19. Es gibt Leute, die Probleme haben. Und dann gibt es Leute, die nichts als Probleme haben. …was für eine Schnapsidee zu glauben, beides würde sich gegenseitig ausschließen… - TEIL 2


Was zuvor geschah…

Das mit dem Wegfahren zur nächstbesten Stadt, um neue Möbel für Jess' zukünftiges Zimmer zu kaufen, hatte schneller geklappt als erwartet. Und so waren wir bereits damit beschäftigt, die Wände zu streichen, als sie mich darauf ansprach, ob ich nicht wieder arbeiten wollte. Tatsächlich brauchte ich Geld, aber nachdem ich die einzige Arbeit, die mir gefiel, verloren hatte, wusste ich nicht weiter. Sie versprach jedoch, ebenfalls Ausschau für mich zu halten. Nach einem morgendlichen Termin zur Testamentsverlesung meines Vaters brachte mich Jess gegen meinen Willen zur Werkstatt von Ryans Vater – derjenige, der mir gekündigt hatte. Sie zwang mich mehr oder weniger dazu, um meinen ja schon verlorenen Job zu kämpfen: mit Erfolg, aber auch einem Problem. Im Gegenzug für meine Wiedereinstellung verlangte Ryan ein Date mit Jess. …und entgegen aller Erwartungen reagierte sie so entspannt darauf, dass es wohl nur noch eine Frage der Zeit war, bis ich meinen neuen alten Job wieder aufnehmen konnte.


Abgesehen davon, dass der Tag schon genug Wendungen genommen hatte, denen ich unvorbereitet entgegentreten musste, erging es mir im Großen und Ganzen doch recht gut. Jess hatte mich dazu überredet, noch einen Ausflug ins Grüne zu machen, um – wie sie es nannte – ‚meine letzte freie Zeit' zu genießen. Wir hatten uns darüber unterhalten, dass ich noch niemals darüber nachgedacht hatte, wie mein Leben hätte anders verlaufen könnten. Durch die Wahl eines Berufs, beispielsweise. Oder durch…meine Mutter. Tatsächlich sprach ich so viel von ihr, wie schon sehr lange nicht mehr. Ich erzählte Jess, dass ich mich zwar kaum an sie erinnerte, aber dennoch schon einige Male geglaubt hatte, ich würde sie in Träumen vor mir sehen. Dad hatte alle Bilder aus der Wohnung verbannt, nachdem sie gestorben war. Und obwohl ich seit geraumer Zeit gewusst hatte, wo sie sich nun befanden, war ich nie auf die Idee gekommen, sie mir anzusehen. Jess überredete mich, es jetzt doch zu tun und tatsächlich gefiel es mir. Sie war diejenige, die den Karton unter Billys Bett hervorholte, da ich keinen Blick riskieren wollte. Wir entdeckten alte Fotos von Mom und Dad, von uns als Familie und meinen beiden Schwestern. Spätere Aufnahmen existierten nicht, Billy musste das mit den Bildern wohl aufgegeben haben….nach ihrem Tod. Es war, als hätte es ein ‚Danach' niemals gegeben. Vielleicht auch, weil er für immer in dem Glauben verbleiben wollte, dass diese schöne Welt der Realität entsprach.

„Und du?", fragte ich sie, nachdem wir genug über mich gesprochen hatten: „Was ist mit deiner Familie?" Jess wirkte überrascht und ich glaubte fast, einen wunden Punkt getroffen zu haben, doch sie winkte nur ab.

„Du weißt doch bereits alles darüber. Ich kenne sie nicht besser als du, Jake."

Sie lächelte, obwohl ihr nicht danach zumute zu sein schien. Vielleicht war auch das der Grund, weshalb ich ihr nicht so ganz Glauben schenken konnte. War es ihr egal oder gab es keine Möglichkeit, mehr darüber herauszufinden?

„Und du belässt es dabei?"

Sie zuckte mit den Schultern: „Viele sagen, dass es schrecklich sein muss, aber…was, wenn es besser so ist? Du kennst mich inzwischen etwas. Ich bin kein Engel und ich glaube nicht, dass es sich mit den Menschen, die mich ins Leben gebracht haben, anders verhält." Sie dachte nicht nur von sich so. Es war das erste Mal, dass ich bemerkte, dass sie an allem zweifelte, das mit ihr zu tun hatte. Natürlich, ich erinnerte mich an das, was sie mir erzählt hatte. Nachdem wir uns kennenlernten gestand sie, dass sie in einer Armee gekämpft hatte. Und getötet. Und dass sie sich nicht kontrollieren konnte. Bisher hatte ich von all dem herzlich wenig mitbekommen und vielleicht war das auch gut so. Aber wenn sie diese Seite lediglich vor mir versteckte, konnte ich das sicherlich nicht gutheißen. Jedenfalls war mir schon einmal aufgefallen, dass sie von sich selbst nicht allzu viel hielt. Nur betraf es wohl auch ihre Eltern – weil sie diejenigen waren, die sie zu der Person machten, die sie nun war?

„Wenn du sie nicht kennst, kannst du es nicht wissen."

„Es ist nicht so, als ob ich mich nicht dafür interessieren würde. Ich habe gesucht, aber eben nie gefunden.", antwortete sie und stand auf. Laut eigener Aussage war ihre Mutter tot. Und ihr Vater ein Vampir. Was, wenn er am Leben war? Als sie sagte, dass sie gern zurück wolle, um mit dem Renovieren anzufangen, war ich mir beinahe sicher, dass sie etwas verschwieg. Doch ich beschloss, sie später noch einmal darauf anzusprechen.

Auf dem Rückweg kam mir dann ein weiterer Gedanke, den ich jedoch nicht für mich behalten konnte. Weil sie noch immer ein großes Rätsel für mich darstellte, hatte ich an fast nichts anderes mehr gedacht, seit wir dieses Thema angeschnitten hatten. Und dabei war mir eingefallen, dass mir Billy einmal gesagt hatte, er würde sie kennen und wissen, dass sie im Begriff war, mich zu treffen, nachdem ich mit der Suche nach ihr begonnen hatte. Ich verfluchte, dass ich mich auch hieran kaum mehr erinnern konnte.

„Jess, weißt du, damals –", fing ich an, doch sie unterbrach mich mit scharfem Ton: „Nicht jetzt, Jacob, okay? Ich möchte nicht darüber reden, ich dachte, wir haben das abgehakt?" Es beschäftigte sie wesentlich mehr, als sie zugeben wollte. Ihre ständige Wut kam mir in den Sinn und ich wusste nicht, ob ich wirklich weiterreden sollte. Meine Neugier überwog schlussendlich aber doch.

„Ich wollte dir nicht…zu nahe treten, tut mir leid. Aber eigentlich habe ich eine ganz andere Frage, die ich dir gern stellen würde."

Sie zögerte und ihre Finger zuckten nervös am Lenkrad, dennoch ließ sie mich sprechen.

„Damals hat Billy gewusst, dass du her kommen würdest. Hast du ihn gekannt?"

„Ja."

Sie schien erleichtert, doch ihre Antwort war so kurz, dass es mich erneut ins Grübeln brachte. Wieso dachte ich sofort, sie hätte mir etwas zu verheimlichen? Und weshalb kam es mir so vor, als wüsste sie, dass es so war?

„Ich habe doch gesagt, dass ich den Cullens schon einmal begegnet bin. Und auch Billy. Aber das ist schon Ewigkeiten her und es war auch nur für ein paar Tage.", erklärte sie schnell: „Ich sehe eben ab und an nach, ob zuhause alles okay ist." Das genügte mir nicht. Sie war schon einmal hier gewesen? War eine Ewigkeit länger her als meine Geburt? Es schien fast so. Als ich fragen wollte, wie lange es genau her war, erreichten wir gerade das Haus. In Anbetracht dessen, dass ihre Laune schon angekratzt war und ich ihr beim Renovieren helfen wollte, hielt ich es für schlauer, es vorerst dabei zu belassen.

Sie stieg aus: „Ein andermal, ja? Ich verstehe, dass dich das interessiert, aber im Moment hätte ich furchtbar gern ein eigenes bequemes Bett, also lass uns das schnell erledigen." Ich nickte und obwohl es schon Abend war, war ich zuversichtlich, dass wir das Streichen noch heute erledigen konnten. Das mit dem Bett würde sicher noch nichts werden, aber sie schlief sowieso in meinem Zimmer. Ob sie es nun wollte oder nicht.


„Ist das da gerade der dritte Pinsel, den du zerbrochen hast? Ich kann nicht glauben, dass du Autos schneller reparieren als kaputt machen kannst.", beschwerte sich Jess und lachte mich zu allem Übel auch noch aus. Ich stieg mit ein, jedoch erst nachdem ich meinen halben Pinsel nach ihr geworfen und erfolgreich Flecken auf ihrem Arm hinterlassen hatte. Zwar fürchtete ich mich vor ihrer Rache, aber die fiel dann doch recht mickrig aus: mit einem farbigen Handabdruck im Gesicht. Schallendes Gelächter flutete den Raum, der erst zur Hälfte in einen milden Grünton getaucht war. Wir waren so beschäftigt damit, die Farbe anderweitig zu verteilen, dass wir das Klopfen beinahe überhört hätten. Beinahe. Im Nachhinein betrachtet wäre es besser gewesen, Jess hätte ein furchtbar nervtötendes, aber auch umso lauteres Lachen.

Mit einem übertrieben geschluchzten ‚Jake!' fiel mir Renesmee in die Arme und drückte ihren Kopf inklusive roten Haaren an mein Gesicht, sodass mir das Atmen um einiges schwerer fiel. Der unfassbar penetrante Gestank nach Vampir drängte sich dennoch in meine Lunge und ließ mich zurücktaumeln, sodass ich sie mit mir nach drinnen zog. Ja, stell' dir vor, Renesmee gibt's auch noch!

„Es tut mir leid, Jake, so leid… Wenn ich nur gewusst hätte! Wenn irgendjemand –", ihre Stimme brach beinahe: „Ich habe es eben erst erfahren, es ist alles so schrecklich!" Ich war so überrumpelt, dass ich nicht antworten konnte. Die nicht vorhandenen Worte blieben mir quer im Hals stecken. Es konnte nur eines sein, das sie so aus der Fassung brachte. Sie wusste davon? Nein, woher wusste sie es überhaupt? Ich hatte es ihr nicht gesagt. Aber im wesentlichen blieb nur eine Frage übrig: Warum wusste sie es nicht von mir? Ich konnte keine Antwort darauf finden.

„Es wird alles in Ordnung kommen, Jake, glaub mir… du weißt doch, ich bin immer für dich da. Du weißt das, ja?"

Sie entfernte sich von mir, um mein Gesicht mit ihren Händen zu umfassen. Ihre so schönen, braunen Augen waren voller Tränen: „Wie…wie geht es dir?" Ohne zu wissen, wie, stammelte ich etwas vor mich hin. Doch statt sich zu beruhigen, schien sie nur noch aufgewühlter, nahm mich noch einmal in die Arme und ließ mich schließlich los. Ihre Hände lagen in meinen. Normalerweise half mir das, wieder ruhig zu atmen, doch im Augenblick machte es alles schlimmer.

Ich fühlte mich schuldig und auch wieder nicht, wollte sie hier, aber auch wieder nicht. Ich wusste nicht, was mich dazu bewogen hatte, sie aus meinem Leben auszuschließen zu einer Zeit, in der ich sie eigentlich gebraucht hätte. Auch war mir nicht bewusst, weshalb ich sie selbst jetzt noch nicht zu brauchen schien. Stattdessen hatte ich Angst davor, dass es kompliziert wurde, wenn sie mich mit meinem Rückzug konfrontierte. Sie klammerte, sie tat es immer und sonst war es mir nie eine Last gewesen. Jetzt konnte ich mir nichts vorstellen, das belastender wäre.

„Wo – wo warst du all die Zeit? Du hättest es mir sagen müssen. Oh, es tut mir so leid, dass ich nicht für dich da war! Ich sollte es wissen, ich sollte nach dir sehen! Aber ich war so wütend, weil du einfach gegangen bist, dass ich dachte… Bitte, vergib mir, Jake!"

Sie sprach und sprach, doch sie schien mich nicht zu verstehen. Sie hörte nur sich selbst, sie hörte nicht auf mich. Konnte sie mich überhaupt hören? Ich wusste, dass es jemand konnte.

„Renesmee."

Sie hob den Kopf und blickte an mir vorbei, urplötzlich erstarrt. Ich sah mich nach Jess um, die halb im Flur stand und unnahbar wirkte. Beide waren sich schon einmal begegnet, dennoch musterten sie sich wie Fremde. Allerdings kam dieses Wiedersehen ganz und gar nicht gut an – auf beiden Seiten. Ich wurde in mein Zimmer befördert, ohne dabei ein Wörtchen mitreden zu dürfen. Jess machte unfreiwillig Platz, doch sie schwieg vorerst.

„Ist das dein Ernst?", fauchte Nessie leise, obwohl es nichts bringen würde: „War sie etwa hier, als es – die ganze Zeit über?" Zu meiner eigenen Überraschung fand ich meine Sprache wieder, allerdings zu spät, um ihr etwas entgegen zu setzen.

„Ich kann nicht fassen, dass sie hier war. Ich…ich wäre immer gekommen. Nur ein Wort, Jacob, ein einziges Wort von dir und ich wäre sofort gekommen! Ich wäre bei dir gewesen, aber anscheinend…"

„Ich…konnte nicht klar denken.", erwiderte ich, doch es verfehlte seine Wirkung. Auf ganzer Linie.

„Du konntest nicht…? Das kann jetzt nicht deine Ausrede sein, oder? Du…ein Anruf. Ein einziger Anruf, vielleicht nur ein Wort und ich wäre – verdammt, Jacob!"

Was dachte sie, was ich gemacht hatte? Urlaub? Ich hatte meinen Vater sterben sehen! Und das erste, woran ich dabei wohl dachte, war sie? Ich wurde wütend, bevor ich es verhindern konnte: „Ich war am Boden! Ich wusste nicht, was ich tun sollte, verstehst du das nicht? Kannst du dich nicht mal in meine Lage versetzen?" Dass ich nicht darauf bedacht war, dass mich niemand hören konnte, musste sie wohl derart erschreckt haben, dass sie Abstand von mir nahm.

„Ach, und sie konntest du anrufen, oder was? Ich dachte, wir würden uns vertrauen…. Wir sind zusammen, Jacob, ich dachte… Was ist nur los mit dir? Ich bin deine Freundin!", schluchzte sie, wobei ich nicht entscheiden konnte, ob ihre Tränen von vorhin stammten oder neu hinzugekommen waren.

„Aber er war mein Vater!"

Renesmee hielt den Atem an und trat noch einmal weiter zurück. Sie schüttelte den Kopf, wollte etwas sagen und tat es dann doch nicht. Meine Schuldgefühle wuchsen noch weiter an, auch wenn das kaum mehr möglich war und ich den Grund dafür nicht erschließen konnte. Glaubte sie, sie würde über allem stehen? Das war ganz und gar nicht ihre Art. Konnte sie diese Situation einfach nur nicht aus meiner Sicht nachempfinden?

„Sie hat mich gefunden, nichts weiter.", rechtfertigte ich Jess' Anwesenheit, aber es schien nicht genug.

„Ach, da war sie also auch schon da, ja? Und wann komme ich? Wann bin ich mal eingeplant in deinem Leben? Wahrscheinlich wärst du erst zu mir gekommen, wenn du sie satt hast und –"

„Sie gehört zur Familie! Nur deshalb ist sie noch immer hier. Sie hat keinen Ort, an den sie sonst gehen kann."

Meine Unterbrechung war sanfter als erwartet, nur sah Renesmee das etwas anders. Sie erklärte, dass es genug Plätze bei anderen Brüdern gäbe und ich mich nicht um sie kümmern müsste, dabei war es genau anders herum. Und vielleicht konterte ich auch aus diesem Grund ganz anders als geplant: „Im Gegensatz zu dir ist sie gekommen. Sie brauchte keinen Anruf." Nicht einmal ein Wort.


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