22. Auf einmal war alles weg, was bedeutend war. Angst, Hass und Verlust – das alles lag so nah beisammen. – TEIL 1


Was bisher geschah…

Jasper, der unerwartet in meinem Haus aufgetaucht war, schien irgendetwas von Jess zu wollen, das sie nicht hatte oder geben konnte, und er war bereit, einiges dafür zu tun, es zu bekommen. Und obwohl er sich als ihren Schöpfer bezeichnete, zögerte er keine Sekunde, sie für ihren Ungehorsam zu bestrafen. Er sprach von Dingen, über die ich anscheinend nichts erfahren durfte, sagte, Jess' Gabe hätte eine Schwäche und dass sie nichts als Lügen verbreitete. Jasper schwankte dabei immer wieder zwischen Aggression und Verzweiflung, wirkte ganz und gar verloren und zerstört. …und als sie weiterhin schwieg, verfiel er in eine Art Rausch, forderte sie auf zu verschwinden und schlug dabei so lange auf sie ein, bis sie widerstandslos zu Boden sank. Er hinterließ ein wahrhaftiges Blutbad und Jess, bewusstlos und vollkommen leblos. Ich glaubte bereits, auch ihren Tod verschuldet und tatenlos dabei zugesehen zu haben, als sie sich regte. Und ich konnte schlichtweg nicht glauben, dass sie dabei nicht mehr als einen Schädelbruch davongetragen hatte.


Der nächste Morgen zeigte, dass doch nicht alles so spurlos an ihr vorbeigegangen war, wie sie mich wohl hatte glauben machen wollen. Im Gegenteil, sie wirkte noch weniger ansprechbar und wohlauf, als halbtot in meinen Armen. Nur hatte sie nicht vor, mit mir darüber zu sprechen. Überhaupt bekam ich das dumpfe Gefühl, dass sie über gar nichts mit mir sprechen wollte. Stattdessen ging sie mir aus dem Weg, verließ einen Raum, sobald ich ihn betrat und hielt sich generell eher weiter entfernt von mir auf, noch dazu hatte sie über eine gefühlte Ewigkeit hinweg kein einziges Wort gesagt. Kein `Guten Morgen´, kein `Wegen gestern…´, kein gar nichts. Als würde sie erwarten, ich hätte es entweder bereits vergessen oder gar darüber hinweggesehen. Guten Gewissens konnte ich sagen, dass nichts von beidem der Fall war und dass auch nichts davon eintreten würde. Nicht heute und nicht in einhundert Jahren.

Sie zuckte zusammen, als hätte man eine Waffe direkt neben ihrem Ohr abgefeuert, als ich die Tür ihres Zimmers hinter mir schloss. Dieses Versteckspiel war hier und jetzt beendet.

„Wie geht es dir?", fragte ich, um herauszufinden, wie sie reagierte. Aber natürlich war es mir ebenfalls wichtig, dass sie sich besser fühlte. Das hier würde womöglich eine Gradwanderung ungeahnten Ausmaßes werden, also konnte ich nicht direkt mit der Tür ins Haus fallen.

Jess drehte sich um, lächelte – was sie öfter tat, als zuvor, nur konnte ich nicht genau sagen, wann es angefangen hatte – und bot mir an, mich zu setzen: „Gut. Wirklich gut."

„Was macht dein Kopf?"

„Ist geheilt, ohne Probleme."

Sie machte Anstalten, es mir zu zeigen, doch ich wandte das Gesicht ab und starrte zu Boden. Ich wollte alles über das wissen, was sie mir verheimlichte, doch ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Ich zögerte, starrte auf die Stelle, die noch immer voller Blut war und entschloss mich, das so schnell wie möglich zu bereinigen. Und damit meinte ich nicht nur diese verdammte getrocknete Lache.

„Es hat mir Angst gemacht, dich so zu sehen.", gab ich zu und nickte in Richtung Wand: „Nicht nur wegen dieser Sache dort." Jess schwieg. Es ärgerte mich, dass sie sich verhielt, als hätte das nichts mit ihr zu tun.

„Vermutlich ist es nicht der richtige Weg…aber ich erwarte, dass du mir die Wahrheit sagst. Wegen allem, was ich da gestern gehört habe. Ich bitte dich nicht darum, weil ich glaube, dass es selbstverständlich sein sollte. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll."

Ihre Antwort ließ auf sich warten, beinahe lange genug, dass ich zu zweifeln begann, ob ich sie überhaupt je hören würde: „Ich habe nicht gewusst, dass es so kommen wird. Wenn ich auch nur irgendwie geahnt hätte, dass das passiert, hätte ich es zu verhindern gewusst."

„Was, dass er das mit dir macht oder dass ich es mitbekomme?"

Wollte sie damit sagen, dass ich es niemals erfahren sollte? Das machte mich beinahe noch wütender; offen gestanden enttäuschte es mich sogar.

„Beides. Nur glaube ich, dass es gar keinen Weg gab, es zu verhindern. Du solltest es nicht hören, weil es keine Rolle spielt und nicht, weil ich nicht will, dass du es weißt."

„Er hat dich fast umgebracht, wie soll es da keine Rolle spielen? Wie kannst du so einfach darüber hinwegsehen?", wand ich ein, nun dringlicher, doch sie antwortete schlicht: „Ich habe nicht darüber hinweggesehen, ich habe es akzeptiert, wie es ist. Weil ich es nicht verhindern kann." Das verwirrte mich.

„Worüber bitte sprichst du?"

„Ich kenne ihn aus der Armee. Ich kenne ihn, weil ich an seiner Seite – die Seite der Neugeborenen – kämpfte und weil ich ihm alles Wissen über meine Gabe verdanke. Er hat mir geholfen, sie zu entdecken, weiterzuentwickeln und auszuprägen. Ich bin was ich bin, weil ich ihn traf."

Moment – das war also die Kurzfassung? Sie war so kurz, dass ich fast nicht bemerkt hätte, dass sie überhaupt begonnen hatte. Offenbar erkannte sie an meinem Blick, dass ich nichts davon wirklich verstehen konnte.

„Ich habe dir bereits gesagt, dass ich in so einer Armee gekämpft habe. Dass ich Alpträume davon habe und dass ich niemals mehr so werden will. Nur hat mich das alles sehr verändert und das nicht zum Guten.", erklärte sie und ich nickte: „Jasper habe ich dabei in keinem Wort erwähnt. Weil er keine Rolle spielt, wie gesagt."

„Wenn er keine Rolle spielt, wieso sagst du dann, dass du nur durch ihn die Person bist, die hier gerade neben mir sitzt? Und warum zur Hölle nennt der dich seine Schöpfung?"

Jess atmete langsam aus, sie schien zu bemerken, dass das hier nicht in ein paar Worten geklärt sein würde. Ich würde meinen Finger genau da ansetzen und so lange bohren, bis ich gefunden hatte, wonach ich suchte. Das war genau wie diese Sache mit der Nase.

„Weil er meine Gabe erkannt hat – im Gegensatz zu mir. Ich wusste nicht, wozu ich im Stande war und er hat es mir gezeigt, indem er mich gelehrt hat, sie anzuwenden. Wozu ich heute imstande bin, verdanke ich ihm…mehr oder weniger. Er hat nicht mich erschaffen, sondern meine dunkle Seite. Können, Kampf und Macht. Das ist alles, was ich von ihm lernen konnte."

Jasper war schuld daran, dass sie kaum mehr schlafen konnte. Jasper hatte aber auch dafür gesorgt, dass sie die wohl mächtigste Gabe, die ich kannte, zu beherrschen lernte. Ich erinnerte mich an die Nacht, in welcher Jess auf meinem Sofa gesessen hatte und wir uns unterhielten. Damals sagte sie mir, dass sie wie ein junger Werwolf war, immer aggressiv und kurz vor der Verwandlung. Das und was da gestern passiert war, passte jedoch ganz und gar nicht zusammen. Hatte das etwas mit ihrer Gabe und deren Schwachstelle zu tun?

„Dass Jasper ein Idiot ist, hätte ich mir denken können. Aber warum hast du nichts gemacht? Was war das für eine irre Idee von dir, ihn einfach seine Show abziehen zu lassen? Der hat dich behandelt wie Dreck und du hast einfach zugesehen – warum?", fragte ich, doch sie war wenig begeistert und umging kurzerhand das, was ich eigentlich wissen wollte.

„Wenn du keine Wahl gehabt hättest, wäre dir wohl auch nichts anderes übrig geblieben, oder?"

„Es geht hier aber nicht um mich, es geht –"

Sie hatte keine Wahl? Das hörte sich ganz nach mir an; keine drei Schritte entfernt und trotzdem völlig erstarrt. Ich hatte nichts machen können und sie…sie auch nicht? Langsam sollte ich anfangen, an Hexerei zu glauben.

„Willst du damit sagen, dass du das nicht zu entscheiden hattest?", hakte ich nach.

„Er wusste stets wie er sich seinen Respekt verschaffen konnte. Es hat wohl…seine Spuren hinterlassen."

„Du hättest dich schützen können, mit Bellas Schutzschild."

„Es schützt nicht vor physischen Angriffen, lediglich vor den Angriffen durch Gaben. Jasper hat mich bedroht, das hat er schon vorher getan, und er wird es wieder tun. Dazu habe ich nichts weiter zu sagen."

Sie verschränkte die Arme und sah weg, als würde das etwas daran ändern, dass ich ihr gegenüber saß. Ich erinnerte mich an die Nase: „Was ist das für eine Schwachstelle?" Fast hätte ich geglaubt, dass sie mich nun mit Schweigen strafte. Nur war wohl uns beiden bewust, dass sie es mir schuldete.

„Jasper hat ebenfalls eine Gabe, er kann die Gefühle anderer kontrollieren. Er kann dafür sorgen, dass ich mich ohne Grund fürchte und wenn ich das tue, kann ich ihn nicht angreifen. Er hat noch in meiner Ausbildung in der Armee dafür gesorgt, dass das so ist und sich somit eine Art Hintertür offen gelassen. Sie dient nur diesem einen Zweck: dass ich nicht vergesse, was er mir geschenkt hat.", sie sagte das mit einem so bitteren Ton, dass selbst ein Trottel verstanden hätte, dass es vor Ironie nur so triefte. Angst, Schutzlosigkeit, Schlaflosigkeit, Unkontrollierbarkeit. Was für ein Geschenk. Aber das war noch nicht alles: „Nur habe ich es damals schon gewusst. Ich habe daran gearbeitet, aber seine Prägung…sagen wir, sie sitzt ziemlich tief. Es fällt mir schwer, trotzdem kann ich inzwischen die ein oder andere Fähigkeit anwenden, auch wenn ich mich in einer solchen Situation befinde." Meine Frage blieb.

„Warum hast du dann nichts gemacht?"

„Ich habe etwas gemacht. Ich habe dich davon abgehalten, in die Gefahrenzone zu kommen."

Zu viel zum Thema Hexerei. Ich hätte doch tatsächlich fast daran geglaubt…

„Ich hätte dir helfen können.", verteidigte ich mich, aber sie wehrte ab: „Du hättest nur Schaden davon getragen, glaub mir. Und ich ebenso. Es war weniger gefährlich, es dich mitanhören zu lassen." Ob sie sich da so sicher sein konnte? Ich war es jedenfalls nicht.

„Ich sollte also hören, dass du mich benutzt? Wofür auch immer? Weißt du, ich würde nichts davon glauben, wenn es…sich nicht so verdammt wahr anhören würde. Was ist das für ein Plan, von dem er da gesprochen hat?"

„Ich benutze dich nicht. Und ich habe auch ihn nie benutzt, auch wenn er es vielleicht gern so darstellt. Er glaubt, ich hätte sein Interesse an meiner Gabe gezielt ausgenutzt, um mehr Kontrolle darüber zu erlangen. Und das nur, um eines Tages zu ihm zurückzukehren und mich dafür zu rächen, wozu er mich gemacht hat. Er sieht sich in dieser Vermutung bestätigt, weil ich hier bin, aber ganz sicher bin ich nicht für ihn zurückgekommen."

„Das ergibt keinen Sinn.", widersprach ich: „Wieso hättest du gewollt, dass er dir etwas beibringt, das dir später das Leben zur Hölle macht? So sehr, dass du dafür Rache nimmst?" Sie hob die Schultern.

„Vielleicht glaubt er, ich habe es vorher nicht gewusst. Ich hätte es nicht wissen können, sagen wir es so."

Daran war etwas Wahres, nur glaubte ich kaum, dass sie es mir so offen sagte, wenn es denn der Realität entsprach. Nur eines fiel mir auf: „Du hast nichts zu dem Plan gesagt." Der Plan, wonach dem sie ein weitaus größeres Ziel verfolgte.

„Es gibt keinen Plan außer dem, ein normales Leben zu führen. Und das im Kreis meiner Familie."

Diese Antwort beruhigte mich, dennoch fragte ich, warum sie nicht früher zurückgekommen war, wenn sie es denn sowieso vorhatte. Sie lebte lange genug und hätte sich auch schon vor Jahrzehnten dazu entscheiden können, ihre Familie zu beschützen. Wie auch schon Embry fragte ich sie, wo sie all die Zeit gewesen war.

„Ich musste zurückkehren, solange Billy noch lebte. Er war derjenige eine, der mich anerkannte, und der mir helfen könnte, die Ältesten zu überzeugen. Du weißt, dass ich ihn schon früher kannte."

„Dad lebte eine ganze Weile, du hättest auch kommen können, als ich kleiner war, oder nicht?", stellte ich fest, doch dann bemerkte ich etwas, das wesentlich merkwürdiger war: „Außerdem…aber – hast du etwa davon gewusst? Dass du nicht länger warten konntest, meine ich. Wusstest du, dass er krank war und sterben würde?" Ich bemerkte erst jetzt, dass ich aufgestanden war und von oben auf sie herabblickte. In mir war eine gewisse Wut, die ich im Moment nicht zu bändigen wusste. Von jetzt auf gleich war sie gekommen, nur würde sie weniger schnell verschwinden. Wenn das stimmte…

„Bist du deshalb gekommen, weil er dem Tod nahe stand und du sonst nicht gewusst hättest, wie du wieder Teil des Stammes werden solltest?"

„Jake…", fing sie an, aber ich unterbrach sie.

„Sag nicht, dass du es gewusst hast! Die ganze Zeit über hättest du es mir…warum hast du nichts erwähnt? Und ich frage mich noch, wieso du dich um ihn kümmerst, obwohl das nicht deine Pflicht ist… Du – du hast es nicht wirklich gewusst, oder?"

Ich versuchte, mich wenigstens so weit im Zaum zu halten, dass ich nicht mehr kaputt machte, als anscheinend sowieso schon kaputt war. Außerdem brauchte ich ihre Antwort, ich musste es einfach wissen.

Jess schüttelte den Kopf, doch es war weniger ein Kopfschütteln, das ein Nein verdeutlichen sollte. Es war, als würde sie nicht wissen, was sie dazu sagen sollte. Wie konnte sie das nicht wissen? Es gab nur ein Wahr oder Falsch, nichts dazwischen.

„Ich wusste, dass er krank war und dass es seinen Tod bedeuten könnte.", gab sie zu und schickte damit ein heftiges Zittern durch meinen gesamten Körper. Ich war so wütend, so unheimlich wütend, wie ich es ewig nicht gewesen war. Es hatte weniger damit zu tun, dass ich nicht länger ein Neuling war, sondern eher damit, dass gerade etwas in mir zerbrach, von dem ich geglaubt hatte, es wäre unkaputtbar.

„Ich will, dass du gehst."