13. Und so sah eine Handlung aus Reflex aus: Unvorbereitet und hoffnungslos. – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Wir verließen Edwards und Bellas Häuschen nur, um, auf der Suche nach etwas Essbarem für mich, nach nebenan zu wechseln. Nach Rosalie trafen wir auch auf Alice, die wohl gerade vom Einkaufen zurückgekommen war und mir Nessies langes dunkelrotes Kleid, zeigte, das man ihr auf den Leib geschneidert haben musste, so gut passte es. Sie brauchte es für einen Schulball – und obwohl ich alles andere als ein passabler Tänzer war und mich aus ihren schulischen Angelegenheiten heraushalten wollte, ließ ich mich darauf ein. Nessie würde mir das Tanzen beibringen, damit ich sie zum Ball begleitete. Und ich würde mich damit abfinden. Schließlich liebte ich sie.


Verschlafen zog ich mir die Decke über den Kopf, um jeglichen Augenkontakt mit eindringenden Lichtstrahlen zu verhindern. Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, musste es frühster Morgen sein. Zu früh, als dass es Zeit zum Aufstehen war…so zumindest empfand ich das.

„Wie kannst du nur noch schlafen? Ich fasse es nicht, dass dir die Sonne rein gar nichts ausmacht…", meldete sich Nessie und zerstörte meine Hoffnung darauf, noch eine Weile gemütlich liegen zu bleiben. Die Matratze bewegte sich und sie stand auf, was mir ein entnervtes Stöhnen entlockte. Vorsichtig öffnete ich ein Auge und schob die Decke etwas zurück, um einen Blick auf sie zu erhaschen, da traf mich ein Kissen mitten im Gesicht. Nessies kindliches Lachen drang an meine Ohren und brachte mich dazu, mit einer doppelten Ladung zurückzufeuern. Sie quiekte und sprang beiseite, doch meinem dritten Versuch entkam sie nicht. Ich stürzte mich auf sie und biss ganz sanft in ihren Hals. Mit einem heiseren Lachen ergab sie sich und legte ihre Arme um mich, sodass ich sie vom Boden hochheben und zurück zum Bett tragen konnte. Nachdem ich sie abgesetzt hatte, kniete ich mich zwischen ihre Beine und stahl mir einen ersten Kuss für heute.

„Wirst du mir jetzt mein Frühstück bringen?", fragte sie mit einem atemberaubenden Funkeln in den schokoladenbraunen Augen und ließ es zu, dass ich mit dem Träger ihres Negligés spielte. Ich hatte Nessie noch niemals das Frühstück ans Bett gebracht und sie wusste, dass ich nicht diese Art Schoßhündchen war, auch wenn es ihr vielleicht gefallen würde. Sie sagte das aus Spaß, aber ich entschied, ihr heute den Gefallen zu tun. Schließlich hatte ich jetzt mehrere Tage hintereinander ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen und mich dabei mehr oder weniger von ihr durchfüttern lassen. Ich sollte langsam damit anfangen, das wieder gut zu machen, obwohl ich die ganze Zeit über das Gefühl hatte, dass ich es bereits zurückzahlte. Mit meiner Anwesenheit, die Nessie so glücklich stimmte wie schon lange nicht mehr. Und das wiederum war es, was mich antrieb. Sie so zu sehen schien etwas in mir auszulösen, das ich nicht benennen konnte. Aber es brachte mich dazu, jeden Gedanken daran wie es ist, ohne sie zu sein, zu verwerfen. Stattdessen die Aussicht auf weitere so schöne Tage im Kopf tragend, stand ich auf, um meinem Vorhaben Taten folgen zu lassen: „Wie hättest du gern dein Eichhörnchen?"

Nachdem sie mir um den Hals gefallen war und mich dabei fast wieder zu Boden gerissen hatte, machte ich mich zwinkernd auf den Weg nach unten. Ich war mir noch immer unsicher, ob ich es einfach so akzeptieren sollte, dass Nessie sich menschliches Essen aufzwang. Sie tat es - laut eigener Aussage –, um mir das Gefühl der Normalität zu geben. Aber dadurch wurde die Situation für mich nicht weniger merkwürdig. Es blieb die Frage, was ich ihr nun mitbringen sollte. Nach einigem Suchen fand ich eine Packung Toast und dazu Erdnussbutter, aber Kaffee schien aus zu sein. Da erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit. Nicht irgendetwas, sondern ein mir bekannter Geruch. Misstrauisch geworden suchte ich die Fenster ab, bemerkte nichts, doch dabei konnte ich es ja schlecht belassen. Mein Blick ging zur Treppe, ich lauschte, aber alles schien ruhig. Wenn ich Glück hatte, war Nessie wieder eingeschlafen, worauf ich mich allerdings nicht verlassen sollte. Es nutzte nichts, ich musste das Risiko eingehen, um Antworten zu bekommen. So leise wie es mir möglich war, verließ ich das Häuschen und bog in einen kleinen Pfad ein, der tiefer in den Wald führte. Der Geruch war hier, kein Zweifel, ich hatte mich nicht geirrt.

„Sieh an, Jacob geht es also doch gut."

Mein Kopf fuhr zur Seite, aber bevor ich die Gelegenheit dazu bekam, meinem Gegenüber in die Augen zu blicken, hatte mich jemand gegen den nächstbesten Baum gestoßen. Ich wurde zurückgehalten, meine Oberarme waren der Länge nach gegen die unnachgiebige Rinde gedrückt und würden mit Sicherheit ein hübsches Muster davontragen. Aber leider war das gerade meine geringste Sorge: „Du?" Sie lächelte schief und so mürrisch, wie ich es selten gesehen hatte.

„Ich. Wir werden reden, außerhalb. Du hast drei Sekunden, um deinen Hintern außer Reichweite dieser Blutsauger zu bewegen.", flüsterte Jenny und war im nächsten Augenblick verschwunden. Ihre Art und Weise, mit mir zu sprechen, hatte sich mehr als nur verändert. Fast so, als besäße sie zwei vollkommen verschiedene Persönlichkeiten. Verdutzt sah ich mich um, witterte ihre Fährte, aber mich zog es zurück zu Nessie. Ich wusste nicht, was passieren würde, wenn ich dieser Aufforderung trotzte, aber es konnte nichts Gutes sein. Und wenn ich eines auf keinen Fall wollte, dann war es Nessie in Gefahr zu bringen. Seufzend ergab ich mich meinem Schicksal, setzte mich in Bewegung und folgte Jenny im Sprint, bis ich zu ihr aufgeschlossen hatte. Sie lehnte entspannt an einem Felsen und sah desinteressiert auf, als ich näher kam.

„Du hast dir ganz schön Zeit gelassen. Das nächste Mal werde ich wohl einen härteren Ton anschlagen müssen, dass du die Sache ernst zu nehmen lernst.", sagte sie mit solch schneidender Schärfe in der Stimme, dass es mir eiskalt den Rücken hinunter lief. Ich hoffte inständig, dass sie meine Gänsehaut nicht bemerkte – was sich bei nacktem Oberkörper durchaus schwierig gestaltete.

„Was soll ich hier? Warum können wir uns nicht wie normale Menschen unterhalten?"

Warum? Weil es für mich einem gottverdammten Selbstmordkommando gleichkommt, da ungeschützt rein zu spazieren! Es war heikel genug, das auch nur für eine Minute zu riskieren…", schoss sie zurück und ich befürchtete, sie könnte mir ins Gesicht spucken, so nah war sie gekommen. Wenn auch in körperlicher Größe unterlegen, machte sie unbestreitbar Eindruck. Ihr Blick ging mir durch Mark und Bein und löste ein fast vergessenes Gefühl in mir aus. Furcht.

„Du hättest nicht kommen müssen, wenn es ach so gefährlich für dich ist! Und jetzt beeil' dich und rück' raus mit der Sprache."

Meine Erwiderung war trocken und schien sie noch mehr zu stören als das Risiko, das sie anscheinend mit dieser Aktion eingegangen war. Ich hoffte, dass meine Härte in ihren Ohren weniger aggressiv klang, als ich es empfunden hatte. Sie sollte sich kurz fassen, schließlich wartete Nessie auf mich und ich würde sie sicher nicht enttäuschen. Doch das schien schwer vorstellbar bei all den Fasern in meinem Körper, die buchstäblich danach zu schreien schienen, dass ich an ihre Seite zurückkehrte. Aber jeder Gedanke daran verflüchtigte sich innerhalb eines Wimpernschlages, als sie zur Antwort ansetzte: „Ich begebe mich in feindliches Territorium, um dir den Kopf zu waschen, Dummkopf!" Es fiel mir schwer zu entscheiden, ob ich mich mehr darauf konzentrieren sollte wie sie mich eben genannt hatte oder dass sie Nessies Familie tatsächlich als Feinde bezeichnete. Ungläubig öffnete ich den Mund, doch allein der Ausdruck in ihren Augen brachte mich zum Schweigen. Langsam begann ich zu verstehen, dass sie Jess so einfach unter Kontrolle halten konnte. Jess. Die Erinnerung ereilte mich und hinterließ nichts als Schuld, doch ich ignorierte es. Ich war eindeutig zu perplex, um reagieren zu können, und genau das nutzte Jenny für sich aus: „Weißt du, was ich mich schon die ganze Zeit über frage? Ich frage mich, was mit diesen Ohren nicht stimmt." Sie kam näher, die stechenden Augen direkt auf mich gerichtet, der Körper unmissverständlich in Abwehrhaltung. Nicht, als hätte sie etwas von mir zu befürchten, nein. Fast so, als wollte sie ihrer Verachtung noch deutlicher Ausdruck verleihen.

„Ich meine, immerhin bist du meiner Aufforderung nachgekommen… Und du hast den Anstand, den Mund zu halten, wenn man mit dir spricht. Das lässt mich vermuten, dass du nicht zugehört hast, als es um den wohl wichtigsten Teil unserer Vereinbarung ging!", sagte sie in einem Ton, den sie besser nicht mir gegenüber verwenden sollte: „Hatte ich nicht eindeutig gesagt, dass sie einen Führer braucht? Jemanden, der sie kontrollieren kann, ihr Sicherheit geben kann? Jemand, der sie eben nicht einfach stehen lässt, wenn Gott-weiß-was hätte passieren können!" Sie war noch einen Schritt näher gekommen und ließ mich spüren, dass ich einen Fehler begangen hatte. Nicht nur durch Worte, sondern Gesten. Durch eine schlicht unerklärliche Aura, wie sie jeder Alpha besaß – und die ihre schien wesentlich wirksamer zu sein als meine. Sie setzte ein, was nötig war, um mich zum Stillschweigen zu bewegen. Vielleicht, weil ich keine Antworten darauf geben konnte oder aber auch, weil es keinen Sinn hatte, ihr zu widersprechen.

„Weißt du, ich schlussfolgere daraus, dass du den Ernst der Lage nicht begriffen hast. Du kennst sie nicht und genau da liegt das Problem, denn du hast nicht die geringste Ahnung, wozu sie im Stande ist. Und ich habe sie dir einfach übertragen, weil ich – ich kann nicht fassen, dass ich dir vertraut habe! Dass ich ihr vertraut habe…", ihr Satz verklang, während sie ihn in Gedanken zu vervollständigen schien. Doch es reichte, um etwas in mir zu regen, das sich schon länger hatte bemerkbar machen wollen. Ich fragte mich, was in dem Moment wichtiger für mich gewesen war, als ich Jess allein ließ. Ich fragte mich, woran ich dachte, während ich ihr den Rücken zukehrte und mich seither nicht einmal nach ihr umgesehen hatte. Und das, obwohl sie mich schützte. Viel schlimmer war, dass ich mich erinnern konnte, diesen Gedanken schon einmal gehabt zu haben. Doch er musste nichts in mir bewirkt haben, schließlich waren einige Tage vergangen, in denen ich mich nicht eine Sekunde um sie scherte. Und warum? Ich wusste es nicht. Tatsächlich konnte ich mir keinen Reim darauf machen, dass sie einfach aus meinem Kopf verschwunden war, nachdem ich sie so nah bei mir empfunden hatte. Als einen Teil der Familie. Alles, woran ich mich erinnern konnte, war Nessie. Ihre Nähe, ihre Liebe und das Gefühl, dass wir zusammen gehörten. Es versagte mir jegliche Reue.

„Wie kann es dich nicht interessieren? Du hast sie allein gelassen und nicht nur sie. Was ist mit deinem Vater? Ist er dir so egal, dass du –"

„Dad?", unterbrach ich sie, mehr um mich selbst darauf aufmerksam zu machen. Es stimmte, dass ich Jess allein gelassen hatte. Es stimmte, dass es nicht in Ordnung war, einfach zu verschwinden, aber dass ich Dad dadurch zurückließ… Jess im Stich zu lassen bedeutete auch, meinen Vater im Stich zu lassen. Das war eine Tatsache, die mich mehr als alles andere an sie band. Ob es ihm gut ging? Ich konnte mich kaum an unser letztes Gespräch erinnern. Hatte sich jemand um ihn gekümmert? Jenny wusste davon, also würde sie sicher auch dafür gesorgt haben, dass…nein, würde sie nicht. Sie war wütend, wegen Jess. Alle würden wütend auf mich sein, schließlich war ich das auch selbst.

„Ja, Dad.", sagte sie mit diesem missbilligenden Unterton, den ich mehr als verdient hatte: „Ich glaube, es ist Zeit, dass du dich um das wirklich Wichtige kümmerst." Ich wollte sie fragen, ob es ihm gut ging. Ich konnte nicht. Letztendlich würde sie mich dadurch nur noch mehr lächerlich machen, was meine Schuldgefühle nicht gerade verminderte. Ich konnte nicht fassen, dass ich ihr dankbar sein musste für diesen Auftritt.

„Ich kann jetzt nicht gehen.", sagte ich, als sich Nessie zurück in meinen Kopf schlich. Sie musste sich bereits Sorgen machen.

„Warum dachte ich mir nur, dass das jetzt kommt? Es ist deine Entscheidung. Du solltest mir dankbar sein."

Das war ich wirklich. Ich wog ab, was ich nun tun sollte. Würde ich zurück zu Nessie gehen, ließ sie nicht mehr von mir ab. Und ich ebenso wenig von ihr. Ich versuchte die Prägung.

„Aber eines sage ich dir, Jacob Black.", zischte Jenny nun mit deutlich wahrnehmbarer Drohung in der Stimme: „Wenn du deine Launen nicht in den Griff bekommst, werde ich dafür sorgen, dass du bezahlst. Ich sehe nicht dabei zu, wie du meine Arbeit zerstört. Jess bedeutet mir alles, ich werde sie nicht noch einmal verlieren. Und ganz sicher nicht wegen dir und deinen Mätzchen." Ihre Augen blitzten und ich wandte mich unwillkürlich halb von ihr ab. Nun setzte sie ein giftiges Lächeln auf, das mir noch weniger gefiel als ihre Warnung vorher.

„Du hast die Orientierung verloren. Und es gibt niemanden, der dir dabei helfen kann sie wiederzufinden. Das ist ganz allein dein Problem, also lern damit umzugehen."

Sie kannte mich nicht. Ich hatte keinen Grund, ihr Glauben zu schenken, auch wenn sie viel zu wissen schien. Zu viel, als dass es gut für sie gewesen wäre: „Ich habe kein Problem." Sie setzte sich in Bewegung und ich spürte eine Welle der Erleichterung auf mich zurollen.

„Wie du meinst.", erwiderte sie: „Aber behaupte nicht, ich hätte es nicht gesagt. Egal wie du dich entscheidest, es wird nicht einfach werden."

„Ich weiß."

Und dann verwandelte sie sich, wurde zu einem riesigen kastanienfarbenen Wolf und verschwand zwischen den Bäumen.