28. Wenn jemand bei voller Geschwindigkeit in die Eisen stieg, dann konnte man auch mal übers Steuer hinausfliegen… - TEIL 2
Was zuvor geschah…
Nachdem Jess mich auf frischer Tat dabei ertappt hatte, dass ich Seth einweihte, schickte ich ihn fort. Doch lange weilte die Ruhe nicht, denn Sam rief alle zu einer Versammlung zusammen. Er erklärte, es wäre eine Untersuchung durch die Polizei angeordnet worden und verlangte strenge Geheim- und Zurückhaltung von jedem von uns. Auf die Frage, wodurch das verursacht worden sei, meinte er nur, man hätte eine wolfsähnliche Kreatur im Wald gesehen. Da es jedoch schon öfter dazu gekommen war und nie etwas derartiges darauf folgte, hakten einige nach – und weil ich mir Unterstützung für das bereits zuvor geheim Festgelegte erhoffte, leitete ich es genau in diese Richtung. Nur brachte Sam dann einen ganz anderen Streitpunkt hervor.
Ich sehe nur eine Gefahr da draußen und ich glaube, dass es Zeit ist, dass wir alle davon erfahren.
Seth war an meine Seite gekommen und obwohl er so klein und zerbrechlich wirkte, bewies er gerade wahre Stärke…und auch Dummheit. Ich würde dafür büßen müssen, dass ich ihn einweihte, aber Sam ebenso, da er erwartete, dass einige wenige eine Entscheidung für viele treffen sollten. Und dann auch noch eine solche, die uns alle betraf.
Ich glaube, der wahre Grund für diese Suche ist der Mehrheit der Anwesenden hier nicht bekannt – einigen jedoch schon.
Tatsächlich…nicht., unterbrach ich ihn, denn dieser oder jener Fund rechtfertigte nicht, dass erst Wochen später eine Untersuchung angeordnet wurde: Aber wir wissen, dass tatsächlich etwas vorgefallen ist. Und es war keine Sichtung eines Wolfes. Ein wildes Gemurmel an Stimmen brach in meinem Kopf aus und verunsicherte mich kurzzeitlich. Ich würde die Bombe platzen lassen müssen, und wenn es mich Sams Vertrauen auf ewig kostete. Eine solche Bedrohung musste jedem bekannt sein – sonst konnte sie nicht bekämpft werden.
Was dann?, fragte Quil, währenddessen Paul ein irritiertes: Und wieso sollte Sam lügen?, ausstieß. Es folgten weitere Fragen der anderen und auch weitere scharfe Blicke von Sam. Zeit, dem ein Ende zu setzen.
Sie haben Tote gefunden, blutleere verstümmelte Leichen. Allesamt Opfer ein und desselben Täters. Diese Information stammt von Charlie, weil er uns kennt und weiß, dass womöglich nur wir es damit aufnehmen können. Wir haben kurzfristig beschlossen, es vorerst geheim zu halten, um keine Panik auszulösen. Wir haben danach gesucht, aber ohne Erfolg. Und Sam hier meint, er wüsste, wer dahinter steckt – deshalb will er etwas tun, von dem ich glaube, dass wir alle darüber zu entscheiden haben. Aber das muss er euch wohl selbst erklären.
Jennys Rudel war sehr unruhig geworden, hatte immer wieder ihre Aufmerksamkeit gesucht um zu erfahren, was sie nun tun sollten. Aber Jenny hockte dort wie eine Felsstatue. Und Sam schien sich ein Beispiel an ihr genommen zu haben.
Das klingt nach Vampiren., schlussfolgerte ein Neuling seines Rudels. Und auch Paul stimmte dem nun anscheinend zu: Eindeutig Blutsauger.
Aber könnt ihr mir auch sagen, welche Vampire es waren? Oder warum wir ihre Anwesenheit nicht bemerkt haben?, fragte ich zurück, doch darauf hatte wie erwartet niemand eine Antwort. Weil wir es nicht wussten, weil wir es einfach nicht wissen konnten. Sam hingegen…
Wir wurden unvorsichtig, weil wir uns an die Gegenwart von Vampiren gewöhnt haben. Wir konnten es nicht bemerken und sicherlich glauben sie, dass wir gerade ihnen niemals eine solche Tat zutrauen würden – schließlich wäre das ein Vertragsbruch.
Ich schüttelte den Kopf, obwohl bis dahin stimmte, was er sagte: Das wäre es, wenn sie es waren, aber wir können es nicht beweisen!
Noch nicht.
Seth platzte der Kragen, den er heute gar nicht trug: Was soll dieser Generalverdacht? Wir haben mit ihnen Seite an Seite gekämpft, wir haben Freundschaft mit ihnen geschlossen!
In solchem Fall ist fraglich, ob sie dieses Misstrauen verdienen., kommentierte Jenny, doch Sam schnitt ihr beinahe das Wort ab, wobei seine Aussage an Seth gerichtet war: Sie sind und bleiben ewige Widersacher, der natürliche Feind des Wolfes! Und das werden sie niemals abschütteln können.
Und du sorgst dafür, dass es auch wirklich dabei bleibt? Du verhinderst, dass wir die Vergangenheit überwinden und in Frieden zusammenleben können!, spie Seth und knurrte bedrohlich, was Sam jedoch kaum beeindrucken würde. Ich entschied, dass es besser war, dazwischen zu gehen.
So weit ist es noch nicht. Und es wird auch nicht dazu kommen, oder Sam?
Er schwieg verbissen, ließ jedoch keinen von uns aus den Augen. Ich versuchte, das zu ignorieren: Diese Entscheidung gilt es zu treffen. Dazu müssen wir aber alle Einzelheiten kennen. Also wozu dieser Aufruhr von der Polizei?
Es gab einen Angriff auf uns, zwei Tote Stammesmitglieder. Und das auf unserem Gebiet. Ich werde keine weiteren Verzögerungen zulassen, Jacob, wenn es um die Sicherheit unserer Leute geht.
Ein Angriff? Hier? Das war tatsächlich mehr als nur besorgniserregend, vor allem weil niemand von uns anscheinend etwas mitbekommen hatte. Wie sollte das gehen? Wir waren auf Streife gewesen...wie hätte uns jemand durch die Lappen gehen können?
Ich verstehe deine Besorgnis. Es darf keine weiteren Opfer geben und schon gar nicht hier – der nächste könnte jemand aus unseren Familien sein oder…oder von uns. Wir müssen handeln, also müssen wir eine Entscheidung fällen., erklärte ich, doch Sam ging dazwischen: Es bleibt keine Zeit für Uneinigkeit! Ein Alpha trifft die Wahl, die nötig ist, um sein Rudel zu beschützen! Und genau das habe ich getan. Der Vertrag ist ein zusätzliches Übel, das uns nur belastet, ganz unabhängig von dieser Schuldfrage.
Ein zusätzliches Übel?
Aus Seths Brust kam ein tiefes Grollen, das nichts Gutes verhieß. Ich hoffte, er konnte sich kontrollieren, Sam nicht auf der Stelle in Stücke zu reißen.
Dieser Vertrauensbruch und auch der Vertragsbruch wären unnötig., sagte nun auch Embry. Sam wirkte nicht im Geringsten verunsichert, er bestand wohl oder übel auf sein Recht als Stärkster.
Ihr habt nicht die ausreichende Erfahrung und den Rang, um euch dabei einzumischen. Akzeptiert es, oder werdet Abtrünnige – Verräter kann ich hier nicht gebrauchen.
Du stehst nicht über uns., fauchte Jess leise, dennoch klang es furchteinflößender als jede noch so laute Äußerung von Seth. Sie hielt sich im Hintergrund, doch durch nur diese eine Bemerkung schien sie Sam ins Auge zu stechen wie helles Sonnenlicht.
Das sagt der Abschaum, der es nicht mal wert ist, die Wolfsgestalt zu tragen?
Wie bitte? Was in aller Welt sollte das nun werden? Drohungen und Autoritätsansprüche hin oder her, das war zu viel. Und fair war es ganz sicher nicht: Was soll das werden? Nimm' es zurück!
Ach, und weswegen? Die Wahrheit hat schon viel zu lange im Dunkeln gelegen! Sie ist eine Abscheulichkeit – sie beide sind das. Und sie sind kein Teil von uns.
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wo das gerade herkam. Oder dachte er schon länger so? Schon immer?
Was für eine Wahrheit soll das denn sein?
Diese Halbwesen haben nie zu uns gehört, und du tätest gut daran, das auch zu erkennen.
Wir tragen keine Schuld am Ursprung unserer Existenz., versuchte es Jenny auf die höfliche Art und Weise, aber Sam redete an ihr vorbei.
Sieh sie dir an, Jacob, was daran ist normal? Diese Augen, die Fähigkeiten? Du kennst sie besser als jeder hier, zumindest ist es das, was sie dich glauben machen wollen! Und was weißt du schon von ihnen? Genug, um ihnen überhaupt zu trauen? Denn das wage ich zu bezweifeln.
Was weißt du schon!, feuerte Seth hinter mir, während sich Jess an meine Seite drängte. Ich hatte gehofft, sie würde sich gerade jetzt zurückhalten, aber das war im Anbetracht der Umstände vielleicht doch etwas zu viel verlangt: Er weiß gar nichts. Und das ist es, was ihn ängstigt.
Ihr macht mir keine Angst. Ihr seid nichts weiter als Abkömmlinge einer Reihe von entfernten Verwandten – wenn überhaupt! Oder könnt ihr die Gestalt eines Wolfs mimen? Täuscht ihr uns mit irgendeinem Trugbild?
Es war überraschend, dass er auf Jess einging. Gerade sie schien seine Vorwürfe nur noch weiter zu befeuern: Ist es normal, dass sie niemals altern? Dass sie uns in allem überlegen sind? Sagt ihr es mir! Sagt mir, ob ihr dem Glauben schenkt. Ob ihr dem vertrauen könnt. Denn ich kann es nicht. Er richtete sich nun an alle und erwartete wohl Rückhalt für seine unbegründeten Anschuldigungen. Natürlich waren Jess und Jenny nicht genau wie wir – aber unterschieden sie sich so grundsätzlich von uns?
Es ist wahr, dass wir sie nicht gut genug kennen…, gestand Quil, woraufhin mir die Kinnlade herunterklappte. Was, dachten hier etwa doch einige so?
Verdammt, Sam…was soll das? Sie leben schon länger unter uns und haben uns nie auch nur einen einzigen Grund dazu gegeben, ihnen zu misstrauen.
Sie verdienen dieses Vertrauen nicht! Sie sind nicht würdig, dazu zu gehören.
Jess machte einen gewagten Schritt nach vorn, die gelben Augen fixierten Sam wie ein Insekt, das sie zu zerschlagen gedachte: Nicht würdig? Unsere Mutter war ebenso eine Quileute wie jeder hier. Und wenn ich mich nicht recht entsinne, Sam, so gehörte sie zu deinen Vorfahren.
Und euer Vater? Er war ein Vampir!
Sie beide standen sich gegenüber wie Feinde vor einem Kampf…ich hoffte, dass es nicht tatsächlich auch genauso kommen würde. Jenny trug allerdings nicht gerade zur Entspannung bei, sondern mischte sich berechtigter Weise ebenfalls ein: Macht uns das weniger zu dem, das wir sind? Wölfe, Stammesmitglieder, Quileute?
Nein, es macht euch zu dem das ihr seid! Verräterische Blutsauger im Wolfspelz, die uns infiltrieren, um dann zu morden und damit davonzukommen?
Glaubte er jetzt auch noch, dass sie diejenigen waren, die diesen Toten hinterließen? Er gab ihnen die Schuld an all dem hier? Ich verstand nicht, wie er darauf kam. Einfache Zweifel würden das nicht auslösen.
Du sprichst Unrecht. Evelyn Makah war die Ur-Ur-Enkelin von Taha Aki, dem Urvater der Wolfsgestalt., rechtfertigte Jenny sich mit einem schlagfertigen Detail, das ich bisher nicht einmal selbst kannte. Wenn das stimmte…machte es sie zu einer Art Urvorfahr von jedem von uns. Ich fragte mich, warum Jess es mir nie gesagt hatte – aber wenn ich ehrlich war, brauchte ich keine Namen, um sie als die zu erkennen, die sie war: meine Schwester.
Aber ihr Name war Makah, nicht Lesotho, wie ihr euch nennt., konterte Sam, der offenbar immer ein neues Argument zur Hand hatte.
Sie nannte sich nach ihrer Heirat so, es war ihre Entscheidung.
Sie heiratete nie! Sie trug das Gen, doch sie hatte keinen Mann.
Nachdem sie schwanger wurde, gab es eine Hochzeit. Doch ihr habt das nicht anerkannt, im Gegenteil. Ihr habt sie verstoßen. Sie nahm den Namen unseren Vaters an, und von da an nannte sie sich Evelyn Lesotho. Sie wurde eine Geächtete, ihr habt sie verfolgt und verstoßen. …aber all das wurde erst nach ihrem Tod bekannt. Man wollte diesen neuen Namen nicht akzeptieren und die Stammesältesten beschlossen, dass lediglich ihr ursprünglicher Name in Erinnerung bleiben sollte.
In meinen Ohren klang das alles ziemlich plausibel…aber bei Sam schien nichts davon anzukommen: Diese Geschichte…die Geschichte der Familie Makah ist ein Mythos! Sie wurde uns erzählt, als wir noch Kinder waren, um uns davor zu warnen, niemals unseren Stamm auf so abscheuliche Weise zu verraten!
Sie wurde aus euren Stammbäumen gestrichen, weil ihr sie dafür gehasst habt, dass sie liebte., erwiderte Jess neben mir und ihre Stimme war so dominant, dass sie Sams untergrub. Ein bitterer Unterton schwang darin mit, und er förderte in mir die Erinnerung an ihren Vater zu Tage, die sie mit mir geteilt hatte. Und ihren Schmerz, ihr eigenes Unverständnis dafür, dass sie ihn tötete… Für einen kurzen Augenblick vergas ich, dass meine Gedanken offen waren wie ein aufgeschlagenes Buch, aus dem jeder lesen konnte.
Du nimmst sie in Schutz und vergehst dich dann an deinem eigen Fleisch und Blut? Du bist ein ehrloses, widerwärtiges Geschöpf, ihr beide seid das.
Sam!, fuhr ich ihn an mit einer Mischung aus Entsetzen und Beschämtheit darüber, wie er uns als seinen Geschwistern und auch Jess und Jenny als Töchter ihrer Eltern derart in den Rücken fallen konnte. Jess entfuhr ein nervöses Fauchen, doch ihr Zittern schien merkwürdig kontrolliert. Oder bildete ich mir das nur ein?
Er war mein Vater, doch er war ebenso ein Vampir. Er trug Schuld am Tod meiner Mutter und ich sorgte dafür, dass er sie beglich – nicht mehr und nicht weniger. Ich habe ein Opfer erbracht und eine Seite gewählt, denn ich kann Feind und Freund voneinander unterscheiden. Die Frage ist, ob du es kannst!
Sam zögerte erst, schwieg aber. Er bedachte erst die Zwillinge, dann mich mit einem stummen Blick, dessen Aussage ich mir nicht erschließen konnte. Sollte ihn das zur Vernunft gebracht haben? Ich wollte mir nicht ausmalen, was es für Jess bedeutete, das hier vor allen zuzugeben… Sie war so stark, so unglaublich stark – und gleichzeitig schwach? Ihre Entscheidung mochte damals nicht ganz unrecht gewesen sein, aber war sie deshalb richtig?
Es wird Zeit zu erkennen, wer hier in der Lage ist, ein Rudel zu führen, und wer nicht., kam es von Seth neben mir, und er sprach wohl für einige weitere mit, die es mit stummem Nicken kommentierten: Ich jedenfalls folge niemandem, der die Bande der Familie verletzt. Und ich werde auch nicht gegen meine Freunde vorgehen.
In diesem Fall ist das letzte Wort noch nicht gesprochen., dachte Sam in meinen Kopf hinein und wendete sich daraufhin ab, als wolle er es dabei belassen.
Das ist es also? Du gehst?
Er klang so ungläubig wie ich es war. Sam blieb nicht stehen.
Du läufst davon vor der Wahrheit? Du versuchst ja nicht mal, dich zu rechtfertigen.
Wir sind hier fertig. Ihr werdet uneinsichtig bleiben, obwohl unser aller Familien in Gefahr sind. Ich werde darauf zurückkommen, Jacob, wenn die Schonfrist vorbei ist., erklärte er schlicht und stolzierte davon. Jared und einige Jungspunde folgten ihm, der Rest verweilte noch eine Weile neben uns auf der Lichtung, bevor auch sie das Weite suchten.
