute mit ihrer Schwester gesprochen haben musste. Unsere Blicke trafen sich, schnell wich sie aus. Mich beschlich ein merkwürdiges Gefühl und ich lenkte um: „Bist du sicher, dass dir das Sofa nicht zu hart ist? Ich könnte dir auch mein Bett anbieten."

„Mach' dir keine Umstände, dein Bett gehört immer noch dir. Ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich es dir wegnehme."

Lächelnd machte sie es sich auf der Couch gemütlich, richtete die Kissen und setzte sich im Schneidersitz, während sie mich mit diesen glühenden Augen anstarrte.

„Ich habe mit Jenny gesprochen, wie du wolltest.", erklärte sie: „Es kommt zwar etwas zu früh, aber sie würde gern morgen schon kommen, falls es dir nichts ausmacht." Ich wollte sagen, dass ich arbeiten musste, denn das stimmte auch. Aber jetzt abzulehnen konnte ich mir ja schlecht erlauben, schließlich hatte ich es heraufbeschworen. Jess bemerkte mein Unbehagen, obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, genau das zu verhindern, aber heute war wohl doch nicht ganz mein Tag: „Sie hat nicht viel Zeit, ich hoffe, das ist kein Problem. Ich weiß, das ist nicht gerade praktisch, wenn man sich kennenlernt, aber…" Sie ließ den Satz verklingen, ohne ihn zu vervollständigen. Ich hatte kein Problem damit, doch plagte mich jetzt etwas anderes. Schnell beendete ich das Thema.

„Nein, ich freue mich, wenn es klappt. Ich werde früher anfangen, dann kann ich am späten Nachmittag hier sein."

Ich wollte sie mit meinen Sorgen wegen Billy konfrontieren. Ich wollte mit ihr darüber sprechen, um Rat fragen und sie um eine ehrliche Meinung fragen. Aus einem mir völlig unbekannten Grund empfand ich es nicht als schlecht, wenn sie davon wusste. Ich fühlte mich verpflichtet, sie einzuweihen, auch wenn es sie nichts anging. Es war merkwürdig, wie sehr ich mich plötzlich von ihr abhängig machen wollte. Mein bester Freund hatte mir geraten, es zu überdenken, aber was würde sie tun? War es von Bedeutung für mich, wie sie handeln würde? Denn genauso fühlte es sich an. Ich wollte es in diesem Moment so sehr, dass ich mir selbst den Mund verbieten musste, bevor ich tatsächlich geradeheraus sagte, was mir auf dem Herzen lag. Ich holte tief Luft und –

„Jake, bist du sicher, dass du nicht über die Feier sprechen willst? Ich hatte das Gefühl, dass du seitdem etwas niedergeschlagen bist. Natürlich kann ich keine Antwort verlangen, aber ich…um ehrlich zu sein, ich mache mir etwas Sorgen um dich.", gestand sie und ich war mehr als nur froh, ihre Stimme statt meiner gehört zu haben. Ich schenkte ihr das beste Lächeln, dass ich heraufbeschwören konnte, wagte es jedoch nicht, es mit der zusätzlichen Geste einer aufgelegten Hand zu verstärken.

„Alles gut, ich habe mich nur etwas ärgern müssen. Das einzige, worum wir uns Sorgen machen müssten, ist Sam. Er wollte unbedingt mit mir sprechen und ich habe das ungute Gefühl, dass auch er uns morgen mit seinem Besuch beehren wird."

Ohne darüber nachgedacht zu haben, weihte ich sie dennoch in eine meiner unzähligen Unannehmlichkeiten ein, womöglich aus dem einfachen Grund, dass ich glaubte, dass sie es wissen sollte. Ich konnte ihr im Hinblick auf Sam nichts vormachen, da er nicht sonderlich gut auf sie zu sprechen schien. Würde ich deswegen ein Problem mit ihm bekommen, so war es auch ihr Problem. Ich konnte nur hoffen, dass er bemerkte, dass Jess keineswegs schlecht, sondern nur positiv für alle hier war.

„Soll ich hier bleiben, wenn es dazu kommt?", fragte sie, obwohl das ihre Lage wahrscheinlich keineswegs verbessern würde. Ich schüttelte den Kopf: „Nein, das muss ich mit ihm allein klären. Ich meine, ich weiß nicht, was genau du erzählt hast, aber anscheinend hat es ihn dazu gebracht, bisher deswegen zu schweigen. Wenn es ums Überzeugen geht, bin ich vielleicht nicht sonderlich gut, aber es gibt einfach unschlagbare Argumente, die für dich sprechen." Ich sprach im Singular, da ich nur für Jess ein gutes Wort einlegen konnte – noch. Da es sich bei ihrer Schwester um ihren Zwilling handelte, würde das wohl nicht mehr lange so bleiben.

„Ach, ja? Ich wette, du hast schon das ein oder andere gehört, das du besser nicht am eigenen Leib erfahren willst."

Sie klang alles andere als zuversichtlich, doch ich konnte es verstehen. Tatsächlich stimmte es, dass ich mir nicht annähernd vorstellen konnte und wollte, wozu sie in der Lage war. Aber nur, weil sie zu etwas fähig war, hieß das nicht, dass sie es auch tun würde. So schätzte ich sie nicht ein. Aber wie sollte man das einem Sam Uley erklären?

„Das mag sein, aber da wir alle in irgendeiner Hinsicht Monster sind, macht das keinen Unterschied."

Ich hatte versucht, ihre Stimmung zu heben, aber offensichtlich verrechnete ich mich. Mit dem Begriff ‚Monster' schien sie alles andere als zufrieden, nahm es mir anscheinend sogar übel. Schnell änderte ich noch einmal die Richtung dieses Gesprächs: „Aber du hast nicht ganz unrecht. Ich meine, da ist schon die ein oder andere Sache, die ich…na ja, die ich gern sehen würde. Wenn es stimmt, was du mir bei unserem ersten Treffen gesagt hast – und ich gehe davon aus, dass es so ist - , dann kannst du so einige Dinge, von denen ich nicht im Traum gedacht hätte, dass sie möglich sind. Und mit Sicherheit können diese Waffen auch Schilde sein, wenn sie richtig eingesetzt werden." Ich war von mir selbst überrascht und so musste es auch Jess gehen. Schüchtern wandte sie den Blick ab, schob die Kissen zurecht, als wollte sie ablenken. Als ich darüber nachdachte, dass ich vielleicht eine ihrer vielen Gaben zu Gesicht bekommen könnte, war ich neugierig. Aber verlangen konnte ich nichts dergleichen. Und sie machte nicht den Anschein, als wollte sie darauf eingehen.

„Irgendwann wirst du es mir sicher zeigen.", sagte ich und erhob mich: „Dann, wenn du darauf vertrauen kannst, dass du deine Fähigkeiten beherrscht und nicht sie dich." Einem unbekannten Instinkt folgend beugte ich mich zu ihr hinunter, drückte die Lippen an ihre kalte Stirn und schloss die Augen dabei. Ich fühlte mich frei und leer, obwohl da so viel war, weswegen ich mir Gedanken machen müsste. Diese Ruhe, die plötzlich alles füllte, war unerwartet und dennoch schön. Als ich mich von Jess entfernte und in mein Zimmer verschwand, wurde mir klar, dass ich es nicht zulassen würde, wenn Sam seine Meinung änderte. Denn Jess gab mir etwas, das ich geglaubt hatte, bisher nur von einer einzigen Person auf dieser Welt bekommen zu können.


Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Jess fort. Lediglich ein Zettel erinnerte daran, dass sie überhaupt hier gewesen und meine Erinnerung keine Einbildung war. Während ich mich um ein Frühstück für Billy kümmerte, drehte sich in meinem Kopf alles nur um den morgigen Abend und die Gespräche, die bis dahin geführt werden mussten. Es würde alles andere als leicht werden, aber damit musste ich wohl umgehen. Ich beschloss, Billy zu wecken, bevor ich mich auf den Weg zur Werkstatt machte. Das Schlafzimmer war noch dunkel, doch Billy war bereits wach und ließ sich unerwartet schnell zum Aufstehen überreden. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen war er sehr schweigsam und sprach kaum ein Wort, noch dazu ließ sein Appetit definitiv zu wünschen übrig. Doch ich wollte keinen Streit beginnen und ignorierte, wie spärlich seine Mahlzeit ausfiel. Stattdessen fragte ich, ob es ihm lieber wäre, wenn Charlie anstelle von Embry heute bei ihm sein würde.

„Ist mir egal, die haben beide keinen Humor.", erwiderte er lediglich und biss mit auffällig zittriger Hand ein Stück von seinem Toast ab: „Du scheinst ja unheimlich beschäftigt. Wäre zur Abwechslung mal nicht schlecht, wenn endlich mal wieder die Kasse klingelt." Er legte es offenbar darauf an, mich zu provozieren, aber ich beherrschte mich. Sein Auftreten bereitete mir größere Sorge, als ich mir selbst eingestehen wollte, weswegen ich Charlie für eine bessere Gesellschaft hielt. Vielleicht nahm er ihn zum Fischen mit, sodass er wenigstens etwas abgelenkt wurde.

Als ich fertig war, rief ich Charlie an und bat ihn, herzukommen. Zu meinem Glück hatte er Zeit und konnte ohne Probleme den Vormittag und einen Teil des Nachmittags übernehmen, bis ich von der Werkstatt wiederkam. Ich half Billy noch beim Anziehen, zog in Betracht, ihn doch zur Rede zu stellen, entschied mich dann aber wieder um. Kurz bevor ich ihn allein ließ, wandte ich mich noch einmal um: „Dad?" Er reagierte nicht, weswegen ich einen Moment zweifelte, ob er mich überhaupt erkannt hatte.

„Ich will, dass du weißt, dass ich mir Sorgen mache. Noch habe ich nicht bereut, dich vom Krankenhaus mitgenommen zu haben, aber ich werde nicht zögern, dich wieder dorthin zu bringen, falls das so weiter geht. Und wenn ich mein Versprechen brechen muss, ich werde nicht dabei zusehen, wie es dir jeden Tag schlechter geht. Ich bitte dich, noch einmal darüber nachzudenken, ob es nicht doch besser wäre, wenn du ein paar Tage dort bleiben würdest. Nur zur Sicherheit."

Er schwieg noch immer, weswegen ich entschied, dass es keinen Sinn hatte. Schweren Herzens wandte ich mich zum Gehen um.

„Du bist mir verdammt wichtig, Dad, ich will dich nicht verlieren.", gestand ich und schloss die Tür, bevor ich in meinen roten Golf stieg und davon fuhr.