24. Ich bin der Leitwolf! Also wieso sollte ich? – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Emily und Sam waren von ihrer Weltreise zurückgekehrt und zeigten uns mit ausschweifenden Erzählungen Bilder ihrer Erlebnisse, nur erfüllten sie mich dabei nicht ausschließlich mit Interesse. Ich wollte die sich bietende Gelegenheit nutzen und Jess zur Rede stellen, doch auch Embry war auf diese Idee gekommen und dumm, wie wir waren, spielten wir einander gegenseitig aus. Nachdem ich die Strategie gewechselt hatte und nun stattdessen mit Embry sprechen wollte, führte das genau in die andere Richtung. Ich erfuhr, dass Jess plötzlich doch gehen wollte und sah deren Verabschiedung, was mich dazu bewog, ihr zu folgen. Statt Antworten zu geben, redete sie aber nur darum herum und wir gelangten erneut an den Punkt, der hierbei durchaus wesentlicher schien, als ich vermutet hätte: Dass Jess' Entscheidungen nicht unbedingt ihre eigenen waren.


Sag mir, warum du ihr folgst.

Sie legte die Ohren an, nur kurz, sah aber nicht zurück. Ich glaubte, der Regen wollte mich mit seinen Tropfen erschlagen und dem Erdboden gleichmachen. Hätte er es nur getan.

Weil sie immer richtig gewählt hat. Im Gegensatz zu mir kann sie das. Du weißt, dass meine Entscheidungen bisher nichts Gutes gebracht haben.

Meinte sie damit die Neugeborenenarmee?

Nicht nur. Fest steht, ich entscheide falsch.

Und ich entscheide nicht richtig?, schlussfolgerte ich, doch sie dementierte es: Das habe ich nicht behauptet. Ach, nein?

Ich kenne dich nicht so gut, wie du vielleicht glaubst. So geht es doch uns beiden. Entscheidungen für mich treffen kann nur, wer mich kennt. Wer meine Vergangenheit kennt…und damit meine ich nicht, dass man sie erlebt haben muss. Man muss sie sich vorstellen können.

Wo genau lag nun das Problem? Ich wusste sehr wohl, was es hieß, gegen eine Neugeborenenarmee zu kämpfen. Ich hatte es selbst getan. Ich hatte getötet und ich würde es wieder tun, auch wenn es mich einiges gekostet hatte. Ich dachte daran zurück, wie es sich anfühlte, keinen Finger mehr rühren zu können, kaum mehr atmen zu können, ohne durchdringenden Schmerz zu spüren.

Das ist nicht dasselbe., kommentierte sie es: Du hast nicht gesehen, was ich getan habe. Ich war wie er, wie Jasper. Ich habe getötet, ohne Reue, ohne Schuld. Es hat mich nicht gerührt und das tut es jetzt noch nicht. Ich fühle nichts dabei. Ich bin ein Monster. So war es also? Sie hielt sich für so schlecht, dass sie es für besser hielt, andere für sich entscheiden zu lassen? Und zu gehen, um mich davor…ja, was? Zu bewahren?

Gib mir eine Chance, dir das Gegenteil zu beweisen., bat ich, aber sie schob es von sich wie eine angebotene Tasse Tee. Ich fühlte, wie er sich brühwarm auf meiner Hand ergoss.

Mach dir keine Hoffnung, wo keine ist. Hör auf, so verdammt gutgläubig zu sein wie ein kleines Kind. Manche Dinge sind eben so, wie sie sind.

Du nicht.

Wieder blieb sie stehen. Ihr Atem ging schwer, ihre Brust hob und senkte sich mit rasselndem Geräusch: Forderst du mich heraus? Was soll das werden? Ich umrundete sie, bis wir einander gegenüberstanden. Sie wirkte niedergeschlagener, als ich gedacht hatte.

Du hast mich gesehen, in meinen dunkelsten Momenten. Du hast gesehen wie ich am Abgrund war und hast mich wieder hochgezogen. Was glaubst du, wo ich nun wäre, wärst du nicht da gewesen, nach Billys Tod?

Sie schwieg.

Du hast mehr getan als jeder andere und ich glaube nicht, dass du es getan hättest, wenn es dir egal wäre. Mir bist du auch nicht egal. Lass mich dich kennenlernen, lass mich dir helfen. Du kannst immer noch gehen, wenn ich dich danach verstoße.

Was nicht passieren würde…dessen war ich mir sicher. Das könnte ich gar nicht, nicht noch einmal: Lass mich auch an deinen dunkelsten Momenten teilhaben. Werde ein Teil dieser Familie, meiner Familie…gib mir nur diese eine Chance.

Und sie gab sie mir.


Als ich die Augen öffnete, war da nichts als Rauch und Gestank. Ich hatte nicht geglaubt, dass ich es würde riechen können…aber so war es. Beinahe tränten mir die Augen, so sehr stach der Geruch des Todes. Ich blickte mich um, konnte kaum mehr jemanden ausmachen, der aufrecht stand. Es herrschte schreckliche, ohrenbetäubende Stille. Irgendwo war Feuer, mir tropfte der Schweiß von der Stirn, so sehr schlug mir die Hitze entgegen, als ich mich ihm näherte. Nur wurden meine Beine schwer, so schwer, dass ich mich kaum mehr halten konnte. Es war keine Schwäche, nein. Ich konnte dieses Gefühl nicht beschreiben, doch es beherrschte meinen ganzen Körper. Von meinen Händen tropfte Blut, aber das spielte keine Rolle, es gehörte nicht mir. Wem gehörte es dann? Hier lagen nur marmorne Leichen. Bruchstücke, wie die Fragmente einer Vase oder frischen Porzellangeschirrs. Dieser Tod war so sauber, dass es mich betörte; er hinterließ nichts als blanke Scherben. Was zu wem gehörte, ließ sich jedoch nicht mehr feststellen, alles war verstreut. Der Anblick ließ mich dennoch kalt. Was ich sah, war nur der Horizont, der ein Ende des Gemetzels verheißen ließ. Es kam niemand nach, ihr Vorrat an Menschen und auch Neugeborenen war erschöpft. Wie lange es anhalten würde, konnte niemand sagen. Vermutlich einen Tag, mit etwas Glück auch zwei. Es brauchte nicht lange, neue Soldaten heranzuschaffen, die Städte waren schließlich voll davon. Ich hatte gerade eine Schlacht hinter mir und fühlte mich dennoch stark, als könnte ich eine neue bestreiten, schon jetzt. Und ich wollte es, spürte das tiefe Verlangen, diese Macht auszuspielen, die in mir schlummerte. Es brauchte nicht mehr als einen Lufthauch, um einen Wirbelsturm zu entfachen. Es brauchte nicht mehr als einen Schlag, um diese Welt ins Wanken zu bringen. Es war schlicht unbeschreiblich.


Ich rutschte weiter, tiefer, die Zeit machte einen gewaltigen Sprung nach vorn.

„Ich hoffe, diese Quelle war verlässlich."

Ich war misstrauisch, wie jedes Mal, wenn wir uns auf die Suche nach ihm machten. Es hatte eine geheime Nachricht gegeben, die uns in die Staaten zurückführte. Von wem sie kam spielte keine Rolle, wichtig war nur, ob sie stimmte.

„Diesmal sicher.", sagte Jenny neben mir, doch sie hörte sich weniger überzeugt an. Mit einem Klopfen trat ich von der Tür zurück. Sie war groß und schwer, gehörte zu einem Anwesen, das einst von Adligen bewohnt schien. Nur hatte man nichts dazu beigetragen, es so zu erhalten. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sich jemand näherte. Den Schritten nach zu urteilen eine Frau, war es also die falsche Spur? Sie öffnete und taumelte zurück, als sie erkannte, wer da vor ihr stand. Ich hielt die Tür mit Leichtigkeit offen, während sie sie mit aller Kraft zu schließen versuchte. Diese Augen waren noch nie gut angekommen: „Bist du allein?" Als sie den Kopf schüttelte, wirkte sie wie ein Schulmädchen, jung und voller Angst.

„Hol ihn."

Sie zögerte, ließ dann los und verschwand am Ende des Hausflures. Wir warteten, bis sich jemand bemerkbar machte. Die Frau blieb auf Abstand, er hingegen trat hervor und musterte uns voll unverhohlener Neugierde: „Wie kann ich Ihnen helfen?" Seine Haut war dunkel, hatte die Farbe von Ocker im Kerzenschein. Das Haar war pechschwarz. Sein Geruch und die blutroten Augen identifizierten ihn unweigerlich als Vampir – wir waren richtig. Er musste es sein.

„Mr Lesotho?"

„Ja, der bin ich. Was kann ich für Sie tun?"

Sein Akzent war…orientalisch. Jenny und ich tauschten einen schnellen Blick. In dieser Sache hatten wir eindeutig mehr Glück als Verstand. Dennoch nahm ich es in die Hand: „Es ist ein paar Jahre her, nicht wahr? Du musst uns vergessen haben, nach all der Zeit." Er reagierte nicht, entweder weil er uns wirklich nicht erkannte oder weil er es für taktisch klüger hielt. Nun gut, womöglich konnte er uns gar nicht erkennen. Wer wusste, ob er uns jemals gesehen hatte?

„Dein letzter Besuch bei Evelyn liegt eine Ewigkeit zurück. Fragst du dich nicht, wie es ihr ergangen ist?"

Dieser Name schrieb Unsicherheit in sein Gesicht; er wusste, worum es ging. Nur wollte er nichts eingestehen: „Evelyn? Ich kenne niemanden, der so heißt. Ich glaube, Sie haben sich versehen." Oh, nein.

„Ich glaube, wir sind goldrichtig. Evelyn Makah war Mitglied des Stammes der Quileute im Bundesstaat Washington. Sie verstarb bei der Geburt ihrer…Kinder, nachdem sie sich dem Vergehen schuldig machte, Unzucht mit einem Vampir getrieben zu haben.", brachte Jenny Licht in diese offensichtlich dunkle Stelle in seinem Kopf. Kinder, wie sie sagte, waren wir jedoch nie gewesen. Nicht eine Minute auf dieser Welt blieb uns dafür vergönnt.

Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, wie ein verdammter Fisch auf dem Trockenen.

„Khaled?", fragte die Frau am Ende des Flurs, als wollte sie prüfen, ob er noch lebte oder erstarrt war, nachdem er uns in die Augen blickte. Ich realisierte nur langsam, dass die Person, die vor uns stand, tatsächlich unser Vater war. Er war es niemals wirklich gewesen und würde es auch niemals sein, aber…diese Tatsache war merkwürdig. Er drehte sich zu ihr um: „Keine Sorge, Liebling. Das sind Bekannte. Geh nach oben, ja? Nur einen Augenblick, dann komme ich zu dir." Sie zögerte, nicht zu Unrecht. Dann stieg sie die Treppe nach oben.

„Wir können reden, aber nicht hier."

Seine Kooperation überraschte mich, urplötzlich schien sich seine Meinung grundlegend geändert zu haben.

Als wir uns einverstanden gaben, führte er uns einige Meter weiter zu einem Waldstück, weg von den Häusern und außer Sichtweite anderer Personen.

„Wie geht es ihr?", fragte er hoffnungsvoll, als wäre ihm ihr Schicksal nicht bekannt. Das war es, keine Frage, das musste es sein. Wer überlebte eine solche Geburt? Wer überlebte den Tag, an dem der Teufel höchstpersönlich aus seiner Hölle nach oben stieg, um die Menschen zu richten? Und nicht nur sie...

„Sie ist tot."

Ich hielt es für unnötig, es länger hinauszuzögern. Er wirkte ehrlich getroffen.

„Sie starb am Tag der Geburt deiner Töchter."

Und erst jetzt, erst nach dieser mehr als eindeutigen Bemerkung seitens Jenny schien der Funke bei ihm übergesprungen: „Meiner…Töchter? Ich – ich wusste nicht…" Natürlich wusste er es nicht. Mittlerweile gab es wohl kaum jemanden mehr, der es wusste. Die Zeit verwischte Spuren, konnte sie jedoch nicht vollends auslöschen. Manchmal wünschte ich, sie hätte es dennoch getan.

„Ihr seid…am Leben, das – das ist wunderbar."

„Wir haben sehr lange nach dir gesucht."

Er lächelte, als wäre das ein Kompliment an ihn als unseren geliebten Vater, der endlich gefunden war. Offen gestanden hatte ich mir mehr von diesem Gefühl erhofft.

„Und ich freue mich, dass ihr mich gefunden habt! Ihr seid gern willkommen in meinem bescheidenen Hause; die Frau, die ihr gesehen habt, ist –"

„Wir sind nicht an deinem Leben interessiert.", stoppte ich seinen Enthusiasmus abrupt: „Sondern an unserer Mutter." Er war verunsichert, aber nicht lange. Er erwartete mehr, als wir ihm geben würden. Aber das interessierte mich wenig.

„Uns beschäftigt die Frage, wieso wir hier sind. Wieso es so weit kommen musste."

Das verstand er nicht. Jenny übernahm wie stets den schwierigen Teil: „Dir muss klar gewesen sein, dass es verboten war. Wieso hast du dich ihr überhaupt genähert? Sie war dein natürlicher Feind." Die Direktheit überforderte ihn offensichtlich.

„Ich…wir liebten uns. Aber welche Rolle spielt das? Es ist vorbei, ich hatte gehofft, sie würde leben. Aber ihr sagt, sie sei tot – es war ihre Entscheidung."

Dieses Stammeln trieb mich noch in den Wahnsinn: „Ihre Entscheidung?" Wir sprachen beide zur gleichen Zeit. Der Mann, der unser Vater war, nickte bestätigend und konnte es dennoch nicht erklären.

„Sie wurde schwanger und dann-", er brach ab, hob die Hände, als könnte er aufkommende Vorwürfe damit abwehren: „Wir konnten es nicht rückgängig machen. Sie wollte das Kind – die Kinder – bekommen und ich respektierte das…aber…" Er brauchte einen Moment, um das Ganze zu fassen. Zugegeben, es war nicht leicht zu begreifen, dass man im Grunde seit hundert Jahren Vater war und nichts davon wusste. Und dass die eigenen Nachkommen nach einem suchten, ihn fanden und letztendlich…nichts mit ihm zu schaffen haben wollten. Für mich gesprochen stimmte das.

„Es würde mir gefallen, euch alles darüber zu erzählen. Die ganze Geschichte, schließlich…wir sind eine Familie, wir haben eine große Zukunft. Ich lade euch ein, meine Gäste zu sein, egal für wie lange. Es soll euch an nichts fehlen."

Wie…nett.

„Ich wiederhole mich ungern, aber wir sind nicht an dir interessiert, nicht als Vater. Du weißt mehr als jeder noch lebende Nachfahre unserer Großeltern und des Stammes."

„Und du weißt es aus erster Hand.", fügte ich hinzu, während seine Miene auseinanderzufallen schien. Freude, Überraschung, Zuversicht, alles das bröckelte. Ich sah dabei zu, bis es mich langweilte: „Wir haben nicht ewig Zeit, zumindest nicht heute. Also wieso hast du sie damit alleingelassen?" Wieder dauerte es einen Augenblick, beinahe einen Augenblick zu lange.

„Ich habe sie nicht alleingelassen. Wollen…wir nicht in Ruhe darüber reden?"

Nein, wollten wir nicht. Wir wollten die Wahrheit, vor allem die Wahrheit: „Wieso?" Ich wiederholte mich mit Nachdruck und brachte ihn zum Reden.

„Sie wollte gebären, sie ließ sich nicht davon abbringen! Wir wussten, was es bedeuten könnte, aber das – es war ihr egal. Und als ich ihr meinen Rückhalt zusicherte, verlangte sie von mir, dass ich gehe… Evelyn meinte, ihr würdet davon erfahren, was wir getan hätten, und könntet es nicht gutheißen. Sie…sie schickte mich fort, zu eurem Schutz und - und zu meinem."

„Und du ließest dir sagen, was zu tun war? Hättest du sie geliebt, hättest du ihre Kinder gewollt, wärst du geblieben."

Jenny schien verletzt zu sein durch sein Gehen. Tatsächlich glaubte ich hingegen, dass die Aufforderung unserer Mutter an ihn, zu gehen, nur dann Sinn ergab, wenn sie uns nachvollziehen konnte und schloss, dass wir ihn würden verantwortlich machen können für sein Vergehen. Für ihren Tod. Denn genauso war es.

„Du ließest sie sterben.", folgerte ich.

„Was? Nein! Nein, ich wollte nicht-"

„Du brachtest ihr den Tod und gingst im Wissen ihres Sterbens, wie es ein jeder blutsaugender Untoter tut…"

Wieder erhob er die Hände, diesmal als ich mich ihm weiter näherte; Jenny hingegen schob sich vor ihn: „Beherrsche dich."

Bitte? Und dann, an ihn gewandt: „Es ist nicht ihre Absicht-"

„Oh, ist es!"

Ich drängte mich vorbei, wollte diesem Mörder ins Gesicht sehen, wenn er seinem Vergehen ins Auge blickte.

„Ich liebte sie! Eure Mutter war die schönste Frau, die einzige, die es je hätte geben können…für mich.", erklärte er, als würde das die Geschichte umschreiben. Das tat es nicht.

„Und dennoch hast du ihr den Tod in den Unterleib gepflanzt."

„Ich wollte nie…"

„Es ist nicht seine Schuld.", bestärkte Jenny diese Worte, doch ich hörte sie kaum. Ich sah nur ihn, nur diese Schande, die er in die Welt gebracht hatte. Als würde ich bei seinem Anblick in einen Spiegel sehen, genau das, was ich definitiv nicht wollte und auch nicht akzeptieren würde. Und in meinem Innersten wuchs Hass, schwoll an, bis er überquoll.

„Sie wollte, dass ihr lebt, wie könnte ich es ihr ausschlagen? Ich wollte es auch…ich bin euer Vater."

Ich schlug ihn für diesen Ausdruck, der sich auf meiner Zunge pelzig und fremdartig anfühlte. Er wich verunsichert zurück, fuhr jedoch fort mit diesem Humbug: „Aber der…der Liebe wegen habe ich ihr vertraut und – und übergab es in ihre Hände."

„Und überließest sie ihrem Schicksal."

Er wusste, der Stamm würde sie dafür verurteilen. Er wusste, sie würde die Geburt nicht überleben. Er wusste all das und ließ es geschehen. Ich konnte diese Art von Grausamkeit schlichtweg nicht begreifen.

„Niemals! Ich liebte sie so sehr, dass ich ihr glaubte, als sie sagte, sie würde leben. Und dass sie – dass sie mich finden würde! Dass unser gemeinsames Leben Zukunft hätte."

Noch ein Schlag, dass ihm die Porzellanhaut von den spröden Wangen bröckelte. Ich wollte diese Fassade nicht länger ertragen. Diese dumme, lügnerische Faselei von Liebe und Familie. Was war es schon wert? Er ließ all das zurück, er trat es mit Füßen! Und das würde ich auch tun.

„Jess!", fauchte Jenny, aber ich tat es ihr gleich. Sie zuckte, mehr nicht, dann fasste sie meinen Arm und hielt mich zurück. Es kostete mich keine Sekunde, mich loszureißen. Ihr nächster Versuch mündete in einem Stolpern ihrerseits, woraufhin ich mich wieder auf ihn konzentrierte. …bis mich ein urplötzlicher Druck erfasste und beinahe niederwarf, mein Kopf schmerzte und ich wankte. Sie versuchte, meine Macht zurückzuhalten, etwas anderes konnte sie auch nicht tun.

„Wag – es nicht."

Sie wollte mich schwächen, sie wollte ihn schützen? Dieses nutzlose, mörderische Wesen? Nur brauchte es keine Gabe, um die Welt von ihm zu befreien. Nicht für mich.

Ich hatte ihn bereits zu Boden gedrückt und meine Daumen in seinen Hals getrieben, als er erneut zu sprechen wagte: „Be…ben-jamin." Er sollte schweigen!

„Euer Bru… Sucht ihn, sucht – Benjamin."

Ich schrie, er solle den Mund halten, sonst könnte ich mir überlegen, ihn besser dort in Stücke zu reißen und drückte zu, bis ein Riss unterhalb des Kinns aufbrach. Doch er missachtete mich, dieser widerliche…

„Bei Amun, er-er ist bei Amun. Benjamin, ein…ein Vampir. Euer -", er röchelte, dann kam er wieder zu Atem: „Euer Bruder."

Es gab ein zufriedenstellendes Kreischen, als sein Hals splitterte.