25. Wenn aus Fragen Antworten werden und aus Antworten Fragen – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Als ich Jess damit konfrontierte, warum Jenny alle Entscheidungen für sie traf, erklärte sie, dass sie selbst nicht dazu in der Lage wäre, weil sie zu viele falsche Dinge getan hätte. Sie hielt sich selbst für ein Monster, doch dabei wollte ich es nicht belassen: ich forderte sie auf, uns eine neue Chance zu geben, ohne Geheimnisse. Und tatsächlich willigte sie ein und zeigte mir durch eine ihrer Gaben Ausschnitte ihres Lebens, wie es gewesen war. Ich erlebte es durch ihre Augen, mit ihren Gedanken. Erfuhr vom Krieg, von ihren Eltern und ihrem Bruder. Und musste dabei zusehen, wie es so auch meine eigenen Hände waren, die ihren Vater hinrichteten.
Mit einem Ruck erwachte ich in einem Körper, der mir wesentlich bekannter vorkam und sich dennoch im ersten Moment ungewohnt anfühlte. Es war, als hätte ich eine halbe Ewigkeit geschlafen…geträumt.
„Jetzt weißt du es."
Jess saß auf dem Boden, hatte die Beine angezogen und lehnte am Sofa. Sie sah nicht auf, als ich mich aufsetzte, um den Ursprung ihrer Stimme zu ergründen. Mein Schädel brummte und ich tastete danach, um herauszufinden, ob er noch da war wo ich ihn vermutete.
„Wie lange hat das gedauert?"
„Die Erinnerungen? Wenige Sekunden. Aber du hast einige Stunden gebraucht, um davon aufzuwachen.", erklärte sie und es traf mich wie ein Schlag. Einige Stunden? Ich glaubte, sofort wieder zurück zu sein; ich hatte Schwierigkeiten, so schnell in die richtige Zeit zu finden, aber… Okay, das machte mich fertig. Nicht nur seelisch, ich war – ich fühlte mich miserabel. Als könnte ich eine Menge Schlaf gebrauchen…
Tatsächlich konnte ich mich nicht einmal mehr genau erinnern, was sie mir gezeigt hatte. Sie erklärte, sie würde eine ihrer Gaben nutzen, um mich in einen Teil ihrer Vergangenheit einzuweihen, weil es wohl mit Worten nicht getan wäre. Danach wusste ich nur von ihren Händen zu beiden Seiten meines Kopfes und…einem Sog, einem Strudel, der mich in sich einsaugte. Was genau passiert war, kam nur langsam zurück. Da war sie gewesen, nein, sie und Jenny. Und dann war da dieser Kerl, der aussah, als könnte er mit ihr verwandt sein.
Ich stöhnte, weil mir das Nachdenken Kopfschmerzen bescherte. Wer war dieser…Benjamin? Gerade ergab nichts davon einen Sinn.
„Es wird eine Weile dauern, bis du dich an alles erinnerst.", erklärte sie: „Sag bescheid, wenn das der Fall ist." Sie stand auf und wollte gehen, da platzte es aus mir heraus.
„Du hast jemanden umgebracht."
Ich hatte das Gefühl, dass das nicht nur falsch war, sondern in diesem Fall eine Art…Verrat. Nein, schlimmer, viel schlimmer. Jess zögerte, bevor sie sich umwandte: „Tatsächlich." Ihr Blick war unergründlich und ich fragte mich, ob ich etwas Falsches gesagt hatte. Dann erfasste mich Wissen, dass ich bis vor Kurzem noch gehabt, aber wieder vergessen hatte.
„Diesen Typen, du hast ihn umgebracht. Warum?"
„Er hatte es verdient, zumindest glaubte ich das."
Soweit ich zurückdenken konnte, hatte er nichts getan, dass ihn schuldig machte. Nichts, das schlimm genug wäre, ihn auf diese Weise… Ich dachte, ich wüsste, dass er in Stücke gerissen worden war. Von…ihr.
Ja, natürlich, ich wusste um ihre Unkontrolliertheit, ihre Zeit in der Armee, aber – wozu eine so grundlose Tat? Jess seufzte: „Er war mein Vater. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger." Ihr Vater? Eine Welle von Erinnerungen überrollte mich und ich erkannte ihn.
„Du hast deinen Vater umgebracht?"
Es war eine Sache, immer wütend zu sein oder unkontrolliert und deshalb Dinge zu tun, die nicht richtig waren. Ich hatte nachvollziehen können, dass sie tötete. Vampire, Feinde, wen auch immer. Aber es war etwas anderes, bewusst die eigene Familie auszuradieren. Ich…ich konnte mir keinen Hass vorstellen, der so unfassbar groß war, dass er jemanden hierzu bewegte.
Sie starrte mich an, als wüsste sie nicht, was noch hinzuzufügen wäre. Dann winkte sie ab.
„Du hast noch nicht einmal die Hälfte davon wieder, es hat keinen Zweck, jetzt mit dir darüber zu reden. Vielleicht heute Abend oder morgen."
Als würde es das ungeschehen machen. Als würde das ändern, dass sie ihr eigen Fleisch und Blut… Egal, was ich darüber wusste oder nicht, es gab nichts, gar nichts, das diese Tat besser machen könnte. Und ich war mir nicht sicher, wie ich damit umgehen sollte. Sie tötete…ihren Vater. Eine Person, die ihr sehr nahe stand und das ohne jeden triftigen Grund. Ich wollte meine aufkommenden Gedanken verhindern, aber es war unmöglich.
Was, wenn ich ihr falsch begegnete? Wenn ich Dinge zu ihr sagte, im Streit? Was, wenn es jemand anderes tat? Würde sie ihn dann… Würde sie das tun? Und wieso konnte ich nicht aufhören, an meinen Vater zu denken? Er war nicht…sie würde doch nicht… Niemals war ich mir einer Person gegenüber so unsicher gewesen.
Selbst Stunden später war ich nicht schlauer daraus geworden. Wie sie prophezeite, erinnerte ich mich nun vollends an alles. Auch an das brachiale Krachen und Splittern porzellaner Haut. Und was noch schlimmer war: auch an die Wut. Ich hatte als sie gehandelt; das hatte diese Gabe wohl an sich, wenn man durch sie in fremde Erinnerungen schlüpfte. Ich hatte das Brechen des Halses mit meinen Fingern gespürt und ihn ausgehoben, um es zu beenden. Und ich…ich wollte es in diesem Moment so sehr. Nur das Danach war anders, es tat weh, obwohl es mit starkem Willen passierte. Im vollen Bewusstsein. Ich erlebte Reue, aber nur kurz. Danach überwog wieder Hass. Und wieder Schuld. Es war ein ständiges Hin und Her, das mich mehr aufwühlte, als ich erwartet hätte. Es war nur diese kurze Erinnerung an ein solches Gefühl…und sie brachte mich um den Verstand. Ich konnte mir nicht vorstellen, immer so zu fühlen. Ich…ich konnte nicht glauben, dass man so leben konnte. Das musste ein Irrtum sein, ich war verwirrt. Es war nicht einfach, so tief einzutauchen, das hatte Jess zuvor gesagt. Womöglich hatte ich es noch nicht wieder ganz zurück an die Oberfläche geschafft, um nach der erlösenden Luft zu schnappen. Ganz bestimmt.
„Wie ist es?", fragte sie und ich erschrak so fürchterlich, dass sich eine Gänsehaut auf meine Arme stahl. Ich tauchte, noch immer, so war es wohl.
„Du hattest Recht."
Sie setzte sich zu mir, runzelte jedoch die Stirn bei diesen Worten: „Was meinst du?" Ich zitterte. Verdammt noch mal.
„Ich erinnere mich jetzt."
Sie nahm das mit Schweigen zur Kenntnis. Dabei hatte ich mir so viele Antworten erhofft. War das ihr Geheimnis? War das der Grund für alles? Irrte ich mich? Sie spielte mit meinem Kopf. Ich konnte nicht mehr klar denken…so war es doch?
„Wie hältst du es aus?", fragte ich, bevor ich es verhindern konnte. Das war ein Test. Nein…ich fragte nach Rat. Ich wollte, dass es aufhörte.
Sie sah mich lange prüfend an, vielleicht auch bemitleidend. Dann lächelte sie für einen so kurzen Moment, dass ich dachte, ich hätte es mir womöglich eingebildet.
„Gar nicht."
Das war eine miese Lüge. Sie lebte seit hunderten von Jahren damit.
„Kannst du einmal nicht in Rätseln sprechen?", fuhr ich auf und spürte noch einmal einen Schwall…Zorn: „Wann immer ich eine Frage stelle, bekomme ich irgendeine belanglose Antwort! Man kann nicht normal mit dir reden, weil du dich gar nicht erst darauf einlässt, du-" Sie legte mir die Hand auf die Schulter und ich bemerkte, dass ich aufgesprungen war. Sie stand mir gegenüber und es war…merkwürdig. Ich tauchte noch immer? Ihre andere Hand fand meine zweite Schulter: „Es gibt keine richtige Antwort auf eine Frage, die keine richtige Antwort hat. Glaubst du, alles kann beantwortet werden? Man kann nicht alles erklären. …ich kann dir sagen, was ich weiß: Was immer du gerade erfährst, ist in mir. Ich kann es nicht abstellen und muss immer damit rechnen, dass es mir so ergeht wie dir gerade. Aber ich lebe. Und ich lebe damit, Tag für Tag. Tage vergehen, Wut auch. Was bleibt ist das, was sie verursacht hat." Selbst klare Worte erschienen mir gerade rätselhaft. Sie machten die Verwirrung komplett.
„Was…was ist das? Was ist los mit mir?", fragte ich, nachdem wir uns wieder gesetzt hatten und ich einen Moment mit dieser inneren Unruhe kämpfte. Ich fühlte mich schwach, ganz und gar falsch.
„Du warst ich.", erklärte sie, obwohl ich das doch bereits wusste, und: „Es ist nicht leicht, sich davon zu erholen." War das ein erneutes Lächeln?
Ich schloss die Augen, um zu verstehen. Langsam ebbte es ab, ich konnte es spüren wie eine Decke, die meinen Körper hinab glitt und zu Boden fiel. Ich hatte die Wasseroberfläche erreicht, keuchend und nach Luft ringend.
Was blieb war nichts als Unverständnis. Wenn das in ihr war…immer, dann – war das die Ursache für alles? Wo kam es her? Was hatte das mit dem Tod ihres Vaters zu tun? Und wieso in aller Welt…ich wollte ihr lediglich vertrauen. Aber je mehr ich sie kannte, desto weniger wusste ich über sie.
„Wirst du mir sagen, ob du es akzeptieren kannst? Ich könnte verstehen, wenn nicht. Ich meine…ich bin ziemlich abgedreht, nicht wahr?"
Da war sie, die Jess, die ich als enge Freundin kannte. Sie sah dieser anderen so ähnlich, die ihren eigenen Vater hinrichtete. Ich würde nicht darüber hinwegsehen können…da waren so viele Dinge, die passierten. Alles ging Schlag auf Schlag, ich hatte keine Zeit mich zu erholen, nicht einmal um durchzuatmen. Mein Kopfschütteln verunsicherte sie zu unrecht: „Können wir darüber reden? Über diese ganze merkwürdige Sache?"
„Du wolltest, dass ich dir einen Grund gebe, mir zu vertrauen. Zugegeben war das kein besonders guter, aber ich habe dir etwas gezeigt, dass ich dich normalerweise niemals hätte wissen lassen."
Ein gutes Argument, aber keine Antwort auf meine Frage. Ich wollte nicht behaupten, ihr Versuch hätte das ganze Gegenteil bewirkt, aber…
„Hast du ihn nur gesucht, um ihn umzubringen?"
„Nein."
Das war ziemlich knapp: „Also war es eine spontane Idee, als du bemerkt hast, dass er dachte, ihr könntet einfach da ansetzen, wo ihr aufgehört habt und heile Familie spielen?" Wieder ein Nein. Sie wirkte zurückgezogen.
„Jacob, du warst ich. In dieser Erinnerung warst du es; ich kann dir nichts ins Hirn projizieren, ich kann dich nur teilhaben lassen. Wenn ich einen Gedanken gehabt haben sollte, der Sinn ergeben hätte, würdest du ihn jetzt kennen."
Okay. Ich überholte meinen Gedankengang.
„Du hast es einfach…aus der Wut heraus getan?", - zugegeben, das war dumm.
„Es war keine aktive Entscheidung. Ich habe nicht darüber nachgedacht, ich habe gehandelt. So läuft das bei mir."
‚Ich habe meinen Vater getötet – so läuft das bei mir.' – Das war absurd. Und weil ich es nicht verstehen konnte, versuchte ich vorerst darüber hinwegzusehen.
„Jenny hätte es wissen und dich aufhalten müssen."
„Sie war nicht stark genug."
Das klang wie ein Vorwurf und war gleichzeitig ganz leichtfertig über ihre Lippen gekommen, so als –
„…und sie ist es auch heute noch nicht."
„Moment mal, was...was redest du da? Ihr seid Zwillinge, wenn es jemanden gibt, -", ich stoppte, als ich ihren Gesichtsausdruck bemerkte: „Aber wenn nicht sie, dann…wer dann?" Ich überlegte, was das bedeutete. Jenny konnte ihrer eigenen Schwester nicht entgegentreten, obwohl beide Zwillinge waren und Jess sie stets ihren Leitwolf nannte. Wie sollte das funktionieren? Ersteres ließ sich vielleicht noch damit erklären, dass sie einst so unterschiedliche Leben lebten wie nur möglich. Aber der Rest? Wir gehorchten unserem Leitwolf aufs Wort, es gab schlicht keinen Widerspruch, weil er…nun, ja, er war eben nicht möglich.
„Sie ist dein Leitwolf.", widersprach ich.
„Ist sie. Aber das ändert nichts daran, dass ich den gleichen Anspruch darauf habe wie sie. Ich muss ihr nicht gehorchen."
Wenn sie selbst ein Rudel führen könnte, würde ich niemals in der Lage sein, über sie zu bestimmen. Es hatte keinen Zweck für sie, in meinem Rudel zu sein, wenn sie es im Grunde selbst leiten könnte. Ich war nicht dazu imstande, ihr etwas zu befehlen, das war es doch, was sie mir damit sagte?
„Was machst du dann in meinem Rudel? Spielst du die Unterwürfige oder was? Ich sehe das nicht ein, Jess, wirklich nicht. Du solltest dein eigenes Rudel führen oder sogar meins, das…"
„Verstehst du denn nicht?", sagte sie mit einem Ton, der doch mehr Vorsicht innehatte, als es auf den ersten Blick erschien: „Ich bin vielleicht dazu geboren worden, aber ich kann es nicht. Ich kann nicht, weil ich nicht in der Lage bin, richtige Entscheidungen zu treffen. Ich bin zu impulsiv, zu ungezügelt und damit schlichtweg nicht dafür geeignet."
„Wie soll jemand anderes die richtige Entscheidung treffen, wenn du sie am Ende nicht respektieren oder umsetzen musst, weil du dich dagegen wehren kannst?"
„Ich muss mich nicht wehren, der Doppelklang des Leitwolfs hat keine Wirkung auf mich."
Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und stieß lange die Luft aus. Das war…der Wahnsinn, im negativen Sinne.
