14. Wo war gleich noch mal das nächste Hochhaus? – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Ich hatte mir überlegen wollen, wie ich Dad am besten gegenübertrat, da nahm er diese Entscheidung von mir. Wie aus dem nichts verhielt er sich gegenüber Jess erst, als wäre sie meine Mutter, und schließlich beschimpfte er sie. Um diese Situation zu entschärfen, ging ich dazwischen und führte damit nur eine weitere Stimmungsschwankung herbei. Billy schien sich gedanklich in einer nie da gewesenen Zeit zu befinden, in welcher meine Mutter lange genug lebte, dass ich mich an sie erinnern konnte. In der Hoffnung, es würde ihn beruhigen, brachte ich ihn vorerst ins Bett. Allerdings wühlte mich da innerlich auf: ich war schuld, hatte ihn voreilig aus dem Krankenhaus geholt. Zwar wollte Jess mich vom Gegenteil überzeugen, doch da änderte nichts daran. Wir beschlossen, ihn untersuchen zu lassen, sobald er aufwachte. Nachdem Ryans Vater mir meinen Job kündigte, sah ich noch einmal nach ihm – und fand ihn leblos vor. Ich versuchte, ihn wiederzubeleben, doch nichts passierte. Ich erinnerte mich nicht, wie oft ich nun schon meine Hände auf seiner Brust überkreuzt hatte, zu viel Zeit schien vergangen. Aber irgendwann bemerkte ich, dass ich aufgehört hatte.
„Dad?"
Ich hörte mich kaum, schüttelte ihn nun doch, obwohl ich es nicht hatte tun wollen. Er sollte reden, verdammt! Er sollte mich ansehen, ich konnte sie nicht ertragen, diese – diese toten, toten Augen. Ich verstand nicht, dass er weg war, wo er doch hier vor mir lag, in meinen zitternden Armen. Ich verstand nicht, dass er nun einfach ging, einfach eingeschlafen war, wo ich… Ich hätte früher nach ihm sehen müssen. Ich hatte ihn zu Bett gebracht, ich hatte ihn nicht einmal mehr gesprochen, seit einer Woche nicht, seitdem ich ihn allein ließ… Was musste er von mir gedacht haben? Er schien glücklich, er schien zufrieden, war er doch krank. Krank wegen mir. Krank gewesen. – Nein, ich ertrug diesen Gedanken nicht. Ertrug seine Wahrheit nicht, seine Realität, dass er tatsächlich stimmen sollte. Die Welt stand still, als ich mich nach vorn fallen ließ, meine Hände in sein Oberteil krallte und mein Ohr auf sein Herz legte. Ich schluchzte, ich weinte, spürte einen Schlag und lauschte – vergebens. Ich war zu spät, ich war zu schwach, zu langsam. Nicht gut genug. Meine Augen wurden leer wie es die seinen waren, mein Herz wurde schwer, noch schwerer, und zog mich Richtung Boden. Die Erkenntnis traf mich unerwartet. Es hatte keinen Sinn mehr, das Leben, dieses Leben. Es war leer, ich war leer. Ein leeres Gefäß. Ein Fall aus endloser Höhe. Schwerelos. Ich träumte, nicht wahr? Ich träumte und wachte einfach nicht auf, warum wachte ich nicht auf? Ich berührte ihn, fasste seine Schulter und wollte ihn wecken, da fiel seine Hand. Fiel vom Bett, traf mich und ließ mich erschrocken zurückzucken. Ich fiel mit dem Rücken zur Wand, vergaß das Atmen beim Anblick seiner bleichen, toten Hand. Da war keine Bewegung, keine einzige mehr. Kein Zucken seiner Finger, nichts. Er war…er war einfach gestorben. Einfach so, einfach…nein. Ich war zu spät, ich hatte – was, wenn ich es falsch gemacht hatte? Ich hatte ihn getötet! Hatte ihn mit meinen eigenen Händen umgebracht, meinen Vater, meinen…! Ich war ein Mörder. Ich war ein Mörder, das war ich wirklich, ich sollte…ich sollte sterben. Ich, ich! Nicht er. Nicht Dad! Meine Beine bewegten sich, richteten mich auf, fanden die Tür, den Flur, die Küche, die Schränke. Meine Hände suchten es, fanden es, die Rettung, die Strafe. In der letzten Schublade, das größte, schärfste Messer. Ich hielt es in einer Hand, dann in beiden, fand keinen Ort, den es treffen sollte. Meine Pulsadern, so dick und lila unter meiner Haut, sie brauchten Zeit. Ich hatte keine Zeit, verbluten brauchte Zeit. Ich würde schneller leben, als ich sterben konnte. Schneller heilen, als ich es verdiente. Keine Minute mehr, keine Sekunde mehr auf dieser Welt, die ohne alles war. Mein Herzschlag stolperte, als ich über die Türschwelle fiel, fand mich wieder neben dem Bett, in dem mein toter Vater lag. Langsam zog ich mich nach oben, sah über die Decke hinweg sein Gesicht, stoppte bei den geöffneten, stummen Lippen. Sah die Augen, so kalt, so leblos. Ich musste es beenden. Nicht irgendwann, nicht später, jetzt. Genau jetzt. Die Messerspitze fand meinen Bauch, meine Fußsohlen fanden Boden. Noch einmal sah ich hinüber zu ihm, sah, was ich getan hatte, erinnerte mich an all das Leben in ihm und realisierte, dass es nun dem Tod gewichen war. Ich schwankte, meine Hände zitterten und der Drang, zuzustechen, wurde immer größer, immer stärker. Er packte mich, hielt mich in seiner kalten Hand und ließ mich nicht mehr los. Warum stand er nicht einfach auf? Vielleicht sollte ich warten, vielleicht hatte ich mich geirrt. Was, wenn er lebte? Wenn ich in meiner Verzweiflung nicht bemerkte, wie er erwachte? Nein, nein, er war tot. Ich wusste, dass es so war. Ich – ich wusste es einfach! Ich hatte es doch gesehen, hatte gefühlt, dass da sein Herz war und dann…dann war gar nichts mehr. Und es würde niemals wieder etwas kommen. Ich konnte nicht damit leben, nicht damit, dass er mich verlassen hatte. Ob er es wusste? Ob man es ihm sagte und er nur noch einige Zeit mit mir zusammen haben wollte? Ich hatte ihn zurückgelassen! Ich hatte ihn vergessen, ich hatte ihm seinen letzten Wunsch verwehrt! Und er hatte es gewusst… Ich hätte bei ihm sein müssen, hätte ihm sein Sohn sein müssen, doch was hatte ich getan? Ich verdiente kein Leben, ich verdiente gar nichts mehr. Ich hatte ihn im Stich gelassen in dem Moment, in welchem er mich am meisten brauchte. Ich sollte auf der Stelle tot umfallen! Nichts einfacher als das.
„Ich liebe dich, Dad.", presste ich hervor, setzte das Messer richtig an, ließ all die Tränen meine Sicht verschleiern: „Verdammt…verdammt! Dad, es tut mir so leid, ich – ich bin schuld, ich hätte… Es tut mir leid! Vergib mir, Vater, Dad, bitte… Bitte, vergib mir!" Ich atmete so schnell, das mich all die Luft ersticken müsste. Ich zögerte aus Angst, nicht vor dem Tod, doch davor, ihn nicht rechtzeitig zu erreichen, wenn ich zusammenbrach. Wenn sich all der Schmerz nach außen kehrte und meinen Körper betäubte. Ich durfte nicht warten, nicht mehr. Ich hatte lange genug gewartet. Und da war sie, die Entschlossenheit, die Stärke. Ein Schrei verließ meine Kehle, als Wärme meine Brust füllte. Ich musste schnell sein, musste mein Herz treffen, durchbohren, stoppen. Ich musste viel schneller sein. Das war sie, die Verdammnis, ewig leben zu können. Der Tod verlangte mehr, als das Leben geben konnte, egal wie lange es gewesen war. Noch ein Schrei, als meine Knie den Boden trafen und Dunkelheit mich einhüllte. Ich spürte, dass das Ende nahte. Endlich, endlich!
„Vergib mir, Dad, vergib mir…", flüsterte ich und stöhnte auf, als ein Schwall Blut meinen Körper verließ. Meine Standhaftigkeit bröckelte, ich fühlte mich schwach. Nur noch…noch ein wenig mehr, ein wenig tiefer. Mehr Blut, ein weiterer Schwall. Ein weiterer Schrei, ein…nicht meiner. Nicht meine Stimme, eine Fremde. Nicht fremd. Jemand anderes. Mein Name, so verzweifelt und laut und so…so nah. Ich durfte nicht aufgeben, es war zu spät, zu spät für mich. Mehr Kraft, Entschlossenheit, ich durfte nicht aufgeben. Mehr Kraft! Mehr Blut. Mehr… Wärme. Fremde, schöne Wärme und Haut und Hände. Ich verlor mich, verlor meinen Sinn für das Gleichgewicht und meinen Willen zum Leben. Doch eines hatte ich nicht verloren, dieses eine, das mich nun fasste. Wärme an meinem Hals, in meinem Gesicht. Ich kippte, erwartete den harten Boden und mein darauf aufschlagendes Rückrat, doch da war nur Wärme. Arme empfingen mich, die Arme eines Engels. Hatte ich es geschafft? Ich konnte noch atmen. Ich war sicher. Warum war ich sicher? Warum war ich nicht tot? Diese Stimme war so nah, liebkoste einen Namen, den ich kannte, meinen Namen… Diese Stimme liebte meinen Namen, so oft sagte sie ihn. Sagte, dass ich leben sollte, obwohl ich sterben musste. Ich musste bezahlen, das war der einzige Ausweg, die einzige Chance für mich, dem Grauen, der Leere, zu entfliehen. Die Flucht war feige, doch war sie alles das mir blieb. Etwas drückte meine Hand, presste sich an meine Wange, hielt mich fester und näher. Rote Nässe trocknete, verkrustete und alles Blut stoppte in seiner Bewegung. Es sollte fließen, doch es hielt inne. Hielt inne im einzig richtigen Fluss der Zeit, der für niemanden jemals ewig sein durfte. Nicht für mich, für niemanden. Fremder Atem streifte meine Haut, unheimliche Kraft hielt mich oben, über Wasser, flößte mir Stärke ein. Ich sollte atmen, sagte sie, da bemerkte ich, dass ich die Luft anhielt. Ich konnte mich nicht rühren in all der schweren Stille. Hatte sie mich erst erdrückt, war sie nun angenehm. Es blieben nur zwei Herzen. Stete Schläge im Takt. Zweistimmig und doch einstimmig, als wären sie ein und derselbe. Jemand wollte, dass ich blieb. Jemand brauchte mich. Aber brauchte ich mich? Wollte ich bleiben? Ich dachte, ich sollte gehen. Ich dachte, es wäre besser zu gehen. Oder rennen. Rennen, weit weg, so weit, dass ich den Weg zurück nicht wiederfinden würde. Doch nun war alles gut. Nein, nichts war gut. Ich sollte mich wehren, sollte sie von mir stoßen, diese wunderbare Zuneigung. Dieser Himmel sollte brennen, der Himmel mit diesem einen Engel. Seine Flügel brachten mich zum schweben. Schweben, nicht sterben. Es war falsch und doch so schön. Ich konnte vergessen. Verlor mich in Augen, die heller nicht hätten sein können. So hell und klar und leuchtend wie die Sonne. Fürsorgliche Hände strichen durch mein nasses, klebriges Haar. Ob nun alles vorbei war? Ich wusste es nicht, wusste nichts mehr. Doch, eines war da: „Er ist tot." Nichts hätte sicherer sein können, nichts. Und wieder.
„Er ist tot."
Harte Blicke trafen mich, ich wünschte, sie hätten Spitzen wie ein Speer, doch durchbohrten sie nur meine Seele. Kein körperlicher Schmerz, kein nahendes Todesurteil. Ich wurde allein gelassen, die Kälte kehrte zurück und meine Augen schlossen sich wie von selbst. Ich begrüßte die Dunkelheit, doch blieb mir nicht viel Zeit dazu. Die Hände kehrten zurück, fanden mich, als würden sie mich immer finden. Dann fassten sie meine Arme und Schultern, zogen mich nach oben. Was war dieses Oben? Der Himmel, wo ich doch die Hölle erwartete? Ich verdiente das alles nicht. Ich wollte das alles nicht. Sie sagte, ich solle nicht hinsehen, aber jede Sehkraft schien verloren gegangen. Sie sagte, sie würde Hilfe holen, obwohl niemandem mehr zu helfen war. Er ist tot, schrie ich, er ist so tot wie man nur sein kann. Dann fiel ich, nahm sie mit mir. Ein harter Schlag traf meine Seite, schmerzte weniger als erhofft. Dann war da ihr Name, ihre Stimme. Weiter weg, sie sprach nicht mit mir. Sie sollte zurückkommen, jetzt, sofort. Sie sollte mich halten oder mich töten. Nur diese beiden Möglichkeiten, mehr war da nicht geblieben.
„Jake?"
Mein Name. Mein Kopf traf den Boden, ein Stöhnen folgte. Schwerer, unregelmäßiger Atem kehrte zurück, fand mich und umschloss mich ganz. Ich klammerte mich an ihren Hals, hielt diesen zarten Körper, als könnte er mir all das nehmen, das doch von nun für immer in meiner Erinnerung bleiben würde. Man drängte mich, aufzustehen, doch ich taumelte gegen die Wand. Das Nächste was ich hörte war ein raunender Motor. Er sollte mich wegbringen, einfach nur fort von hier, ich wusste, dass es so sein sollte. Aber wollte ich das? Nein, nein. Ich wusste, was ich wollte, das tat ich wirklich. Ich hatte mich entschieden, nicht für mich, nicht für das Leben. Nicht für das Engel, das mich in den Himmel geleiten sollte. Ich glaubte nicht daran, ich glaubte nur an den Tod und daran, dass er kommen würde. Nicht nie, nicht später, nicht irgendwann. Sondern sehr bald. Bald, ja, bald. Ich dachte daran, was wohl kommen würde nach dem Nichts, als meine Hand das Lenkrad fand. Bei voller Geschwindigkeit riss ich es aus ihrer Kontrolle, genoss den Rausch der Endlichkeit bis ich das Bewusstsein verlor.
