15. Das sollte meine Eintrittskarte zu einem neuen Leben sein… - Ach, guck mal, ein Mülleimer! – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Ich war zu spät, ich war zu schwach, zu langsam. Mein Vater lag tot in meinen Armen und ich…ich war ein Mörder. Ich hatte ihn sterben lassen und ich verdiente den Tod. Wozu auch leben in einer Welt, die ohne alles war? Doch statt zu sterben, wurde ich gerettet. Er war tot, doch ich wurde gerettet. …das Nächste was ich hörte war ein raunender Motor. Er sollte mich wegbringen, einfach nur fort von hier, ich wusste, dass es so sein sollte. Aber wollte ich das? Nein, nein. Ich wusste, was ich wollte, das tat ich wirklich. Ich hatte mich entschieden, nicht für mich, nicht für das Leben. Ich dachte daran, was wohl kommen würde nach dem Nichts, als meine Hand das Lenkrad fand. Bei voller Geschwindigkeit riss ich es aus ihrer Kontrolle, genoss den Rausch der Endlichkeit bis ich das Bewusstsein verlor.


Was ich fühlte, war klirrende Kälte. Sie kam von innen, von diesem Ort, an dem ich sonst mein schlagendes, pulsierendes Herz vermutet hatte. Ich konnte mich nicht erinnern, wann sich das veränderte. Mehr als eine vage Vermutung war da nicht, in meinem Kopf, der schwer und träge in weichen Kissen lag. Das letzte Mal, dass ich meine Augen geöffnet hatte, war schon lange her. Alles war mir so unscharf erschienen, so dunkel und schrecklich einsam. Dabei hatte ich gehofft, nichts von all dem mehr ertragen zu müssen. Nicht diese Gedanken, diese Schmerzen, das Leid. Nicht dieses sinnfreie Leben, an dem ich nur noch scheitern konnte. Vielleicht war das alles, zu dem ich überhaupt fähig war. Scheitern. An meinem Leben, am Leben meines Vaters. Daran, es zu bewahren, zu retten. Ich hatte ihn sterben lassen. Alles führte zu diesem Punkt, dieser Sackgasse, immer und immer wieder.

Ich nahm sie wahr, ihre nahe Wärme. Sie hatte mich gerettet, nicht ich ihn. Sie hatte es geschafft, sie war im richtigen Moment gekommen, ich nicht. Sie wusste was zu tun war, im Gegensatz zu mir. Und sie zögerte nicht. Keine Sekunde. Warum schien sie mir so viel besser als ich? Weil sie es war. Weil sie nicht immer wieder scheiterte. Ich wollte sie nicht sehen, die besser war als ich. Die schaffte, wozu ich nicht fähig war. Ich konnte es nicht ertragen, ihr hübsches Gesicht, die tiefen Augen, ihre harten und doch bekannten Züge. Sie sollte mich alleinlassen, alle sollten das. Ich hatte dafür gesorgt, dass es so war. Und was tat sie? Sie musste mich schon wieder gerettet haben, vor mir selbst. Vor meiner Dummheit zu glauben, dass ich in der Lage war, sinnfreien Dingen ein Ende zu setzen. Nicht einmal das konnte ich. Nicht einmal das!

Ich wollte aufstehen, wollte laufen und rennen und niemals wiederkehren. Doch als meine Augen einen Blick riskierten, kam mir nichts von all dem bekannt vor. Ich richtete mich halb auf, stockte bei stechendem Schmerz im unteren Rücken und sank stöhnend zurück. Da waren sie, die stützenden Hände, so klein und zart und doch stark. Ich sah sie an, so wie sie mich. Das gleißende Gelb bahnte sich einen Weg in meine von der Dunkelheit verwöhnten Augen. Sofort zuckte ich zurück, entzog mich ihr, obwohl ich es nicht wollte. Sie kniete neben dem kleinen Bett, auf dem ich lag. Um sie herum nur Holz, wie eine kleine Hütte, doch nichts davon hatte ich schon einmal gesehen. Wohin hatte sie mich gebracht? Wo war ich hier? Wüsste ich nicht, dass ich einen Autounfall verschuldete, käme mir das alles ganz normal vor. Aber sie hatte keinen Kratzer davon getragen, sie schien diesen Schmerz nicht zu fühlen, der weder rein physisch, noch rein psychisch war. Erschrocken fasste ich meine Brust, erinnerte mich an all das Blut, aber da war nichts mehr. Ich lebte und sie hatte dafür gesorgt. Das tat sie immer noch. Gegen meinen Willen. Gegen jeden Sinn.

„Du darfst nicht so denken.", sagte sie, zerschnitt die Luft mit scharfer Stimme, und schien mich damit körperlich zu treffen. Noch ein Zucken folgte, ich brachte mehr Abstand zwischen uns. Sie las meine Gedanken. Immer wieder überraschte sie mich, zeigte mir, dass ich sie unterschätzte. Und wieder war sie besser als ich. Konnte mit dem umgehen, das sie da hörte und fühlte. Ich konnte es nicht. Ich spielte mit dem Gedanken, eine Flucht zu wagen vor ihrer schieren Übermacht.

Aber da fasste ihre Hand meinen Arm, ich wähnte mich verloren, doch nichts passierte. Sie ließ sie dort liegen, rührte sich nicht und verunsicherte mich damit nur noch mehr: „Ich habe dir etwas mitgebracht. Möchtest du es probieren?" Mein Blick folgte ihrem zum Tisch, doch was ich dort sah weckte nichts als Übelkeit in mir. Egal wie sehr mein Magen danach verlangte, ich konnte mir nicht erlauben, weiter hieran festzuhalten. Am Leben, das ich nicht verdiente. Sie durfte es ruhig wissen, sie würde nicht in der Lage sein etwas daran zu ändern. Ihre Augen wurden traurig, aber nicht weniger unnachgiebig.

„Ich hebe es auf, vielleicht überlegst du es dir. Und jetzt ruh' dich aus, du brauchst ein wenig Schlaf."

Ich brauchte alles, nur keinen Schlaf. Keine Zeit, über all das nachzudenken, keine Zeit, es zu verstehen. Ich wollte es nicht wieder sehen, niemals wieder erleben. Ich sollte mir eingestehen, dass ich zu schwach war. Nicht einmal das konnte ich.


Schnelle, hektische Atemzüge entwichen meiner schmerzenden Lunge. Ich rannte so schnell, wie es meine Beine erlauben würden, und doch schien ich immer langsamer zu werden. Die Schwerkraft, die Zeit, sie wurden meine ärgsten Feinde. Ich kam nicht gegen sie an. Gegen ihre unheimliche Macht, diese furchtbare Unbezwingbarkeit. Wie lange würde es dauern, bis sie es herausfand? Bis sie mich entdeckte? Ich fürchtete mich vor dem Moment, in dem sie sich mir entgegen stellte. Ich fürchtete mich so sehr, dass das Laufen immer schwerer wurde. Keuchend wich ich einigen Bäumen aus, nur um über die darauf folgende Wurzel am Boden zu fallen und mich beinahe zu überschlagen. Ich war zu langsam, ich musste laufen. Ich musste rennen, verdammt noch mal! Sofort rappelte ich mich auf, beschleunigte immer weiter, bis meine Füße unkontrollierbar schienen. Wie tief im Wald war diese Hütte versteckt? Wohin in aller Welt hatte sie mich gebracht? Es änderte nichts an meiner Situation, es machte all das nur noch schlimmer. Und wieso war sie gegangen? Sie dachte, ich würde tatsächlich schlafen. Sie vertraute mir so sehr, dass es mir im Herzen wehtat, dass ich sie verlassen musste. Es gab keinen anderen Weg, für all die Schande zu bezahlen. Noch einmal stolperte ich, doch meine Beine waren sicher genug, nicht wieder nachzugeben. Ich konnte das Gleichgewicht halten, sah mich gleichzeitig um, bevor ich meinen Weg ins Ungewisse fortsetzte – bis meine geschärften Ohren eine Straße wahrnahmen. Autos, schnelle Autos und die einzige Möglichkeit für mich, diesem Alptraum zu entkommen. Es spielte keine Rolle mehr, wo ich war oder welcher Weg nach Hause führte. Dieses Zuhause existierte nicht mehr, war nicht mehr dasselbe, nicht mehr was es einst gewesen war. Und so rannte ich, erreichte diese Straße, die mir noch unbekannter schien als der nicht enden wollende Wald, und stoppte. Ich hatte keinen Augenblick mit dem Gedanken gespielt, als sich ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit näherte. Meine Füße machten die nötigen Schritte von allein, sie wussten was zu tun war, wussten es besser als ich. Sie führten mich auf den harten Asphalt, dorthin, wo es sein Ende mit mir nehmen würde. Ich sah das Auto, spürte sein brachiales Tempo und breitete meine Arme aus, um es zu empfangen. Um den Tod zu empfangen wie einen alten Freund, als kannte ich ihn besser als mich selbst. Ich hoffte, es würde mich hart genug treffen. Ich hoffte, es würde schlimm werden und schrecklich blutig. Nur so konnte es mich befreien von all der Schande, nur so konnte es mir mein übernatürliches Leben nehmen als Preis für meinen Fehler. Für meine Unfähigkeit und Dummheit. Als ich meine Augen schloss, nachdem ich mich versicherte, dass der Fahrer keinerlei Chance zum Ausweichen oder gar Reagieren hatte, schien endlose Stille einzutreten. Was ich hörte war mein Puls, der meinen Kopf zu sprengen drohte. Niemals hatte ich ihn so stark wahrgenommen. Als ahnte er, was kommen würde, als wüsste er, was schlimmer war als der Tod.

Lautes Hupen zerstörte die Illusion des Moments, und nicht nur das. Ich wurde mitgerissen, durch die Luft geschleudert und zu Boden geworfen. Hart, ohne jedes Zögern, ohne ein Zwinkern. Mein Rücken traf auf weichen Waldboden, meine Hände fanden den Untergrund und ich war nicht fähig, sie auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ihre Kraft war gewaltig und nahm mir jede Luft zum Atmen. Als sie mich mit ihrem gesamten Gewicht am Boden festhielt, verfluchte ich die Zeit wie auch die Schwerkraft, weil sie mich am Ende doch im Stich gelassen hatten. Unsere Blicke trafen sich, doch die ihren waren so unnachgiebig und eisern, dass ich dem nicht lange standhalten konnte. Mir blieb keine Wahl, als mich zu ergeben, sie würde ja doch gewinnen. Lautstarkes Quietschen ließ uns jedoch beide aufhorchen und zur Straße hinauf starren. Wir beide wussten, dass dort gerade mehrere Fahrzeuge zum Stehen gekommen waren und es womöglich nur noch Sekunden dauerte, bis einer der Fahrer nachsehen würde, ob seine Annahme, dass er beinahe jemanden überfahren hätte, richtig wäre. Es blieb keine Zeit um zu verschwinden, wir saßen fest. Aber wen interessierte das schon? Was spielte es für eine Rolle, ob man uns entdeckte?

„Wenn die Welt gerecht wäre…", fing ich an, einem urplötzlichen Verlangen zu sprechen folgend, doch sie brachte mich mit einem Zischen zum Schweigen.

„Sei still!", fauchte sie, einer wilden Raubkatze gleich, die ihre Beute um jeden Preis zu verteidigen bereit war, und quetschte meine Handgelenke, während ihre Augen die Kante des Abhanges absuchten. Und tatsächlich, jemand tauchte zwischen den Bäumen auf, neugierig und vorsichtig und wohl besonders misstrauisch. Wir beide schwiegen, doch dabei blieb es nicht lange. Der Mann, offenbar sicher, dass hier irgendetwas gewesen war, zückte seine Waffe. Ein Gewehr und noch dazu geladen. Er hob es an seine Wange, als wollte er zielen und schießen, doch passierte nichts. Jess, deren Atem hektisch war, verspannte sich auf mir und fixierte den Fremden, der uns trotz der rötlichen Farbe ihres Oberteils und sehr zu meiner Verwunderung nicht zu entdecken schien. Und das, obwohl er alles war, das ich im Moment brauchte. Hielt er uns auch nur für ein Tier, schoss er vielleicht. Er mochte ein Jäger sein oder nicht, das war egal. Wenn er abdrückte und traf, war alles vorbei. Ich musste es versuchen. Jess war zu abgelenkt von etwas, das ich nicht benennen konnte, und deshalb war es mir ein leichtes, meine Hand doch ein Stück zu bewegen. Und dann drückte ich zu, presste sie an den Boden und zerbrach einen Ast, dessen Knacksen laut genug war, um Aufmerksamkeit zu erregen. Jess' Kopf fuhr herum, der Mann schwenkte sein Gewehr. Bevor ich entscheiden konnte, was bedrohlicher auf mich wirkte, ertönte ein Schuss. Ich schloss vor Überraschung die Augen, öffnete sie jedoch bei dem reizenden Kribbeln, das ich auf meinen Fingerkuppen spürte. Die Situation hatte sich nicht verändert. Jess hockte auf mir, hatte sich jedoch abgewendet. Der Fremde drehte sich um. Er ging, ging, obwohl ich lebte! Konnte er denn nicht zielen, geschweige denn treffen? Warum war ich zu solchem Pech verdammt, dass jemand, der eindeutig dazu in der Lage gewesen wäre, weil er aus heiterem Himmel eine Waffe besaß, auch noch ein schlechter Schütze war? Oder hatte er uns vielleicht doch nicht sehen können? Hatte Jess nicht schon genug angerichtet, dass sie nun auch noch irgendeine Gabe dazu benutzte, mich am Leben zu erhalten? Dieses Leben brachte nicht mehr als Schmerz und Scham. Und das Gefühl, dass sie mich einfach nicht loswerden wollte.

„Bist du vollkommen verrückt geworden? Ich bin kein Arzt! Wie hätte ich eine Kugel aus deinem Körper holen sollen? Du hast verdammtes Glück, dass ich schnell reagiert habe. Wie hast du dir das vorgestellt?"

Sie fluchte ohne Luft zu holen und schien nicht einmal daran zu denken, mich loszulassen. Während sich die Fahrzeuge oben in Bewegung setzten und die Ruhe an diesen trostlosen Ort zurückkehrte, ließ ich ihre Worte an mir vorbeirauschen.

„Hörst du mir überhaupt zu?", fragte sie entgeistert und schüttelte mich: „Ich tue das alles nur für dich. Verstehst du? Nur für dich!" Sie erhob sich, nachdem ihr klar geworden sein musste, dass es keinen Sinn ergab, mich anzusprechen. Es würde nie wieder Sinn ergeben, was auch immer von jetzt an geschah änderte nichts. Es brachte einfach nichts. Und irgendwann würde sie das verstehen. Vielleicht, wenn es zu spät war. Sie konnte nicht immer an meiner Seite sein. Sie konnte mich nicht kontrollieren, nicht anketten wie einen Hund. Und das würde ihr sicher bald klar werden.

„Und jetzt steh auf, bevor noch jemandem einfällt, auf uns zu schießen."