25. Wenn aus Fragen Antworten werden und aus Antworten Fragen – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Nachdem Jess mir mithilfe einer ihrer Gaben Einblicke in ihre Vergangenheit gewährt hatte, erholte ich mich nur langsam davon. Die Erinnerung an Gesehenes kam schleichend zurück und das fremdartige Gefühl, sie gewesen zu sein, war nicht gerade etwas, über das man leicht hinwegsehen konnte. Immer mehr schaffte ich es, nachzuvollziehen, wie sie sich fühlte und wurde mir so dessen bewusst, dass sie tatsächlich keinen triftigen Grund brauchte, um in gewisser Art und Weise zu handeln. Schuld verspürte sie in diesem Moment nicht, danach jedoch schon. Allerdings beschäftigte mich, dass Jenny, die ihr als Zwillingsschwester doch ebenbürtig sein müsste, ihr nichts entgegen zu setzen hatte. Und das kam nicht von ungefähr: Jess hatte selbst einen Anspruch darauf, ein Rudel zu führen, und tat es nur deshalb nicht, weil ihre eigenen Entscheidungen fehlerhaft waren.
„Wie soll jemand anderes die richtige Entscheidung treffen, wenn du sie am Ende nicht respektieren oder umsetzen musst, weil du dich dagegen wehren kannst?"
„Ich muss mich nicht wehren, der Doppelklang des Leitwolfs hat keine Wirkung auf mich."
Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und stieß lange die Luft aus. Das war…der Wahnsinn, im negativen Sinne. Tatsächlich schwankte ich zwischen völliger Fassungslosigkeit und stiller Faszination. Und da waren Zweifel, ob ich überhaupt irgendwie in der Lage war, sie zu leiten. Ob ich es jemals sein würde. Ich fühlte mich infrage gestellt, wenn nicht sogar mehr als das. All meine Entscheidungen fühlten sich nicht länger an, als wären sie welche gewesen. Ihre Unabhängigkeit griff meine Autorität als Leitwolf an und ließ sie wie Sand durch meine Finger rinnen.
Sie legte mir die Hand auf, als würde es etwas bewirken können: „Ich folge dir nicht, weil ich es muss, Jake. Sondern weil ich es will. Überzeugung ist stärker als jeder Zwang, oder nicht?" Ich würde einen Besen fressen, wenn das nicht einem Buch voller neunmalkluger Weisheiten entsprungen war. Vorsichtig lugte ich hinter meinen Fingern hervor, um ihren Blick einzufangen. Daraus erhoffte ich mir zu erfahren, wie das weitergehen sollte. Ich mochte mir nicht annähernd ausmalen, was Sam davon halten würde.
„Was, wenn ich eine Wahl treffe, die einen Konflikt auslöst? Wie kann ich wissen, dass du zu uns stehst, wenn du es doch nicht willst und demzufolge auch nicht musst?", sprach ich den schlimmstmöglichen Fall an. Wenn ein Wort gerade sehr groß im Raum stand, dann war es ‚Zweifel'.
„Ich werde es immer versuchen. Ich glaube, es ist besser zu hoffen, dass es niemals dazu kommen wird."
Basierte das alles also nur auf Hoffnung? Erwartete sie, dass ich mich damit abfinden würde? Sie hatte mein Vertrauen erringen wollen und doch…obwohl ich sie nun etwas näher kannte, als es noch vor kurzem der Fall gewesen war, glaubte ich sie weniger zu kennen denn je. Aber hatte ich es nicht selbst so gewollt? Ich wusste nicht, ob ich vertrauen konnte. Nur blieb mir keine besonders gute Wahl. Entweder beseitigte ich diese Gefahr für mein Rudel und den gesamten Stamm oder ich ließ es – im draufgängerischen Sinne – einfach mal darauf ankommen.
Entweder behielt ich Jess als Schwester und enge Bezugsperson, die mir durch die dunkelste Zeit meines Lebens geholfen hatte, oder ich verdammte sie als Verräterin und Mörderin, die sie im Grunde war.
Entweder…oder…
Ich musste wohl vergessen haben wie es war, morgens vom Geruch eines frisch gemachten Omeletts geweckt zu werden. Wenn ich mit jemandem sprechen konnte, anstatt mir selbst auf die Zunge zu beißen und die Wand anzuschweigen. Und wie es sich anfühlte, wenn das erste am Tag, das ich zu sehen bekam, ihr Lächeln war…
Jess war auf Bewährung, keine Frage. Nicht mehr, aber eben auch (noch) nicht weniger. Ich brauchte etwas Zeit für diese Entscheidung…und Jess' Anwesenheit. Nur so konnte ich herausfinden, wie ich nun zu ihr stand. Ich musste mir gewahr werden, was all das für mich bedeutete. Und für mein Rudel. Und für den Stamm. Und für Gott-weiß-wen noch…
Ich hatte beschlossen, den Vormittag für einen Besuch bei Charlie zu nutzen. Seit der Beerdigung hatten wir uns nicht mehr gesehen und offen gestanden fühlte ich mich schuldig, weil ich das Gefühl hatte, ich war ihm aus dem Weg gegangen. Nicht bewusst, aber tatsächlich pflegte Charlie nur wegen meinem Vater so enge Verbindungen zu anderen Stammesmitgliedern. Er kam öfter vorbei, die beiden waren Freunde und jetzt…jetzt war alles anders. Es musste auch ihn schwer getroffen haben, nur war ich bisher zu blind dafür gewesen und hatte außerdem genug mit mir selbst zu tun. Dieses Frühstück zusammen mit ihm, Sue und Jess gehörte zu den wenigen wertvollen Erinnerungen, die ich auf keinen Fall missen wollte. Und dafür musste ich ihm danken.
Ein herzhaftes Gähnen ereilte mich, gerade als die Tür vor mir geöffnet wurde. Charlie sah etwas ergraut aus, aber noch immer vertraut mit seinen braunen Augen. Er lächelte nicht, aber es hatte nichts zu bedeuten, wenn das bei ihm so war. Charlie konnte mies gelaunt sein und war dennoch treuer als so mancher Schoßhund. Obwohl ich mich nicht angemeldet hatte, empfing er mich herzlich und bot sogar an, dass ich bei ihm essen könnte. Natürlich nur, weil Sue bereits in der Küche stand und den Kochlöffel schwang. Es roch gut, aber ich lehnte vorerst ab. Tatsächlich kam es mir unverschämt vor, mich schon wieder einzunisten.
„Wie geht's dir?", fragte ich, bevor er dazu kam. Er redete nicht viel und ich auch nicht, deshalb würde es schwer werden, mehr als Smalltalk hinzubekommen.
„Ach, na ja. Ich fühl' mich alt; hier und da zwickt es ab und an mal mehr, mal weniger – aber bei wem nicht? Es ist erträglich, sagen wir's so. Aber demnächst steht mein Abschied von der Wache an und das wird sicher nicht leicht."
„Du hörst auf?", platzte ich heraus, weil er mir eindeutig und wesentlich jünger vorkam als so mancher Pensionär hier aus der Gegend, den ich kannte. Charlie war schon immer Chief gewesen, ich konnte mich nicht an eine Zeit erinnern, in der es nicht so war. Chief Swan… Wer sollte nach ihm diesen Job antreten? Dafür kam doch keiner sonst infrage.
„Irgendwann ist für alle Schluss.", sagte er und sparte dabei nicht an Bitterkeit: „Aber ja, ich muss mein Amt an irgendeinen jungen Spross abgeben. Weiß noch nicht, wer's machen wird, ob Hence oder Miller, aber die sind beide noch grün hinter den Ohren." Er zuckte mit den Schultern und zeigte mir diesen reservierten Gesichtsausdruck, den nur er so gut beherrschte. Tatsächlich wirkten die Furchen auf seiner Stirn tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte.
„Es wollen auch noch andere an die Reihe kommen, so ist das. Und ich hab's verdient, mir keine Sorgen mehr um irgendwelche vermissten Kinder zu machen. Das ist das Gute daran, oder nicht? Es wird ungewohnt sein, diese Last loszuwerden, aber ich bin ehrlich – ich kann's kaum mehr erwarten."
Sue kam aus der Küche und brachte den Geruch von saftigem Braten mit: „Diese Hitzköpfe glauben, sie haben den Posten schon inne. Sie spielen sich auf, wann immer sie können." Ich kannte keinen von beiden, aber ihr Ruf eilte ihnen ja anscheinend voraus. Es würde womöglich nicht einfach werden, unsere Existenz vor ihnen zu verbergen, aber irgendwie würde es schon gehen. Irgendwie ging es immer. Bisher hatte es sich leichter gestaltet, Charlie wusste - wenn auch noch nicht von Beginn an - bescheid und deckte ein ums andere Mal einen frischen Wolf, der die Kontrolle verloren hatte. Wir hatten ihm mehr zu verdanken als vielleicht gut war.
„Was sind das für Kerle?"
„Anfänger, wenn du mich fragst. Ray ist der Sohn von 'nem Marine und hält sich wohl deshalb für den geborenen Chief. Charles Hence, glaube, der ist gut mit Ryans Vater befreundet. Den hast du bestimmt schon gesehen, er fährt öfter mit seinen deutschen Edelkarossen durch die Straßen.", klärte er mich auf und tatsächlich glaubte ich, schon den ein oder anderen Mercedes gesehen haben, konnte mich aber nicht mehr an den dazugehörigen Besitzer erinnern: „Und Laurence Miller ist keinen Deut besser. Er hat 'ne 1A-Karriere an der Universität hinter sich, ist aber doch wieder hier gelandet, weil der Job nichts für ihn war. Zu viel Arbeit, wahrscheinlich. Der glaubt wohl, ich könnte den ganzen Tag die Füße hochlegen und meine Fingernägel feilen." Das wäre vielleicht besser für uns, aber ich sagte vorerst nichts dazu.
„Ach, es ist schon ruhiger geworden, oder nicht? Ich glaube, es gab schlimmere Zeiten."
Sue und Charlie wechselten einen schnellen Blick, aber ich bemerkte ihn dennoch. Ich versuchte, mir nichts dabei zu denken und sprach stattdessen seine Pläne für das kommende Jahr an. Wir redeten über dieses und jenes, er stellte mir seine neuste Anglererrungenschaft vor und ich staunte nicht schlecht über einen Hecht von der Größe einer Panzerfaust. Als das Essen fertig war, ließ ich mich doch dazu überreden, wenigstens zu kosten. Es schmeckte – wie so ziemlich alles, das Sue kochte – großartig. Ich lobte sie, aber so recht wollte sie es nicht annehmen und ließ nicht einmal zu, dass ich ihr beim Abwasch half.
„So sind die Frauen, Jacob. Auch meine Bella, oh, ja.", seufzte er: „Sie ähnelt ihrer Mutter immer mehr." Er lachte kurz auf, als hätte er sich an eine Zeit erinnert, die lange vergangen war.
„Ich habe länger nicht mit ihr gesprochen."
„Ich weiß, das hat sie gesagt. Aber es ist doch nichts zwischen euch gekommen?"
Er sah mich an wie damals, als ich gesagt hatte, dass ich sie liebte. Das fühlte sich an wie in einem anderen Leben, so fern lag es. Ich hatte mit Edward um eine Liebe gekämpft, die mir niemals gehörte. Es war unangenehm, sich daran zu erinnern: „Nein, nein."
„Sie meinte, du und Renesmee hättet eine Krise."
Ah, meinte sie das? Für einen Moment fragte ich mich ernsthaft, ob sie mit ihr darüber gesprochen hatte.
„Sie übertreibt. Renesmee will sich auf die Schule konzentrieren und das ist völlig in Ordnung."
Ich hatte keine Lust auf diese Art Gespräch und versuchte, es auch so klingen zu lassen. Charlie schien zu verstehen, denn er lenkte um: „Na ja, wir hatten alle mal so eine Zeit. Lange her, aber ja. – Hör' mal, wir wollen nachher noch einen Spaziergang machen, wenn's dich nicht stört. Du kannst auch mitkommen, wäre kein Problem…"
„Oh, nein. Ich gehe schon. War schön, mal wieder gesprochen zu haben."
Ich stand auf, doch Charlie bestand darauf, mich sofort zur Tür zu begleiten. Sue war noch immer mit dem Aufwaschen beschäftigt und schien nichts davon mitzubekommen, obwohl ich mich auch von ihr gern verabschiedet hätte.
„Jacob, ich weiß, es ist bald nicht mehr meine Angelegenheit…aber da draußen geht was vor sich. Ich sag's wie's ist: kannst du dich noch an den Tag erinnern, an dem ich dich zu Billy ins Krankenhaus gebracht habe? Ich konnte nicht mit rein kommen, wir hatten einen dringenden Fall.", flüsterte er an der Tür und beäugte misstrauisch die gegenüberliegenden Häuser. Ich nickte: „Du sagtest, man hat eine Leiche gefunden."
„Und was für eine…ich mein', ich weiß, dass diese Welt nicht ganz so normal ist wie ich sie vielleicht gern hätte, aber sowas hab' ich ungelogen noch nicht erlebt. Man hätte nicht erkannt, dass es ein Mensch ist und das meine ich so, wie ich's sage. Es war…zerfetzt. Das wurde als zu hoch für uns eingestuft, ich wurde abgezogen und jemand anderes hat sich drum gekümmert. Ich kann nicht sagen, wie viel die inzwischen wissen, aber das war nicht der Einzige."
Noch wusste ich nicht, was ich davon halten sollte, aber ich war mir sicher, dass Charlie keine Vampire verdächtigte. Er wusste nicht von ihrer Existenz, schließlich hielt er Bella und ihre Familie für…ehrlich gesagt wusste ich das nicht einmal. Er sagte mir das also, weil er ernsthaft um deren Sicherheit besorgt war: „Wie viele? Und wo?"
„Mindestens drei. Eine verstümmelter als die andere, und bleich. Ich weiß nicht, was ihr da so am Laufen habt oder was es noch gibt außer euch, aber…"
„Wir kümmern uns darum, ganz bestimmt."
Mein Versuch, ihn etwas zu beruhigen, schlug fehl. Wahrscheinlich weil ich selbst etwas aus der Fassung geraten war – ich konnte mir nicht ausmalen, ob es sich dabei um einen Menschen oder etwas Übernatürliches handelte. Sowohl bei Opfer als auch Täter. Ich müsste es mir ansehen, allerdings würde das wohl kaum möglich sein.
„Ich weiß selbst nicht viel darüber und das ist streng vertraulich. Aber falls es wieder passiert, bist du der Erste, der es erfährt. Die allererste Leiche lag irgendwo im Wald, keine Meile entfernt vom Stadtrand, das ist sicher. Die anderen…wenn ich Einsicht in die Akten nehmen kann, kann ich dir mehr dazu sagen."
Ich nahm dieses Angebot zwar an, warnte ihn aber, vorsichtig zu sein; womöglich käme sein Abschied sonst früher als gedacht. Mit einem mulmigen Gefühl machte ich mich auf den Rückweg und konnte die vielen merkwürdigen Gedanken nicht verhindern, die sich in meinem Kopf gegenseitig bekriegten. Wer tötete Menschen auf diese Weise? Und wer tötete sie hier? Ich wusste nicht genug, als dass ich mich hätte bedroht fühlen können. Und ersteres musste sich schleunigst ändern.
Als ich zurückkehrte, war das Haus verlassen. Also machte ich mich auf, die Wälder um Forks auszukundschaften. Vielleicht wurde ich ja fündig… Ob ich das wirklich wollte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher sagen.
