21. Bisher hatte ich immer gedacht, auf einer Seite zu stehen. Aber erst in dem Augenblick wurde mir klar, dass ich genau zwischen zwei Fronten geraten war. TEIL 2


Was bisher geschah…

Es war gerade einmal Mittag, als ich betrunken vom Ball am vorigen Tag zurückkehrte und mich schlafen legte. In den folgenden Tagen setzten Jess und ich die Renovierungsarbeiten fort; nachdem ich jedoch meine Arbeit wieder aufnehmen konnte, musste sie allein weitermachen. Inzwischen war ich festangestellt, wusste nur noch nicht, ob ich das auch wirklich durchziehen wollte. Nessie hingegen offenbarte mir, dass sie nach der Schule ein Auslandsjahr machen würde, und nicht nur deshalb gingen wir eher unglücklich auseinander. Eines Abends jedoch traf ich nicht nur Jess, sondern auch Jasper Withlock in meinem Haus an, die beide in ein immer mehr ausartendes Gespräch verwickelt waren. Sie kannten sich, doch wie war mir nicht klar. Er schien irgendetwas von ihr zu wollen, das sie nicht hatte oder geben konnte, und er war bereit, einiges dafür zu tun, es zu bekommen. Und obwohl er sich als ihren Schöpfer bezeichnete, zögerte er keine Sekunde, sie für ihren Ungehorsam zu bestrafen.


„Ich hasse dich.", hauchte sie, da bemerkte ich die Faust, die eigentlich ihre Haare festhielt, an ihrem Hals. Wollte er ihr die Luft abschnüren? Welchen…welchen Sinn hatte das alles?

„Was hast du gesagt?"

„Ich hasse dich!", erwiderte sie und noch einmal traf ihr Kopf die Wand, wobei mir mittlerweile ganz und gar übel wurde.

„Hass ist allerdings auch ein Gefühl…sehr interessant. Du bist niemals Mensch gewesen, du kannst so etwas nicht besitzen. Du bist nichts weiter als eine leere menschliche Hülle… Woher also solltest du wissen, was Hass ist? Wahrer, reiner Hass? Vielleicht sollten wir den jungen Wolf danach fragen, was meinst du?"

Den – was? Ich fühlte mich nicht nur ertappt, offenbar war ich es auch. Aber wenn sie wussten, dass ich hier war…dann sollte ich das erfahren. Was immer Jasper von Jess verlangte, dass sie es sagte, sollte auch für meine Ohren bestimmt sein. Nur konnte ich nichts davon verstehen.

Jess war unterdessen bleicher geworden, als ich es für möglich gehalten hätte. Sie sah regelrecht kränklich aus. Er beugte er sich zu ihr, ganz nah an ihr Ohr: „Oh, spürst du sie? …diese Angst? Zu schade, dass deine einmalige Gabe eine Schwäche hat!" Er lachte und drängte sie noch weiter zurück. Sein Verhalten erinnerte mich im Entferntesten an Jenny, daran, wie sie Jess regelrecht unterdrückte – aber mit Worten. Unterdrückte, nicht unterwarf. War das seine Art, sich Respekt zu verschaffen?

„Vielleicht sollte ich das nutzen, ein paar Geheimnisse zu offenbaren? Ich könnte verraten, weshalb du ihn brauchst. Dass er nur Teil deines Planes ist, eines weitaus größeren Vorhabens."

Jess rang mit ihren Händen, konnte sich jedoch nicht befreien. Würde sie nun gegen ihn rebellieren? Fürchtete sie, dass er mehr sagen würde, als ich hören sollte? Bedeutete das, dass es der Wahrheit entsprach?

„Du hast keine Ahnung.", flüsterte sie und aus ihrem Mund klang es wie eine Drohung. Jasper brachte das nur zum Schmunzeln: „Ach, ja? Ist das so?" Als er ihren Hals ganz umfasste, knackte etwas. Ich versuchte, herauszufinden, von welcher Schwachstelle er gesprochen hatte. Jess hatte so etwas nie erwähnt, aber um ehrlich zu sein konnte etwas, das so mächtig war wie ihre Gabe, vielleicht gar nicht existieren. Hinderte diese Schwäche sie daran, ihn anzugreifen? Ich überholte mein Wissen über Jess. Es war nicht viel, schließlich sprach sie selten von sich. Aus ihrer Vergangenheit war mir nicht viel bekannt, außer…die Neugeborenenarmee? Mein Blick fand Jaspers Arme, die ich schon oft gesehen, ihr Geheimnis jedoch nie vollends hatte ergründen können. Die hellen Bisse dort und die, die ich von Jess kannte, waren sich zu ähnlich, als dass es ein Zufall sein könnte.

„Wir beide wissen, dass es so ist. Du tust nichts ohne selbst davon zu profitieren, du bist egoistisch und du scherst dich einen Dreck um alle anderen. Erst hast du mich für deine Zwecke benutzt und jetzt ihn. Nur bezweifle ich, dass er dich gut genug kennt, das zu wissen. Er wäre dumm genug, dir zu glauben, keine Frage… Sollte ich ihn vielleicht warnen?"

Warnen…?

„Vor dir…und deinen Lügen. Davor, dass du alles kontrollierst und die Fäden ziehst, wie es dir gefällt.", beantwortete er meine stumme Frage selbst, holte aus und schlug zu: „In den Dreck treten würde er dich, wenn er es wüsste! Er würde dich verabscheuen!" Von Jess' Stirn tropfte Blut, aber das schien nicht der Grund dafür zu sein, dass der Blutsauger zu schluchzen begann. Tatsächlich wurde mir bewusst, dass ich immer geglaubt hatte, sie wäre wie ein Vampir mit Haut aus Granit, die man zertrümmern, aber nicht verletzen konnte. Ich zweifelte an mir wie auch an allem, das ich über sie wusste. Niemand geringeres als Jasper hatte diese Zweifel geweckt und auch wenn sie nicht rechtens waren, so waren sie dennoch da. Und ganz sicher waren sie nicht allzu schnell auszulöschen.

„Merkst du nicht, dass du alles kaputt machst? Du hinterlässt nichts als Feuer und Asche, wohin du auch gehst. Du bist ein gottverdammter Fluch!", grollte er, doch im nächsten Moment streichelte er ihr Gesicht fast schon mit Zuneigung: „Du…wärst du mir nicht gefolgt, müsste ich jetzt nicht hier sein und das tun… Du musst verschwinden, hörst du? Du musst gehen, bevor es zu spät ist. Bevor ich dir wirklich wehtun muss oder…oder… Ich kann es nicht – nicht ertragen…" Ich glaubte fast, dass er weinte, so wehmütig und ernst klangen diese Worte, nur konnte ich keine Tränen erkennen. Was war es, das Jess bei ihm zerstört hatte? Er wirkte ganz und gar verloren, andererseits...tatsächlich kaputt.

„Die Wahrheit…sag die Wahrheit."

Wie schon die ganze Zeit über schwieg Jess. Und genau das war es, was ihn erneut erzürnte. So sehr, dass er in eine Art Rausch verfiel und von jetzt auf gleich nicht mehr flüsterte, sondern schrie. Die folgenden Worte konnte ich nicht verstehen, sie wirkten mehr wie aneinandergereihte Buchstaben ohne Zusammenhang. Was dann kam, übertrumpfte meine Vorstellung davon, wie verzweifelt und komplett übergeschnappt Jasper tatsächlich war. Er hatte sie bereits geschlagen und das ohne jeden Grund und vor allem ohne Reue, doch nun schien er im Begriff, sie umzubringen. Wieder packte er sie an den Haaren, stieß sie mit der Stirn voran gegen die Wand, noch einmal und noch einmal. Jess sagte nichts, es blieb dabei, aber das Blut, das ihr plötzlich aus Nase und Ohren schoss und überallhin strömte, sprach Bände.

„Ver – schwinde und geh in das - Drecksloch aus dem du ge – kommen - bist!", schrie er, schlug wieder und wieder zu, als wollte er seine Worte unterstreichen: „Mein Leben! Das war mein Leben und du…du – du hast es mir genommen. Geopfert habe ich mich, für dich, und dann… Dann, als du alles hattest, da hast du mich zerstört. Alles hast du zerstört – alles! Alles!" Mein Herzschlag setzte aus, als er plötzlich von ihr abließ und sie widerstandslos zu Boden fiel, leblos. Ihr Gesicht war ganz weiß, der Boden und ihr Kopf waren voller Blut. Ich hoffte, sie würde mich ansehen oder auch nur blinzeln, sodass ich wusste, dass es ihr gut ging, doch ihre Augen blieben geschlossen. War sie…war sie wirklich tot? Konnte sie das sein? Allein dieser Gedanke versetzte meinen Körper in einen solchen Aufruhr, dass ich fror und zugleich zitterte, ohne dass mir kalt war. Nur bewegen konnte ich mich keinen Millimeter, verflucht noch mal!

„Ich gebe dir Zeit zu gehen. Ich warte, aber nicht sehr lange. Solltest du glauben, du könntest mich zum Narren halten, werde ich mich an sie wenden. Oh, ja, du weißt genau, wen ich meine! Ich übe prinzipiell keinen Verrat, doch solltest du mich dazu zwingen, werde ich nicht zögern. Ich werde dein Leben in eine noch schlimmere Hölle verwandeln, als es das bereits ist…und du weißt, das kann ich."

Jasper zitterte ebenfalls, wohl aber, weil sein Blutdurst geweckt worden war. Er wusste sich offenbar zurückzuhalten, wenn auch mit Mühe. Und dann war er verschwunden, vollendeter Dinge, als hätte er nichts weiter getan als den Müll raus zu bringen. Tatsächlich hatte er ein wahrhaftes Blutbad angerichtet. Und ich war derjenige, der nun darin würde baden müssen.

„J-Jess?", fragte ich mit erstickter Stimme, hörte letztendlich aber nur ein raues und unverständliches Röcheln. Erst jetzt, wo alles vorbei war, begann Leben in meine Beine zurückzukehren. Ich konnte sie bewegen, nur waren sie noch etwas steif und ich stolperte, bevor ich einen richtigen Schritt hätte machen können. Langsam traute ich mich in das Zimmer, hinkte zu ihr und wollte mich eigentlich neben sie knien, aber dann sank ich kraftlos zusammen. Ich traute mich beinahe nicht, sie zu berühren, so wie sie da lag. Überall war Blut, verdammtes und tiefrotes Blut und ich…ich wollte nicht glauben, dass ich das zugelassen hatte. Dass ich zugesehen hatte, wie er das hier mit ihr anstellte, aber ich hätte schwören können, dass sich eine unsichtbare Mauer vor mir aufgetan und mich davon abgehalten hatte. Mit nassen Augen hob ich die Hand, schob ihre Haare beiseite, um ihr Gesicht zu sehen, doch da war nur Blut. Mir entwich ein tiefes Schluchzen, tatsächlich weinte ich. War sie…wirklich tot? Sie konnte nicht tot sein, sie war… Hatte ich sie sterben lassen? Genauso, wie ich Billy hatte sterben lassen? War das hier meine Schuld und dieses verdammte Blut klebte jetzt an – an meinen Händen?

„Jess…"

Ich zog sie von der Wand weg und lehnte sie an mich, suchte dabei vorsichtig ihren Kopf nach der Wunde ab. …nur fand sich nichts. Was immer da gewesen war, es musste bereits verheilt sein. Da ihre Arme schlaff an ihr herunter hingen, fiel es mir umso schwerer, sie zu halten. Der durchdringende Geruch nach Blut war nicht halb so schlimm wie das Wissen, dass sie sich noch immer nicht bewegt hatte. Ich versuchte auf ihren Herzschlag zu hören, doch mein eigenes Herz schlug mir bis zum Hals und dröhnte in meinen Ohren. Und dann waren da meine Hände…rot und…und einfach abstoßend. Wenn sie jetzt…wenn es das war…

„Scht.", machte sie, nur ganz leise, aber ich hörte es. Sofort zog ich sie etwas weiter nach oben, umfasste ihr Gesicht, um sie ansehen zu können.

Jess?"

Ich hörte mich schrecklich an. Weil sie es bemerkte, hob sie die Hand und drückte sanft meinen Arm. Nur entlockte mir das noch mehr Tränen, anstatt mich aufzumuntern. Jess schlug die Augen auf und lächelte tatsächlich ein wenig: „Keine…Sorge. Ich bin okay." Okay?! Ich hätte schwören können, dass sie hier in meinen Armen verblutete! Dass dieser vermaledeite Blutsauger ihr tatsächlich den Kopf eingeschlagen hatte! Und sie war…okay?

Ich zog sie zu mir, um sie fest an mich zu drücken, erleichtert wie ich war, doch als meine Stirn ihre auch nur ganz leicht berührte, verzog sie schmerzlich das Gesicht. Sofort wich ich zurück: „Was ist?"

„Ich…ich glaube, er hat mir den Schädel gebrochen. Wir müssen uns beeilen, bevor der Knochen falsch zusammenwächst."

Er hatte was? Ich würde dafür sorgen, dass er sich das nächste Mal mehr als nur den Schädel brach, wenn wir uns begegneten. Ich war so außer mir, dass ich beinahe vergaß, das befeuchtete Tuch zu holen, um das sie mich bat. Vorsichtig tupfte ich halb verkrustetes Blut von Stirn und Gesicht, doch sie schob meine Hände weg und tastete ihren Kopf ab, während sie noch immer an mir lehnte - ich befürchtete, dass sie noch nicht von allein aufrecht sitzen konnte -, mit geschlossenen Augen legte sie die Hände darum und drückte zu. Ein merkwürdiges Krachen sorgte dafür, dass sich mir beinahe der Magen umgedreht hätte…nur überwog glücklicherweise die Erleichterung darüber, dass es ihr bald besser gehen würde.

„Woher wusstest du, was genau du machen musst?", fragte ich, nachdem ich sie zum Bett getragen, dort abgelegt und zugedeckt hatte: „Für mich hat sich das angehört, als müsste sich das ein Arzt ansehen." Sie wollte nicht liegen bleiben, doch ich schob sie zurück. Seufzend lehnte sie sich am Kopfkissen an.

„Ich habe schon einige Verletzungen heilen müssen und das ganz ohne medizinischen Beistand. In einer…einer Armee ist das an der Tagesordnung, deshalb kenne ich den ein oder anderen Bruch und wie man das wieder hinbekommt. Im Grunde haben ich nur nach Rissen gesucht und alles in die richtige Lage gebracht, sodass es ohne Probleme zusammenwachsen kann."

Sie wirkte schon wieder fast so wie immer mit diesem seichten Lächeln, doch ich konnte nicht glauben, dass es das schon gewesen war. Dass sie einfach so dem Tod nahe kam, ohne hinterher etwas davon mitbekommen zu haben. Nur wollte ich nicht so direkt danach fragen, schließlich brauchte sie…etwas Ruhe. Eigentlich hatte ich da so einige Fragen und jede einzelne von ihnen würde sie mir beantworten müssen. Aber gerade eben war ich einfach unaussprechlich glücklich darüber, dass sie dazu überhaupt im Stande war.

„Es tut mir leid.", flüsterte ich nach einer Weile, aber da war sie bereits eingeschlafen: „Es tut mir so unendlich leid." Nach allem, das ich heute hatte mit ansehen müssen, war ich mir einer Sache bewusst geworden: Ich hatte geglaubt, dass der Tag gekommen wäre, an dem ich eines der letzten Dinge verlor, die mich am Leben hielten.