14. Wo war gleich noch mal das nächste Hochhaus? – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Ich vertröstete Nessie, indem ich ihr sagte, ich hätte eine Verabredung mit meinem Vater und wäre bereits spät dran. Ich wusste nicht, welche Worte ich an ihn oder Jess (wenn ich sie denn antraf) richten sollte. Tatsächlich hatte ich Angst, war aber auch neugierig. …und umso glücklicher, als ich sie wiedersah. Jess kümmerte sich um Billy, bekochte und umsorgte ihn, obwohl ich sie enttäuscht hatte. Wie erwartet reagierte Jess wütend, konfrontierte mich mit ebenjenen Vorwürfen, wie sie auch Jenny geäußert hatte. Und ihre Worte schüchterten mich ein, machten mich sprachlos, weil sie stimmten. Dennoch schaffte ich es, mich zu überwinden. Ich wollte ihr danken, tat das schließlich auch und erreichte sie damit. Sie hatte mir verziehen.


„Hast du schon mit ihm gesprochen?", flüsterte Jess ganz leise hinter mir und ich zuckte zusammen, so nah war ihre Stimme an meinem Ohr. Ich hatte mich an den Türrahmen gelehnt und beobachtete Billy, der mit dem Rücken zu mir saß und seelenruhig sein Essen zu sich nahm. Er schien nicht bemerkt zu haben, dass ich wieder hier war, aber vielleicht war es erst einmal besser so. Ich musste mir überlegen, wie ich ihm gegenübertrat und solange ich nicht wusste, wie ich das am Besten anstellte, würde ich lieber gar nichts unternehmen. Um Jess zu antworten, schüttelte ich den Kopf, woraufhin sie an mir vorbei und ins Zimmer trat. Sie räumte ihren eigenen Teller vom Tisch und stellte ihn zur Spüle, um dort heißes Wasser einzulassen. Sie kam zurück, nahm auch Billys Teller und räumte ihn ab, um den Abwasch zu machen.

„Liebling?", fragte Dad nach einigem Schweigen und ich verzog verwundert das Gesicht. Jess hingegen versteinerte an der Anrichte und stoppte unverzüglich das laufende Wasser. Ich sah ihre geballte Faust und mich ereilte die unangenehme Vorahnung, dass sie im Gegensatz zu mir genau zu wissen schien, was hier passierte. Und wieder: „Liebling, sieh mal. Kannst du dich noch daran erinnern? Becca und Jake hat es immer so sehr gefallen, nicht?" Jess fuhr herum, sah ihn an mit Augen, die nichts als nackte Verzweiflung widerspiegelten.

Du!", schrie Billy plötzlich und versuchte erfolglos, aufzustehen: „Was hast du mit ihr gemacht? Was hast du gemacht, Monster!" Was zum…?!

„Scher' dich zum Teufel, na los! Verschwinde!"

Jess erzitterte, Billy schlug um sich und mir blieb nichts übrig, als dazwischen zu gehen, um diese Situation zu entschärfen, die aus dem Nichts gekommen zu sein schien. Sofort trat ich vor Jess, wollte sie schützen und erreichte etwas ganz anderes damit. Billys Ausdruck veränderte sich, wurde weich und als er lächelte schlug die Haut um seine Augen viele kleine Fältchen: „Jake, mein Sohn, wie geht es dir? Hast du deine Mutter gesehen? Ich habe bereits nach ihr gesucht." Er schien bereits vergessen zu haben, dass Jess existierte und er sie gerade eben mehr als nur beschuldigt hatte. Stattdessen glaubte er wohl, sich in einer noch nie da gewesenen Zeit zu befinden, in welcher meine Mutter lange genug lebte, dass ich mich an sie erinnern konnte. Ich musste handeln, keine Frage. Egal, ob das jetzt richtig oder falsch war.

„Sie wollte einkaufen gehen, hat sie dir das nicht gesagt? Sie kommt sicher bald wieder.", antwortete ich und half ihm, aufzustehen. Jess blieb dabei immer dicht hinter mir und unsichtbar für ihn, während ich ihn in den Flur in danach in sein Schlafzimmer führte. Ich half ihm ins Bett und ohne Widerspruch ließ er es geschehen, sah dabei sogar recht glücklich aus. Als ich die Decke über ihn zog, packte er meine Hand: „Kannst du ihr sagen, dass ich mit ihr sprechen möchte? Wenn sie kommt, sag ihr, dass ich mit ihr reden muss. Ich – sag ihr, ich komme zu ihr! Sag es ihr, mein Sohn, ja?"

„Ja."

Nachdem ich die Vorhänge zugezogen hatte, beeilte ich mich, zur Tür zu kommen, wo Jess mit resignierenden Blicken auf mich wartete. Sie sah mich nicht an, aber das brauchte sie auch nicht, um mir verständlich zu machen, dass dies hier der Grund für ihre Niedergeschlagenheit war. Ich sah noch einmal zurück, betrachtete ihn, wie er sich zufrieden in die Kissen sinken ließ.

„Liebling?", fragte er noch einmal, da schloss ich die Tür.


„Warum hast du nichts gesagt? Wolltest du das verheimlichen? Ich…ich habe schon so ein schlechtes Gewissen, jetzt hast du mir verziehen, dass ich dich allein gelassen habe und nun – nun das? Ich will mir nicht vorstellen, was passiert ist, er…er ist ja nicht mal mehr annähernd er selbst! Er hält dich für meine Mutter und dann, dann auch wieder nicht und – ", ich stoppte mich selbst, bevor noch mehr entweichen konnte, das Jess nur Schmerzen zu bereiten schien. Ich hatte mich ihr gegenüber am Tisch nieder gelassen, hielt ihre Hände in meinen und sah sie ohne Zwinkern an. Das hier war so ernst, wie ich gehofft hatte, dass es das nie werden würde. Ich konnte mir im Moment nicht annähernd vorstellen, was das bedeuten konnte.

„Er ist krank, Jake. Er kann nichts dafür, ich verurteile ihn deswegen nicht."

Ihre schlichten Worte verärgerten mich, schließlich hatte sie womöglich einiges über sich ergehen lassen müssen, das ich mir nicht annähernd vorstellen konnte. Ich fühlte mich verantwortlich, ich hatte ihn aus dem Krankenhaus geholt, er…

„Und du kannst auch nichts dafür!", sagte Jess und zog meinen Blick auf sich: „Man hätte nichts machen können, nicht bei…bei Alzheimer. Das passiert eben und dann kann man nichts dagegen tun. Ich kann verstehen, wie du dich fühlen musst, ich habe ja gesehen, was es mit ihm macht…" Sie lenkte von sich ab, das war mir bewusst. Vielleicht sollte ich mich damit zufrieden geben, dass ich sie in Ruhe ließ, aber ich konnte nicht einfach hinnehmen, dass das hier meine Schuld war. Billys Krankheit, Jess' Probleme mit ihm. Ich hatte das alles nur dadurch verursacht, dass ich meine Prägung auf Renesmee nicht kontrollieren konnte. Im Gegenteil, denn sie kontrollierte mich, sie könnte von mir verlangen, was immer sie wollte, und ich würde es tun.

„Vielleicht wäre es besser, wenn du ihn untersuchen lassen würdest. Es gibt keine Medikamente und auch keine Heilung, aber dann wüssten wir, wie man damit umgeht. Lass ihn schlafen, morgen früh haben wir immer noch Zeit dafür.", sagte sie langsam. Das würde bedeuten, dass ich ihn zurück ins Krankenhaus bringen müsste. Dass ich mein Versprechen brechen würde. Er nahm es mir mit Sicherheit übel, das wusste auch Jess: „Vielleicht vergisst er es. Du musst dich nicht schuldig fühlen, du hilfst ihm. …Jake?" Ich sollte auf sie hören, aber es war schwer, Dad einfach so…abzuschieben. Er verdiente es nicht, dass ich ihn überging, aber noch weniger verdiente er es, so zu enden. Er brauchte Hilfe, also nickte ich.

„Du hast recht."

Sie streichelte meine Hand, gab mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Dann erhob sie sich, erinnerte mich daran, dass Ryan angerufen hatte, weil er seinen Vater nicht länger zurückhalten konnte, und erklärte, dass sie nun erst einmal gehen würde. Sie war lange genug hier gewesen, also gewährte ich ihr alle Zeit, die sie brauchte – natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass sie schlafen sollte.

Nachdem ich eine Weile einfach nur dasaß, nahm ich den Hörer ab und wählte die Nummer der Werkstatt. Ich fragte mich, was man wohl von mir erwartete, da ich schließlich keine feste Arbeitszeit hatte.

„Stephens…wer ist da?", knurrte der Alte am anderen Ende und erinnerte mich daran, warum ich es nicht fertig bringen würde, jeden Morgen dort anzutanzen.

„Hier ist Jacob. Sie wollten mich sprechen?"

„Ah, Black. Sie melden sich also doch noch mal, bevor ich Sie endgültig endlasse!", lachte er und ich konnte den Gestank seiner Lieblingszigarre beinahe durchs Telefon riechen. Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass er es ernst meinte, vernahm ich diesen seltenen und merkwürdig Ton in seiner tiefen Stimme. Ich war nun einmal der Beste, den er hier finden würde und daran gab es keinen Zweifel, also brauchte ich mir sicher keine Sorgen zu machen.

„Da verschlägt's Ihnen wohl gleich die Sprache, was? Aber ich kann mir so was nicht länger leisten, Unzuverlässigkeit ist in dem Geschäft halt keine große Hilfe."

„Ich mische mich ja ungern ein, aber wir hatten die Angelegenheit eben so geklärt, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich Geld brauche. Und dass ich mal vorbeischaue, wenn ihr jemanden braucht.", merkte ich an, rechnete mir aber keine großen Chancen aus. Der Kerl machte wohl wirklich ernst, das hätte ich nicht im Traum vermutet. Es sei denn, er musste seinen Schuppen demnächst schließen, aber auch das war unwahrscheinlich. Ryan wollte also doch helfen, nur leider zu spät.

„Keine Diskussion, was ich sage ist Gesetz. Sie haben zwei Tage, dann ist Ihr Dreck hier verschwunden, klar? Und dann will ich nichts mehr von Ihnen hören!", spuckte er und legte auf, bevor ich überhaupt etwas erwidern konnte. Mit erhobener Augenbraue hängte ich den Hörer ein und lehnte mich an, die Augen geschlossen. Ich würde mich wohl oder übel nach einem neuen Job umsehen müssen. Als wären da nicht schon genug Dinge, die getan werden müssten.


Gähnend kam ich von meinem morgendlichen Einkauf zurück, der mir weniger gebracht hatte als erhofft. Ich war länger nicht in der Stadt gewesen und der Kühlschrank schrie nach etwas Essbarem, wie auch mein Magen. Aber zwischen all den Regalen, so voll mit allem Möglichen, hatte ich nur Gedanken für Dad. Und für Jess. Ich wollte mich bei ihr bedanken, wusste aber nicht wie. Ich konnte ihr doch keine Blumen schenken? Jede Frau mochte Blumen, aber bei ihr war das…das war anders. Zwar wusste ich nicht, wie ich darauf gekommen war, aber ich glaubte, dass sie nichts davon hielt. Weder von Blumen noch von einem Geschenk allgemein. Vielleicht hätte ich später Gelegenheit herauszufinden, worüber sie sich freuen würde. Nun stand erst einmal ein wesentlich schwieriger Programmteil auf dem Plan – Dad. Er hatte die ganze Zeit geschlafen oder zumindest im Bett gelegen und ich freute mich, dass es so war. Vielleicht konnte er sich erholen und auch etwas kurieren, um vorbereitet zu sein, wenn ich ihn heute ins Krankenhaus fuhr. Es blieb keine andere Möglichkeit mehr als das, dessen war ich mir inzwischen unumstößlich sicher. Wenn es ihm besser ging, würde er darüber hinwegsehen können.

Nachdem ich einige Brötchen verstaut hatte, beschloss ich, ihn wecken zu gehen. Ich horchte kurz an der Tür, um festzustellen, ob er vielleicht doch schon aufgestanden war, konnte aber nichts dergleichen feststellen. Leise drückte ich die Klinke tief, öffnete und schlich hinein. Alles war dunkel, weswegen ich erst einmal die Vorhänge ein Stück zur Seite schob. Dann kam ich auf seine Seite des Bettes, legte ihm eine Hand auf, entschied aber, dass ich ihn besser nicht rütteln sollte. Seine Reaktion schien mir vollkommen unberechenbar. Langsam schob ich die Decke zurück und bemerkte dabei, dass er sich nicht rührte. Er lag merkwürdig schief, dass ich mir nicht vorstellen konnte, sein Rücken würde das mitmachen. Und seine Brust schien seltsam unbewegt. Mehr noch, ich glaubte ihn nicht atmen zu hören. Sofort kniete ich an seiner Seite nieder, hörte noch einmal nah an seinem Mund, doch da war nichts. Schnell hob seinen Kopf an, da entdeckte ich die starr geöffneten Augen. Seine Miene schien immer gleich, kein Zucken, kein gar nichts. Natürlich, er schlief, er hatte geschlafen, aber er konnte noch nicht…ich hatte bereits mehr unternommen, um ihn zu wecken, als ich sonst ja getan hatte. Ich nahm sein Kissen, formte einen großen Haufen und stopfte es unter seinen Hinterkopf, sodass er Luft bekam. Wieder kein Atemzug. Mein Herz raste, als ich mich nach vorn beugte und nach dem seinen lauschte. Ich hörte es schlagen, leise, beschwerlich und langsam – zu langsam. Ich musste etwas tun, ich musste handeln. Sofort schlug ich die Decke ganz zurück, legte meine Hände auf seine Brust, zögerte, ob ich das richtige tat. Keine Sekunde später begann ich automatisch mit der Herzdruckmassage in regelmäßigen Abständen, hielt inne, lauschte, dann öffnete ich seinen Mund, um ihn zu beatmen. Ich wiederholte alles, wartete einen Augenblick, doch nichts passierte. Hatte ich etwas falsch gemacht? Nein, ich konnte mich an jeden einzelnen Schritt erinnern .Warum zur Hölle passierte dann nichts? Was in aller Welt tat ich hier? Mein – mein Vater lag im Sterben! Tat er das? Ich wusste nicht, ob ich mich irrte. Wenn es so war…nein. Ich hatte es genau gehört, hatte die Stille vernommen, die da nicht sein durfte. Sofort setzte ich wieder an. 1, 2, 3, 4, 5. Ohne Pause. 6, 7, 8, 9, 10. Weitere zehn mal. Noch einmal beatmete ich, dann harrte ich aus. Kein Atem. Kein Atem? Warum war da noch immer kein Atem? Er war doch alles, das mir hier geblieben war! Alles, das…das ich unter keinen Umständen verlieren wollte. Noch ein Lauschen. Kein Herzschlag. Kein – was? Ich setzte an, massierte, beatmete, massierte, beatmete. Vergaß das Zählen, handelte nur. Immer wieder, öfter, in immer kürzeren Abständen. Schneller, kraftvoller. Keine Reaktion. Ich verlor ihn. Ich verlor ihn hier in meinen Armen! Er lebte doch, er…er hatte gelebt. Nein! Sofort setzte ich wieder an, versuchte es weiter, ich würde es immer versuchen. Ich konnte nicht…ich würde nicht aufgeben! Mein Atem wurde zu seinem, sollte es werden, aber nichts passierte. Nie passierte irgendetwas. Da war kein Zeichen, kein noch so kleines Zwinkern, kein Rasseln, kein Keuchen, kein Zucken. Nichts, einfach nichts. Ich erinnerte mich nicht, wie oft ich nun schon meine Hände auf seiner Brust überkreuzt hatte, zu viel Zeit schien vergangen. Aber irgendwann bemerkte ich, dass ich aufgehört hatte. Lange starrte ich ihn an, meinen Vater, meinen…meinen toten Vater. Er – er war doch noch da? Er musste da sein! Wohin sollte er gehen, solange ich hier war, musste er… Er würde mich nicht zurücklassen, er könnte es nicht. Er hatte es getan. Alle waren weg, alle hatten mich zurückgelassen und nun auch…

„Dad?"