17. Welcher Trottel hatte diese verfluchte Sprosse aus der Leiter gesägt? Er schuldet mir ein Leben. Und einen Vater. – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Nachdem Jess im Krankenhaus einen Rettungsassistenten ausfindig gemacht hatte, der meinen Vater untersuchte, machten wir uns auf den Weg zu ihm. Ich hatte noch einen Deal einzulösen und wollte sicher gehen, dass niemand die eigentliche Todesursache verschwieg. Doch Dr Gale bestärkte nur Sams Worte, dass Billy eingeschlafen sei – und erklärte, es sei nicht ungewöhnlich, da er nicht an einer angebrachten Chemotherapie teilnahm. Mein Vater hatte Krebs, entschied sich aber gegen eine Operation und Medikamente. Er wollte gehen und wusste, dass es so kommen würde…und ich hatte ihn allein gelassen in seinen letzten Tagen. Als Jess den Arzt darauf ansprach, woher er von den Wiederbelebungsmaßnahmen wusste, erklärte der nur, es sei dadurch zu einem Rippenbruch und infolge dessen dazu gekommen, dass die linke Herzkammer durchbohrt wurde – und ich trug Schuld daran. Ich war ein Mörder. Der Mörder meines eigenen todkranken, wehrlosen Vaters. Gab es denn überhaupt noch irgendetwas, das nicht im Grunde mein Vergehen war? Ich wollte die Wahrheit und bekam dafür nur einen weiteren Schlag mitten ins Gesicht. Trost suchte ich im Alkohol, wo ich ihn jedoch nicht fand. Stattdessen drang ein Gespräch an meine tauben Ohren, doch es erreichte nur mein Gehör, nicht meinen Kopf. Ich wollte, dass das aufhörte. Dass alle gingen und die schöne Ruhe zurückkehrte…
„Was für ein Deal?"
Ich mochte sie nicht…diese Stimme. Etwas sagte mir, dass ich an ihrer Stelle sein sollte. Dennoch prostete ich dem bekannten Unbekannten zu, schließlich sollte hier niemand zu kurz kommen. Ich ging in Frieden, nicht Entfremdung. Aber die Sorge in ihrer Stimme klang so sehr danach, dass ich mich unwohl fühlte: „Er sollte mit mir über alles reden und im Gegenzug würde ich in Erfahrung bringen, was wirklich mit seinem Vater war. Aber als ich den Name des Arztes hatte, wollte er unbedingt mitkommen. Ich sah keinen anderen Weg. Was hätte ich tun sollen?" Ich schloss die Augen, verschloss sie vor den Problemen, die mein Gehen mit sich brachte. Ich konnte es nicht jedem recht machen, so einfach war das. Damit würde ich mich abfinden müssen – aber wenn das alles war, so könnte ich es akzeptieren. Ein weiterer Schluck und ich stieß auf, doch da war nur Luft. Ich musste mich übergeben, aber nichts passierte, als ich mich über den Teppich beugte. Da kniete ich, kaum mehr bei Sinnen und wollte nichts als kotzen. Es war ein Augenblick, in welchem ich mir unglaublich erbärmlich vorkam… Das unter mir war meines Vaters liebstes Stück in diesem ganzen Haus. Schwankend erhob ich mich, konnte kaum gehen und schaffte es trotzdem zur Tür und in den Flur. Die Toilette war mein Ziel, aber ich verfehlte es. Der Grund dafür? Sein Gesicht. Seine Stimme. Seine Hände an einem Ort, an dem sie nicht hätten sein dürfen.
„Emm-bry?", faselte ich und sah vor Wut unerwartet scharf. Sein Anblick stach mir in den Augen, weil er sich aneignete, was nur mir gehören durfte.
„Jake!"
Sie war erschrocken, als wäre ihr die Situation peinlich. Einem hingegen schien sie nicht im Geringsten in irgendeiner Art und Weise unangenehm: „Jacob, du…"
„Moment mal", unterbrach sie ihn, schob ihn weg wie jemanden, der geschützt werden musste, und kam auf mich zu: „…was hast du – ist das Alkohol?" Ich ließ die Flasche fallen, fühlte mich ertappt. Aber sie war hier und es…es war gut. Mir gefielen ihre Augen und ihr Geruch. Wie hatte ich glauben können, dass es in Ordnung wäre, sie zurückzulassen? Da es keine Option war, sie mitzunehmen, würde ich wohl oder übel meine Pläne über den Haufen werfen. …nur mischte er sich ein, berührte sie, obwohl er das nicht durfte. Ich fühlte unbeschreibliche Aggression, da waren Zittern und Rage und unerträgliche Hitze. Und dennoch wagte er es, sie von mir weg zu ziehen und das Wort zu ergreifen: „Lass mich das machen, er –"
Sie hatte mir eine schallende Ohrfeige gegeben.
Sofort wurde meine Wange warm, schwoll an, doch es war in Ordnung. Denn sie ergriff meine Hand, erklärte, sie musste das mit mir allein klären, und führte mich in den Raum, aus welchem ich geflohen war. Brachte mich zurück zu den Dämonen, die dort auf mich warteten und denen ich unmöglich wieder begegnen konnte. Ich wollte es ihr sagen, mich umdrehen – aber es war zu spät. Sie sah die leeren Flaschen, den Fleck auf dem Boden und das Loch in meiner Brust. Und ihr Zögern machte es mir nur schwerer, trotz alledem vor ihr zu stehen. Unsere Blicke begegneten sich: „Du...Lügner!" Ich dachte, sie würde mich noch einmal schlagen, aber so war es nicht. Sie wollte es, keine Frage.
„Du hattest gesagt, dass du nie wieder solchen Mist abziehst, Jake! Das war gestern. Gestern, verdammte Scheiße!", schrie sie ungehalten und ich glaubte, ihr Zorn würde mich zu Boden drücken. Sie war so stark und ich…ich so schwach; sie beeindruckte mich. Als ich tatsächlich fiel, folgte sie mir und nahm meinen Kopf, der nicht länger auf meinem Hals stehen bleiben wollte. Meine Augenlieder zuckten merkwürdig und ich konnte sie kaum mehr sehen.
„Du – du machst dich kaputt, verstehst du das nicht? Ich versuche…ich will dir doch nur helfen, Jake, ich… Mach das nicht wieder. Hör mit diesem verfluchten Dreck auf, sofort. Ist das klar? Hast du das kapiert?"
Ihr Gerede verschwamm, wurde eins mit der Dunkelheit, bis ich es nicht mehr hören konnte. Ich fragte mich, ob sie nun gegangen war, da legte sich eine zarte Hand auf meine schweißnasse Stirn.
Ich wich ihren Augen aus, als sie im Gang erschien. Der Stift lag tonnenschwer in meiner Hand und ließ sich keinen Zentimeter bewegen. Sie kam zu mir, obwohl ich es nicht wollte, weil ich ihr nicht begegnen konnte. Sie tat alles für mich, so war es nun einmal und ich…schmiss es weg. Nichts davon konnte ich ihr zurückgeben, denn ich war…so unfähig. Alles, woran ich denken konnte war Embry, diese Situation mit ihm. Ob er gekommen war, um für sie da zu sein, weil ich dazu nicht in der Lage war? Ich glaubte, mich an seine Hände erinnern zu können, die sie berührt hatten. Und da war sie wieder, diese…diese unfassbare Wut. Jetzt konnte ich sie kontrollieren, aber verstehen dennoch nicht.
„Was ist los?", fragte Jess und hockte sich neben dem niedrigen Couchtisch auf den Boden. Sie betrachtete den leeren Zettel lange und eindringlich, bis sie zu verstehen schien, dass doch keine versteckten Buchstaben darauf zu finden waren. Ich beschloss, es zu gestehen: „Mir ist nichts eingefallen." Sie starrte mich an, so unverhohlen und fremd. Ich erwartete ein Urteil, eine Strafe…
„Das glaube ich nicht."
Was? Nicht mehr? Ich ließ meine zum Schutz erhobenen Hände sinken, bevor sie mich noch lächerlicher wirken ließen, als ich sowieso schon war.
„Hast du gehört? Ich glaube nicht, dass es so ist. Er war dein Vater und er hat dir sehr viel bedeutet. Es gibt sicher Dinge, die du gern über ihn sagen würdest. Oder etwas, das du ihm persönlich sagen willst."
Vielleicht hatte sie Recht, nur konnte ich mich nicht darauf konzentrieren. Sie wirkte schöner in diesem nachmittäglichen Licht der Sonne, das könnte niemand je bestreiten. Sie musste es wissen: „Ich kann…es nicht in Worte fassen. Ich sehe nur – nur…" Ich konnte es nicht, wieder scheiterte ich.
„Du wirst es wohl oder übel müssen, Jake. Ich kann dir das nicht abnehmen. Denk nur in Ruhe darüber nach, ich bin sicher –", sie hielt inne, als ich den Blick senkte. Sie kam an meine Seite, wo sie hin gehörte.
„Bist du sicher, dass das alles ist?"
Ich wollte, dass sie mich in den Arm nahm, wie sie es schon zweimal getan hatte. Mir war nicht klar, ob das helfen würde, aber sicher konnte es mich…beflügeln. Mit jedem Mal war es mir besser ergangen, sie wirkte wie eine Art Wunderheilmittel.
„Es tut mir leid.", flüsterte ich, nachdem ihre Augen mich zum Sprechen gezwungen hatten: „Und das meine ich ernst."
„Sag nicht, dass das die ersten wahren Worte aus deinem Mund sind, die ich seit einer langen Zeit höre."
Sie streichelte meine Wange, aber es war nicht genug. Ich wiegte den Stift in meiner Hand: „So lang war es nun auch nicht." Als ich ein Schnauben vernahm, traute ich meinen Ohren nicht und suchte ihr hübsches Gesicht, um mich dessen zu vergewissern. Ihre Hand verschwand, wich kalter Luft.
„Glaub mir, es kam mir unfassbar lange vor. Zu lang, um ehrlich zu sein…"
Sie wollte aufstehen und gehen, weshalb ich versuchte, das zu verhindern: „Warum war er hier?" Dass es um Embry ging, musste nicht ausgesprochen werden. Ich erlangte auch so ihre Aufmerksamkeit und erntete einen argwöhnischen Ausdruck.
„Er hat dich berührt."
Ich sagte das, ohne es wirklich zu wollen. Ich wusste nicht, was sie davon hielt, dass ich so dachte. Und ehrlich zu sein, wusste ich das selbst nicht. Sie hob die Schultern: „Er hat mir zugehört." Und ich hörte ihr nicht zu? Ja, ich hatte eigene Probleme, aber das spielte dabei keine Rolle. Sie sollte mit mir reden.
„Und dabei hat er dich berührt.", sagte ich noch einmal, weil sie mich nicht zu verstehen schien. Etwas, das auch ihr darauf folgender Blick aussagte.
„Ist das etwas, das er nicht darf? Weißt du, Jake, manchmal verstehe ich dich ganz und gar nicht. Ich weiß, warum du dich umbringen wolltest und warum du weggelaufen bist. Ich weiß auch, warum du getrunken hast. Aber dass es dir missfällt, dass Embry mir hilft, so wie ich dir helfe?"
Darauf hatte ich keine Antwort. Ich sah zu Boden, um es ihr verständlich zu machen und sie bemerkte es schneller als erwartet. Auf das, was nun folgte, war ich nicht gefasst. Sie nahm meine Hand: „Pass auf…ich weiß, dass es nicht vieles gibt, das so schmerzhaft ist wie der Verlust einer geliebten Person. Du hast deinen Vater verloren und es tut mir so unendlich leid. Vielleicht warst du noch nicht bereit dafür und das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass du in einer Welt umgeben von übernatürlichen und unsterblichen Wesen lebst. Dass jemand stirbt, ist selten. Und dass es dann ein Elternteil ist…kommt leider vor. Du hast deine Mutter verloren und nun deinen Vater und ich kann dir nicht dabei helfen, sie zurückzuholen. Ich kann sie auch nicht ersetzen, aber ich kann dir sagen, dass ich dir in allem beistehe. Und dass du nicht der Einzige bist, der sie verloren hat, denn wir alle fühlen Schmerz. Ich meine…ich habe selbst auch meine Eltern verloren. Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben, also habe ich sie niemals kennengelernt. Ich kann mich – nicht einmal an ihr Gesicht kann ich mich erinnern. Aber ich hatte schon immer das Gefühl, dass sie mir etwas hinterlassen hat. Sie hat mir mein Leben geschenkt, so wie es dein Vater bei dir auch irgendwann tat. Und sie hat mir Kraft geschenkt und eine Schwester. Auch Billy hat dir etwas da gelassen, das dich an ihn erinnert und das noch wesentlich länger hier sein wird, als er es selbst sein konnte. Du hast zwei Schwestern und du hast…ein Haus und viele Freunde und Bekannte. …aber noch viel wichtiger ist, dass du eine ganze Menge Erinnerungen an ihn hast. So viel mehr, als ich mir jemals vorstellen könnte und mit Sicherheit fast nur schöne Erinnerungen. Dinge, die da in deinem Kopf sind und in deinem Herzen, die niemals – niemals, hörst du? – gehen werden. Nicht, bevor du gehst. Und ich hoffe, dass das für eine ganze Weile nicht passiert, okay? …ich kann dir nicht sagen, wie du mit alldem umzugehen hast, ich kann dir nur dabei helfen. Aber willst du meine ehrliche Meinung hören? Wenn da etwas ist, das dein Vater für dich zurückgelassen hat, dann ist es die Chance, ihm Auf Wiedersehen zu sagen. Die Möglichkeit, all diese schönen Erinnerungen mit den Menschen zu teilen, die ihn ebenfalls vermissen. Du kannst ihnen zeigen, was für ein wunderbarer Mensch er war und wie viel er dir bedeutet hat, nicht nur als Vater. Nicht jeder kann das, nicht jedem bleibt die Wahl es zu tun. Aber wenn du aufgibst und auf dem Weg dahin entscheidest, dass du es nicht erträgst… Ich schätze, ich muss es akzeptieren. Ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich dich davon abgehalten habe zu gehen, wenn das wirklich dein Wunsch ist. Weißt du…ich dachte nur, dass du diese Chance wahrnehmen willst. Und dass du das Geschenk, das er dir gab, nutzt und das Leben, das du von ihm bekommen hast, lebst. Dass du ihm auf diese Weise nicht nur deinen Respekt, sondern auch deine Liebe zeigen kannst. Und dass sein Tod zwar schmerzhaft war, du aber durch seine Hilfe darüber hinwegsehen konntest. Dass er dir geholfen hat, obwohl er dir so viel Trauer und Angst und Schmerz bereitet hat. Ich glaube, dass ihm das gefallen würde. Denn mir…würde es auch gefallen." Als unsere Augen sich trafen und ich in die endlose Sonne vor mir sah, glaubte ich, ihn zu sehen. Da, direkt vor mir. In diesem Mädchen, das so schön und stark war und dem ich mehr zu verdanken hatte, als ich jemals zurückzahlen könnte. Ich durfte nicht so tun, als hätte es ihn nicht gegeben. Ich durfte nicht aufgeben, was er für mich getan hatte und auch sie… Wie groß dieses Geschenk war, erkannte ich erst in diesem Augenblick, der nicht länger als einen Wimpernschlag anhielt. Denn es saß hier vor mir und bereitete mir mehr Freude, als ich gerade vertragen konnte. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass es wirklich so war. Dass diese Lücke, die Dad geschaffen hatte, nur da war, um gefüllt zu werden. Und das nicht von irgendwem.
