32. Aus Liebe – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Nachdem Edward auf Alice' schmerzerfüllte Vision hin verkündete, dass er unsere Gedanken nicht länger hören konnte, mussten auch Jasper und ich feststellen, dass uns unsere Gaben nicht länger von Nutzen waren. Doch als wäre es nicht genug der Unmöglichkeit, war es dann Jacob in unbekannter Begleitung, der verkündete, dass er mit uns reden müsse. Währenddessen sich die schöne junge Frau namens Jess als Quileute herausstellte, offenbarte Jacob auch den Grund für sein Kommen: eine Reihe von ungeklärten Leichenfunden hier in der Gegend, bei der er sich unsere Beihilfe erhoffte. Da es keinerlei Einwände gab, stimmten Carlisle und Edward einer Zusammenarbeit zu. Nur folgte nun eine weitere, wesentlich erschütterndere Aussage seitens Jacob: Die Werwölfe wollten den Vertrag mit uns aufkündigen.


Wäre ich noch immer die menschliche, unschuldige und tollpatschige Bella, hätte ich mich wohl verschluckt. Ich hätte gehustet und behauptet, etwas wortwörtlich in den falschen Hals bekommen zu haben. Und dann würde ich fragen, was er doch gleich gesagt hatte, um mich zu vergewissern, dass ich nicht irrte. Es hätte die Situation nicht aus der Welt geschafft und auch nicht das, was folgte. Aber es hätte mir einen weiteren kleinen Augenblick geschenkt, wenigstens etwas mehr Zeit, in der ich schlicht aus Unwissenheit glücklicher war, als dann im Nachhinein, wenn ich die Wahrheit kannte. Und nicht nur ich schien diese Aussage kaum nachvollziehen zu können.

„Den Vertrag?", fragte Carlisle, entweder weil es sich um eine Vereinbarung handelte, die lange vor der Zeit desjenigen geschlossen wurde, der sie gerade aufzukündigen versuchte, oder weil er schlichtweg ebenfalls sicher gehen wollte, sich nicht verhört zu haben.

„Der Vertrag, der besagt, dass ihr, solange ihr keinem Menschen etwas antut, freies Geleit besitzt.", stellte Jacob unmissverständlich klar. Ich versuchte zu verstehen, was genau er damit bezweckte. Oder was es bedeuten konnte. Woraus sollte diese Entscheidung resultieren? Und wer hatte sie getroffen? Mehr noch, was genau würde daraus folgen? Ich wusste nicht genau, was in diesem wohl längst überholten Vertrag festgelegt worden war und ob es mehr gab als diese eine Forderung, auf der er basierte. Aber wenn er aufgelöst werden sollte, konnte es nur heißen, dass er nicht länger von Wichtigkeit war. Inzwischen hatten sich die Fronten längst geklärt und eine Feindschaft zwischen uns und den Werwölfen war nicht abzusehen. Dennoch beschlich mich ein ungutes Gefühl, und nicht nur mich: „Wer sagt, dass er nicht weiter fortbestehen sollte?"

„Wir, also alle Rudelmitglieder eingeschlossen, und der Rat haben gemeinschaftlich beschlossen, dass es so ist."

Wenn es tatsächlich stimmte, dann war das nicht ohne Grund. Ich…konnte es mir einfach nicht vorstellen. All das - es war so widersprüchlich, dass es beinahe schon in Zusammenhang zueinander stehen könnte. Dieser Besuch, dieses Mädchen, der Vertrag. Ich musterte sie und konnte nur erneut feststellen, dass ihre Anziehungskraft groß und zugleich abstoßend war. Es ergab keinen Sinn.

„Und ich nehme an, davon können wir alle nur profitieren? Der Beschluss ist veraltet, das mag sein."

Esme, die bereits zuvor Schlimmes geahnt hatte, schien sich in ihren Vorstellungen nur bestätigt. Und Carlisles beinahe vorsichtiges Herangehen zeigte, dass auch er inzwischen Vermutungen hegte, dass dieses Gespräch sich für uns nicht ausschließlich zum Guten entwickelte. Jacob nickte: „Das ist er definitiv." Dass er den Raum mit zusätzlicher Spannung lud und nun einen wesentlich überlegteren Eindruck machte, schien er gar nicht zu bemerken. Doch mir fiel auch auf, dass er seine Haltung veränderte, sich beinahe verkrampfte. Ich versuchte, diese Anzeichen aus meinem Kopf zu verdrängen, versuchte das Positive daran zu sehen und dass nichts zu befürchten war. Dass dahinter keine böswillige Absicht verborgen war. …aber es gelang mir nicht. Als ich aus Reflex mein Schutzschild über uns ausbreiten wollte, musste ich gekränkt feststellen, dass er noch nicht zurückgekehrt war. Ich fühlte mich so nackt und wehrlos wie ein neugeborenes Kind.

„Und welchen Hintergrund hat all das, wenn ich fragen darf? Ich gehe davon aus, das war keine unüberlegte Entscheidung."

Es machte mich nervös, dass Carlisle nicht nachließ. Er forderte geradezu heraus, dass Jacob Dinge offenbarte, die ich zugegebenermaßen gar nicht wissen wollte.

„War es auch nicht.", erwiderte Jacob, und nun trat etwas Bitteres in seine Stimme und in die Art, wie er zu uns herabsah: „Aber veraltete Abmachungen sollten unter längst veränderten Umständen nicht mehr gelten. Und, wenn ich es so offen sagen soll, ist unser Vertrauen in euch zu erschöpft, als dass wir uns weiter darauf stützen könnten." Das war etwas komplett anderes, als ich erwartet hätte. Sie vertrauten uns nicht mehr? Seit wann?

„Es ist in unserem Interesse, dass wir einander vertrauen können, Jacob, das solltet ihr alle wissen. Und ich wüsste nicht, wodurch es erschüttert worden wäre, aber…nun, da es so ist: was können wir tun, das zu ändern?"

„Ich fürchte, die Wahrheit zu sagen wäre ein guter Anfang."

Und nun war ich vollends verwirrt. Welchen Anlass hatte er zu glauben, wir würden ihn belügen? Er schien eindeutig davon überzeugt zu sein, dass es so war. Erneut ging mein Blick unvermittelt auf seine Begleitung.

„Das verstehe ich nicht."

„Oh, da bin ich ganz deiner Meinung. Ich verstehe es auch nicht. Und ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass ihr Dinge zurückhaltet, die für unser aller Sicherheit von besonderer Wichtigkeit sind. Aber leider ist es wohl so. Und ich kann niemandem in einer Angelegenheit trauen, wenn derjenige vielleicht sogar darin verwickelt ist."

Dachte er - ? Nein. Aber das war absurd!

„Ich…ich wäre überrascht, wenn es so wäre. Ich habe davon keine Kenntnis."

„Ich schon. Und es enttäuscht mich über alle Maßen."

Diese Situation wurde immer abstruser. Niemand hier schien auch nur die leiseste Ahnung zu haben, wovon er da sprach. Wusste er das überhaupt selbst? Dennoch versuchte Carlisle zu vermitteln: „Es bleibt mir nur, mich dafür zu entschuldigen. Ich kann nur erneut fragen, was zu tun wäre, dass sich das ändert. Dass unser Vertrauensverhältnis nicht darunter leiden muss."

„Das hat es längst. Und wir ziehen Konsequenzen daraus. Wir müssen davon ausgehen, dass ihr in diese Vorfälle verwickelt seid. Dass ihr unschuldige Menschen getötet habt und das ohne jeden ersichtlichen Grund. Ich kann mir nicht vorstellen, was euch dazu bewegt hat oder ein paar von euch. Aber diese Menschen stehen unter unserem Schutz. Und wir dulden keine Mörder auf unserem Gebiet. Zukünftig werden wir jeden, der uns über den Weg läuft, als das behandeln, was er ist. Ein blutsaugendes, mordendes Etwas."

Jacob spuckte diese Worte aus, als wären sie widerwärtige Kost, die er fälschlicherweise aus Gutgläubigkeit zu sich genommen hatte, nur um hinterher festzustellen, dass sie alles andere als wohlschmeckend war. Er lehnte sich mit seiner Überheblichkeit und Verachtung so weit aus dem Fenster, dass es mich verwundern musste, dass noch niemandem hier eingefallen war, ihm an die Kehle zu springen. Vielleicht sollte ich auch dankbar dafür sein, ich wusste es nicht. Fakt war, dass er uns und unser doch recht enges freundschaftliches Verhältnis der letzten Jahre zu Unrecht verurteilte. Und wenn er erst wüsste, dass es so war, würde ihm noch leid tun, was er sagte. Nur wäre es dann zu spät für Entschuldigungen und Wiedergutmachung… Dennoch fuhr er unbeirrt fort: „Und sollte ich weitere Hinweise darüber erhalten, die diese Theorie bestärken, werde ich nicht zögern. Da kann unsere gemeinsame, friedliche Vergangenheit so lange gewesen sein wie sie will. Diese Verantwortung habe ich als Alpha. Und ihr wisst, dass ich keine leeren Drohungen ausspreche." Und darauf wusste ich nichts mehr, das zu sagen wäre. Seine Haltung machte mich sprachlos, seine Einstellung verunsicherte mich. Und als ich den Ausdruck in seinem sonst so weichen, sehr jugendlichen Gesicht sah, ängstigte mich allein der Gedanke daran, was er zu tun bereit war. Ich hätte ihm solche Hartherzigkeit nicht zugetraut.

„Wir sprechen uns.", meinte er dann nur und setzte zum Gehen an, wobei jede Bewegung langsam und überlegt schien. Ich glaubte sogar, seinen nervös umherschweifenden Blick mehrmals auf mir zu spüren, doch ich konnte ihn nicht erwidern. Zu sehr fürchtete ich mich davor, was ich darin entdecken könnte. Und dann kam doch noch etwas: „Jess." Nur dieser Name, kurz und so leise gesagt, dass man hätte denken können, ihn sich nur eingebildet zu haben. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie noch immer an Ort und Stelle verweilt hatte. Und nun sie folgte ihm, als wäre da ein unsichtbares Band zwischen ihnen, das dafür sorgte, dass sie ihm immer und überallhin folgen würde, und sei es an Orte, die niemand freiwillig zu begehen gedachte.

Ein letztes Mal betrachtete ich dieses außergewöhnliche Mädchen, die mir kein größeres Rätsel sein könnte. Sie hatte all die Zeit kein Wort gesagt, weshalb also war sie hier? Als Stütze? Als Drohung? Kurz bevor sie aus dem Raum verschwand, wandte sie den Kopf, starrte mir direkt in die Augen, und ich glaubte, sie setzte sie in Brand. Ich musste mich ruckartig abwenden und verpasste, wie sie ging. Doch es würde sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich ihr begegnete. Es brauchte keine herausragenden prophetischen Fähigkeiten, um das herauszufinden.

Ich wandte mich nach Edward um, wollte sein Gesicht sehen und daraus lesen, was all das bedeutete und wie er darüber dachte. Aber es war so leer wie ein klarer Nachthimmel, dem alle Sterne abhanden gekommen waren. Und so erschien mir jeder, der diesem Raum innewohnte.

„Was für ein Auftritt.", murmelte Rosalie nach einiger Zeit tonlos und Emmet ließ seine Fingerknöchel knacken, als wäre das bereits Aussage genug.

„Ich kann das nicht glauben.", stammelte Esme, die entgegen meiner Erwartungen ihre Stimme wiedergefunden hatte: „Ich verstehe all das nicht." Ich war sicher, dass niemand hier verstand.

„Was soll das bedeuten?"

Es hörte sich an wie ein Krächzen, als ich versuchte, meiner Verunsicherung ebenfalls Ausdruck zu verleihen. Carlisle versuchte, dieser Frage zuversichtlich zu begegnen: „Ich schätze, wir sollten ihnen diese Entscheidung nicht übel nehmen. Überlegt, wie wir gehandelt hätten, wäre es andersherum."

„Ach, sollten wir nicht?", schoss Rosalie zurück. Sie hatte die Arme verschränkt und wirkte, als wäre das eben eine Kriegserklärung gewesen – was ja keinesfalls so war.

„Es wäre nicht klug, sie dafür zu verurteilen. Es scheint…gewisse Hinweise zu geben, die ihnen keine Wahl ließen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, ihnen zu helfen, die Ursache zu finden."

Es war der Moment, in welchem Edward seine Sprache zurückzugewinnen schien: „Ist das dein Ernst, Carlisle? Du glaubst, diese Anschuldigungen sind richtig? Du stellst uns infrage, nur weil dieser Köter es sagt?"

„Ich wäge lediglich ab, was zu tun ist. Und ich bin der Meinung, dass Jacob seine Quellen mit Bedacht wählt. Es ist niemand in Verdacht zu stellen, aber ebenso sollte niemand freigesprochen werden, bevor wir dem auf den Grund gegangen sind."

Edward wirkte, als würde es diese Aussage nur schlimmer machen. Und ich konnte nachvollziehen, warum: „Welche Quelle sollte das sein? Wir haben uns nichts zu schulden kommen lassen."

Rosalie stimmte mir zu.

„Zu sagen, das wäre weit hergeholt, wäre noch untertrieben.", erklärte Emmet. Als Alice Anstalten machte, ebenfalls etwas zu sagen, fiel mir erst auf, dass sie noch immer in Jaspers Armen lag und sich, ihrem Äußeren nach zu urteilen, nur langsam von dem bereits fast in Vergessenheit geratenen Vorfall zu erholen. Doch ihre ersten Worte waren kaum verständlich und als sie es frustriert noch einmal probieren wollte, sprach Jasper für sie: „Sie sagt, die Frau ist die Quelle." Er meinte wohl das Mädchen.

„Im Augenblick kann ich dazu nichts sagen.", erwiderte Carlisle: „Niemand von uns kann das. Vermutlich war sich Jacob unserer Reaktion schlichtweg nicht sicher und meinte deshalb, Unterstützung gebrauchen zu können." Wenn ich mir die Gesichter von so manchem hier ansah, war das gar nicht sonderlich abwegig. Aber was genau meinte Alice? Woher sollte Jacobs Begleitung gewusst haben, dass jemand hier beteiligt war? Oder hatte sie es gesehen? Vielleicht glaubte sie fälschlicherweise, es wäre so gewesen, schließlich war es Irina einst genauso ergangen. …ich wollte gar nicht erst daran zurückdenken, doch es war bereits zu spät.

„Aber weshalb dieser rigorose Schritt? Was haben sie in der Hand?", hakte Esme nach und ich bestärkte sie darin: „Er sagte, es hätte einen Beschluss des Stammes gegeben. Sie müssen mehr Informationen haben, als er preisgegeben hat."