20. Der Floh – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Nachdem ich Renesmee auf plumpe Art und Weise vorgeworfen hatte, dass Jess im Gegensatz zu ihr keinen Aufruf dazu brauchte, mich aufzusuchen, um mir nach Billys Tod beizustehen, zog sie sich enttäuscht zurück. Zwar wusste ich nicht, wie ich erklären sollte, dass mein Mund schneller war als mein Kopf, doch Jess brachte mich dazu, ihr dennoch nachzulaufen. Sie gab mir keine Chance, sie einzuholen, weswegen ich ihr bis nach Hause folgte und sie dort um Verzeihung bat. Ich wollte nicht, dass unsere Beziehung scheiterte, weil wir beide nur auf unser eigenes Leid bedacht waren. Und tatsächlich erfüllte sich meine heimliche Hoffnung und Jess Vorhersage, dass Nessie mir sofort vergeben würde. Sie wollte sogar, dass ich ihr alles erzählte, wirkte aber immer wieder etwas unbeholfen auf mich. Nur der Floh, den Jess mir ins Ohr gesetzt hatte, dass Nessie schließlich noch immer ein Kind war, wollte einfach nicht verschwinden. Auch ihr daraufhin geäußerter Wunsch, dass ich mit ihr zu einem Schulball ging und wir dort gemeinsam tanzten, bestärkte das nur noch. Aber als sie mich zum Abschied küsste, wurde mir klar, dass es keine Rolle spielte, wer wir waren oder was wir eigentlich tun sollten. Dann interessierte mich nicht, ob sie erst sieben oder gar ein Halbvampir war. Sie war meine Renesmee, Punkt.


Als ich zurückkehrte, war es zu spät, um noch mit dem Renovieren zu beginnen. Ich stellte mich also darauf ein, dass Jess es mir übel nahm, dass ich sie warten ließ. Tatsächlich schien ihr das wohl vollkommen egal zu sein.

Ich betrat das Haus und wurde mir unvermittelt bewusst, dass sie nicht allein war. Wie, konnte ich nicht genau sagen, denn sowohl Geruch als auch Stimme schienen gleichzeitig auf mich einzuwirken – und das nicht im positiven Sinne.

„…das ist jetzt sehr lange her."

„Wo warst du die ganze Zeit über?", fragte Embry, während ich mich beim Lauschen erwischte. Normalerweise war ich jemand, der ignorierte oder wenigstens persönlich teilnahm. Diesmal wusste ich aus irgendeinem Grund, dass beides nicht möglich war.

„Hier und da, niemals lange an einem Ort. Ich habe auch meine Heimat besucht, ja, aber immer nur für einen Tag. Mir war bewusst, dass es nicht einfach werden würde, wieder Teil des Stammes zu sein. Aber bei meiner Geschichte und meinem Wesen…ist das wohl kein Wunder."

„Du glaubst, man wird dich nicht akzeptieren? Das ist Schwachsinn und das weißt du. Sam ist schwierig, ja, aber er wird sich einkriegen und irgendwann wird er dir auch vertrauen, weil wir es tun. Du bist nicht so schlecht, wie du glaubst, Jess, ganz und gar nicht. Und dass du viel durchgemacht hast bedeutet nicht, dass du deswegen anders zu uns stehst. Es heißt nur, dass du auch nur ein Mensch bist, wie jeder hier. Dass du Probleme hattest und es dir schlecht ging, aber dass du es überstehen konntest. Und jetzt bist du hier, baust dir das Leben auf, das du immer haben wolltest, und kannst bei deiner Familie sein. Du solltest die Vergangenheit hinter dir lassen."

Ich hatte das Gefühl, mein Ohr verwuchs mit der Holztür zu ihrem neuen Zimmer, gegen dass es sich drängte. Es musste pures Glück sein, dass mich niemand zu bemerken schien, doch in Anbetracht dessen, dass das Gespräch schlagartig lauter und aufgebrachter wurde, konnte es wohl kaum mehr als geheim gelten: „Das ist nicht so einfach, Embry! Ich kann nicht vergessen, wer ich war, weil ich mich daran erinnern muss, dass ich so niemals wieder werden darf. Ich habe das Misstrauen verdient, du brauchst nicht zu sagen, dass es nicht so wäre. Ich brauche keine Lügen, keine Schönrederei. Ich will nicht, dass Sam mir vertraut, weil er euch vertraut."

Embry seufzte, wie er es selten tat. Normalerweise lachte er, oft und gern und viel zu ansteckend.

„Du bist zu kritisch mit dir selbst.", urteilte er, wobei ich ihm ausnahmsweise zustimmen musste.

„Und du zu wenig."

Es folgte Schweigen. Ich glaubte, mein verdammter Herzschlag könnte die Tür aus dem Rahmen sprengen. Ob es Glück war, dass er es nicht tat, vermochte ich nach den folgenden Worten nicht zu sagen.

„Du kannst jetzt reinkommen, Jacob, bevor Embry dir beim Gehen noch aus Versehen die Tür gegen den Kopf schlägt.", erklärte sie, woraufhin ich mit einem vorsichtigen Lächeln eintrat: „Sehen wir uns später, Embry?" Sie lächelte warm und er ebenfalls, und als er ihre Hand drückte, war irgendetwas falsch daran. Vielleicht, weil ich erwartet hatte, dass sie wütend sein würde, weil ich sie belauschte, aber weder Jess noch Embry schienen sich daran zu stören. Nur machte mich gerade das merkwürdig wütend.

Sie verabschiedete ihn und er ging ohne jedes weitere Wort. Ich begann, mich zu fragen, was sie beide wohl hier gemacht haben konnten. Renoviert hatten sie ja offenbar nicht.

„Wie war es bei Renesmee?", fragte sie mich direkt und ohne Umschweife: „Habt ihr das klären können?" Sie blieb sitzen, aber ich weigerte mich, Embrys Platz dort auf dem Bett einzunehmen.

„Alles in Ordnung. Wir treffen uns morgen."

„Oh, und wie hat sie es aufgenommen? Deine Entschuldigung? Es hat sehr lange gedauert, ich gehe davon aus, dass sie nicht so leicht zu beschwichtigen war?"

Ich wollte nicht darüber reden, nicht jetzt und nicht mit ihr. Ich wollte nicht, dass sie sagte, dass sie wohl recht behalten hatte. Nicht, weil sie es belächeln würde, sondern weil ich es nicht zugeben wollte…nein, konnte: „Sie hat es irgendwann verstanden. Und danach haben wir getanzt."

„Getanzt?"

„Für einen Schulball, nichts weiter.", winkte ich ab und verließ das Zimmer, um einen Moment durchzuatmen. Nur folgte sie mir wider Erwarten.

„Du wirst zu einem Schulball gehen mit den ganzen jungen Kerlen und Lehrern und…Eltern und alles?"

Sie sagte nicht, dass es nicht richtig war oder dass es ihr missfiel, aber ich konnte durchaus aus dieser Frage und der Art, wie sie sie stellte, ableiten, dass es so war. Nichts, das ich nicht selbst wüsste, aber ich konnte mir schlecht aussuchen, wen ich liebte. Und ich hatte eine Schuld zu begleichen. Nessie hatte ihre Eigenarten, wenn es darum ging, etwas wieder gutzumachen, aber tatsächlich war ich der Meinung, dass es mich schlimmer hätte erwischen können.

„Es ist ein Tanz, nichts weiter. Und da spielt es keine Rolle, wie alt sie ist oder sonstwer."

„Du wirst unangenehm auffallen, aber gut, ich werde dir nicht dabei reinreden." Das hast du schon getan.

Sie wollte beinahe gehen, als sie doch noch ein Wort darüber verlor: „Ich prahle nicht damit, Recht behalten zu haben. Aber vielleicht sollte ich damit anfangen, wenn ich sehe, dass du es dir partout nicht eingestehen willst." Jess ließ mich allein, um mir Zeit zu geben, mich in Ruhe schwarz zu ärgern. Ich wusste, dass sie mich kannte, nur wusste ich anscheinend nicht, wie gut. Viel schlimmer war lediglich, dass es umgekehrt nicht genauso war. Ganz im Gegenteil, Embry schien mir da um einiges voraus.

Tatsächlich hatte ich mich gegen jeden guten Menschenverstand dazu entschieden, am nächsten Tag wie geplant noch einmal mit Nessie das Tanzen zu üben. Und nicht nur das. Ich begleitete sie zu diesem Ball, der ihr so viel zu bedeuten schien, wie ich es nie begreifen könnte. Und das, ohne mich dabei um Kopf und Kragen zu reden oder ein schlechtes Gewissen zu haben, weil nun wirklich jeder jünger war als ich und es ein schlechtes Licht auf so ziemlich alles werfen würde, das mit Nessie oder den Cullens oder mir zu tun hatte. Ich wollte zeigen, dass ich an ihrer Seite war, egal, was kommen mochte. Und ich wollte meine Liebe zeigen, die zu stark war, als dass sie dadurch beeinträchtigt werden könnte. Ja, ich liebte Renesmee Carlie Cullen. Und das würde ich immer tun.

„Jake?"

Ich drehte mich um und erstarrte bei dem Anblick meiner kleinen Nessie, wie sie die Treppe herunter kam. Es überraschte mich ebenso sehr wie in dem Moment, als ich es zum ersten Mal gesehen hatte. Sie wirkte in diesem hübschen Dunkelrot nicht nur erwachsen, ganz sicher war sie es auch.

„Du bist so wunderschön.", flüsterte ich und küsste sie, als sie den Treppenabsatz erreicht hatte. Ich hob sie an der Taille hoch und wirbelte sie einmal durch die Luft, wobei ihr Lachen an meinem Ohr erfüllender klang als jedes Versprechen.

Edward bestand darauf, seine Tochter höchstpersönlich und direkt vor die Haustür zu kutschieren, also blieb mir nichts anderes übrig, als ihn damit durchkommen zu lassen. Schließlich würde ich den restlichen Abend über ganz allein mit Nessie verbringen. Nun gut, allein mehr oder weniger. Ich würde ausschließlich Augen für sie haben, die anderen konnte ich also auch ausblenden. Dass der Schulball – offensichtlich die wichtigste Veranstaltung für so ziemlich jedes Mädchen, das sehen oder gesehen werden wollte – so ganz und gar nicht meiner Vorstellung von einem schönen und gemeinsamen Abend entsprach, konnte ja keiner ahnen. Jedenfalls fühlte ich mich bereits merkwürdig beklommen, als wir die große und festlich geschmückte Halle betraten. Eine Sekunde vorher, draußen an der frischen Luft, war noch alles in Ordnung gewesen. Einen Schritt weiter glaubte ich bereits, ersticken zu müssen. Überall waren Menschen, Luftballons, Luftschlangen und vor allem bunte Lichter. Von der ohrenbetäubenden Musik, so musste ich es als jemand, der nun einmal besser hörte als andere, einfach beschreiben, mal ganz zu schweigen. Wie Nessie das aushielt, hätte mich wirklich interessiert. Aber wie versprochen ließ ich mich darauf ein, begrüßte mit ihr Schüler, Freunde und Lehrer und fühlte mich als fester Freund an ihrer Seite weniger unwohl als erwartet. Viele beachteten mich kaum, andere wiederum guckten zwar kritisch, sagten aber nichts. Sogar mein Einstieg in den Eröffnungstanz war ganz passabel, nur musste Nessie dankbar sein, als Halbvampir kräftigere Zehen zu haben. In einem kurzen Moment der Zweisamkeit abseits des Trubels tauschten wir Küsse und ich glaubte, letztendlich doch etwas in meine Rolle gefunden zu haben.

„Wirklich, Jake, ich freue mich so sehr, dass du hier bist! Ich hatte Angst, du würdest nicht wollen…", gestand sie und ich gab ihr sogar recht: „Ich wollte eigentlich auch nicht, ich meine, es ist nicht so, als wäre ich der größte Tänzer. Und wer weiß, wie manche Leute reagieren." Sie lächelte und küsste mich erneut, diesmal länger.

„Ich finde, du stellst dich ganz gut dabei an. Und sollte tatsächlich jemand glauben, wir beide würden nicht zueinander gehören, dann wird er sehen, was er davon hat. - Weißt du, was ich gern machen würde?"

Sie hielt die Enden meines Jacketts fest und fing plötzlich an, wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen. Ich wusste, dass sie ab und an ziemlich schnell das Thema wechseln konnte, nur hatte ich nicht erwartet, was folgen würde: „Wir könnten wegfahren! Unser erster gemeinsamer Urlaub, nur du und ich und…Thailand! Was hältst du davon? Ich wollte schon immer nach Asien…oder auf eine einsame Insel. Oh, bitte, Jake! Bitte, lass uns Dad fragen, wenn er uns später abholt!" Urlaub zu zweit? Keine so schlechte Idee, tatsächlich…

„Hey, Ness.", sprach uns ein schmächtiger kleiner Kerl von der Seite an. Er hatte braunes Haar und so große Kulleraugen, dass ich fürchtete, sie würden ihm beinahe aus den Höhlen fallen.

„Ethan! Ich hatte dich gar nicht gesehen? Wolltest du nicht auch den Eröffnungstanz mitmachen?", quietschte Nessie und umarmte den Jungen etwas fester als notwendig, wobei ich ihm neckend zuzwinkerte. Er räusperte sich schüchtern, entwand sich Nessie schnell und betrachtete mich mit Unbehagen: „Habe ich, Ness, ich…ich war dabei."

„Ähm…das tut mir leid, ich muss dich übersehen haben. Mit wem hast du getanzt?"

„Melissa, die aus der Parallelklasse. Aber…aber keine Sorge, Ness, es war in Ordnung.", stammelte er kleinlaut, während Nessie peinlich berührt schien. Sie tätschelte seine Schulter: „Ich wollte nicht, dass es so kommt, ich…"

„Es ist okay, Ness, ähm – können wir, könnten wir reden? Allein?"

Sie nickte, nahm ihn bei der Hand und zusammen gingen sie in die nächste ruhige Ecke, die ich von meinem Platz aus gut beobachten könnte. Der Milchbubi war tatsächlich kleiner als Nessie, wenn auch nicht viel, und sah immer wieder herüber. Ich musste ihn wohl ein wenig eingeschüchtert haben, schließlich war ich kein geringerer als der große, böse Wolf. Tatsächlich schien ihn das aber wenig zu stören, als er Nessie etwas näher kam, als es mir lieb war. Für einen Augenblick glaubte ich, er wollte sie…aber da hatte sie ihn schon von sich geschoben, erwiderte hektisch ein paar Worte und kehrte dann mit hastigen Schritten zu mir zurück.

„Was ist los?", fragte ich misstrauisch: „Stress?" Sie biss sich auf die Lippe und zögerte, aber nur kurz.

„Das war Ethan, der, mit dem ich getanzt hätte, wenn du abgesagt hättest. Ich hatte schon mit ihm gesprochen und wir haben auch zusammen geübt, nur warst du dann da und deshalb…musste ich ihn zurückweisen."

Aha. Ich fragte danach, was er von ihr gewollt hatte und wieso er es nicht sagen konnte, als ich daneben stand.

„Er ist schüchtern, Jake, das hat man doch gesehen. Aber…na ja, er – er hat sich vielleicht ein wenig in mich…verguckt. Er dachte, du wärst mein Bruder oder so.", gestand sie, nur fand ich das weniger amüsant als sie. Ich sah nicht einmal annähernd aus wie ihr Bruder, aber egal.

Gerade wollte ich zum wichtigen Teil übergehen und fragen, ob er sie deshalb hatte küssen wollen oder ob ich mich täuschte, da kam jemand anderes, der mich davon abhalten wollte. Diesmal weniger klein, weniger niedlich und eindeutig viel zu aufdringlich: „Renee, wie sieht's aus mit 'nem Tanz? Du schuldest mir einen, schon vergessen?" Dass jeder hier einen anderen Spitznamen für sie hatte, schien wohl normal für sie zu sein. Dass der Milchbubi von gerade eben nicht der einzige war, der sie gern für sich hatte, auch. Nur störte es mich wesentlich mehr. Vor allem, als Nessie mit ihm ging und mich wie einen begossenen Pudel zurückließ. So viel zum Thema großer, böser Wolf.

Ich nahm mir drei Sektgläser vom nächsten Tablett, das gereicht wurde, und stieß mit meinen beiden unsichtbaren Freunden darauf an.