15. Das sollte meine Eintrittskarte zu einem neuen Leben sein… - Ach, guck mal, ein Mülleimer! – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Jess schien so viel besser als ich. Sie scheiterte nicht. Nicht so wie ich. Nicht einmal so sinnfreien Dingen, wie es mein Leben war, konnte ich ein Ende setzen. Ich lebte und sie hatte dafür gesorgt – gegen meinen Willen, gegen jeden Sinn. Jess hatte mich zu einem mir unbekannten Ort gebracht, einer Hütte mitten im Wald. Doch dort konnte ich nicht bleiben. Ich floh, und meine Füße führten mich auf harten Asphalt, dorthin, wo es sein Ende mit mir nehmen würde. Ich hoffte, das Auto würde mich hart genug treffen. Doch die Illusion des Moments wurde zerstört, und ich weggerissen. Jess hatte mich erneut gerettet, und dabei blieb es nicht. Der Fahrer, dessen Wagen gestoppt hatte, wollte wohl nach dem Rechten sehen und zückte seine Waffe. Wenn er abdrückte und traf, war alles vorbei. Ich musste es versuchen, brachte einen Ast zum Brechen und plötzlich ertönte ein Schuss. Doch die Situation hatte sich nicht verändert. Der Fremde ging, obwohl ich lebte und ließ mich zurück mit all dem Schmerz und all der Schande.
Es war schon eine Ewigkeit her, dass Jess zur Tür gegangen war. Man hatte geklopft, obwohl sie behauptete, dass niemand diesen Ort kannte. Sie erzählte mir, ihre Schwester lebte hier und bevor sie zu mir gekommen war, hatten sie beide hier eine Weile zusammen verbracht. Was davor war, darüber schwieg sie. Aber ich würde nicht fragen, sonst glaubte sie womöglich noch, ich wäre interessiert. Stattdessen brauchte ich nur einen neuen Plan, der wesentlich vorbereiteter und auch einfacher war. Trüb starrte ich auf das Schränkchen gegenüber des Bettes, eines der wenigen in der gesamten Hütte. Ich wusste nicht, wovon sie beide hier gelebt hatten oder woher Jess das Essen nahm, das sie mir immer wieder aufs Neue anbot, wobei ihr jedoch bewusst sein musste, dass ich es sowieso ablehnte. Wozu essen, wenn doch alles verloren war? Ich war allein. Ich wusste weder wie es weitergehen sollte, noch ob es das überhaupt sollte. Ich wollte darüber nachdenken, aber ich wusste nicht worüber eigentlich. Das alles war nur eine einzige Endlosschleife, die weder Beginn noch Ende kannte. Mein Blick blieb am kleinen Fenster über dem Schränkchen hängen, das mich mehr verlockte als jeder dieser Gedanken, da drang ein Gespräch an meine Ohren.
„Das wird nicht notwendig sein."
„Würdest du es gern selbst sagen?", fragte Sam, den ich ganz sicher nicht hier gebrauchen konnte: „Es wird nicht einfach werden, ich übernehme das." Seine Schritte stoppten so nah, dass ich mich augenblicklich von der wohl einzigen Fluchtmöglichkeit abwandte. Jess teilte meine Meinung.
„Es ist schon jetzt nicht einfach. Ich mache das."
Sie klang ernster, als es nötig war. Zumindest glaubte ich das, bis Leah mich vom Gegenteil überzeugte: „Er sagt das nicht, weil er helfen will, sondern weil er glaubt, dass du es ihm nicht sagen wirst."
„Oh, glaub mir, Leah, ich kenne Sam gut genug um das zu wissen. Aber keine Sorge, ich werde es sicher nicht für mich behalten. Wenn es jemand erfahren sollte, dann er."
Es folgte eine Pause, in welcher irgendetwas passierte, das ich allerdings nicht mitbekam. Alle schwiegen und starrten sich womöglich nur an, nichts weiter, dennoch glaubte ich, jemand hatte die Luft angezündet. Oder die Stille. Oder beides.
„Du kennst mich nicht, Mädchen. Du solltest dir wünschen, dass es auch niemals so weit kommt."
Seine übliche machtdemonstrative Haltung, nichts besonderes. Trotzdem machte es mich wütend, dass er ihr gegenüber so redete, und damit war ich nicht allein: „Geht jetzt, ich glaube nicht, dass euer Besuch gut wäre."
„Du schirmst ihn von uns ab, ja? Du versteckst ihn?", Sam knurrte mit diesem tiefen, befehlenden Ton: „Dadurch machst du alles nur noch schlimmer. Du hast keine Ahnung davon, was gut für ihn ist!" Leah stellte sich zwischen die beiden, zumindest hörte es sich so an.
„Allerdings weiß ich, dass dein Verhalten niemanden von uns weiterbringt. Leah, tut mir leid. Du kannst später noch einmal vorbeisehen, wenn du willst.", wechselte Jess ihre Stimmfarbe von rot nach weiß. Klar, licht, keinen Widerspruch zulassend. Das bemerkte auch Leah: „Ich vertraue dir. Machs gut."
Die Tür schloss sich knarrend und wieder herrschte Stille. Es dauerte eine Weile, bis Jess sich bewegte und wieder zurückkam. Als sie ins Zimmer trat, sahen wir einander an. Sie wusste, dass ich mitgehört hatte und dass da etwas war, das sie mir besser sofort sagte. Dennoch machte sie Anstalten, genau das nicht zu tun.
„Was wollte er?", fragte ich ruhiger als erwartet, was jedoch nur zu meinem Vorteil sein konnte. Sie schwieg, ihr Blick sank zu Boden, bevor sie sich zu mir auf das Bett setzte.
„Nur zu, sag es, ich will es hören."
Sie zögerte: „Sam hat mit den Ärzten gesprochen, die…ihn untersucht haben. Sie haben ihn mitgenommen und Sam hat sie begleitet. Er hat auch alles geklärt mit – na ja, mit der Bestattung und so weiter, du weißt schon." Natürlich wusste ich das, aber nein, ich wollte es nicht wissen. Das war meine Aufgabe, doch ich fühlte mich so gar nicht in der Lage dazu.
„Ich habe nicht das Gefühl, dass du damit zurecht kommst. Du hast noch nicht mit mir darüber gesprochen und ich dachte, dass es besser wäre, wenn wir das tun könnten. Ich erwarte nicht, dass du alles genau erzählst, aber wenn da etwas ist, worüber du nachdenken musst, dann… Vielleicht können wir später –"
„Hast du mich denn nicht verstanden?", herrschte ich sie an, wobei mir beinahe die Stimme versagte. Sie sollte reden, verdammt! Nicht ich, ich konnte dazu nichts mehr sagen. Es gab dafür einfach keine Worte, wann würde ihr das klar werden?
„Sie meinten, er wäre einfach eingeschlafen. Als wäre…weißt du, als wäre die Zeit für ihn gekommen."
Sie sagte das so ohne Regung, während in mir alles durcheinander geriet. Seine…Zeit? Gekommen? Ich sprang auf, so viel Wut war in mir, die plötzlich freigesetzt schien: „Seine Zeit war noch lange nicht gekommen! Wie kannst du das glauben? Wie können die das sagen? Die müssen es doch wissen, er war doch noch nicht…" Er war alt, keine Frage. Aber nicht zu alt, nicht alt genug, das konnte…einfach nicht sein. Ich würde das nicht glauben. Diese Leute hatten gelogen, es gab keinen Zweifel. Sie wollten was vertuschen. Die hatten doch keine Ahnung! Rastlos fuhren meine Hände durch meine Haare, rieben in meinen Augen, als könnten sie dadurch eine neue Art zu sehen erwecken. Als könnte sich mein böser Traum in Luft auflösen, schwere feuchte Luft, die jeden Atem nahm.
„Ich weiß nicht mehr als das. Es tut mir leid."
Ich ertrug ihr Flüstern nicht, ihre Ruhe, diese elende Gelassenheit! Dass sie sich damit abgefunden hatte, als wäre es das Leichteste auf der Welt. Ich versuchte, dem keine Beachtung zu schenken, zu sehr beschäftigte mich eine andere Tatsache: „Aber wenn er…warum hat es nicht geholfen? Warum konnte ich ihn nicht retten? Ich habe alles versucht, alles, aber…" Es war eine Lüge. Irgendjemand hatte gelogen, das war die einzige Möglichkeit.
„Du warst sehr durcheinander, Jake. Du wusstest nicht genau, was du tust, du –"
„Bitte was?"
Ich sah sie an, als könnte mein Blick diese Worte durchbohren und zerstören. Auflösen, als hätten sie nicht existiert. Doch nun brannten sie sich in meinen Kopf.
„Ich wusste nicht, was ich tue?", fuhr ich fort, nicht weniger ungehalten: „Ich hab ihn wiederbelebt, die ganze Zeit, ich hab nicht aufgehört, keine Sekunde, hörst du? Ich hab alles getan! Einfach alles und trotzdem…trotzdem konnte ich ihn nicht retten. Soll das etwa gerecht sein? Soll es das sein, ja?" Ich hatte mich ihr zugewandt, hatte ihr meine Erschütterung gezeigt, die Entrüstung über alles, doch sie blieb genauso sitzen wie zuvor. Wie machte sie das? Wie schaffte sie das?
„Ich sag dir, was Sache ist, diese Schweine haben gelogen! Sam hat gelogen, irgendwer, aber das – ich akzeptiere das nicht. Ganz einfach, ich werde das nicht annehmen. Es ist nicht die Wahrheit und wir beide wissen das."
Meine Beine wurden ganz schwer, mein Kopf schmerzte und ich wollte nichts mehr als mich irgendwo verstecken. Vielleicht unter der Bettdecke, wie ich es früher oft getan hatte. Ich würde warten, bis Dad kam und sie anhob und mich davon überzeugte, dass der Weltuntergang noch lange nicht gekommen war und dass ich nicht ewig hier bleiben könne.
„Oder?", bat ich um ihre Bestätigung, um irgendetwas das mir zeigte, dass sie auf meiner Seite war: „Ist es nicht so?" Ich drehte mich weg, da legte sie ihre Hand auf meine Schulter. Vor Überraschung lösten sich Tränen aus meinen Augen, rollten über meine Wange und hinterließen tiefe Narben auf ihrem Weg. Sie durfte das nicht sehen, nicht diese Schwäche, meine Angst und meine Trauer. War es das? Ich hatte Hass in mir und Sorge und auch die ewige Schuld, dass ich ihn nicht hatte retten können. Da war so vieles, dass ich nicht einmal wusste, was davon mein Geheimnis bleiben musste. Aber es war zu spät.
„Die Welt ist nicht gerecht, Jake, das war sie nie."
Sie nahm mich in ihre Arme, die im Moment alles waren, das ich hatte. Und das Gefühl, dass sie immer hier sein würde, weil es nun einmal so war. Weil sie unsterblich war. Ich ließ es zu, weil ich keine Kraft hatte, mich dagegen zu wehren. Vielleicht auch, weil ich es genauso sehr wollte wie ich es brauchte.
„Scht…", flüsterte sie, als ich meinen Kopf in ihre Halsbeuge sinken ließ und die Augen schloss, als würde das irgendetwas daran ändern können, dass mein Vater tot war. Sie legte ihre Hand in meinen Nacken, rieb beruhigend über meine Haut, während ich die ihre mit salzigem heißem Wasser besudelte. Ich hatte sie angeschrien, hatte sie behandelt wie ich es nicht tun sollte und trotzdem war sie hier. Ich hatte versucht mich umzubringen und sie dabei in Gefahr gebracht und dennoch…sie war hier. Aber sie konnte nicht verhindern, dass es zu spät für mich war, dass es keinen Ausweg gab. Das würde sie verstehen müssen, früher oder später.
Als ich mich von ihr löste, sah ich nur durch graue Schwaden. Ich fühlte mich schlecht, weil ich schwach vor ihr war.
„Versprichst du mir, dass wir darüber sprechen?", fragte sie und strich mit den Fingern über meine Wange im Versuch, sie zu trocknen. Ich nickte, bevor ich es verhindern konnte.
„Und dass du dich in nächster Zeit etwas zurücknimmst, was gewisse Dinge betrifft? Ich kann, will und werde nicht dabei zusehen wie du versuchst, dir das Leben zu nehmen. Nur, weil jemand gegangen ist heißt das nicht, dass du ihm folgen musst."
Ich wollte etwas sagen, aber sie unterbrach mich mit einem einzigen Blick. Seufzend gab ich nach, wenn auch für den Moment.
„Es gibt keine Schuld, die du zu begleichen hättest. Du hast alles getan, was du konntest, und das glaube ich dir. Und ich bin so stolz auf dich, dass du dazu in der Lage warst, denn ich…ich wäre es vermutlich nicht gewesen. Du hast sofort gehandelt und das ist gut so. Ich möchte, dass du dir das vor Augen führst, bevor du das nächste Mal über das Ende nachdenkst.", sagte sie mit dieser unfassbaren Überzeugungskraft, die jedoch nichts bewirkte, nicht diesmal: „…vielleicht tust du das ja genau jetzt. Aber weißt du, du bist nicht der einzige, dem Billy wirklich am Herzen lag. Er war vielleicht ein sehr großer Teil von dir, aber das kann er auch jetzt noch sein. Wir alle haben ihn verloren und müssen damit umgehen, das passiert leider. Es ist der Lauf der Zeit, der sie alle von uns nimmt, die Menschen, die wir lieben. Weil sie sterblich sind, weil es der Tod so will… Das Leben ist der Tribut für die verdiente ewige Ruhe. Es ist alles, das wir geben können und schließlich auch irgendwann müssen."
Noch niemals hatte ich sie so offen über den Verlust sprechen hören. Vor einigen Augenblicken noch hatte ihre Miene nicht den Hauch einer Emotion preisgegeben und nun zeigte sie mir das komplette Gegenteil. Ob sie das nur für mich tat? Ob sie das nur sagte, weil sie mir helfen wollte? Vielleicht war es eine Lüge, nur ein dummer Kalenderspruch. Aber es half, dass meine Tränen versiegten. Und es weckte etwas in mir, das ich länger ignoriert hatte als gut für mich war.
„Danke.", sagte ich leise und schnell und ärgerte mich, dass es nicht mein darauf folgendes Magenknurren verdeckte. Jess lächelte schief, dann ließ sie mich urplötzlich los.
„Möchtest du vielleicht doch eine Kleinigkeit essen? Ich hole dir etwas."
Ich zwang mir ein Heben der Mundwinkel auf, das nicht lange anhielt und sah ihr nach, als sie das Zimmer verließ. Und dann fragte ich mich, wohin diese zarten Hände gegangen waren, die es vermochten, das Gefühl der Einsamkeit zu vertreiben. Und sei es nur für einen kurzen, ja, sehr kurzen Moment.
