29. Der schiefe Haussegen – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Nachdem Sam eine Versammlung einberufen hatte und allen mitteilte, es sei aufgrund einer durch die Polizei angeordneten Untersuchung strenge Geheim- und Zurückhaltung nötig, kamen Fragen auf. Denn der von ihm genannte Grund dafür, man hätte eine wolfsähnliche Kreatur gesehen, war zu nichtig. Also nutzte ich diese Gelegenheit und ließ die Bombe über die geheimen Festlegungen platzen…was Sam schließlich doch eine Antwort entlockte. Allerdings brachte er nicht nur Licht ins Dunkel, sondern auch einen vollkommen neuen Streitpunkt hervor, um auch meine Autorität infrage zu stellen: Jess und Jenny seien Abscheulichkeiten und es nicht wert, Teil des Rudels zu sein. Die Diskussion artete in eine Reihe von Anschuldigungen über ihre Geschichte aus, der Sam jedoch irgendwann unterlag. Statt nachzugeben ließ er nur verlauten, nach der Schonfrist darauf zurückzukommen.


Wie angekündigt beließ es Sam für die verbleibende Woche dabei. Er schien uns Zeit lassen zu wollen, um selbst einzusehen, dass unsere Hoffnung vergebens war. Wir würden niemanden finden, schon gar nicht denjenigen, der dafür verantwortlich war – auch ich begann langsam, so zu denken. Es wäre schlicht und ergreifend dumm, wenn er zurückkehren und weitermachen würde…obwohl es nicht so abwegig war, dass er es noch einmal versuchte. Aber Tatsache war, dass er sich nicht erwischen ließ. Und dass unsere Suche erfolglos blieb, auch bis zum letzten Tag. Nicht einmal eine Fährte hatten wir aufnehmen können.

Tatsächlich war auch mir der Gedanke gekommen, dass wir keinen uns unbekannten Geruch aufspüren konnten, wenn benannte Person zu unserem Bekannten- oder Freundeskreis gehörte. Ich versuchte, das zu verdrängen, aber so ganz wollte es nicht funktionieren. Vor allem nicht, nachdem wir erneut ohne Aussicht auf Fortschritt bei unseren Ermittlungen von einer unserer Streifen zurückkehrten. Es war bereits tiefe Nacht und der Mond blendete beinahe, als wir uns zurückverwandelten, um schlafen zu gehen, so hell war er.

„Schätze, das war's.", kam es von Paul, der sich entgegen aller Erwartungen unserer Truppe angeschlossen hatte. Woher auch immer diese neu gewonnene Intelligenz kam – ich wollte gar nicht erst wissen, wem er sie geklaut hatte -, es gefiel mir.

„Morgen ist Stichtag, Jake. Was hast du also vor?"

Ryan war nur aus einem einzigen Grund hier: Jess. Ich versuchte, seine schmachtenden Blicke und die sich häufenden unangebrachten Kommentare zu ignorieren, aber es fiel mir offen gestanden schwer, ernst zu bleiben. Jess hatte das versprochene Date noch nicht eingelöst…und ich bezweifelte, dass es unter diesen Umständen jemals dazu kommen würde.

„Ich werde mit Sam sprechen, macht euch darüber keine Gedanken. Ich versuche, was rauszuholen, aber ihr kennt ihn ja.", gestand ich mit einem Seitenblick auf Jenny, die nur widerwillig teilgenommen hatte: „Wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass der Vertrag definitiv aufgelöst wird." Es folgte eine unangenehme Sprechpause.

„Ernsthaft?", fragte er und auch die anderen schienen ebenso überrascht.

„Wenn wir sicher gehen wollen, bleibt uns keine Wahl. Mir gefällt das auch nicht, aber…was, wenn jemandem die Sicherungen durchgebrannt sind? Wenn es ein Ausrutscher war? Das sind immer noch Vampire und ich erwarte nicht, dass sie komplett auf das verzichten, worauf sie programmiert sind."

„Du stehst also zu Sam?", folgte Seths entgeisterter Ausruf, weil er wohl noch lange nicht damit abgeschlossen hatte, wie Sam diese Vorkommnisse handhaben wollte. Wie öfter in letzter Zeit reagierte er über, nicht zuletzt, da es um die Cullens ging. Für ihn war das offenbar ein äußerst sensibles Thema.

„Es geht nicht darum, direkt den Vertrag zu kündigen und alle Verbindungen abzubrechen. Ihr wisst sicher, dass das das Letzte ist, was mir in den Sinn käme… Aber ein Gespräch ist schon lange nötig. Und je nachdem, was dabei herauskommt, werden wir entsprechend handeln müssen.", fuhr ich fort und hoffte, damit seine Zweifel etwas beiseite gewischt zu haben. Jedenfalls für den Moment schien ihm das zu genügen. Jess unterstützte mich außerdem: „Eine Vertragsauflösung könnte auch bedeuten, dass wir über einen neuen Vertrag nachdenken."

„Oder dass keiner mehr nötig ist, weil wir lange genug Seite an Seite gelebt haben, ohne dass jemand zu Schaden gekommen wäre. …ihr könnt mir vertrauen, dass ich eine Lösung finden will, die die Mehrheit zufriedenstellt."

Einen Moment lang reichte das, um sie zu beruhigen. Dann fiel Seth noch etwas ein: „Was ist eigentlich mit der Großdurchsuchung? War das auch nur eine Lüge, mit der er uns davon abhalten wollte, danach zu suchen?" Ich wünschte, dazu könnte ich ihm etwas sagen. Aber ich wusste selbst nicht genug, um das zu beantworten.

„Ich weiß nicht, ob er sich das ausgedacht hat. Jedenfalls hoffe ich doch, dass es nicht so ist. Wir bleiben auf der Hut – aber das mit der Streife hat sich jetzt sowieso erledigt. Wie gesagt, ich spreche mit Sam und dann sehen wir weiter. Ihr wartet ab. Alles wichtige lasse ich euch zukommen."

Gerade stießen Leah, Embry und Quil sowie ein paar junge Wölfe zu uns, die in anderer Richtung Ausschau gehalten hatten. Allerdings blieben auch sie ohne Erfolg. Ich wiederholte meine Worte und schickte sie nach Hause, bevor ich mich mit Jess ins Haus zurückzog.

„Ich glaube nicht, dass er dir entgegen kommen wird."

Ich sah mich vom Sofa aus nach ihr um: „Wir reden hier von Sam. Er wird wie immer das tun, was er selbst für das Beste hält."

„Falls es dir nichts ausmacht, werde ich dieser Unterhaltung nicht beiwohnen.", gab sie zu und ich verstand, warum sie so dachte. Sam hatte nicht gerade die feine Art gewählt, wie er über sie und ihre Familie sprach. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es sie so sehr…mitnahm? Ich fand nicht das richtige Wort.

„Tut es. Aber das ist deine Entscheidung."

Sie war schon weg, bevor ich den Satz beendet hatte.


„Nein. Ernsthaft, Jacob, es interessiert mich.", sagte Sam in einem Ton der deutlich machte, dass es ihn eigentlich überhaupt nicht interessierte. Aber offenbar wollte er, dass ich auf seiner Seite war und das konnte nur funktionieren, wenn er mich das erklären ließ. …zumindest schien er das zu glauben.

„Ich bin nicht deiner Meinung, falls du das denkst."

„Es ist mir egal, ob du das bist oder nicht."

Das war mir bereits aufgefallen. Aber so kamen wir hier nicht voran. Ich seufzte: „Hör mal, wir haben hier kein Problem, das du einfach so über aller Welt Köpfe hinweg entscheiden kannst. Du führst nicht den Stamm, du sorgst lediglich dafür, dass er sicher ist."

„Sollten wir nicht über Dinge sprechen, denen wir uns noch nicht bewusst sind?"

Falls er versuchte, mich auf die Palme zu bringen, indem er sich als schlauer und fähiger darstellte, als ich es in seinen Augen war, dann war er so verdammt kurz davor. Wir redeten nun schon eine geschlagene Stunde aneinander vorbei. Ich hatte ihm klar machen wollen, dass ich ebenfalls dafür war, den Vertrag in den Wind zu schießen. Dass das nicht gleichbedeutend damit war, dass ich hinter Sams Ansicht stand, schien er nicht einsehen zu wollen. Ich würde mich deutlicher ausdrücken müssen, um an seiner Sturheit vorbeizukommen, die sich wie ein Türsteher vor dem Eingang zu seinem Hirn aufgebaut hatte.

„Fakt ist, dass ich zustimme, dass wir den Vertrag aufgeben. Ich werde die freudige Nachricht überbringen – aber das ist nicht, was ich meine.", erklärte ich zum gefühlten hundertsten Mal.

„Das bedeutet, dass du ihnen das Vertrauen kündigst."

Mehr oder weniger. Aus meiner Sicht eher weniger.

„Nicht so, wie du dir das gerade ausmalst. Ich werde den Vertrag aufheben, weil ich ihnen genug vertraue, um zu glauben, dass sie ihn auf keinen Fall brechen werden.", - er wollte etwas einwenden, aber ich hob die Hand, um ihn dazu zu bringen, mich wenigstens dieses eine Mal ausreden zu lassen - : „…nichtsdestotrotz werde ich sie auf die Probe stellen, nur um ganz sicher zu sein." Sams Gesicht zeigte Missfallen in seiner reinsten Form. Er verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.

„Und wie soll das ablaufen? Willst du sie ganz lieb bitten, die Wahrheit zu sagen? Denn das wird nicht funktionieren."

„Ich werde sie mit der Vertragsauflösung konfrontieren, als wäre es mir ernst – was es ja auch ist, aber nicht…na ja, so –, und ihre Reaktion ist alles, was ich brauche. Wir werden wissen, ob sie lügen oder nicht, schließlich gehe ich da nicht allein rein."

Soweit der Plan.

„…was uns direkt zum nächsten Punkt bringt. Das, was du dabei offenbar nicht berücksichtigst, ist, dass deine Quelle nicht verlässlicher ist als diejenigen, denen du etwas aus den Rippen leiern willst.", machte er seine Abneigung gegenüber Jess erneut deutlich. Nicht, dass er das nötig hätte.

„Wenn du ihr nicht vertraust, ist das nicht mein Problem sondern deins."

„Wir haben das durch. Ich kann nicht alles auf eine Karte setzen, die ich nicht kenne. Das Risiko gehe ich nicht ein."

Okay, ich hatte gerade die Augen verdreht. Das war das mindeste…

„Oh, bitte. Du warst derjenige, der dafür gestimmt hat, dass sie mit mir diese Selbstmordaktion durchzieht. Was soll das jetzt? Sam, wenn du auch nur einmal darüber nachdenken würdest, wärest du längst zu der Erkenntnis gekommen, dass wir uns glücklich schätzen sollten, dass sie hier sind…", konterte ich mit unverhohlener Missbilligung. Er reagierte dementsprechend patzig: „Gefährliche Halbwesen, die dem Feind mehr ähneln als uns? Ich glaube nicht."

„Du hast nie richtig zugehört, oder?"

„Diese Familiensache ist etwas anderes. Ich urteile nach dem, das ich sehe. Und was ich sehe ist eine potentielle Gefahr, eine tödliche Waffe."

Ich musste gestehen, dass er damit nicht wirklich falsch lag. Aber eben auch nicht ganz richtig. Jess hatte sich verändert und auch wenn es nicht immer so wirkte…sie hatte sich doch irgendwie unter Kontrolle. Mehr, als sie selbst dachte.

„Wenn du wissen willst wie das damals gelaufen ist, solltest du sie fragen.", forderte ich ihn heraus, weil es genau das war, was ihm Angst machte. Er traute sich nicht einmal, ein offenes Gespräch mit ihr zu führen – abgesehen davon, dass Jess das sowieso nicht wollte.

„Kennst du ihre Fähigkeiten?"

Das war die erste direkte und durch ernsthaftes Interesse geleitete Frage, so schien es mir.

„Ich weiß, dass sie eine ziemlich außergewöhnliche Gabe hat und dass sich damit so einiges anstellen lässt, ja."

Sam hakte weiter nach: „Aber du weißt nicht, was genau sie alles tun kann, oder?" Ich kannte einige wenige Dinge, aber bei weitem nicht alles. Das brauchte ich auch nicht, wahrscheinlich könnte ich es mir sowieso nicht merken. Ich antwortete ihm mit einem einfachen Nein.

„Siehst du es nicht oder willst du es nicht sehen, Jacob?"

„Ich werde nicht allein aus dem Grund, dass sie womöglich sonst was anstellen könnte, alles vergessen, das sie für mich getan hat. Ich verdanke ihr mehr, als jedem von euch."

Beispielsweise die Tatsache, dass ich noch auf dieser Erde wandeln und mich mit ihm über so belanglose Dinge streiten konnte.

„Überschätze das nicht. Vielleicht war das nur ein Vorwand? Die schnellste und sicherste Möglichkeit, sich dein Vertrauen zu erschleichen?"

„Mein – was? Was für ein kranker Scheiß…?!", rief ich vom Gipfel der viel zu hohen und stetig anwachsenden Palme zu ihm herunter: „Kapierst du noch, was du da faselst? Sie war immer da, zu jeder beschissenen Sekunde, und sie hat alles für mich getan…alles, Sam! Ich läge schon längst unter der Erde, wenn es sie nicht gäbe, siehst du das nicht ein? Sie hat mir über Billy hinweg geholfen - ich kann dir nicht erklären wie, aber irgendwie hat sie das hinbekommen -, sie hat mir gezeigt, dass es weitergeht…ich lebe hier mit ihr zusammen, schon eine ganze Weile, und ich hätte keine bessere Entscheidung treffen können, als in jener Nacht nach ihr zu suchen! Sie würde für jeden hier ihr Leben geben, weil sie eben so ist: weil sie sich aufopfert für die Menschen, die ihr etwas bedeuten. Aber was weißt du schon davon?" Ich war so in Rage geraten, dass ich aufgesprungen war. Dass ich diese Worte so offen und ohne nachzudenken ausgesprochen hatte, überraschte mich selbst…aber sie stimmten eben. Egal wie sehr ich Jess auch misstraute wegen dieser Sache mit Jasper, ich konnte nicht vergessen, dass sie mich aus der Hölle zurückgebracht hatte.

„Ich…verstehe das ja."

Nein. Nein, das verstand er eben nicht. Wie tief diese Verbindung zwischen uns beiden war, würde er niemals nachvollziehen können…das konnte ich nicht einmal selbst. Sam schien durch meine Entschlossenheit verunsichert: „Jacob, auch wenn du es mir vielleicht nicht glaubst, aber dafür bin ich ihr genauso dankbar. Du hast eine Menge durchmachen müssen, keine Frage. Aber das alles würde sicher anders laufen, wenn…sie sich uns offenbaren würde. Ich weiß nicht einmal halb so viel darüber wie du und Unwissen verursacht erst solche Gedanken. Es tut mir leid, wenn ich dir da sehr nahe getreten bin."

„Bei mir musst du dich nicht entschuldigen.", erklärte ich kopfschüttelnd, woraufhin er schwieg. Eine Weile wartete ich ab, doch es änderte sich nichts daran.

„Das alles kann nur funktionieren, wenn wir uns untereinander einig sind. Da brauchst du dich nicht aufspielen, als würdest du hier das Zepter in der Hand halten… Ich habe schon ein Zugeständnis gemacht, indem ich das Vertrauen von engen Freunden überhaupt anzweifele. Wie wär's, wenn du den nächsten Schritt machst und Jess und Jenny die Hand reichst? Wir können sowas echt nicht gebrauchen."

Er sah so aus, als wollte er sagen, dass er gar kein Zepter hielt, sondern eine Krone auf seinem dämlichen Schädel trug, die ihn dazu befähigte, allgemeingültige Aussagen zu treffen. Ich bereitete mich innerlich schon darauf vor, ihm für diese Erwiderung ordentlich eine aufs Maul zu geben.

„Ich erwarte einen Vertrauensbeweis."