10. Wie das erste Kapitel in einem romantischen Roman… Nur weniger kitschig und gefühlvoll. – TEIL 2

Was zuvor geschah…

Wie erwartet stattete Sam mir einen Besuch ab. Er wirkte erstaunlich ruhig und gefasst und meine Hoffnung, dass ich mit einem Gespräch all seine Zweifel zerstreuen konnte, wuchs. Allerdings offenbarte er mir, dass er Jess nicht traute und ich scheiterte kläglich dabei, ihn wenigstens etwas für sie zu öffnen. Aber zu meinem Glück wendete sich das Blatt zum Guten, als Jess, Jenny und Leah plötzlich auftauchten. Leah, die auf diese eher unglückliche Weise auf immer eng mit Sam verbunden sein würde, veränderte mit ihrem Auftreten alles. Mir wurde bewusst, wie das auf Sam wirken musste. Die drei kamen gerade von einem gemeinsamen Treffen, sie hatten den Tag miteinander verbracht und das offenbar so erfolgreich, dass es Leah sämtliche Sorgen ausgetrieben hatte. Und ohne, dass ich auch nur irgendetwas dazu beitragen musste, hatte sich jedes weitere Gespräch mit Sam vorerst erledigt, da Leah ihn dazu überredete, dass er sie nach Hause begleitete. Und zum ersten Mal fiel mein Blick auf Jess' Schwester, Jennifer, noch eine Person, die mehr in mir lesen konnte, als ich in ihr.

„Wird Zeit, dass ihr euch kennenlernt.", sagte Jess und stellte uns vor, auch wenn es keinesfalls notwendig war: „Jacob, das ist meine Schwester Jenny, mein Alpha und die einzige Person, die schon seit Anbeginn mit meiner verdrehten Welt umgehen kann." Es war seltsam, wie kindlich Jess in Gegenwart ihrer Schwester wirkte, welcher ich gerade die Hand schüttelte. Wie erwartet war ihre dunkle Haut fest und unnachgiebig, doch Bissspuren suchte ich auf ihren Armen vergebens. Sie war anders, völlig anders und ich wollte sie kennen lernen, nur irgendwie auch nicht. Denn während sie mir erklärte, wie gut es wäre, dass wir uns endlich begegneten, fiel mir auf, dass Jess sich äußerst defensiv verhielt, mehr noch, geradezu untergeben. Sie schwieg, sobald Jenny – ich hielt es für besser, sie ebenso anzusprechen wie Jess es tat, sonst wäre das Ganze so unpersönlich - auch nur den Mund öffnete und sah mich nicht ein einziges Mal in der folgenden halben Stunde an. Jenny erzählte, dass sie nichts mehr ehrte als die Tatsache, dass die Ältesten sie als Mitglieder des Stammes akzeptierten, und versprach mir, dass bald alle Unsicherheiten bereinigt sein würden. Als Teil des Rudels sollte es keine Geheimnisse geben, aber ihre Worte schienen so leer im Vergleich zu Jess' Augen, dass ich nur halb zuhörte. Das hier war kein Gespräch, um sich kennenzulernen, sondern bloß eine Unterhaltung über Dinge, die ich entweder wusste oder erwartete.

„Allerdings würde ich gern einen Anspruch stellen, falls mir dieses Recht gebührt.", sagte sie mit harter Stimme und überraschte mich nicht zum ersten Mal damit, dass sie sprach, als wäre sie einem Geschichtsbuch entsprungen: „Es mag sich nicht ziemen, nun danach zu fragen, doch ich werde nach einem Rudel verlangen. Als Alpha habe ich diese Aufgabe und da wir nun zu euch gehören, wäre es nur fair, wenn man uns aufnehmen würde." Ich hob die Schultern, wusste nicht, was ich antworten sollte.

„Das kann nicht ich allein entscheiden. Aber ich bin sicher, dass es möglich ist, ich meine, wir haben eine Menge junger Wölfe, die jemanden mit Erfahrung gebrauchen könnten – nicht, dass wir das nicht hätten, aber darüber ließe sich reden."

Jenny nickte, wirkte aber alles andere als zufrieden. Ihre Augen kamen mir flach vor und noch kälter als Jess'.

„Sollte es dazu kommen, wäre ich dankbar, wenn Jess einen starken Führer bekommen könnte."

Ich verschluckte mich, als die Luft in meiner Lunge zu verklumpen schien. Bitte, was? Ich runzelte die Stirn und wollte darauf eingehen, aber Jess kam mir zuvor: „Was soll das heißen? Wir beide, Jenny, das war so besprochen!" Genau mein Gedanke, nun, ja, nicht ganz. Jenny machte sich nicht die Mühe, sich zu ihrer Schwester umzudrehen und sprach seitlich mit niederträchtigem Ton zu ihr, um klar zu machen, wer hier zu entscheiden hatte: „Ich werde darüber nicht diskutieren; du musst lernen, dich anzupassen und zu vertrauen." Sofort war Ruhe eingekehrt und Jenny widmete sich wieder mir, sogar ich wagte es nicht, Jess auch nur einen Blick zuzuwerfen.

„Klar, ich werde es ausrichten und wenn wir uns beraten haben, kann ich dazu was sagen. Vorher kann ich nichts versprechen.", sagte ich und meine Stimme war so rau, dass ich mich räuspern musste, um sie nicht ganz zu verlieren. Jenny schien jedoch zufrieden, erhob sich und schenkte mir zum ersten Mal ein Lächeln. Mit dem wohl freundlichsten Ausdruck, den ihr Gesicht zu bieten hatte, verschwand sie und nahm Jess mit sich.


Als ich zusammen mit Billy das Lagerfeuer erreichte, war bereits die Hälfte aller Rudel eingetroffen, außerdem auch Old Quil – man mochte es glauben oder nicht, aber der Kerl schien so ziemlich jeden zu überleben – und Sue, nicht zu vergessen Kevan. Ich entschied mich für einen Platz neben Seth, da ich es nicht ertragen konnte, wenn Embry mich mit düsteren Blicken strafte, weil ich Billy mitnahm. Besagter hatte allerdings darauf bestanden, mitzukommen und gab mir gerade das Gefühl, als wäre diese Idee besser, als von mir erwartet. Er lachte bereits herzhaft, während er seinen gewohnten Platz bei den anderen Ratsmitgliedern einnahm, weswegen ich mich beruhigt abwendete: „Was geht mit Ness?" Seths plötzliche Frage stellte mich vor ein Hindernis, das nicht danach aussah, als könnte ich es überwinden. Er hatte von der Feier gewusst, war womöglich selbst da gewesen und das war es, was mich verunsicherte.

„Alles gut, bald ist ja die Feier auf der Insel, nicht? Aber ich werde nicht hingehen."

Es war ein Wunder, dass er nicht misstrauisch wurde. Man könnte meinen, das Glück wäre tatsächlich auf meiner Seite.

„Kann ich verstehen, Mann, das ist ja nett gemeint, aber um ehrlich zu sein: das können sie nicht von dir verlangen. Du warst schließlich auf der Party – wer hatte eigentlich diese vermaledeite Idee? Als hättest du die Tage über nichts zu tun.", bestärkte er mich und ich konnte nicht fassen wie erwachsen er war, der kleine Seth. Nun, wir würden sehen, ob dieser Eindruck auch der Wahrheit entsprach: „Hab gehört, du hast eine Freundin." Seth fuhr herum und bedachte mich mit einem strafenden Blick.

„Halt bloß den Mund, Jake! Es reicht schon, dass ich den ganzen Tag Leahs Sticheleien über mich ergehen lassen darf. Wag es nicht, das rum zu erzählen!"

Seine Wut war allzu offensichtlich, weswegen ich die Stimme senke und fragte, um wen es sich bei seiner Angebeteten handelte. Ihr Name war Keira, sie und ihr Bruder Kevan waren kaum ein Jahr auseinander. Seth gab zu, sie getroffen zu haben, war jedoch nicht überzeugt und gestand, dass sie viel anhänglicher war, als ihm lieb wäre. Er bat mich, die Sache abzuhaken und damit erklärte er das für erledigt.

Noch vor Sonnenuntergang erschienen alle – Emily, Claire und sogar Rachel -, inklusive Jess und Jenny, die sich beide zu meiner Rechten setzten, weil das die letzten übrigen Plätze waren. Mir fiel auf, dass Jess erschöpft wirkte, obwohl das Feuer ihrem Gesicht eine gesunde Farbe verpasste, aber sie gab sich alle Mühe, es zu verbergen. Bevor ich eine Bemerkung machen konnte, begann Old Quil seine Rede und zog damit ihre Aufmerksamkeit auf sich. Aber ich hatte diese Geschichte, die bald folgte, einfach schon zu oft gehört, weswegen es mir schwer fiel, mich darauf zu konzentrieren. Stattdessen beobachtete ich, wie Paul und Rachel ihre Hände ineinander verschränkten und sich liebevoll anlächelten, bevor meine Augen Jess fanden. Ich dachte an das Gespräch mit ihrer Schwester zurück und daran, wie sie unter Jenny gewirkt hatte. Es war so anders, dass ich beinahe begonnen hatte mich zu fragen, ob das ihr wahres Gesicht war. Auch, wenn sämtliche Geheimnisse nun aufgelöst werden sollten und dank der Gedankenübertragung sowieso gelüftet würden, glaubte ich, dass sie nicht vorhatte, alles preiszugeben. Die Vorstellung, sie könnte Teil meines Rudels werden, gefiel mir, aber ich zweifelte daran, dass ich in der Lage war, sie zu kontrollieren. Natürlich, sie würde mir untergeordnet sein, aber was bedeutete ihr das schon? Ich war nicht annähernd so autoritär wie Jenny.


Es war schon spät, als ich realisierte, dass die Geschichte gerade ihr Ende fand und ich dabei war, Jess' Blickrichtung herauszufinden. Ich folgte ihren Augen, traf Old Quil, der Reihe nach Billy, Sue, Emily und Sam, aber ihr Kopf war wesentlich weiter geneigt. Es folgten Paul und Rachel, Claire und Quil und…und Embry. Ich zwinkerte, sah mich nach ihr um, wieder zurück, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie ihn anblickte. Und er tat es ihr gleich…bis Quil ihn von der Seite ansprach. Mein Blick sprang zu Jess, doch diese starrte ins Feuer und ich fragte mich, ob ich mir dieses flaue Gefühl im Magen nur eingebildet hatte.

Paul und Rachel verabschiedeten sich, ebenso wie Quil und Claire. Beide behaupteten, am nächsten Tag arbeiten zu müssen, aber wer das glaubte, wurde ja bekanntlich selig. Als die vier den Platz verließen, sah ich mich nach Jess um, die offensichtlich auch gerade gehen wollte. Aber als sie sich von ihrem Platz erhob, wirkte sie merkwürdig schwach. Ihr Körper wankte und ihre Lider hingen tief, weswegen ich sofort aufsprang, um sie am Oberarm zu stützen: „Hey, was ist los? Willst du gehen? Du siehst müde aus." Sie lächelte schwach, nickte aber zu meinem Erstaunen. Meine Augen fanden Billy, der gerade in ein augenscheinlich äußerst unterhaltsames Gespräch mit Quils Großvater vertieft war, und ich ging sofort zu ihm, um mich daneben auf den Boden zu knien: „Dad, wie lange hast du vor, hier zu bleiben? Ich weiß, es ist noch nicht so spät, aber –" Er lachte lautstark und mir wurde klar, dass er nicht zuhörte.

„Dad? Hör mal, dir geht es zur Zeit nicht so besonders und –"

Ein lautes Klatsch unterbrach mich, als seine Hand seinen Oberschenkel traf und ich glaubte, von seinem ohrenbetäubenden Lachen taub werden zu müssen. Wut stieg in mir auf: „Dad!" Mein Brüllen schien zu wirken, er stoppte abrupt und sah mich an, als hätte ich vor seinen Augen in seine Suppe gespuckt.

„Wie lange willst du noch bleiben?"

„Als ob ich jetzt schon gehen würde, darauf kannst du einen lassen!"

Wieder ein lauter Lacher, in den Old Quil sogar mit einstimmte. Schmerzlich wurde mir bewusst, dass er gerade tatsächlich einen Witz gerissen hatte. Ich holte tief Luft, was aber nichts daran änderte, dass ich die Nase voll hatte von seinen Mätzchen. Ich stand auf: „Dann sieh zu, wie du nach Hause kommst! Es ist mir – …Sue, könntest du?" Sue, die das Ganze beobachtet hatte, nickte mir beruhigend zu und ich dankte es ihr mit einem Kuss auf die Wange. Sie sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, und so widmete ich mich wieder ganz Jess, die auf der anderen Seite noch immer so dastand, wie ich sie zurückgelassen hatte.

„Soll ich dir helfen?", fragte ich, war aber zu genervt, um auf eine Antwort zu warten, weswegen ich einfach handelte. Sofort war ich an ihrer Seite, hielt ihr meine Hand hin und sie ergriff sie. Als Jess über den Baumstamm hinweg stieg, auf welchem wir die ganze Zeit über gesessen hatten, achtete ich peinlich genau darauf, wohin sie ihre Füße setzte. Wir verabschiedeten uns, auch von Jenny, die offenbar länger bleiben wollte. Ich zog sie etwas höher und legte ihr einen Arm um die Schultern, während wir Richtung Straße liefen. Von dort aus waren es keine fünfhundert Meter bis zu mir. Mit jeder Minute schien es etwas dunkler zu werden und bald erreichten wir die letzte Straßenlaterne, um welche sich hunderte von Motten tummeln mussten. Beim Verlassen des Asphalts passte ich nicht gut genug auf, Jess stolperte über den niedrigen Bordstein und sollte mit einem Schlag wieder hellwach deswegen sein, aber ich irrte mich. Sie klappte zusammen und fiel, doch meine Hände waren schnell genug, sie rechtzeitig wieder nach oben zu reißen. Ich entschied, dass es besser war, sie auf meinen Armen zu tragen, bevor das noch einmal passieren konnte. Dabei bemerkte ich jedoch, dass ihre Augen geschlossen waren. Schlief sie etwa? War sie hier gerade wirklich mitten im Laufen eingeschlafen? Ich konnte nicht fassen, dass es tatsächlich so weit gekommen war, schließlich hatte ich sie stets wachsam erlebt – es war schlicht und einfach verrückt. Mit einem Kopfschütteln setzte ich mich in Bewegung und brachte sie letztendlich zu mir, wo ich sie vorsichtig auf mein Bett sinken ließ. Da lag sie nun, friedlich schlafend und ganz ohne kalten Ausdruck im Gesicht. Sie atmete tief, was bestätigte, dass sie wohl schon fest schlief, und ihr Herzschlag klang dumpf. Ich bemühte mich um Vorsicht, als ich die Decke unter ihr wegzog und sie schließlich damit zudeckte. Über sie gebeugt sah ich im schwachen Licht des Mondes, wie schön und jung sie war. Und dennoch ein Monster?, fragte ich mich. Bei diesem Anblick schien mir jeglicher Gedanke daran völlig unmöglich. Langsam hob ich die Hand und strich ihr eine rabenschwarze Strähne von der Stirn, meine Augen immerzu auf die Stellen ihrer Lider gerichtet, unter welchen sich die ihren verbargen.

Als ich irgendwann aufsah, bemerkte ich, dass es zu regnen begonnen hatte.