16. Ich schaffte es nicht mal, aufrecht zu stehen! Und jetzt sollte ich mich auch noch an die schönsten Tage mit meinem Vater erinnern? – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Jess hatte behauptet, dass niemand diese Hütte kannte, in welcher sie und Jenny hier lebten, bevor wir uns kannten. Dennoch klopfte es, und Sam und Leah verlangten ein Gespräch mit mir. Jess schickte sie fort, doch ich wollte wissen, was so wichtig gewesen war, dass ich es hatte erfahren sollen. Sam hatte wohl mit den Ärzten gesprochen, die meinen Vater untersuchten. Sie sagten, er sei einfach eingeschlafen, wie es eben der Fall wäre, wenn jemandes Zeit gekommen ist – doch das konnte ich nicht glauben. Irgendwer musste gelogen haben, dessen war ich mir sicher. Jess hingegen versuchte dennoch mich davon zu überzeugen, dass ich mit ihr über das sprach, was in mir vorging.
Dröhnende Kopfschmerzen. Das Letzte, woran ich mich erinnern konnte, und das Erste, womit ich aufwachte. Der Raum war dunkel und leer, meine Erinnerungen an den vorherigen Tag verschwammen. Ich wünschte, die Erinnerung an alles würde verschwinden. Einfach…einfach aufhören da zu sein. Hier, in meinem Kopf, in meinen Gedanken, unabänderlich. Die Frage nach dem weshalb. Warum. Warum jetzt? Warum überhaupt. Warum er? Und ich? Aber noch viel schlimmer war, dass ich nicht glauben konnte, dass es stimmte, all das. Das Wissen, dass er weg war, urplötzlich. Der Tod schien mir so feststehend, endlich. War das verständlich? Vor allem war es unerträglich. Ich dachte, ich könnte es beenden, schnell und schmerzlos. Trotzdem war ich noch hier, weil man mich daran hinderte zu gehen, einen Ausweg zu finden, eine eigene Lösung für dieses überlebensgroße Problem. Gab es sie überhaupt?
„Guten Morgen."
Ich zuckte zusammen, sah auf und bemerkte Jess an der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Sie saß am Boden, als hätte sie dort schon eine ganze Weile verbracht. Vielleicht eine ganze Nacht. Sie war verrückt, kein Zweifel. Glaubte sie, ich würde mich mit der Bettdecke ersticken?
„Das Wetter ist schön, heute. Ich dachte, du hättest Lust auf einen Spaziergang.", sagte sie, während ich meinen Kopf zurück in die Kissen sinken ließ. Ich fühlte mich elend, was sollten ein paar Sonnenstrahlen schon daran ändern? Ohne zu antworten, schloss ich die Augen und hoffte, dass sie aufgab. Ich wünschte mir, dass sie einfach aufstand und ging und mich allein ließ. Vielleicht konnte ich noch einmal einschlafen und das Denken so daran hindern, mich in den Wahnsinn zu treiben. Tatsächlich erhob sie sich, aber die Tür blieb verschlossen. Keine Sekunde später öffneten sich ruckartig die Vorhänge des kleinen Fensters über dem Schränkchen gegenüber. Starke, gleißende Helligkeit platzte ins Zimmer und traf mich wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Schnell zog ich die Decke höher, versuchte dem angebrochenen Tag zu entgehen, der mir sagen wollte, dass das Leben weiterging - denn das tat es nicht. Nicht in jedem Fall, nicht für mich. Und ganz sicher nicht für Dad.
„Ich werde nicht dabei zusehen, Jacob. Steh auf, bevor ich dich dazu drängen muss und glaub mir, dass du das nicht erleben willst."
Was für ein mieser Versuch, mich zu irgendetwas zu bewegen, das sowieso zum Scheitern verurteilt war. Ich brauchte keine Warnung, keinen Zwang und keine klare Ansage. Die hatte ich schon, hatte sie mit eigenen Augen gesehen. Mein Vater war tot. Gestorben in meinen Armen. Vielleicht sogar durch meine Hand. Jess schien das nicht zu interessieren: „Ich habe die nette und die böse Variante versucht. Sagst du mir jetzt, was es braucht, um dich zurück in dieses Leben zu holen?" Nichts. Gar nichts. Wie auch, wenn ich abgehakt hatte, was da draußen war? Es war die Anstrengung einfach nicht wert.
Mit einem Schlag zog sie die Decke von mir weg. Ihre Hände legten sich um mein Gesicht und sofort sah ich sie an. Jess hatte sich direkt über mich gebeugt, blickte mit einer Mischung aus Sorge und Resignation auf mich herab: „Nach gestern dachte ich, wir wären einen Schritt weiter gekommen." Waren wir nicht. Alles Reden brachte nichts, Worte mochten nicht stumm sein, doch konnten sie keine Taten vollbringen.
Sie streichelte mich, obwohl ich es nicht wollte, schließlich nahm sie meine Hand und zog mich mit sich, als hätte sie den eben beendeten Gedanken gehört.
Die Klippen wirkten schneebedeckt und schimmerten silbern; wo die Sonne nur knapp über dem Meer stand, wurde das Wasser in unzählige Gelbtöne getaucht. Alles war so hell, das man die Augen nur schwer offen halten und ausschließlich unter dauerhaftem Blinzeln etwas erkennen konnte. Als Jess den mir unbekannten und alten Ford F150 am Wegrand parkte, war die Landschaft menschenleer. Sie wollte mir offensichtlich zeigen, dass es mehr gab zwischen Himmel und Erde, als Leben und Tod. Es erinnerte mich an die Handlung von banalen Liebesfilmen, die ähnlich immer wieder verfilmt wurden und dennoch die Massen begeisterten. Für einen Moment dachte ich darüber nach, ob sie wirklich glaubte, dass es so auch bei mir funktionierte.
„Was soll ich hier?", fragte ich in der Erwartung einer Antwort, die mich überzeugte, dass meine Vermutung falsch war. Sie grinste: „Einen Spaziergang machen, mit mir. Also komm her, wir gehen zum Strand."
Es konnte in den gesamten Vereinigten Staaten unmöglich einen Strand geben, der hässlicher war als dieser hier. Urlauber mochten Sand und Wärme und klares Wasser, aber nichts davon würde man hier finden – gut, beim Wasser war ich mir nicht ganz sicher. Aber zweifellos schreckte die Temperatur sofort jeden ab, der tatsächlich mutig genug war, es zu versuchen.
Jess bestand darauf, dass wir ganz nah am Ufer gingen und ich folgte ihr wortlos.
„Du hast mir versprochen, dass du mir alles sagst, was in deinem Kopf vorgeht. Es ist besser, wenn wir darüber reden, glaub mir."
Vielleicht bestand sie aus Neugier darauf, vielleicht glaubte sie wirklich, dass es ein guter Weg war, damit umzugehen. Egal was es war, es interessierte mich nicht.
„Ich meine, warum verhältst du dich so? Jeder andere Mensch trauert. Oder weint. Ich gebe zu, dass ich nicht viel darüber weiß, wie sich Trauer anfühlt, aber ich glaube, ich habe eine vage Vorstellung davon.", fuhr sie unbeirrt fort, wie ein kleines Kind, das nicht verstand, wann es den Mund zu halten hatte: „Vielleicht würdest du es mir erklären? Ich habe viele Leute sterben gesehen, nun, ich bin auch schon etwas älter als du."
„Ich bin kein Mensch, Jess. Und du genauso wenig."
Ich wollte mich nicht darauf einlassen, das wollte ich wirklich nicht.
„Heißt das, dass wir kein Recht darauf haben zu weinen? Verlust kann jeden treffen, aber treffen heißt nicht töten."
Sie redete wirklich wie ein Mädchen, das glaubte, die Welt bestünde aus Zucker, Spaß und Spiel. Nur war das hier kein Spiel und sie sollte wesentlich besser wissen als ich, dass manche Dinge einfach nicht zu ändern waren: „Es tötet mich nicht, das übernehme ich schon selbst." Sie blieb stehen, ich einige Schritte weiter vorn.
„Hast du das gerade wirklich gesagt?", fragte sie trocken und ungläubig. Ich lief weiter und beschloss, es dabei zu belassen. Nur schien sie das anders zu sehen.
„Kannst du dich an gestern erinnern? Nein, andere Frage. Kannst du es etwa nicht? Ich dachte, dein idiotischer Wunsch ist aus einer Kurzschlussreaktion erstanden. Wer denkt das nicht, wenn jemand geht. Aber – zum Teufel! – Billy war nicht mehr der Jüngste, es stand fest, dass er irgendwann gehen müsste! Begreifst du denn nicht, dass das nun mal passiert? Dass es weitergeht, auch so?"
„Ja, nur ist nicht jeder Schuld am Tod seines eigenen Vaters. Wer ist jetzt der Idiot?"
Wieder blieb sie stehen, überholte mich dann plötzlich und stand vor mir. Ihre Hand lag auf meiner Brust und hinderte mich am Weitergehen: „Du hast keine Schuld, wann wirst du das verstehen? Idiot." Aufgrund der Sonne konnte ich den Blick nicht heben, aber vielleicht war es auch besser so. Ich wollte sie zur Seite schieben.
„Beweis' es mir, Jess. Ach, das kannst du nicht? Gut, dann hat sich das Gespräch wohl erledigt. Ich werde nicht glauben, dass er eingeschlafen ist, ich bleibe dabei.", sagte ich mit Nachdruck und hoffte, sie würde mich ziehen lassen. Eine vergebliche Hoffnung.
„Gut, ich gebe dir deine Beweise.", erklärte sie und überraschte mich mehr, als ich es überhaupt für möglich gehalten hätte: „Ich werde die Ärzte aufsuchen, ich spreche mit ihnen und ich lasse eine Untersuchung anordnen. Ich werde alles dafür tun, dass du die Wahrheit erfährst. Reicht dir das?" Sie machte mich sprachlos, immer wieder. Sie war…unglaublich. Das Leben, von dem sie mir begreiflich machen wollte, dass es gut war und lebendig, es war in ihr. Und es beeindruckte mich wirklich.
„Ich will dabei sein."
„Nein.", widersprach sie.
„Lass mich dabei sein und ich überlege mir die Sache."
Sie zögerte und ich witterte eine Chance, sie über den Tisch zu ziehen. Wie und womit, das wusste ich nicht. Sie kam näher: „Unter einer Bedingung: Ich nehme dich mit, wenn wir reden, offen und ehrlich. Du erzählst mir alles, ist das klar? Sobald ich das Gefühl habe, dass du mir etwas verheimlicht hast, hat sich das für dich erledigt. Deal?" Ich sah auf ihre Hand, die sie mir hin hielt. Das würde mich meinen Stolz kosten und meine Stärke, vielleicht auch einen Teil meiner Autorität als ihr Alpha. Aber um ehrlich zu sein…war es das wert. Ich schlug ein: „Deal." Einen Moment lächelten wir beide, keine Sekunde später kam sie zur Sache.
„Und jetzt rede."
Sie ging weiter und ich tat es ihr gleich, unsicher, was sie von mir hören wollte.
„Was soll ich sagen?"
„Warum glaubst du, dass du schuldig bist?"
Das war eine dumme Frage. Ich ohrfeigte mich innerlich dafür, nachgegeben zu haben. Sie bekam, was sie wollte. Und ich musste es ihr geben: „Weil ich es falsch gemacht habe. Irgendwas daran muss falsch gewesen sein. Er ist nicht eingeschlafen, sonst hätte ich ihn retten können."
„Du meinst die Beatmung und das alles?"
Ich nickte, obwohl sie wegsah.
„Du hast es dennoch versucht.", beschwichtigte sie, aber es verfehlte seine Wirkung.
„Was bringt das, wenn ich es nicht richtig mache? Ich hab ihn alleingelassen, die ganze Zeit über. Ich war nicht da, es hätte immer passieren können und das, ohne dass ich ihn noch einmal…gesehen hätte…"
Ich wurde immer leiser, als mir klar wurde, was das für mich bedeutet hätte. Konnte die Welt enden, wenn das schon passiert war?
Um mich am Stehenbleiben zu hindern, nahm Jess meine Hand. Sie verschränkte unsere Finger, hielt mich nah bei sich und gab mir das Gefühl, dass das alles war, worüber ich mich sorgen sollte.
„Es stimmt, dass du vorher falsch gehandelt hast. Ich meine…auch mir gegenüber. Aber das ist egal, ich habe es dir vergeben, schon in dem Augenblick, als es passiert ist, glaube ich.", lenkte sie mich ab, obwohl es nicht von allzu langer Dauer sein würde: „Deshalb hab ich wohl auch entschieden, zu dir nach Hause zu gehen. Erst wollte ich mich nur beruhigen, aber als mir klar wurde, dass Billy allein war, wollte ich helfen. Ich hatte nicht geglaubt, dass du so lange weg bleiben würdest." Ich schämte mich zutiefst und es war richtig so, ich sollte diesen Fehler einsehen.
„Ich auch nicht."
„Das war die Prägung, du kannst nichts dafür."
Vielleicht stimmte das, vielleicht auch nicht.
„Es kann nicht die Entschuldigung für alles sein.", sagte ich und wusste, dass es nun einmal so war. Weder Nessie noch ich waren schuld daran. Es wurde eben so entschieden. Aber es lag an mir, ob ich damit umgehen konnte oder nicht. Es war dennoch mein Leben und ich musste es selbst in die Hand nehmen, egal was mich dabei beeinflusste. Ich hatte der Prägung viel zu große Macht zugesprochen, indem ich ihr nachgab. Ich tat das so oft, weil ich glaubte, dass es eben so sein musste.
„Ich hab ihr noch nichts gesagt."
„Renesmee? Es muss ja nicht sofort sein, das verlangt auch niemand. Aber sie könnte zur Beerdigung kommen."
„Nein.", unterbrach ich sie. Jess sah mich verwundert an: „Wieso? Sie sollten es erfahren." Ich durfte mich nicht darauf einlassen, durfte nicht einmal an sie denken, wenn es um meinen Vater ging. Denn das war wesentlich wichtiger als irgendeine Art von Prägung oder Liebe oder wie auch immer ich das nennen sollte.
„Er…er hätte das nicht gewollt. Also, dass sie zur Beerdigung kommt."
„Oh…natürlich. Ja, da hast du recht. Dann ist es besser so."
Wir hatten bereits eine weite Strecke zurückgelegt, die Sonne stand fast im Zenit und strahlte, als wollte sie zeigen, dass nichts und niemand je heller sein könnte. Es schien mir offensichtlich, dass es so war. Wem also wollte sie es beweisen?
„Es tut mir leid, dass ich dich in Gefahr gebracht habe.", offenbarte ich, weil ich es nicht länger ertrug: „Es war falsch, dieser Autounfall… Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe."
„Vermutlich gar nichts."
Sie lächelte, was mir unmöglich schien in Anbetracht der Situation. Warum machte sie das? Warum scherzte sie? Ich fand keine Antwort, würde wohl auch nie eine darauf finden. Kurzerhand sah ich darüber hinweg: „Ich hätte es mir nicht verziehen, wenn du dabei verletzt worden wärst. Ich hab nur keine andere Möglichkeit gesehen…das wirst du nicht verstehen, aber ich dachte, es wäre dann schnell vorbei."
„Du bist übernatürlich, Jake, es bedarf also etwas mehr als einen Unfall oder eine kleine Kugel. Mich hättest du selbst im Ernstfall nicht damit verletzen können, aber dich selbst schon. Ich…ich will dich jetzt damit nicht…beleidigen…", sie zögerte und wechselte schon wieder ihre Stimmung, was mich sehr verwirrte, da sie so viel auf einmal sein konnte: „Aber ich halte diese Art, mit dem Tod einer geliebten Person umzugehen, für…für unwahrscheinlich feige. Du gehst dem aus dem Weg, du lässt es gar nicht an dich ran, ich meine…was ist mit dem Schmerz? Fühlst du Schmerz? Oder was ist das da in deinem Herzen, das dich dazu bringt, nichts als das Ende zu sehen?" Tatsächlich war da ein schwarzer Abgrund vor mir, dunkel und dennoch anziehend. Er verlockte mich, interessierte mich. Er…
„Ich weiß nicht, was ich fühle."
