23. Und so erfuhr ich was es hieß, ausgeliefert zu sein. – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Embry und Quil versuchten, mich am Wochenende in die Stadt zu schleppen, um mich aufzumuntern, doch so recht funktionieren wollte es nicht. Schließlich kam ich mit Embry ins Gespräch über Jess und musste ihm gestehen, dass sie fort gegangen war. Er wollte das wohl einfach nicht akzeptieren und forderte mich auf, sie mit ihm suchen zu gehen, obwohl für mich klar war, dass wir sie nicht finden würden. Nachdem wir erfolglos jeden befragt hatten, blieb nur noch Jenny übrig, die uns ganz von allein fand. Und auch ihretwegen war ich gezwungen, Embry darüber aufzuklären, dass ich Jess wegschickte, weil sie mir mehr verschwiegen als gesagt hatte – auch über Billys Krankheit. Mehr brauchte er nicht zu wissen. Tatsächlich beließ er es dabei und ließ mich ziehen.


Das diese Nacht eine lange werden würde, hätte ich mir denken können. Nicht lang in Bezug auf die Zeit, die ich schlafen konnte. Sondern auf die, in der in nicht schlafen konnte. Mit der folgenden Woche verhielt es sich nicht anders und langsam begann ich mich zu fragen, wem ich eigentlich etwas vormachen wollte. So ziemlich alles tat mir weh, ich wollte nicht arbeiten, ich konnte nicht essen – ohne mir den Magen zu verderben -, ich wollte auch gar nicht mehr essen. Ich fühlte mich verraten und schuldig und noch mehr schuldig, weil ich Jess nicht einmal die Chance gegeben hatte, sich vollends zu erklären. Ich musste mit ihr sprechen…ich wusste nicht wie, aber ich brauchte das einfach. Ohne sie fühlte sich das alles hier anders an. Als wäre es weniger, als wäre es nicht genug. Es war egal, was sie dafür verdiente, dass sie womöglich zuließ, dass mein Vater starb. Ich brauchte sie hier, auch, um das wieder gutzumachen. Ich brauchte das Wissen, dass ich nicht allein war. Sie hatte mir geholfen, den Tod zu überwinden, und auch deswegen fühlte ich mich ihr gegenüber schuldig. Meine Reaktion war unrecht und das bekam ich zu spüren, je länger sie weg war.

Ich hatte noch keinen einzigen Gedanken an Autos verschwendet, als ich von der Arbeit heimkehrte. Fluchend stellte ich fest, dass es besser gewesen wäre, einen Stopp in einer Kneipe einzulegen. So würde ich wohl oder übel hungern müssen. Noch ein Stück Brot, an dem ich mir die Zähne ausbiss, ertrug ich nicht. An eine weitere Lasagne, die mehr nach altem Pfannkuchen als nach Lasagne schmeckte, würde ich mich nicht heranwagen. Dementsprechend war meine Laune am Tiefpunkt, noch bevor mein Haustürenschlüssel im Dreck landete, statt das Schlüsselloch zu finden. Allerdings bemerkte ich auch nur aus diesem Grund und einem kleinen Seitenblick den Wagen, der da stand. Er war komplett dunkel, trotzdem kam er mir bekannt vor. Als ich es schließlich schaffte, die Tür zu öffnen, hatte sich mein Misstrauen um einiges gesteigert. Ich erwartete keinen Besuch, schon gar nicht um diese Uhrzeit. Schon gar nicht, wo ich doch zurzeit sowieso eher weniger gut aufgelegt war. Im Haus war ebenfalls alles dunkel. Ich war so müde, dass ich mit inzwischen bereits nicht mehr sicher war, ob da wirklich ein Auto vor dem Haus gestanden hatte. Ich legte meine Arbeitsklamotten ab und machte mich hoffnungsvoll auf den Weg zum Kühlschrank. Gähnende Leere tat sich vor mir auf und mein Magen protestierte grummelnd. Ich tätschelte ihn vorsichtig, vertröstete ihn damit sanft und gleichzeitig bestimmt auf morgen. Es war ein gewöhnungsbedürftiger Geruch, der mich davon ablenkte und mir zu verstehen gab, dass ich möglicherweise schon länger nicht geduscht hatte. Ich ergab mich meinem Schicksal, bevor ich mich selbst nicht mehr riechen konnte.

Ein Glück, dass der Spiegel im Bad zu stark beschlagen war, als dass man sich darin hätte sehen können. Ich wollte gar nicht wissen, wie ich aussah. Ich hatte mich seit Tagen nicht rasiert und das, obwohl ich kein Freund von Bärten war. Sie kratzten und stachen und…und Nessie mochte das ganz und gar nicht. Ich öffnete das Fenster und beschloss, noch eine Weile fernzusehen. Als ich jedoch das Badezimmer verließ, entdeckte ich einen dünnen Lichtfilm unter der Tür gegenüber. Gerade als ich nähertrat, verlor er sich in Dunkelheit. Nicht einmal meine Hand konnte ich mehr vor Augen sehen, als sich die Tür vor mir auftat. Sie sah mich, noch bevor ich den gelben Augen begegnete.

Jess?", fragte ich wie in so einem verdammten Horrorfilm.

„Ich dachte, du wärst nicht da."

Das klang wie eine Entschuldigung. Sie…ich musste mich entschuldigen.

„Keine Ursache."

„Ja, nein, ich – gehe.", erwiderte sie schnell und duckte sich unter meinem Arm hindurch, bevor ich überhaupt eine Chance hatte, ihr den Weg zu versperren. Sie dachte, dass ich sauer war, was eigentlich auch stimmte, aber…aber ich wollte im Grunde nur eines: die Wahrheit.

„Warte."

Sie hielt tatsächlich inne, aber das machte es für mich nicht leichter, einen Anfang zu finden. Wieso musste das alles nur so kompliziert sein? Dass ich nichts sagte, interpretierte sie wohl falsch.

„Ich habe nur meine Sachen geholt. Ich hätte einen anderen Zeitpunkt wählen sollen, es tut mir leid…ich war zu unaufmerksam."

„Mir tut es leid.", versuchte ich es noch einmal. Aber auch das verstand sie falsch, wandte sich von mir ab und ging – bis meine Hand ihren Unterarm fand. Sie war warm und ich wunderte mich, dass es mir möglich war, sie aufzuhalten. Wenn sie wollte, wäre sie längst über alle Berge.

„Hast du einen Moment?"

Sie nickte. Ich hatte mich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, konnte ihr Gesicht dennoch nicht vollständig erkennen. Dass ich es schon viel zu lange stumm betrachtete, fiel mir erst nach einer Weile auf. Genauso wie die Tatsache, dass ich sie noch immer festhielt.

„Ich hätte dich nicht fortschicken sollen."

„Doch.", erwiderte sie mit einem Ton, der mir zu Verstehen gab, dass es wohl mehr gab, das ich nicht wusste, als ich bisher geglaubt hatte: „Du hast gehandelt wie jeder andere es auch getan hätte." Was sollte mir das sagen? Dass es richtig war? Inzwischen hatte ich jedes Gefühl für Richtig oder Falsch verloren. Die Bombe platzte ohne mein Zutun.

„Ich war wütend, weil du nicht mit mir sprichst. Du redest mit mir, aber…aber ich habe immer das Gefühl, dass du dabei nichts sagst, das mich dir näher bringt. Du sagst belanglose Dinge. Dinge, die mich im Grunde nicht interessieren, aber ich höre zu, weil ich glaube, dass sie es doch tun. Das…weißt du, was ich meine?"

Okay, das war kompliziert: „Und ich war und bin immer noch wütend, weil ich nicht glauben kann, was du über Dad gesagt hast. Aber ich will die Wahrheit hören, ich…ich muss sie hören. Erzähl mir alles, was du darüber weißt. Erzähl mir von Jasper, von Jenny, von dir und deiner Vergangenheit. Gib mir einen Grund, dir zu glauben. Denn das kann ich nur, wenn ich dich kenne." Da war kein Ausdruck in ihren Augen, der mir etwas darüber vermittelt hätte, was sie davon hielt. Sie…sah mich einfach nur an, starr, so leblos wie am Anfang, als wir uns kennenlernten. Es war mir vorgekommen, als hätte sich das mit der Zeit verändert…als wäre da etwas Freude in ihr Leben gekommen, etwas, das das helle Gelb strahlen ließ.

Ich erwiderte diesen Blick so gut ich konnte.

„Würdest du mich kennen, würdest du dir wünschen, es nicht zu tun."

Sollte das eine Warnung sein? Eine Bitte? Womöglich sogar eine Drohung. Ich konnte einfach nicht einschätzen wie sie meinte, was sie sagte. Und dennoch kam dieses Fremde einher mit einem starken Zugehörigkeitsgefühl ihr gegenüber. Da war der starke Drang in mir zu sagen, dass es keine so große Rolle spielte wie ich vielleicht geglaubt hatte. Ich wollte nur, dass es wurde wie zuvor…wollte diesen widerwärtigen Geschmack verdrängen, der sich in meinem Mund ausbreitete, wenn ich darüber nachdachte.

„Gib mir die Chance, das selbst herauszufinden."

„Das habe ich bereits getan. Es mündete darin, dass du die Wahrheit nicht anerkennen wolltest, weil ich es war, die sie dir offenbarte."

Das stimmte nicht. Es wäre egal gewesen, von wem ich es hörte…dadurch wurde es nicht einfacher, daran zu glauben: „Du weißt, dass das nicht wahr ist." Sie wich mir aus, als ich ihr näher kam, als wollte sie mir widersprechen. Das machte mich auf eine verwirrende Art und Weise traurig.

„Du hast das so geradeheraus gesagt, dass ich gezwungen war zu denken, dass ich meinen Vater eigentlich gar nicht kannte. Dass du ihm näher standest als ich, als sein Sohn und das…"

„Wenn man sich nahesteht, bedeutet das nicht, dass man alles übereinander weiß. Es bedeutet, dass man einander blind versteht...und vertraut.", sagte sie, als würde es so im Buche geschrieben stehen: „So wie du und deine Brüder. Jenny und ich. …wir beide." Ich wünschte, ich könnte ihr ohne Zögern zustimmen.

„Willst du mir damit sagen, dass Jenny tatsächlich nicht mehr über dich weiß als ich?"

„Sie weiß einige Dinge, andere wiederum nicht. Gibst du alles von dir preis? Ist das der Sinn einer Freundschaft?", entgegnete sie und es fühlte sich an wie…nein, es war schlicht komisch. Es erinnerte mich an Embry, doch darüber wollte ich jetzt nicht sprechen. Es gab wichtigere Dinge, welche, auf die ich nicht länger warten oder gar verzichten wollte: „Wann ist er krank geworden?" Dass ich so schnell zur Sache gekommen war, störte sie nicht. Ich musste das einfach wissen, auch weil ich das Gefühl brauchte, ihr wenigstens bei dieser Sache trauen zu können.

„Ich kann dir nicht sagen, wann er krank geworden ist, weil er es bereits war, als ich ihn kennenlernte. Wie schon gesagt, habe ich ihn gewarnt und gebeten, sich behandeln zu lassen. Er versprach es mir, löste dieses Versprechen aber bis zu meiner Abreise nicht ein. Ich hoffte, er würde sich daran halten – seiner Familie zuliebe."

„Das heißt, er war schon lange krank? Wieso sollte er es dabei belassen wollen? Das klingt ganz und gar nicht nach Dad."

Es klang, als wollte er uns bewusst alleinlassen. Und genau diese Tatsache würde ich nicht akzeptieren, egal was sie nun sagte. Denn das war so gar nicht seine Art; wenn es etwas gab, das über allem stand, dann die Familie. …oder war genau das der Punkt?

„Vielleicht hat er es nicht ernst genommen. Er hätte mir auch genauso gut nicht glauben können, wer weiß. Vielleicht hatte er es geplant, aber als dann plötzlich deine Mutter starb…das hat ihn in ein Loch gerissen, aus dem er sich womöglich weder befreien konnte noch…noch wollte.", erklärte sie und wurde dabei immer leiser. Als sie das letzte Wort beinahe nicht hervorbringen konnte, spürte ich, dass meine Sicht leicht verschwamm. Ich wusste, dass er Mum sehr liebte. Damals war ich zu jung, um zu verstehen wie sehr und vielleicht konnte ich es auch jetzt noch nicht vollends begreifen. …aber was war mit uns, seinen Kindern? Wie konnte er mit dem Wissen leben, uns allein zu lassen? Wie hätte er sich gegen uns entscheiden können, wenn ihm doch klar war, dass wir womöglich elternlos aufwachsen würden?

„Er hat auch euch geliebt und das nicht zu wenig.", sagte sie, als würde sie in mir lesen wie in einem offenen Buch: „Aber den Tod dieser einen Person, für deren Leben du deines gegeben hättest, kann man niemals überwinden. Entweder überwindet er dich oder…du lernst irgendwann, damit zu leben." Sie schaffte es, mir eine Träne zu entlocken. Sofort wischte ich sie fort, wollte nicht, dass sie sah wie sehr mich das doch traf. Aber natürlich war es zu spät. Für eine Sekunde fanden ihre Finger meine.

„Willst du ihn für diese Entscheidung bestrafen, nachdem er für sie bezahlt hat? Willst du ihm vorwerfen, er hätte sie nie bereut? Ich glaube, das hat er, mehr als einmal. Vielleicht…war es da einfach schon zu spät."

Es gab so viele Dinge, für die es nun zu spät war. Diese Endlichkeit wollte mir nicht recht begreiflich werden…sie war unerträglich. Wenn ich daran dachte, dass es zu spät war, Dad zu danken. Ihm zu sagen wie sehr ich ihn und alles schätzte, das er für mich tat… Es war so einfach und doch unmöglich. Eine Stunde, ein paar Tage mehr und ich hätte meine Gelegenheit bekommen. Vielleicht hätte ich sie nicht genutzt, wie schon zuvor. Und es schmerzte, sich das einzugestehen…

„Hast du es meiner Mutter gesagt?", fragte ich, weil es mich ehrlich interessierte. Es folgte ein Kopfschütteln.

„Wie…gut kanntest du sie?"

„Sarah war mir eine enge Freundin, ich habe sie schon von Beginn an sehr gemocht. Wenn ich auf euch aufpasste, weil sie gerade mit deinem Vater ausgegangen war, fühlte ich mich wie eine eurer Tanten. Wie ein Teil der Familie…und sie hat stets gesagt, das wäre ich auch. Ihr Tod war – es war das Ende von vielem."

Sie war noch immer ein Teil der Familie. Nur wusste ich nun nicht mehr genau, welcher. Meine Schwester, meine Tante, vielleicht auch eine Art Mutter. Diese Rolle passte so gar nicht zu ihr und doch bereitete mir dieser Gedanke eher Freude als Missfallen. Ihre letzten Worte jedoch verunsicherten mich: „Inwiefern?"

„Billy hatte seine Frau verloren, ihr eure Mutter und ich jemanden, der mir näher stand als ich es vielleicht gern zugelassen hätte. Dein Vater verkraftete nicht, dass sie so früh gegangen war, aber Hilfe annehmen wollte er dennoch nicht. Ich war zu dieser Zeit schon länger fortgegangen, entschloss mich aber heimzukehren, als ich davon hörte. Billy war es, der mich auf Abstand hielt. Vielleicht wollte er seine Trauer allein überwinden, aber ich dachte immer nur an euch, die ihr plötzlich ohne Mutter wart. Er hat sich angegriffen gefühlt, warum auch immer. Wir glaubten, er habe mit uns gebrochen und von da an wagten wir es nicht, zurückzukommen."

Dad war ab und an sehr dickköpfig gewesen, das stimmte. Er hatte es nicht leicht, allein mit drei jungen Kindern, gab aber trotz allem nie auf. Ich bewunderte ihn dafür und auch, weil er es schaffte, dass es uns nie an etwas fehlte. Natürlich vermisste ich meine Mutter, fragte nach ihr, aber…aber ich konnte dennoch gut damit umgehen. Wie wäre es wohl gewesen, wenn Jess hergekommen wäre? Wie würden wir nun zueinander stehen? Das war so absurd, dass ich beschloss, diese Sache besser ruhen zu lassen: „Wenn du sagst, du bist gegangen…warum? Und wohin?" Ich hatte keine Antwort darauf, weshalb sie gehen sollte, wenn sie doch hier ihr Zuhause wiedergefunden hatte. Wenn sie akzeptiert worden war und alles besaß, das sie so lange suchte…machte es schlicht und einfach keinen Sinn.

„Ich war jung, ich wollte die Welt sehen."

„Bist du nicht vorher schon von einem Ort zum anderen gezogen?", hakte ich nach, weil ich erwartet hatte, dass mehr kommen würde. Sie hob die Schultern, als gäbe es dafür tatsächlich keine Erklärung. Als hätte er Wind sie aufgegriffen und wie ein Blatt durch die Luft gewirbelt, bis er sie irgendwo niederließ. Als hätte sie diese Entscheidung nicht selbst getroffen.

„Ja, aber…es war merkwürdig, so lange Zeit an einem Ort zu verweilen. Das hat sich angefühlt, als würde ich auf meinen Lebensabend blicken, der vor mir lag. Ich hatte das Gefühl, festzusitzen, vor vollendeten Tatsachen zu stehen.", erklärte sie und doch wollte ich das nicht ganz glauben, vielleicht, weil es mir damit vollkommen anders erging: „Meist entdeckt man erst, was man an seinem Zuhause hat, wenn man es verlässt." War das ihre Art mir zu sagen, wie gern sie hier war? Wie sehr sie diesen Ort mochte, obwohl er sie in gewisser Weise festhielt und…bedrängte? Diese Zwiespältigkeit würde gewiss auch meine Meinung ändern. Wie die Tatsache, dass sich in nicht allzu weiter Ferne gerade die Person aufhielt, der man auf keinen Fall über den Weg laufen wollte. Apropos…

„Was wirst du wegen Jasper unternehmen?", fragte ich nach einiger Zeit des Schweigens.

„Weshalb sollte ich etwas unternehmen?"

Sie verwirrte mich, nicht nur, weil sie meine Frage mit einer weiteren beantwortete. Es lag auf der Hand, wieso man nicht einfach so tun konnte, als wäre nichts gewesen. Oder sah sie das etwa anders?

„Er ist hier rein gekommen, hat dich bedroht und…und eindeutig klargemacht, dass er dich nicht hier haben will. Ist das nicht Grund genug?"

Es war Grund genug, das stand nicht zur Diskussion. Ich versuchte, ihre Hintergründe zu erschließen, nur ließ sie das nicht zu: „Es würde nichts bringen, sich seiner anzunehmen. Ich werde damit leben müssen, dass er ab und an seine Macht auszuspielen versucht. Das hat er immer getan, es wird sich also nichts daran ändern, egal was ich tue." Das klang, als hätte sie bereits damit abgeschlossen, dass er ihr den Schädel gebrochen und sie bewusstlos in ihrer eigenen Blutlache zurückgelassen hatte. Im Gegensatz zu ihr konnte ich diese Erinnerung nicht so einfach aus meinem Kopf verbannen, was wohl auch daran lag, dass sie sich nicht selbst hatte sehen müssen. Das war nicht der richtige Weg, ganz sicher nicht: „Und dabei willst du es belassen? Der Typ ist komplett irre! Und seine Drohungen haben sich nicht gerade so angehört, als wären sie leer. Wie kannst du nur darüber hinwegsehen? Er hat dir schon einmal das Leben zur Hölle gemacht, das muss sich nicht unbedingt wiederholen." Dass ich versuchte, sie zu warnen, schien ihr egal zu sein. Sie kannte Jasper wesentlich länger und besser als ich, das mochte wohl wahr sein, nur ließ mich ihr Verhalten daran zweifeln, ob sie ihn deshalb auch richtig einzuschätzen wusste. Er betrachtete Jess als sein verfluchtes Experiment und hatte mehr Kontrolle über sie, als sie sich womöglich eingestehen wollte. Und genau das machte es in meinen Augen so gefährlich: dass sie ihn unterschätzte.

„Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass ich diese Hölle jemals verlassen habe. Es macht für mich keinen Unterschied. Ich werde und will nicht in Angst leben, noch dazu einer unbegründeten."

„Unbegründet?! Hörst du mir nicht zu?"

Tatsächlich…hörte sie mir wirklich nicht zu, sie ignorierte mich: „Es wird sich nicht wiederholen, nichts davon. Ich lerne dazu und mit jeder Begegnung wachse ich. Das braucht nicht deine Sorge zu sein, Jacob, ich kann auf mich selbst aufpassen."

Oh, ja, ich hatte gesehen, wie gut sie das konnte! Es endete damit, dass ich glaubte, sie würde in meinen Armen sterben! Jess versuchte, das auch aus meinem Kopf zu verdrängen, indem sie auf Durchzug schaltete.

„Da, wo ich jetzt bin, habe ich nichts zu befürchten. Und du tätest gut daran, das auch zu erkennen.", erklärte Jess und ihre Gleichgültigkeit raubte mir den Atem: „Jenny wartet schon auf mich und ich sollte sie besser nicht warten lassen." Sie hob ihre Tasche auf, die ich bisher gar nicht bemerkt hatte, und steuerte auf die Haustür zu.

„Tust du immer, was Jenny sagt?", fragte ich, bevor ich es verhindern konnte. Ich hatte nicht vor, sie mit dieser Art Vorwurf zu konfrontieren und doch hatte ich es getan. Jess bestrafte mich mit Blicken, die deutlicher nicht hätten sein können.

„Tust du nie, was man dir sagt?"