12. Wenn die Standhaftigkeit an der Angst kaputtging, sollte man langsam anfangen sich Gedanken zu machen. – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Ich begleitete Nessie und Edward zu deren Zuhause. Nessie war aufgelöst und glaubte, ich würde wütend auf sie sein. Doch stattdessen ärgerte ich mich nur über mich selbst. Dass ich sie allein ließ, sie enttäuschte. Was ihr Problem damit war, erkannte ich nur aufgrund ihres Geständnisses: Nessie wollte sich menschlich zeigen, ausschließlich menschlich. Sie wollte für mich sein, was sie glaubte, dass ich es brauchte. Sie schämte sich so offensichtlich für das, was sie war, dass mein schlechtes Gewissen mich zu schlagen drohte. Aber sie machte es mir nicht leichter, indem sie es vor mir versteckte, bis ich es eben auf diese Art und Weise erfahren musste. Wir waren beide Teil des Problems, doch sie schien nur ihre Schuld zu sehen. Und um das zu verhindern, offenbarte ich ihr, wie ich wirklich darüber dachte. Und dass ich alles an ihr liebte. Und um es ihr zu beweisen bot ich an, sie könnte mein Blut trinken...doch allein dieses Angebot war Beweis genug. Und so gab ich mich schließlich widerstandslos dem Drang der Prägung hin.
„Ich hoffe doch, ihr habt was zu Essen im Haus. Ich sterbe, wenn nicht.", neckte ich Nessie, als wir gerade die Treppe hinunter stolperten. Ich sagte das nicht ohne Grund, ich wusste ganz genau, dass es eine einzige Sache auf dieser Welt gab, die ihr so gar nicht lag. Kochen. Mit einem Murren zog sie mich hinter sich her in die Küche und öffnete den Kühlschrank, während ich Gefallen an ihrem Nacken gefunden hatte und einen dicken Kuss darauf hinterließ. Sie war so schön, dass ich mich wunderte, nicht davon geblendet zu werden. Meine Arme fanden ganz von selbst ihre Taille, um sich fest darum zu schließen. Nessie räusperte sich leise: „Ich schätze, wir haben keine Wahl." Ich öffnete meine Augen, die sich wohl wie von selbst geschlossen hatten, während ich meinen Kopf neben ihren bettete. Die gähnende Leere des Kühlschranks ließ meinen Magen aufheulen. Ich seufzte und stimmte ihr zu, fühlte mich aber ganz und gar nicht danach, jetzt auf Blondie Nummer eins oder zwei zu treffen. Nessie nahm wieder meine Hand und gemeinsam verließen wir das Häuschen, um nach nebenan zu wechseln.
Wie erwartet, jedoch nicht erhofft, trafen wir Nummer eins am Zielort. Die Küche schien einer ihrer Lieblingsplätze zu sein, was mich vermuten ließ, dass sie gut kochen konnte. Rosalie begrüßte Nessie mit dem wärmsten Lächeln, das ich je auf ihrem Gesicht gesehen hatte, während ich ganz und gar ignoriert wurde. Ich führte dieses Verhalten auf meine letzte Bemerkung bezüglich der Intelligenz einer Blondine zurück, die sie wohl noch nicht vergessen hatte. Im Grunde verstand ich mich gut mit ihr – wobei gut hieß, dass wir uns für eine Weile im selben Raum aufhalten konnten, ohne uns dabei an die Gurgel zu springen –, aber es begann zu kriseln, sobald ich sie ärgerte. Nessie hatte mich schon oft gebeten, damit aufzuhören, allerdings gab es fast nichts, das unterhaltsamer war als Rosalie, wenn sie in Fahrt kam. Und damit meinte ich ihr bemerkenswertes Talent, mich unter der Gürtellinie zu treffen. Denn meist ließ sie meine Sticheleien nicht unkommentiert. Aber leider schien sie heute nicht in Stimmung.
„Haben wir was zum Essen da, Rose?", fragte Nessie vorsichtig, konnte aber Blondies stechenden Blick in meine Richtung nicht verhindern. Rose, wie Nessie sie nannte, stand ihr so nah wie eine zweite Mutter. Es blieb fraglich, warum die Blondine sich sie noch nicht unter den Nagel gerissen hatte, aber ein Duell mit Bella schien sie abzuschrecken.
„Haben wir.", antwortete sie: „Aber Hundefutter ist leider aus." Ihr spitzbübisches Grinsen entging mir nicht und irgendwie war ich froh, dass sie es mir doch nicht länger übel nahm.
Nachdem sie uns allein gelassen hatte, durchstöberte Nessie die Schränke und wurde tatsächlich fündig. Sie meinte, dass ein Omelett in ihrem Bereich des Möglichen liegen würde, aber so recht darauf vertrauen konnte ich nicht. Doch sie überzeugte mich stolz vom Gegenteil und zauberte das beste Essen, das ich seit langem hatte – denn Dad war noch nie ein begnadeter Koch gewesen, eine Eigenschaft, die offenbar vererbt wurde. Glücklich und zufrieden schlug ich vor, einen Spaziergang zu machen, aber Nessie hatte bereits andere Pläne. Also machten wir es uns in Edwards ehemaligem Zimmer gemütlich, das nun ihres war, und unterhielten uns über dieses und jenes. Den Grund für das Warten verriet sie mir jedoch nicht. Das sollte ich erst erfahren, als ein Wagen vor dem Haus zum stehen kam, der mir mehr als nur bekannt vorkam. Ich streckte mich und warf über den Rand der Couch einen Blick aus dem Fenster, wobei sich mir Alice' quietschgelber Porsche offenbarte. Mit einem Freudeschrei sprang Nessie von meinem Schoß und lief nach unten, um sie zu begrüßen. Eher schwerfällig folgte ich ihr und begegnete beiden am unteren Treppenaufgang.
„Oh, wie schön dich zu sehen, Jacob."
Alice war immer in bester Stimmung, wenn sie mich um sich hatte. Dass es daran lag, dass sie in meiner Nähe von der Störung ihrer Gabe durch Nessie verschont blieb, wollte sie dabei nie zugeben. Aber vielleicht mochte sie mich ja doch ein wenig, wer wusste das schon.
„Möchtest du es sehen?", fragte Alice, bevor Nessie ihr den Mund verbieten konnte. Es wurden böse Blicke getauscht, von denen auch ich nicht verschont bleiben sollte.
„Er weiß es nicht, Alice. Du weißt, dass er es nicht wissen soll, warum musst du dann – es steht doch schon fest, dass er nicht mitkommt…"
Sie riss Alice eine große Tüte aus der Hand und ging zurück nach oben, bevor ich nachfragen konnte. Die Dunkelhaarige sah mich entschuldigend an: „Um ehrlich zu sein…ich wusste nicht, dass man es dir nicht verraten soll. Komm, lass es uns ansehen. Es wird dir gefallen." Mit dem zuckersüßen Lächeln einer Fünfjährigen nahm sie meine Hand und zog mich mit sich. Obwohl ich immer noch nicht die geringste Ahnung hatte, worum es sich hierbei handelte, konnte es nichts Gutes sein. Nichts für ungut, aber was nicht nur Nessie, sondern auch Alice gefiel, das konnte nur unglücklich enden. Aber heute schien man mir eine vollkommen neue Seite an der sonst so kitschigen Renesmee zeigen zu wollen. Denn als ich das Obergeschoss erreicht hatte, stand sie bereits da in diesem langen dunkelroten Kleid, das man ihr auf den Leib geschneidert haben musste. Meine Kinnlade traf den Boden, als ich realisierte, wie erwachsen meine kleine Nessie geworden war. Wie sich der Stoff perfekt an ihre Figur anpasste und verboten gut aussehen ließ, was doch nur mir gehörte. Oh, ja, denn das hier war mein Mädchen. Und sie würde es immer sein…
„Wie sieht es aus?", fragte sie und drehte sich im Kreis, während ich sie - noch immer vollkommen sprachlos - dabei beobachtete. Sie kam zu mir und legte ihre Arme um meinen Nacken: „So schlimm?" Ich wollte sie küssen, aber Alice schien sich außen vor gelassen zu fühlen.
„Ich glaube, die Rüschen sind übertrieben. Und die Schleppe kommt mir länger vor… Kannst du damit überhaupt tanzen? – Jacob, bevor ich es vergesse, da war dieser unglaublich teure Anzug! Ich konnte einfach nicht daran vorbei gehen, willst du ihn sehen?"
Mein Gesichtsausdruck schlief ein, als es bei mir langsam zu dämmern begann. Nessie hatte sich ein Kleid gekauft, ja, das tat sie öfter. Wenn man Geld hatte, machte man so was eben. Aber sie hatte es nicht umsonst gekauft. Sie wollte tanzen und das ganz sicher nicht allein. Und ich sollte…ich sollte tatsächlich einen Anzug tragen und sie zu irgendeiner banalen Veranstaltung ausführen.
„Können wir reden?", flüsterte ich Nessie zu und diese nickte. Alice bemerkte, dass sie den Anzug holen würde und war schneller weg, als ich mich auf die folgende Konfrontation gefasst machen konnte.
„Sag mir einfach, was Sache ist. Was ist das für ein Tanz?"
Ich gab mir keine Mühe, mein Missfallen zu verstecken. Nessie kannte mich lange und gut genug, um zu wissen wie wenig Begeisterung ich für so etwas hatte. Sie seufzte: „Der Schulball."
„Der Schulball?"
„Ich bin keine elf mehr, Jake, und jeder meiner Freunde geht dort hin! Sie alle haben ihren Partner und es wird getanzt und ich…ich dachte eben, dass du mit mir tanzen würdest.", gestand sie und fasste meinen Hals fester, bevor sie meinen Mundwinkel küsste. Sie beeinflusste mich. Mit diesem Kuss, mit ihrem Blick. Ich wollte mich wehren, ich wollte es wirklich, doch es war unendlich schwer. Meine freie Meinung war mir schon viel zu lange verloren gegangen.
„Du weißt, dass ich nicht tanze. Und du weißt, dass ich älter bin als du. Uns mag das egal sein, aber im Grunde bist du noch lange nicht volljährig und deshalb –"
„Oh, nein!", unterbrach sie mich: „Jacob Black, ich bin erwachsen, ich bin es erst geworden, aber…wieso musst du das so ernst nehmen? Ich bin kein Mensch, ich wachse nun einmal viel schneller und deshalb kann mir das Alter egal sein. Und auch die Gesetze der Menschen." Ich fragte mich wirklich, was ihre Eltern dazu sagten. Aber noch mehr fragte ich mich, ob ich gegen sie ankommen konnte. Gegen sie und die Prägung, die mich in meine Rolle an ihrer Seite zwang, mochte diese Sache auch so gar nichts damit zu tun haben, Nessie zu schützen.
„Wir hatten vereinbart, dass ich mich aus deinen schulischen Angelegenheiten raushalte, genauso wie du nichts mit meiner Arbeit zu tun hast. Und ich wiederhole mich ungern, aber ich tanze nicht. Du weißt, dass es so ist.", hielt ich dagegen, obwohl mir die Schwäche meiner Argumente bewusst war. Sie lächelte aufmunternd: „Ich könnte es dir beibringen…" Ihr Finger malte Kreise auf der Stelle unter meinem Ohr und ließ mich die Augen schließen. Ich versuchte, mich mit der Situation abzufinden. Ich konnte es nicht. Sie rief, ich sprang, so war es immer. Weil ich schlicht und einfach keine Wahl hatte.
„Und wenn ich es nicht kann?"
„Ich bringe es dir bei.", wiederholte Nessie mit Augen, die heller leuchteten als alle Lichter dieser Welt zusammen, und küsste mich, diesmal richtig. Ich erwiderte, wenn auch nur halbherzig. Ich würde mich damit abfinden. Schließlich liebte ich sie.
