13. Und so sah eine Handlung aus Reflex aus: Unvorbereitet und hoffnungslos. – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Weil ich Nessie das Frühstück ans Bett bringen wollte, machte ich mich auf den Weg in die Küche, wobei ich mir noch immer unsicher war, ob ich akzeptieren sollte, dass sie sich menschliches Essen aufzwang. Sie tat es – laut eigener Aussage -, um mir das Gefühl der Normalität zu geben, was die Situation für mich aber nicht weniger merkwürdig machte. Allerdings erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit: und tatsächlich traf ich im nahe gelegenen Wald auf Jenny. Sie warf mir vor, ich wäre Jess kein guter Führer gewesen, da ich sie zurückgelassen hatte, und dass ich den Ernst der Lage nicht begriffen hätte. Auch Dad erwähnte sie und womöglich war das der ausschlaggebende Punkt, dass ich mich fragte, wie ich das zulassen konnte. Ich hatte die vergangenen Tag nur an Nessie gedacht und auch jetzt beherrschte sie meine Gedanken.


„Wo in aller Welt bist du gewesen? Ich dachte schon, du hättest meinen Frühstückswunsch wörtlich genommen…", begrüßte mich Nessie mit einem merkwürdigen Ausdruck auf ihrem schönen Gesicht, der mir verriet, dass was immer sie sagte über ihre Sorge hinweg täuschen sollte. Wer wusste schon so genau, was in ihrem Kopf vorging. Aber dafür hatte ich im Moment keine Zeit.

„Ich habe nebenan nach etwas Essbarem gesucht. War nicht das, was ich mir erhofft hatte.", log ich und tätschelte flüchtig ihre Haare, bevor ich meine Klamotten ausfindig machte.

„Was hast du vor?"

Meine Eile war mehr als nur offensichtlich. Ich würde nicht noch einmal lügen können: „Hab vergessen, dass ich was mit Dad unternehmen wollte. Ich hätte ihn schon vor einer ganzen Weile abholen sollen." Das war die halbe Wahrheit. Vielleicht.

„Aber wenn du zu spät bist, kannst du ihn doch auch anrufen? Ihr könnt das verschieben."

Sie zog an meiner Hand, doch ich schüttelte sie ab. Ich musste standhaft bleiben, nur dieses eine Mal: „Ich kann nicht. Ich muss los." Schnell küsste ich ihre Stirn und streifte mir mein Oberteil über. Dann verließ ich ihr Zimmer und stürzte die Treppen hinunter. In Gedanken war ich bei den Worten, die ich an Jess und auch an meinen Vater richten würde. Mir fiel sowieso nicht das Richtige ein, aber versuchen konnte ich es ja dennoch. Nessie rief hinter mir, doch ich verstand sie kaum. Ich wusste, sie würde mich anrufen oder mir sogar nachfahren, aber das spielte jetzt keine Rolle.


Als ich die Einfahrt zu dem roten Häuschen passierte, hatte sich meine Meinung bereits geändert. Ich wollte zurück, ich wollte dem Kommenden um jeden Preis aus dem Weg gehen. Ich hatte Angst. Zwar war mir nicht ganz klar wovor, doch reichte allein diese Furcht, um mich zum Stehenbleiben zu bewegen. Starr sah ich auf die Tür vor mir und spielte mit der Möglichkeit, mich umzudrehen und zu gehen. Zurück zu Nessie, um mich in ihren Haaren zu vergraben und alles zu verdrängen. Es würde mir nicht schwer fallen und genau das war das Problem. Zu spät realisierte ich, dass mir keine andere Wahl mehr blieb, als über meinen Schatten zu springen. Wenn Jess hier war, hatte sie meine Anwesenheit bereits bemerkt. Dass sie sich nicht zeigte, bestätigte nur meinen Glauben, dass sie wütend auf mich war. Dennoch hoffte ich darauf, dass sie weg gegangen war und mich damit strafte, dass sie Dad allein ließ. Es wäre so einfach für sie. Umso erstaunlicher war, dass meine Neugierde überwog und mich dazu drängte, mich meinem sowieso schon besiegelten Schicksal zu stellen. Und da war sie. Ihr Geruch, das sonst so angenehme Gefühl, sie in meiner Nähe zu wissen. Es konnte nichts Gutes bedeuten. Ich steuerte direkt auf den Raum zu, in welchem ich sie und meinen Vater vermutete und stoppte an der offenen Tür. Mein Blick traf ihren und sie schien mich von innen heraus einfrieren zu lassen. Noch niemals hatte ich so immense Kälte in ihren Augen gesehen, die doch sonst immer ganz klar und offen waren. Ich öffnete den Mund, obwohl ich nicht vor hatte, das Schweigen zu brechen, dass das Zimmer binnen eines Augenblickes sofort umhüllte. Es war so schön, sie wieder zu sehen. Und nicht irgendwo, sondern hier. Am Tisch mit Dad, wie sie ihn bekochte, sich um ihn kümmerte. Ich konnte nicht fassen, dass sie es tat. Dass sie sich um ihn sorgte, auch wenn ich sie so sehr enttäuscht haben musste. Wie sollte ich ihr danken?

Mit einem Ruck erhob sie sich von ihrem Stuhl, was Dad aber nicht zu stören schien. Er blieb seelenruhig sitzen und löffelte von einem Teller. Aber etwas in dem Gelb schien mich zu verunsichern, ich machte einen Schritt rückwärts, während sie sich auf mich zu bewegte. Sie wurde schneller, ich ebenfalls, doch als sie mich erreicht hatte, stolperte ich beinahe rückwärts über meine Fersen. Wir erreichten mein Zimmer, sie stieß mich von sich und schloss die Tür so schnell, dass der Knall alles zu erschüttern schien.

„Ich fasse es nicht.", gestand sie mit brüchiger Stimme, als hätte sie länger nicht gesprochen. Doch je näher sie mir kam, desto lauter wurde sie.

„Ich fasse es nicht! Wie kannst du – sag mir, wie kannst du es wagen?"

Ich schwieg. Sie ähnelte ihrer Schwester so sehr, dass mir beinahe nichts anderes übrig blieb. Außerdem wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Mir fehlten schlicht und einfach die Worte.

„Du siehst also mal wieder nach deinem Vater? Nach, warte, einer geschlagenen Woche? Nachdem du einfach so verschwunden bist?"

Sie schrie so laut, dass es mir in den Ohren wehtat. Aber als ich angedeutete Nässe in ihren Augen sah, wusste ich, dass es ihr nicht anders ging: „Du hast mich im Stich gelassen! Du hast sie alle in Gefahr gebracht! Wie…wie kannst du…" Als ihre Worte stockten und sich ihr Blick veränderte, wischte sie schnell alle Traurigkeit fort und ließ die Härte zurückkehren.

„Oh, natürlich. Du bist nur hier, um deine Sachen zu packen. Klar, ich meine, was denke ich bloß? Was habe ich erwartet? Billy glaubt wahrscheinlich sowieso, dass du nur in seiner vagen Vorstellung existierst. Was macht es da schon für einen Unterschied?"

Ihre Abgeklärtheit schüchterte mich ein, ich konnte sie kaum mehr ansehen. Sie brauchte nicht mehr als ein paar Worte, um mich auf die Knie zu zwingen, und das wusste sie. Es gab keine Möglichkeit, das wieder gut zu machen, es gab keine Entschuldigung dafür. Noch etwas, das ihr höchstwahrscheinlich nur zu bewusst war.

„Er hat sich so große Sorgen gemacht, die ganze Zeit über. Was sollte ich ihm schon sagen? Du bist arbeiten, habe ich erklärt. Das habe ich immer wieder gesagt, aber er hat es nicht geglaubt. Er hat mir gar nichts geglaubt, schließlich wusste er oft nicht mal mehr, wer ich bin. Kannst du dir das vorstellen? Weißt du, warum ich trotz allem hier geblieben bin? Weißt du es? Denn ich weiß es nicht mehr."

Ich schluckte, wollte etwas erwidern, aber es gab nichts, das gut genug wäre. Nichts, das etwas ändern würde. Ich ging auf sie zu: „Bleib bloß stehen, bleib wo du bist!" Sie zeigte auf mich, als wäre ich etwas Abscheuliches, das sie von sich fernhalten musste. Aber ich hörte nicht auf sie, beobachtete stattdessen, wie ihr Rücken die Wand traf.

„Ich will dir danken.", sagte ich ruhig, zu ruhig. Das bemerkte auch Jess und sah flüchtig in Richtung Tür. Ich stellte mich in ihr Blickfeld, da tastete sie hinter sich nach mehr Platz. Sie floh vor mir, während ich in meinen Bewegungen schneller wurde, sie aber nie erreichte. Unsere Hände berührten sich, als ich nach ihr schnappte und sofort zog sie sich weiter zurück wie ein gehetztes Tier. Ich suchte nach den richtigen Worten: „Ich wollte dich nicht zurücklassen, ich habe gehofft, dass du es verstehen würdest. Das hoffe ich immer noch." Sie nickte zögerlich.

„Du kannst dich nicht dagegen wehren, das ist mir bewusst. Niemand kann das. Die Frage ist, warum du jetzt hier bist. Ich will nicht behaupten, dass ich gehofft habe, dass du nicht mehr wieder kommst. Aber das ist egal, es interessiert mich nicht."

Noch einmal versuchte ich, sie zu fangen, aber wieder scheiterte ich. Sie war zu schnell, zu flink, und rann wie Sand durch meine Finger.

„Ich bin wegen dir hier.", sagte ich und schnitt den Weg zur Tür ab. Ich hatte sie in eine Ecke gedrängt, als sie durch meine Worte für einen Moment unaufmerksam war. Sie glaubte mir nicht.

„Wegen dir und Dad. Deshalb bin ich hergekommen."

Betretene Stille. Wir beide rührten keinen Finger, also fuhr ich fort: „Ich hatte Angst davor, wie du reagierst. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte." Sie schnaubte, schien sich aber zu entspannen.

„Ich glaube, du weißt immer noch nicht, was du sagen sollst."

Wäre diese Situation nicht so ernst, hätte ich nun schief gelächelt: „Mag sein. Aber ich versuche es trotzdem. Und weißt du, warum? Ich habe mir Sorgen gemacht, die ganze Zeit über. Nicht nur um Dad, ich weiß nicht, wie ich ihn einfach so vergessen konnte, aber ich habe mir auch um dich Sorgen gemacht."

„Weil ich den Weg nach Hause vielleicht nicht mehr finde?"

„Weil ich dich enttäuscht habe und du mich auch noch dabei gedeckt hast."

Ihre Augen wurden groß, nur für den Bruchteil einer Sekunde, denn sie wusste ihre Überraschung schnell zu verstecken. Wieder trat sie einen Schritt zurück, offenbar hatte ich sie nun misstrauisch gemacht. Aber im Grunde war das nur die Bestätigung dafür, dass sie meine Gedanken an sie vor Edward geschützt hatte. Sie hatte uns einigen Ärger erspart, aber ich wollte nicht glauben, dass sie dabei nur an sich selbst gedacht hatte. Schließlich war ich rücksichtslos genug gewesen, sie in Gefahr zu bringen. Mehrfach.

„Aber ich muss mich auch wegen Dad bedanken. Er ist schwierig zur Zeit und anstatt dass du ihn einfach allein gelassen hast, um dir Arbeit und Nerven zu sparen… Ich glaube, dass das alles andere als leicht war. Wieso tust du das für mich? Ich habe es nicht verdient."

„Du hast es allerdings nicht verdient.", erwiderte sie bitter und schien mein Vorhaben, sie endlich zu fangen, nicht vorauszusehen. Ich plante, ihre Hände zu packen und sie in meine Arme zu schließen, doch noch war sie viel zu weit weg von mir. Ein ganzer Raum trennte uns. Langsam trat ich näher: „Ich hoffe, dass er sich benommen hat… Er hat so seine Problemtage." Dieser Gedanke kam so schnell, dass er mich einfach überrannte. Ich wollte ihr Lächeln sehen. Ich wollte es so sehr, dass ich bereit war, so einiges dafür zu geben. Aber das Gegenteil schien einzutreten, denn sie senkte den Blick nach unten und presste die Lippen aufeinander. Irgendetwas ging da in ihr vor, von dem ich nichts wusste.

„Er…er hat doch nichts Falsches gesagt, oder?", fragte ich, bevor ich es verhindern konnte. Sie schüttelte den Kopf, blieb aber stumm. Ich sah eine Chance, die danach schrie, ergriffen zu werden. Doch ihr plötzlicher Umschwung ließ mich zögern, ich war nicht sicher, ob es der richtige Moment dafür war. Wieder kam ich ihr näher, vor ihrer Seite kam keine Reaktion: „Jess?" Ihr Name schien von den Wänden wiederzuhallen.

„Was ist los?"

Statt mir zu antworten, sank sie in sich zusammen, den Rücken an mein Bett gelehnt und das Gesicht hinter vorgehaltenen Händen verborgen. Sofort war ich an ihrer Seite und hatte die Hand nach ihrem Arm ausgestreckte. Hätte sie nicht nach wie vor geschwiegen und keinen einzigen Laut von sich gegeben, hätte ich geglaubt, dass sie weinte.

„Hey, Jess…rede mit mir. Was ist passiert?", flüsterte ich und berührte sie ganz vorsichtig, woraufhin sie den Kopf nur noch tiefer zu vergraben schien. Beinahe glaubte ich, mich ganz und gar in ihrer Persönlichkeit geirrt zu haben. Es war unmöglich, dass sie wegen mir oder Billy so außer sich war. Sie musste endlich mit mir sprechen, ich musste wissen, was vorgefallen war.

„Ich bin so froh, dass du wieder da bist."

Da hob sie den Kopf und sah mich an, die Augen wieder klar und ohne jede Träne: „Aber geh nicht fort, nicht einfach so. Ich hatte Angst vor mir, ich dachte, ich könnte mich nicht beherrschen. Sag, wenn ich dir eine Last bin. Sag es! Aber lass mich nicht allein, ohne ein Wort zu sagen. Das halte ich nicht aus."

Ich nickte, ohne auch nur darüber nachgedacht zu haben. Sie hatte verdient, dass ich offen zu ihr sprach, kein Zweifel. Noch einmal nickte ich, nun heftiger, und da war es. Ich hatte gehofft, es zu sehen, aber nicht mehr erwartet. Es kam so überraschend, dass ich glaubte, nicht richtig zu sehen. Sie lächelte; und wie sie lächelte. Sie hatte mir verziehen.