11. Ich hasste diese Art von Situationen, bei denen unklar war, ob der Verstand gegen den eigenen Widerstand ankommen konnte… - TEIL 2
Was zuvor geschah…
Ich erinnerte mich an gestern Nacht, dass ich Jess mit nach Hause genommen und in mein Bett gelegt hatte. Und genau hier lag auch ich, wir beide eng beieinander. Da ich nicht wusste, wie sie darauf reagieren würde, stellte ich mich schlafend und wartete, bis sie selbst erwachte und aufstand. Allerdings sorgte das nur dafür, dass sie als erstes auf Charlie, Sue und Billy traf, die in der Küche bereits auf uns warteten, um mit uns zu frühstücken. Ich würde nicht behaupten wollen, dass ich gern Charlie und Sue an meinem Frühstückstisch sitzen hatte, aber Jess war kaum einen Tag als meine Schwester in den Stamm aufgenommen worden und ich kannte sie keine vier Wochen, dennoch schien es nicht natürlicher sein zu können, dass sie Teil dieser Familie war. Meiner Familie. Der Grund, weshalb ich entschied, ihr das Reservat zu zeigen – um endlich ihre Wolfsgestalt sehen zu können.
Missmutig beäugte ich den riesigen Baum ein paar Meter vor mir. Sein Stamm war viel zu breit im Vergleich zu seinen umstehenden Verwandten, doch Jess schien er genau aus diesem Grund so sehr gefallen zu haben. Ich hatte mich bereits verwandelt, den Boden aber als viel zu kalt empfunden, um mich auf ihm auszubreiten. Jess hielt es wesentlich strenger mit ihrer Kleidung – ich trug immer Ersatz bei mir, schlicht und einfach aus purer Faulheit - und ich vermutete, dass es daran lag, dass sie nicht sonderlich viel davon besaß. Ich nahm es ihr jedoch nicht ab, dass sie die Sachen, die sie trug, wirklich gekauft hatte, aber vielleicht wollte sie mich das glauben machen. Tatsächlich wäre es mir herzlich egal.
Als sie hinter dem Baum hervorsprang, verwandelte sie sich im Flug. Und während ich alle meine Vorstellungen, in was genau sie sich wohl verwandeln würde und wie sehr es von mir abwich, noch einmal in Gedanken durchging, stand sie auch schon vor mir. Und obwohl ich dachte, alles in Betracht gezogen zu haben, wurde ich vollkommen überrascht. Meine Augen mussten den Durchmesser eines Tellers angenommen haben, als ich bemerkte, dass sie nicht kleiner, sondern fast schon größer war als ich. Schnell sprang ich auf und stellte erleichtert fest, dass es sich wohl um eine optische Täuschung gehandelt haben musste, da wir augenscheinlich gleich groß waren. Und ich wusste auch, was diese Täuschung ausgelöst hatte. Denn was da vor mir stand war zwar ein waschechter Werwolf, aber auch ein Monster. Schneeweiß und riesig. Ihre gelben Augen stachen regelrecht in die meinen und erschwerten es mir, mich auch nur auf irgendetwas anderes zu konzentrieren. Es wurde bei diesem Anblick sofort offensichtlich, wie anders sie war, und ich konnte nicht sagen, ob das in Bezug auf Sam von Vorteil sein würde. Aber wohl eher nicht. Denn so lange ich auch hin sah und versuchte, mich damit abzufinden, ich gewöhnte mich einfach nicht an das Bild vor meinen Augen. Ich wusste, dass es sich bei diesem weißen Etwas um Jess handelte und sie nicht die geringste Gefahr für mich bedeutete, konnte aber das Läuten sämtlicher Alarmglocken in meinem Kopf nicht verhindern.
Ist ja nicht so, als hättest du noch niemals einen Wolf gesehen., sprach sie nüchtern in meine Gedanken und zeigte mir ihre Zähne. Auch, wenn das lediglich ein leises Fauchen darstellen sollte, war dieses Geräusch, was aus ihrer Kehle kam, einfach nur…gruselig. Und im Vergleich zu mir hatte ihr Gebiss etwas von einem Säbelzahntiger – was das Ganze nicht gerade besser machte. Ich wusste einfach nicht, wie ich reagieren sollte.
Zuerst sollten wir hier verschwinden, bevor Charlie aus dem Haus kommt und einen Anfall erleidet. Wenn das nicht vielleicht schon passiert ist.
Während mir Jess – nach erfolglosem Warten auf eine Reaktion meinerseits – den Rücken zudrehte und lostrabte, schüttelte ich mich, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Schnell lauschte ich in mich hinein, ob jemand aus meinem Rudel gerade in der Nähe war, aber das schien nicht der Fall zu sein. Danach folgte ich Jess, bis ich zu ihr aufschließen konnte.
Du kanntest Charlie?, fragte ich, nachdem ich mitbekommen hatte, dass sie ihn erwähnte. Ich glaubte gesehen zu haben, wie sie die Augen verdrehte.
Sicher, habe ihn schon ein paar Mal hier getroffen… – Nein, natürlich nicht! Aber die allgemeine gedankliche Offenheit hat mir dabei geholfen, ihn näher kennen zu lernen.
Bevor mir auffiel, dass sie gerade zum Scherzen aufgelegt zu sein schien, erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit.
Du hast unsere Gedanken gelesen?, platzte ich unverblümt heraus und sie blieb ruckartig stehen.
Habe das Verboten-Schild übersehen, tut mir leid. Ist das jetzt was Neues? Ich wusste mir nicht wirklich zu helfen, schließlich saß ich mit zwei komplett fremden Leuten am Tisch, die anscheinend mehr über mich wussten, als ihnen gut tut.
Dass sie tatsächlich eine Spur von Humor in diesen Sätzen mitschwingen ließ, zeugte von ihrer überraschend guten Laune. Und es war nicht so, als hätte ich davon bisher so viel abbekommen. Sie wirkte von Grund auf verändert, geradezu geöffnet.
Glaub mir, Jess, sie wussten auch nichts von dir. Gut, Sue war schon klar, dass du ein Wolf bist und so, aber mehr auch nicht. Sie wollten einfach nur nett sein und haben mitgespielt.
Jess war anzusehen, dass sie das nicht ganz glauben wollte. Ich setzte mich wieder in Bewegung und beobachtete, wie sie mir gehorsam folgte.
…das hast du ja schließlich auch getan.
Sie kam an meine Seite: Nur mit dem einen Unterschied, dass ich es nicht aus Nettigkeit gemacht habe, sondern weil mir nichts anderes übrig geblieben ist. Wäre ich nun nicht verwandelt, hätte ich sie schief angelächelt, was mir so eher kläglich gelang.
Spielt das eine Rolle?, erwiderte ich und entschied, das Thema fallen zu lassen, als wir die südlichste Grenze des Reservats erreichten. Wir waren bereits weiter gekommen, als ich erwartet hatte, weswegen es Zeit wurde, die Richtung zu wechseln. Da der Strand im Westen unser Gebiet markierte und danach nichts als Wasser kam, war es wesentlich bedeutsamer, sich den östlichen Flügel vorzunehmen.
Sind die Grenzen noch aktiv?
Langsam gewöhnte ich mich daran, nicht mehr der größte Wolf zu sein. Aber dieses merkwürdige Gefühl wurde dadurch nicht wirklich weniger.
Sind sie, zumindest rechtlich gesehen. Also, ich rede jetzt vom Bundesstaat. Das ist eben unser Reservat und eigentlich zieht es jeder von uns vor, hier zu leben und zu arbeiten. Der Vertrag mit den Cullens existiert zwar und wurde nie aufgelöst, aber im Grunde ist er so gut wie eingestellt. Wir haben die Förmlichkeiten eben einfach mal sausen lassen und uns verbal abgestimmt. Sie können kommen, so oft sie wollen und wir ebenso.
Ich wunderte mich, dass sie sich dafür interessierte, schließlich war das alles schon ziemlich lange her. Es spielte inzwischen keine Rolle mehr, für niemanden von uns.
Es ist eben praktischer., fügte ich hinzu, da Jess schwieg. Zu gern hätte ich nun gewusst, was sie davon hielt, doch obwohl ich in ihren Kopf sehen konnte, hörte ich nichts. Sie schien nicht wirklich darüber nachzudenken. Aber wer wusste schon, ob sie nicht sogar in der Lage war, sich mit irgendeiner Blutsauger-Gabe abzuschirmen?
Verstehe., erwiderte sie nur und ihre Zurückhaltung erinnerte mich an mein erstes Gespräch mit ihrer Schwester. Denn dieses Verhalten sah ihr nicht ähnlich und wenn ich ehrlich war, dann passte es gar nicht zu ihr. Es wirkte gestellt, beinahe als würde sie gegen ihren eigenen, aber um der Allgemeinheit Willen zustimmen, obwohl sie selbst ganz anderer Meinung war. Ich wollte ihr keine Heuchlerei vorwerfen, doch interessierte mich wirklich was dahinter steckte. Unverzüglich fragte ich mich, ob diese Untergebenheit daher rührte, dass sie ihrem Alpha nicht widersprechen konnte. Ob dieses Band so stark sein konnte. Oder galt das nur für ihre Schwester?
Du könntest fragen, wenn es dich so beschäftigt.
Unweigerlich war sie darauf aufmerksam geworden und ich könnte nicht behaupten, dass ich nicht vielleicht sogar ein klein wenig gewollt hatte, dass sie sich angesprochen fühlte und darauf reagierte.
Würde ich denn eine Antwort bekommen? Du könntest behaupten, dass nichts davon stimmt. Oder dass du nicht darüber sprechen willst.
Sie schnaubte in einem Tonfall, der ziemlich tief für sie klang: Stimmt, ich will nicht darüber sprechen. Aber einen Versuch wäre es wert gewesen.
Wäre es?, echote ich und witterte eine Chance, die ich tatsächlich bekam.
Ich hätte gesagt, dass es dich eigentlich nichts angeht. Und auch, dass es mit etwas zu tun hat, von dem du weißt. Etwas, über das ich nicht gerne spreche.
Ihre Vergangenheit? Jenny meinte, Jess solle unter einem – wie sie es nannte – starken Führer Vertrauen aufbauen. Zwar hatte ich versprochen, mich darüber auszutauschen, aber das schien sich nun ja anscheinend sowieso erledigt zu haben. Denn Jess war jetzt in meinem Rudel und das womöglich deshalb, weil sie sich bewusst von Jenny abgesondert und mir angeschlossen hatte. Schließlich war es bei mir und Sam genauso gewesen. Aber trotz allem verstand ich nicht, weshalb sich die Schwestern trennten, da es nicht wirklich Sinn ergab.
Das habe nicht ich entschieden und es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen. Es war anscheinend die beste Lösung, also muss ich mich damit zurechtfinden.
Ich konnte nicht glauben, dass Jess als erwachsene Frau keine eigenen Entscheidungen treffen sollte. Oder dass Jenny es war, die es genau so wollte.
Weißt du, Jake, nicht jeder ist in der Lage, immer die richtige Wahl zu treffen.
Das konnte ich nicht nachvollziehen: Wer entscheidet, was richtig oder falsch ist? Ich meine, aus Fehlern kann man nur lernen, oder nicht?
Vielleicht hat man schon gelernt und für sich selbst die logischste Konsequenz daraus gezogen., feuerte sie schnell zurück und klang dabei so bissig, dass ich kaum mehr darauf antworten wollte. Es war offensichtlich der falsche Zeitpunkt und definitiv auch der falsche Ort, um darüber zu diskutieren. Und es war nicht gerade förderlich, dass sie all meine Gedanken permanent mitlesen konnte. Nun, sie wäre auch sonst in der Lage, sie zu lesen, aber ich war der Meinung, dass sie es trotz dessen nicht tun würde.
Als ich einen mir sehr vertrauten Geruch wahrnahm, der auf keinen Fall hier her gehörte, verringerte ich meine Geschwindigkeit und stoppte schließlich ganz. Wir befanden uns noch immer im Reservat und wahrscheinlich bekam ich genau deshalb ein ganz flaues Gefühl im Magen, als meine feine Nase eine Blutspur witterte. Blut und Tod lagen in der Luft und das, obwohl Nessie in der Nähe war. Ich wurde unruhig, bekam abwechselnd Angst und wurde wütend, während sich mein Kopf vollkommen abzuschalten schien. Warum sollte sie jetzt hier sein? Sie hätte es sicher erwähnt. War sie auf der Suche nach mir? Nein, da war definitiv Blut. Und wenn doch? Es war meine Schuld, ich hatte sie zurückgelassen. Da waren die Feier und meine Aggression und da waren einige wenige Tage, an denen ich ihr komplett aus dem Weg gegangen war. Etwas, das mir eigentlich nicht möglich sein sollte. Wie auch? Ich war auf Nessie geprägt, ich konnte mich gar nicht von ihr fern halten und schon gar nicht lange und doch…hatte ich genau das getan.
Ein erneuter Schwall Blut schien die Luft zu durchtränken. Ich musste handeln, ich musste wissen, was hier vor sich ging. Ein Ruck durchfuhr meinen Körper und ich setzte mich in Bewegung, unwiderruflich, wie ich bemerkte, als Jess' Stimme in meinem Kopf aufflammte.
Sie jagen. Ich kann da nicht hin. Hörst du? Jacob!
Ich schmeckte das Blut beinahe auf meiner eigenen Zunge und musste würgen, als ich nach einer gefühlten Ewigkeit auf eine hoch bewachsene Lichtung stieß und an deren Rand Halt machte. …und sofort wünschte ich mir, es nicht getan zu haben.
„Jake?", Nessie klang mehr als nur überrascht. Ihr Vater hingegen blieb merkwürdig ruhig. Und genau das war das Problem. Ich wollte Jess sagen, dass sie besser blieb, wo sie war, doch ich konnte sie nicht mehr in meinen Gedanken fühlen. Im nächsten Moment besann ich mich, denn wer immer gerade lauschte, durfte nichts dergleichen wissen.
„Was wird das hier?", stieß ich hervor, mehr in Nessies Richtung, als in Edwards. Meine Augen fanden ihre kleinen, blutigen Hände und das tote Tier zu ihren Füßen und mir wurde übel. Ich hatte Nessie noch niemals im Leben Blut trinken sehen. Sie war gut darin, es vor mir zu verbergen, aber offenbar nicht heute. Und dann auch noch hier, in unserem Reservat.
„Es tut mir leid."
Sie sagte nur das, nicht mehr. Und bewog mich mit ihrem verlorenen Blick einmal mehr dazu, über etwas hinwegzusehen, das ich eigentlich nicht akzeptieren sollte. Ich hatte mich nie damit abgefunden, dass sie ein Vampir war. Dass sie tötete. Sie wirkte so menschlich, dass sie es mich nur zu oft vergessen machte. Tat sie das hier etwa wegen mir? War sie so verletzt durch meine Abweisung? Es war ihr immer schwer gefallen, meine Launen zu ertragen, weil sie sich wegen allem Sorgen und vor allem Vorwürfe machte. Ich hätte es wissen müssen und erkannte es dennoch zu spät. War ich nicht lange genug an ihrer Seite gewesen? Oh, doch, das war ich. In einem Satz verwandelte ich mich und war bereits angezogen, als ich den Boden erneut berührte. Währenddessen war mir aufgefallen, dass Edward nichts mitbekommen hatte. Aber dass Jess mich selbst dann noch schützte, wenn ich ihr den Rücken zukehrte, schien mir in diesem Moment vollkommen nebensächlich im Vergleich dazu, Nessie endlich wieder nahe sein zu können.
„Nein.", erwiderte ich, ging auf sie zu und schloss sie fest in meine Arme: „Nein, mir tut es leid."
