30. Die Liebe zum Verbotenen war vielleicht eine Erleichterung, um Dinge zu tun, die nicht in Ordnung waren, aber keine Ausrede dafür. – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Unverschämt wie er war, forderte Sam einen Vertrauensbeweis von Jess. Und gerade sie war es, die in unser Gespräch platzte. Nur mit Müh und Not konnte ich sie überzeugen, dass er sich entschuldigen wollte, und dass es das Beste wäre, ihm diese Chance zu lassen. Um ihm zu geben, was er verlangte, zeigte Jess ihm eine ihrer Gaben und tatsächlich besänftigte es ihn, je mehr er darüber hörte.
„Leute, wir kommen hier keinen Schritt weiter, wenn ihr nicht langsam mal den Schnabel haltet!", stöhnte ich über den erneut ausgebrochenen Tumult hinweg. Hier führten sich alle auf wie eine Kindergartengruppe, nur weil die getroffene Entscheidung eben nicht jedermanns Geschmack traf.
„Du hast versprochen, dass wir uns nicht von ihnen abwenden!", schoss Seth zurück, der wohl als einziger zugehört hatte.
„Ich habe gar nichts versprochen. Und außerdem habe ich nicht vor, Sams Generalverdacht weiterzutragen. Wir machen es wie beschlossen und damit basta. Ich werde mich nicht dafür rechtfertigen, eine Wahl getroffen zu haben, die ich noch gar nicht getroffen habe."
Wieso sah das hier niemand ein? Ich wollte mich sicher nicht gegen die Cullens stellen, schon gar nicht wegen Nessie. Ich wollte nur Sam zufriedenstellen und gleichzeitig nicht so egoistisch und paranoid sein wie er und annehmen, unsere inzwischen engen Freunde würden uns ein Messer in den Rücken rammen. Mal abgesehen davon, dass ich ihnen einen derartigen Verrat und noch dazu Vertragsbruch nicht zutrauen würde, war diese Annahme utopisch. Und Sam war, mal so nebenbei bemerkt, der größte Idiot aller Zeiten, wenn er vorhatte, den erhofften und nun schon eine Weile währenden Frieden in Gefahr zu bringen.
Mein Pfiff hallte durch den Raum und endlich kehrte Stille ein: „Wer hat jetzt noch etwas daran auszusetzen? Oder können wir uns endlich darauf einigen, dass wir den Versuch wagen und das durchziehen?" Jared und Paul verschränkten die Arme, wenngleich es bei Paul eher ein Zeichen dessen war, dass er sich langweilte, statt des demonstrativen Ausdrucks von Ablehnung. Er hatte sich ausnahmsweise mal in die richtige Richtung entwickelt und ich beschloss, Rachel später dafür zu danken. Seth machte ein finsteres Gesicht, aber ich hatte genug mit ihm diskutiert und er hatte immer noch nicht begriffen, dass ich es nicht so sah wie er glaubte. Die Jungspunde, die sowieso schon von Anfang an zugestimmt hatten, sahen mich nur mit großen Augen an. Ihr Gehorsam war beängstigend und nützlich zugleich. Quils Blick ging zu Embry, der hingegen sah Jess an. Ich versuchte, nicht darauf einzugehen.
„Großartig. Dann würde ich jetzt diese Sache abschließen und morgen sehen wir, was dabei herauskommt. Wenn alles so läuft wie geplant, treffen wir uns morgen zur Großversammlung mit den Ältesten, und zwar jeder einzelne hier. Hoffen wir, dass es ein gutes Ende hat."
Hoffen wir, dass wir Sam in den Allerwertesten treten können., fügte ich klammheimlich in Gedanken hinzu.
Jenny folgte mir, als sich die Meute langsam auflöste und alle in kleinen Grüppchen nach draußen gingen. Ich hatte auf Jess warten wollen, doch sie schien Embry als Begleitung vorzuziehen.
„Ich erwarte, dass du sie heil zurückbringst. Dieses Vorhaben ist schon allein deshalb zum Scheitern verurteilt, weil du nicht die geringste Ahnung davon hast, wozu Whitlock fähig ist.", knurrte sie so leise, dass es niemand mitbekommen konnte, und doch so einschüchternd, dass ich es nicht wagen würde, ihr zu widersprechen. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass Embry Jess' Hand hielt: „Du weißt, dass es genauso wenig in meinem Interesse ist, dass sie mitkommt. Und ich bin mindestens so erpicht darauf, dass wir diese Löwengrube in einem Stück verlassen. …außerdem habe ich gesehen, was passiert, wenn der Blondschopf ihr zu nahe kommt." Er hatte ihr tatsächlich die Wange getätschelt. Ich zog die Stirn kraus.
„Sie wird dich in Schutz nehmen, bevor es ihr einfällt, wichtigere Maßnahmen zu ergreifen. Und wir beide werden ernsthafte Probleme bekommen, wenn du allein hier aufschlägst."
Sie unterstrich diese Drohung damit, dass ihr Zeigefinger etwas tiefer als nötig in die Stelle in der Mitte meines Brustkorbs stach, an welcher man einem Menschen die Luft abdrücken konnte. Allein ihr Blick hätte gereicht, mir das ebenso verständlich zu machen: „Sei gewarnt, Jacob Black. Meine jahrhundertelange Arbeit wird nicht durch dich zunichte gemacht." Ich konnte zwar nichts dafür, falls Jasper einfallen sollte, seine gestörten Fantasien in die Tat umzusetzen – wobei mir immer noch nicht ganz klar war, was er eigentlich vorhatte -, aber das schien sie nicht zu interessieren. Mit einem letzten an mich gewandten Ausdruck der absoluten Ernsthaftigkeit ließ sie mich stehen. Und ich wunderte mich wieder einmal darüber, dass ich ihr so sehr vertrauen konnte, obwohl sie mich wiederholt in die Enge drängte. Wahrscheinlich war das einfach ihre Art…oder ein Relikt längst vergangener Zeiten. Oder ihre Form unterdrückter und unkontrollierbarer Aggressivität.
„Jake, kommst du?", hörte ich Jess rufen. Ein Lächeln schwang in ihrer Stimme mit, aber die Person neben ihr sorgte dafür, dass es seine Wirkung verfehlte. Ich sah hin und direkt wieder weg.
„Muss nochmal weg. Wir sehen uns später.", sagte ich nur und machte kehrt.
Embrys dumme Fratze lag mir selbst dann noch schwer im Magen, als ich meine Arbeit an einem alten Franzosen beendete und die Werkstatt als Letzter verließ. Was früher zwar vorkam, aber eher selten an der Tagesordnung gewesen war, hatte sich inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt. Seitdem ich meinen Job wiederbekommen hatte und festangestellt war, bekam ich mehr zu tun als mir lieb war. Wenigstens stimmte das, was ich am Ende des Monats bar auf die Kralle bekam. Ryans Vater war ein knauseriger Mann, aber ich hatte wohl einen größeren Wert für ihn als er insgeheim zugeben wollte. Mir sollte es recht sein.
Als ich meinen Haustürenschlüssel auf der Kommode platzierte, drang Embrys nervtötendes Lachen an mein Ohr. Wie angewurzelt blieb ich stehen und hoffte, dass ich es mir eingebildet hatte. Zu meiner Verzweiflung war genau das nicht der Fall… Ich entschied kurzerhand, dass es an der Zeit war, Klartext zu reden, und setzte meinen Weg entschlossen fort. Das Bild, das sich mir dann bot, war allerdings ein völlig anderes als das, was ich mir ausgemalt hatte.
„- und dann habe ich eine Drehung damit gemacht, etwa so…, habe ihr zugezwinkert und bin wieder in den Wagen gestiegen. Du hättest das Gesicht sehen sollen! Ja…das waren noch Zeiten!", erzählte Charlie ausschweifend und mit fuchtelnden Händen. Er hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht. Embry saß ihm gegenüber in dem alten Ohrensessel und Jess, ein Bein angezogen und auf der Lehne kauernd, direkt neben ihm. Sie alle machten ein überraschtes, aber entspanntes und durch und durch unschuldiges Gesicht. Ich versetzte mir dafür innerlich einen Tritt.
Was hatte ich denn bitteschön erwartet?
„Jacob! Genau der, auf den wir gewartet haben. Musstest du bis jetzt schuften? Ich wusste immer, dass dieser Stevenson nicht alle Tassen im Schrank hat."
Noch immer etwas verdattert gesellte ich mich zu ihnen: „Gibt es irgendwas, das ich wissen sollte?"
„Allerdings."
Mein Blick wanderte zwischen Embry und Jess hin und her, dann wieder zurück zu Bellas Vater. Sie alle wirkten auf mich, als gäbe es eine gute Nachricht zu verkünden. Hatten sie den Täter etwa gefunden? Oder gab es eine Spur?
„Es ist Schicht im Schacht, endgültig. Na, was sagt man dazu?"
Ich starrte ihn an, wusste nicht ob das nun gut oder schlecht sein sollte und welche Reaktion er von mir erwartete. Als ich schwieg, entfuhr Jess ein nervöses Lachen, das ich so gar nicht von ihr kannte. Embry tätschelte daraufhin vielsagend ihr Bein und ich zwang mich wegzusehen: „Ah, ja?"
„Scheint so, als hättest du was anderes erwartet. ..aber egal. Ich bin jetzt offiziell im Ruhestand und diese Rennerei kann mir endlich getrost am Allerwertesten vorbeigehen."
Es war nicht, was ich erwartet hatte. Aber offen gestanden war diese Art der Neuigkeit wesentlich angenehmer – nur auch weniger interessant. Weniger von Bedeutung. Ich fragte mich, inwiefern es für Embry oder Jess von höherem Wert war.
„Du hast es dir verdient, Charlie, keine Frage. Aber wer auch immer jetzt das Zepter in die Hand nimmt, es wird dadurch nicht einfacher für uns. Ist schon jemand festgelegt worden?"
„Miller hat das Rennen gemacht, der neunmalkluge Universitätsheini - eine Fehlentscheidung wenn ihr mich fragt… Aber es gab auch keinen wirklich geeigneten Kandidaten.", schnaufte Charlie und machte eine ahnungslose Geste: „Der will viel verändern, mehr Sicherheit und so, ihr wisst schon. Das wollen sie am Anfang alle, nur geht die Rechnung selten auf. Ihr werdet sehen, dass das keinen großen Unterschied für euch macht, schließlich seid ihr auch wesentlich vorsichtiger geworden über die Jahre."
„Und du großzügiger."
Embry pflichtete mir bei, doch Charlie lachte nur. Es war ein so entspanntes Lachen, dass ich beinahe neidisch war darauf, dass er nun einfach die Füße hochlegen konnte. Gut, er hatte auch deutlich mehr Jahre auf dem Buckel, aber ob ich jemals dorthin kommen würde, stand noch in den Sternen.
„Und du hast sicher nicht mehr viel herausbekommen, oder?", fragte ich vorsichtig, weil ich wusste, dass die Sache sowieso nicht mehr in deren Händen lag. Zu hohe Sicherheitseinstufung. Charlies Kopf deutete ein vages Kopfschütteln an: „Nichts handfestes."
„Er ist deswegen hergekommen, aber du warst nicht da. Also haben wir zusammen gewartet."
Bedeutete zusammen, dass sie mal eben Embry angerufen und gefragt hatte, ob er ihr nicht die Wartezeit verkürzen könne, oder war er etwa schon vorher aus purem Zufall dagewesen, um ihr die Schultern zu massieren? Ein Grummeln durchzog meinen Magen und ich beließ es bei diesem Gedanken. Vorerst.
„Die gute Nachricht ist, dass es keinen weiteren Vorfall gab. Die schlechte, dass auch noch niemand festgestellt werden konnte. Es gibt keine DNA-Spuren, also kann das noch Ewigkeiten dauern…und wer auch immer es war, ist sehr ordentlich gewesen. Keine Haare, keine Stofffetzen, nichts. An keinem der Fundorte.", erklärte er und meine Hoffnung sank. Da war ein kleines Fünkchen des Glaubens in mir gewesen, dass sich unser Verdacht als falsch herausstellte und schließlich ‚nur' ein einfacher Serienmörder sein Unwesen trieb. Jemand, den man aufspüren und jagen konnte und der eine angemessene Strafe erfuhr, wenn man ihn der hiesigen Richtergewalt überurteilte.
„Was ist mit dem FBI? Stimmt dieses Geplänkel von Sam?"
Jess nickte, wobei mir nicht ganz klar war, woher sie es schon wieder wissen konnte. Anscheinend hatte sie kein schlechtes Gewissen dabei, in Charlies Kopf einzudringen, sie kannte ihn ja schließlich kaum.
„Alles, selbst die Untersuchung. Sie war angeordnet und stand fest, doch ein paar Leute regten sich darüber auf und wie es nun mal war, brauchte es einen sicheren Verdacht und einen Richterbeschluss, um es durchzuziehen. Beides war nicht vorhanden, also haben sie Gnade walten lassen. …ich verwette ein Vermögen darauf, dass die hier keinen Stein auf dem anderen gelassen hätten. Ihr hattet Glück im Unglück."
„Wieso das?"
Embry antwortete mir: „Weil sie jederzeit wieder einen Antrag stellen und damit durchkommen können, selbst ohne Verdacht. Es gibt also keine Garantie." Na, super.
„Solange wir hier unsere Ruhe haben, ist mir das erstmal egal."
Ich hatte mich nach einigem Überlegen dazu entschieden, mich zu Charlie auf die Couch zu setzen, um wenigstens nicht länger mitten im Raum zu stehen. Aber dieses merkwürdige Bild des Ohrensessels nun direkt vor der Nase zu haben, machte es nur schlimmer.
„Unsere Prioritäten liegen derzeit an einer anderen Stelle, wenn auch nicht ganz freiwillig.", plapperte Embry, weil er wie immer zu dumm zum Nachdenken war.
„Ist das so? Na, was für einen Bären hat euch Sam diesmal aufgebunden?"
„Wir –", sagten Embry, Jess und ich gemeinsam, doch ich schickte eindeutige Blicke in deren Richtung, um sie zum Schweigen zu bringen: „Wir sollen ein paar…Freunde von Bella befragen."
„Bella? Was – was sind das für Leute?"
