24. Ich bin der Leitwolf! Also wieso sollte ich? – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Je mehr Zeit verging, umso öfter fragte ich mich, wem ich eigentlich etwas vormachen wollte. Ich fühlte mich verraten und schuldig, weil ich Jess nicht einmal die Chance gegeben hatte, sich vollends zu erklären. Ich musste mit ihr sprechen…und tatsächlich erfüllte sich diese Hoffnung, als ich sie spät abends unerwartet im Haus antraf. Weil ich das Gefühl brauchte, ihr trauen zu können, wollte ich auch die Seiten an ihr kennenlernen, die sie mir verschweigen wollte. Nur war vorerst wichtiger, was es mit Billys Krankheit auf sich hatte. Jess erzählte, er wäre bereits krank gewesen, als sie sich trafen, und vermutete zugleich, dass vielleicht auch der Tod meiner Mutter Grund dafür gewesen war, dass er sich nicht behandeln ließ. Ob das stimmte oder nicht, würde wahrscheinlich niemals ans Licht kommen. Dafür machte mir Jess klar, dass sie nicht vor hatte, irgendetwas wegen Jasper zu unternehmen – und so gingen wir erneut in einem Streitgespräch auseinander.
„Ich denke nicht, dass das so eine gute Idee ist, Quil."
Es war keine gute Idee, definitiv nicht. Quil verdrehte die Augen: „Es sind alle da, endlich mal wieder 'ne richtige Versammlung! Sam und Emily kommen zurück, hast du das vergessen?" Alle war genau das, was ich gerade am wenigsten gebrauchen konnte. Ich war mir nicht sicher, ob Quil auch alle meinte, wenn er es sagte, oder nicht. Ich war mir mit kaum etwas mehr sicher.
Wir betraten Emilys Haus als Letzte und wäre es nicht so verdammt voll gewesen, wäre ich wohl glatt wieder umgekehrt. Jess stand am anderen Ende des Raumes, zusammen mit Jenny. Sie würdigte mich keines Blickes, aber allein dass sie hier war, fühlte sich…merkwürdig gut an. Als könnte sie darüber hinwegsehen, wie ich mit ihr umgegangen war. Nur wie würde ich mit ihr umgehen?
„Jacob! Wie schön, dass du gekommen bist.", begrüßte mich Emily überschwänglich mit einer Umarmung; Sam nickte mir lediglich zu, beinahe hätte ich seine leicht hochgezogenen Mundwinkel nicht bemerkt. Ich erklärte es für selbstverständlich, hier zu sein, obwohl es das keinesfalls war. Nicht nach allem, das passiert war. Nicht nach dieser Sache, die mich noch immer innerlich aufwühlte wie nichts anderes. Ich sah zur gegenüberliegenden Raumecke.
Die folgende Stunde lauschte ich ausschweifenden Erzählungen über die Welt außerhalb dieses Reservats und dass man etwas verpassen würde, falls man diese nie beträte. Sam und Emily sprachen über ihre Erfahrungen mit Menschen, Kulturstädten und Essen in anderen Ländern und erfüllten mich dabei nicht ausschließlich mit Interesse. Tatsächlich mochte ich mir nicht vorstellen, wie sich der Geschmack von Oktopus auf meiner Zunge anfühlte. Emily hingegen schwärmte davon, als gäbe es nichts besseres. Sie zeigten Fotos von überall, auch von ihren internationalen Freundschaften. Wenn ich das Glück auf diesen Bildern so ansah und es mit der Realität verglich, kam mir Sam wie ein völlig anderer Mensch vor. Einerseits freute ich mich für die beiden, andererseits wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Es dauerte eine geschlagene Ewigkeit, bis wir uns durch die unzähligen Erinnerungen geklickt hatten: „…ihr könnt euch nicht vorstellen wie anders es ist. Ein Abenteuer, wirklich. Wohin man geht, alles ist so neu und schön, als würde man eine fremde Welt betreten." Sie hörte sich beinahe an wie Renesmee.
„Hört ihr das? Sie hat vor, uns hier allein zu lassen. Sam, pass bloß auf, bevor du dich versiehst, sitzt du mit deinem ganzen Krempel im Flieger nach Europa!", warnte Jared mit einem Lachen, das mir beinahe einen Gehörsturz bescherte. Quil stimmte zu und meinte, er sähe ihn bereits mit grauen Haaren am Esstisch mit seinen zehn quengelnden Kindern um sich herum. Was das miteinander zu tun hatte, war mir noch etwas schleierhaft. Wenn es eines gab, das ich mir nicht vorstellen konnte, dann war es Sam als Familienvater. Nicht, dass er nicht mit Kindern umgehen könnte, nur…nur war er so verdammt ernst und – er war eben einfach Sam, dafür gab es keine Worte.
Ich war so vertieft in diesen Gedankengang, dass ich beinahe nicht bemerkte, wie sich alle verabschiedeten. Jess war so schnell verschwunden, dass ich Schwierigkeiten hatte ihr zu folgen. Als ich sie kurz vor der Straße bei ihrem Pickup aufspürte, war Embry an ihrer Seite.
„Hast du einen Moment für mich?"
„Kommt darauf an, wie lange dieser Moment sein soll.", antwortete sie ähnlich reserviert wie mir gegenüber, ihre Laune hatte sich seit gestern nicht wesentlich gebessert: „Ich habe nicht viel Zeit." Mit einem Seitenblick auf mich verschränkte sie die Arme. Daraufhin drehte sich Embry kurz zu mir um, versuchte aber, mich zu ignorieren.
„Fünf Minuten, Jess. Es ist wichtig."
„Meins ist auch wichtig, also leg los.", forderte sie ihn auf und öffnete die Tür ihres Wagens. Er zögerte.
„Könnten wir vielleicht…ein Stück gehen?"
„Ich wüsste nicht, wieso. Kannst du nur beim Laufen reden?"
Okay, sie hatte sich kein bisschen abgeregt. Das Gegenteil schien der Fall zu sein. Embry platzte wie eine Wasserbombe und fuhr zu mir herum: „Jacob, wie wär's, wenn du uns allein lässt? Es gibt keinen Grund, hier herumzuschwänzeln." Ich blieb stehen, verschränkte ebenfalls die Arme und erwiderte Jess' Blick eisern. Ich wollte nicht, dass er mit ihr sprach, schon gar nicht, weil ich es ebenfalls vorhatte. Da spielte es noch nicht mal eine Rolle worüber.
„Du hast ihn gehört."
Hielt sie ihm nun auch noch den Rücken frei? Meine Kinnlade rutschte eine Etage tiefer: „Ich denke, das habe ich. …was aber nichts an der Tatsache ändert, dass wir eine dringendere Angelegenheit haben." Embry schnaubte.
„Du gefährdest deine Gesundheit."
„Und du deine."
Jess schüttelte den Kopf und stieg ein.
„Macht das unter euch aus, ich habe diese Kinderspielchen jedenfalls nicht nötig.", sagte sie und startete das Auto, woraufhin ich die Beifahrertür öffnete. Embry stemmte seinen Arm zwischen mich und den Sitz, wütend starrte ich ihn an: „Geh mir aus dem Weg."
„Geh du mir aus dem Weg.", fauchte er. Ich schob ihn beiseite, als Jess aufs Gas trat. Wir beide landeten unsanft am Boden und konnten nur zusehen, wie sie davonfuhr.
Ich hatte geglaubt, damit hätte sich das. Wie sich herausstellte, lag ich falsch.
„Ich wollte nicht, dass du gehst."
„Ich bin nicht gegangen.", erklärte sie, obwohl es nicht stimmte. Natürlich war sie das und sie war noch immer nicht zurückgekehrt. Ich wollte sie bitten, darüber hinwegzusehen, wusste jedoch nicht wie.
„Ich...habe einen Flug gebucht."
Was hatte sie? Beinahe hätte es ihm die Sprache verschlagen: „Wieso? Das musst du nicht. Ich verstehe das nicht." Vermutlich verstand sie es selbst nicht einmal.
„Ich hätte nicht kommen dürfen, es ist besser so. Es wird besser werden, glaub mir. Irgendwann weißt du, warum."
„Ich will es jetzt wissen, erklär es mir!", forderte er, und seine Hand berührte ihr Gesicht. Ich sah weg, nur für einen Moment. Mein Blick streifte die Bäume, deren Äste sich dem stürmischen Wind hingaben. Es regnete in Strömen und das schon seit Stunden. Mein Platz am Fenster hatte sich als schlechter Beobachtungsposten erwiesen, nichts von diesem miesen Wetter blieb mir erspart. Ich war nass bis auf die Knochen, kein Wunder, schließlich war ich in Wolfsgestalt hergekommen. Tatsächlich wollte ich mit Embry sprechen, traf aber auch auf Jess. Das machte es nicht leichter für mich.
„Wann wirst du gehen?"
„Zu bald."
Das war ein schlechter Scherz. War das alles meine Schuld? Ich hatte versucht, das zu klären, ich dachte…ich dachte, wir würden darüber hinwegsehen können. Jess schob ihn von sich, aber er überwand ihre Abwehr und umarmte sie. Was genau waren die beiden? Was hatte ich verpasst? War es Teil des Problems?
„Ich muss gehen.", sagte sie und er widersprach nicht länger, ich zog mich zurück: „Es tut mir leid." Als sie das Haus verließ, folgte ich ihr. Wir verwandelten uns und ich konnte mich unweigerlich nicht länger verstecken.
Du hättest dich bemerkbar machen können.
Es hätte nur zu einem Streit geführt., erwiderte ich, müde, weil man vor ihr nichts verbergen konnte: Und den kann ich heute nicht gebrauchen. Sie war so schnell, dass ich ihr nur mit Müh und Not folgen konnte.
Dann bist du also nicht auf der Suche nach Streit? Ich dachte, du wolltest mit ihm reden.
Das wollte ich auch. Ich habe es mir anders überlegt.
Es bewog sie dazu, anzuhalten. Ich kam neben dem weißen Riese zum Stehen und versuchte, mich so groß zu machen wie nur möglich. Mir gefiel dieses Weiß, es war so anders.
Was muss ich tun, dass du hier bleibst?, fragte ich und blickte sie forschend an, auf der Suche nach Antworten in diesen stechenden gelben Augen.
Du hast mir gezeigt, dass dies hier kein Platz ist für mich. Ich kann dir nicht alles offenbaren, aber genau das ist es was du von mir erwartest. Wie soll ich deine Erwartungen erfüllen, wenn es dich nur in Gefahr bringen würde? Manche Dinge sollten nicht ausgesprochen werden, auch weil sie nicht aussprechbar sind.
Es war keine vierundzwanzig Stunden her, dass sie behauptet hatte, es würde ihr nichts ausmachen, Seite an Seite mit Jasper zu leben. Und jetzt das.
Du hast mich auf die Idee gebracht. Ich habe entschieden, dass du gar nicht so Unrecht hast., beantwortete sie meine Gedanken. Es war absurd, dass sie so schnell ihre Meinung änderte.
Du hast also diese Entscheidung getroffen, ja?
Fang nicht schon wieder damit an.
Sie drehte sich von mir weg, verfiel in einen Trab und bewegte sich nun in Richtung Straße. Ich folgte ihr: Liege ich denn falsch? Ich könnte schwören, dass sie gerade die Augen verdreht hatte.
Nein. Aber es rechtfertigt nicht, dass du mich damit so aufziehst.
Vielleicht ja doch. Sie hat nicht länger das Sagen, Jess. Ich weiß, sie ist deine Schwester, aber mehr eben auch nicht. Nicht mehr. Ich entscheide jetzt für dich. Und ich bestimme, du bleibst hier., sagte ich in ihrem Kopf und war stolz, wie selbstbewusst das klang. So, als könnte ich tatsächlich darüber entscheiden, obwohl mein Gefühl mir das Gegenteil sagte.
Dein Gefühl trügt dich nicht ganz.
Sag mir, warum du ihr folgst.
Sie legte die Ohren an, nur kurz, sah aber nicht zurück. Ich glaubte, der Regen wollte mich mit seinen Tropfen erschlagen und dem Erdboden gleichmachen. Hätte er es nur getan.
