12. Wenn die Standhaftigkeit an der Angst kaputtging, sollte man langsam anfangen sich Gedanken zu machen. – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Ich hatte mich dazu entschieden, Jess das Reservat zu zeigen – auch, um endlich ihre Wolfsgestalt sehen zu können. Aber was ich dann zu sehen bekam, war Werwolf und Monster gleichermaßen: schneeweiß und riesig. Während unseres Spazierganges sprachen wir auch über die Grenzen des Reservates, an welchen wir ehemals streng patrouillierten, um unser Gebiet vor jedwedem Feind zu schützen. Ich wunderte mich, dass sie sich dafür interessierte, doch Jess wollte nicht preisgeben wie sie darüber dachte. War das ihre Art der Untergebenheit? Tatsächlich sagte sie, dass es keine Rolle spiele, was sie davon hielt. Dass nicht jeder in der Lage sei, immer die richtige Wahl zu treffen. Aber es war offensichtlich der falsche Zeitpunkt, um darüber zu diskutieren. Als ich dann einen mir sehr vertrauten Geruch wahrnahm, vergaß ich alles um mich herum. Ich witterte Nessie – aber auch Blut. Schließlich fand ich sie; ihre kleinen, blutigen Hände und ein totes Tier zu ihren Füßen. War sie so verletzt durch meine Abweisung, dass es sie hierzu trieb? Ich hätte es wissen müssen. Das hier war meine Schuld.
Nessie hatte die ganze Zeit über kein Wort mit mir gesprochen, sondern lediglich meine Hand genommen und sie nicht wieder losgelassen. Sie wirkte bedrückt, doch wusste ich nicht recht warum. Im Augenwinkel hatte ich dabei immer wieder den ein oder anderen Blick auf Edward geworfen, der nicht weniger schweigsam war. Allgemein kam ich mir in dieser Situation ziemlich verloren vor, weswegen ich mehr als nur erleichtert war, als zwischen den Bäumen endlich das versteckte Haus der Cullens auftauchte. Noch niemals hatte ich mich so sehr gefreut, es zu sehen. Allerdings lenkte Nessie mich bewusst in eine ganz andere Richtung, wie auch ihr Vater schnell zu bemerken schien: „Ich werde Alice sagen, dass wir die Anprobe auf morgen verschieben. Bella und ich wollen noch etwas wegen der Abreise regeln. Ihr seid also ungestört, heute." Er sagte das in derart neutralem Ton, dass es schon fast wieder bedrohlich auf mich wirkte. Als er mich daraufhin ansah, war jegliche Schärfe einem müden Lächeln gewichen. Unsere Wege trennten sich und Nessie nahm mich mit in das kleine Haus ihrer Eltern. Drinnen war es warm, roch jedoch eindeutig zu sehr nach Vampir. In ihrem Zimmer angekommen, zog sie die Tür mit einer Heftigkeit zu, die ich ihr in dieser Verfassung nicht zugetraut hätte. Als sie mir in die Arme fiel, schmiegte ich mich automatisch um ihren zierlichen Körper.
„Du solltest das nicht sehen.", weinte sie und drückte sich noch fester an mich, wobei ich einen Schritt nach hinten machen musste, um das Gleichgewicht zu halten: „Ich wollte nicht, dass du es siehst." Ich legte meinen Kopf auf ihren und rieb tröstend ihren Rücken. Es fiel mir schwer, ihre Aufgelöstheit nachzuvollziehen.
„Sch…", murmelte ich und drückte meine Nase in ihr Haar. Sie erzitterte und schluchzte so laut, dass ich nicht wusste, wie ich ihr helfen sollte.
„Bist du denn gar nicht wütend auf mich? Du warst es doch. Ich weiß, dass du es warst."
Wovon in aller Welt sprach sie da?
„Ich bin nicht wütend, Ness. Wieso sollte ich es sein?", flüsterte ich, verdrehte aber insgeheim die Augen und wünschte mir, dass jetzt nicht das kam, wovon ich glaubte, dass es kommen würde. Aber mein Wunsch blieb unerfüllt: „Du bist gegangen. Ich habe in deinen Augen gesehen, dass etwas nicht stimmt. Lag es an mir? Habe ich es übertrieben, mit Garrett? Ich hätte mich zurücknehmen müssen. Ich hätte Rücksicht auf dich nehmen müssen, ich –" Ihre Worte gingen in weiteren Tränen unter und ihr Körper erschauderte an meinem. Ich seufzte tief.
„Es ist alles okay, es lag nicht an ihm und schon gar nicht an dir. Wirklich nicht. Ich hatte einen schlechten Tag…"
Sie sah auf, ließ mich in diese verweinten und doch wunderschönen Augen ihrer Mutter blicken.
„Bist du sicher?"
Ich nickte, lächelte und strich ihr die Haare aus der Stirn, bevor ich einen Kuss darauf setzte: „Ganz sicher." Sie wandte sich nicht ab, was mich vermuten ließ, dass sie mir nicht glaubte.
„Es ging dir nicht gut. Ich habe es doch gesehen, ich meine, du hattest dich kaum mehr unter Kontrolle, das…"
Ich nahm ihr Gesicht bestimmt in meine Hände und erwiderte ihren eindringlichen Blick mit aller Nachdrücklichkeit, die ich aufbringen konnte.
„Ja, es ging mir nicht gut. Ich bin ein Mensch, schon vergessen? Vielleicht war es mir einfach zu viel. Das kommt eben mal vor, wenn man im Grunde das Wesen eines riesigen Wolfes mit sich rum trägt.", beruhigte ich sie und lächelte meine eigenen Zweifel einfach weg, weil sie mir sonst niemals Glauben schenken würde. Allerdings wusste ich selbst noch immer nicht, was genau damals eigentlich vorgefallen war, dass ich so aus der Haut fuhr. Als Nessie ebenfalls ein schwaches Lächeln zeigte, war ich beruhigt. Zu voreilig, wie ich daraufhin erkennen musste. Sie wand sich aus meinem Griff und ging zum Fenster.
„Du hast gar nichts gesagt, vorhin."
Mir fiel auf, wie erwachsen sie wirkte. Im ganzen Gegensatz zu dem kleinen Mädchen, das sich gerade eben in meinen Armen vergraben und hemmungslos geweint hatte. Zwar waren ihre Tränen nicht getrocknet, wohl aber erst einmal versiegt. Als ich nicht antwortete, drehte sie sich zu mir herum.
„Wann?"
„Im Wald.", sagte sie: „Als du uns erwischt hast." Ihr Ausdruck brachte mich zum Schmunzeln. Erwischt? Ich schüttelte den Kopf: „Ich glaube nicht, dass es wert ist, darüber zu diskutieren. Ich weiß, was du bist und es ist nun mal ganz natürlich, dass du…" Sie schnaubte, drehte sich um und schwieg für einen viel zu langen Augenblick.
„Erst lässt du mich zurück, weil ich dich enttäuscht habe und als du gerade zurückkommst, tue ich es schon wieder."
„Enttäuscht? Hey, Ness, ich glaube, dass du das überbewertest, schließlich –"
„Glaubst du, ich bekomme das nicht mit?", schrie sie und brachte mich damit vollkommen aus dem Konzept: „Du hast es gesehen, das ganze Blut, das Tier, das… Du hast mich gesehen, wie ich wirklich bin. Ein…ein Monster, genau wie alle anderen auch." Ich wollte etwas erwidern, doch ich kam gar nicht dazu.
„Ich wollte, dass du meine menschliche Seite siehst. Ich wollte, dass es ganz normal ist, zwischen uns, dass du das Gefühl hast, dass wir eine Beziehung führen können wie es zwei Menschen eben tun. Und ich habe mich versteckt, aber…aber ich passe nicht auf. Und dann sehe ich, wie du mich ansiehst und…und es scheint, als würde diese Welt in tausend Teile zerspringen. Es scheint, als könnte ich nicht das für dich sein, das ich gerne wäre. Nicht das, was du erwartest und was du verdienst und das – es macht mich kaputt."
Ihr Geständnis traf mich tief, weil ich nun endlich erkannte, was ihr Problem damit war. Denn sie schämte sich. Sie schämte sich so offensichtlich für das, was sie war, dass mein schlechtes Gewissen mich zu erschlagen drohte. Ich hatte es heraufbeschworen mit meiner Reaktion, aber dieser Moment führte mir das eigentlich Offensichtliche mit einem Schlag vor Augen. Dass ich verdrängte, was sie war und brauchte. Dass ich mich nicht damit abfinden wollte und konnte, dass sie erst ihre Zähne in ein Tier schlug, um es blutleer zu trinken, und mich danach auf den Mund küsste. Aber sie machte es mir nicht leichter, indem sie es vor mir versteckte, bis ich es eben auf diese Art und Weise erfahren musste. Wir waren beide Teil des Problems, doch sie schien nur ihre Schuld zu sehen.
„Sprich endlich mit mir! Was stehst du da und schweigst es tot?" Tot war ein gutes Stichwort.
Ich ging auf sie zu, nahm ihre Hand trotz vehementer Gegenwehr und legte sie auf meine Brust. Es schien sie zu irritieren, doch das spielte keine Rolle. Dass ich nicht damit klarkam, war Gift für uns und unsere Beziehung. Ich musste über meinen Schatten springen, musste das aus der Welt schaffen, um endlich dieses Gespräch zu beenden. Ich ertrug es nicht, dass sie Dinge von mir verlangte, die ich ihr nicht geben konnte. Dinge, die aber dringend notwendig waren.
„Hör zu, Ness…Renesmee. Glaubst du, dass ich dich jetzt hasse? Glaubst du, ich wüsste nicht, dass das nun mal für dich dazugehört? Wir haben bisher nie darüber gesprochen, weil für dich klar war, dass ich es nicht akzeptieren würde. Aber das stimmt nicht."
Nun, das war die halbe Wahrheit. Aber sie würde reichen, zumindest für den Moment. Ich konnte nichts auf ehrliche Weise klären, solange ich für mich selbst keine Antwort gefunden hatte. Ich zwang meine Lippen zu einem seichten Lächeln: „Ich passe schon die ganze Zeit auf dich auf, seit deiner Geburt. Und davor habe ich auf Bella aufgepasst. Und ich kenne das, ich weiß, was es heißt, ein Vampir zu sein. Aber du bist nur ein Halbvampir und vielleicht habe ich es dabei ein wenig aus den Augen verloren. Weil…weil du einfach sehr menschlich bist, weißt du? Das lässt mich manchmal vergessen, dass du dich nicht so sehr von ihnen unterscheidest. Außerdem hältst du es regelrecht vor mir geheim, vielleicht schämst du dich auch, das weiß ich nicht, aber…" Ich spürte, wie ihr Blick nach unten sank und fasste ihr Kinn.
„Aber das solltest du auf keinen Fall, verstehst du? Ich will nicht, dass du glaubst, ich würde nur den Menschen an dir lieben. Und deshalb…ich will es dir beweisen."
Sie schien nicht zu verstehen: „Beweisen? Was willst du mir beweisen?" Ich konnte nicht fassen, was ich im Begriff war zu tun. Das war absurd. Nein, es war verdammt noch mal vollkommen gestört. Ich war gestört, auch nur auf den Gedanken gekommen zu sein.
„Ich liebe dich. Und wenn es darum geht, dir das zu beweisen, schrecke ich vor nichts zurück. Auch nicht vor dem Vampir in dir.", erklärte ich und wusste nicht ganz, wie ich es ihr verständlich machen sollte: „Und deshalb…ich weiß, dass du das eigentlich nicht machst. Weil du niemanden verletzen willst und na ja, alle hier sind so, aber… Ich bin auch ein Mensch, also…"
„Nein!", stieß sie aus und fasste nun meine Hand: „Nein. Sag das nicht, ich will das nicht hören. Wie kannst du nur glauben, dass ich das zulassen würde?" Ich klappte den Mund auf, fand aber keine Antwort darauf.
„Jake, das ist vollkommen…verrückt. Ich kann nicht fassen, dass du das gerade vorschlagen wolltest! Ich würde nie – wie kommst du darauf, dass ich dein Blut trinken würde? Mal abgesehen davon, dass es nicht schmecken würde, aber…"
Sie hatte mich gerade tatsächlich beleidigt, doch das zeigte nur, dass sie sich überwunden hatte. Dass es wieder in Ordnung kam, zwischen uns, zumindest fürs erste.
„Hey!", platzte ich gespielt empört heraus und versuchte, es ihr gleichzutun. Ich musste diese Geschichte aus ihren Gedanken verbannen, dass alles wieder so werden konnte, wie es nun einmal gehörte. Aber da war noch etwas, das ich wissen musste.
„Kann ich…warum wart ihr im Reservat? Ihr seid noch nie so weit über die Grenze gekommen…dabei."
Entgegen meiner Erwartungen sprach Nessie, ohne mein Interesse zu hinterfragen: „Wir waren eben jagen. Es hätte nicht passieren dürfen, aber das lässt sich nicht so leicht kontrollieren, wenn man gerade darauf fokussiert ist, weißt du?" Ich nickte und beschloss, es dabei zu belassen, bevor ich mein Grinsen von gerade eben wiedergefunden hatte. Langsam beugte ich mich zu ihr, um sie zu küssen. Ich dachte an Blut, doch es durfte nicht länger eine Rolle spielen. Und genau das musste ich beweisen. Sie seufzte, als ich weitere Küsse auf ihrer Schläfe und ihrem Kiefer platzierte, und zog mich näher zu sich: „Es ist zu lange her, dass du mich so gehalten hast…" Meine Stimme war rau, als ich ihr antwortete.
„Seh' ich genauso."
Das war die Stelle, an der ich meinen Kopf abschaltete. Anders würde es nicht funktionieren. Ich musste mich fallen lassen, dass es wieder so wurde wie früher. Ich wollte keine Barriere zwischen uns, obwohl mir der Abstand zu ihr gut getan hatte. Er hatte mir viel zu gut getan und das war es, was mir Angst machte.
Während sie einen innigen Kuss entfachte, schob ich sie in Richtung ihres Bettes und gab mich schließlich widerstandslos dem Drang der Prägung hin.
