32. Aus Liebe – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Jacob, der uns in Begleitung einer Quileute namens Jess besuchte, verkündete kurzerhand, dass der Vertrag der Werwölfe mit unserem Clan gekündigt worden war – eine gemeinsame Entscheidung aller Rudel und des Rates. Als Grund dafür nannte Jacob, dass ihr Vertrauen in uns dadurch erschüttert wäre, dass er von einer Beteiligung an den Mordvorfällen aus unseren Reihen wisse. Und dass ihn das in Zukunft ohne Zögern dazu bewegen würde, seiner Pflicht als Alpha gerecht zu werden. Währenddessen er uns mit wilden Spekulationen und Unsicherheit zurückließ, verkündete Carlisle, dass er niemanden in Verdacht stellen wollte, aber auch niemanden davon befreien könnte. Und dass es besser wäre, sich an der Suche nach der eigentlichen Ursache zu beteiligen. Alice jedoch, noch geschwächt von den vorangegangenen Ereignissen, ließ verlauten, dass sie glaubte, dass Jacobs Begleitung die Quelle all dessen wäre.


„Aber weshalb dieser rigorose Schritt? Was haben sie in der Hand?", hakte Esme nach und ich bestärkte sie darin: „Er sagte, es hätte einen Beschluss des Stammes gegeben. Sie müssen mehr Informationen haben, als er preisgegeben hat."

„Nichts hat er. Vermutlich gibt es nicht einmal den Hauch eines Zusammenhangs, der auf unsere Beteiligung hinweisen würde. Er brauchte nur einen Grund."

Edward stellte diese Anschuldigung in den Raum, als wäre es eine Tatsache. Jacob, lediglich auf der Suche nach einem Grund, um – ja, was? Um uns vom dem Reservat fern zu halten? Wollte er etwas verstecken? Oder verheimlichen? Was, wenn all das etwas mit Renesmee zu tun hatte? Ich überlegte, wie weit ihr Streit gegangen sein konnte, den ich für ein Missverständnis gehalten hatte. Aber das war nicht…genug. So schätzte ich Jacob nicht ein. Er musste also wirklich glauben, dass wir involviert waren. Nur weshalb? Welche Beweise hatte er? Er hatte es wirklich ernst gemeint.

„Das ist eine unfundierte Unterstellung, Edward.", wollte Carlisle ihn zurechtweisen, nur schien er Edwards Temperament zu unterschätzen, der prompt konterte: „Ach, aber seine Unterstellung ist rechtens? Er darf uns vorwerfen - nach jahrelanger enger Zusammenarbeit, man möchte es törichterweise Freundschaft nennen -, dass wir dreist genug sind, auf ihrem Gebiet Stammesangehörige zu töten?"

„Es waren auch andere Menschen betroffen."

„Das ändert rein gar nichts."

Ich sah das ebenso. Es spielte keine Rolle, wer getötet wurde. Doch so kamen wir keinen Schritt weiter. Und währenddessen starben womöglich noch weitere Unschuldige, deren Tod verschuldet zu haben wir bezichtigt wurden. Ich musste wissen, was dahinter steckte. Und das konnte ich nur, wenn ich Jacob damit konfrontierte.

„Ich…sehe nach Renesmee und sage es ihr.", erklärte ich und verließ mit dieser Entschuldigung den Raum, der sich bereits während meines Gehens mit weiteren Drohgebärden und Diskussionen füllte. Ich konnte nicht verstehen, dass sich jeder sofort auf eine Meinung einschoss, die schlichtweg nicht der Wahrheit entsprechen konnte. Und das, obwohl es so einfach wäre, die tatsächlichen Hintergründe zu erfragen.

Ich hatte noch keinen Fuß auf die Treppe gesetzt, als Stimmen an mein Ohr drangen, die ich inmitten des Streitgesprächs und während der noch immer laufenden Musik nicht hätte bemerken können.

„Jake?"

Das war Renesmee. Hatten sie das Haus nicht längst verlassen?

„Hey…ähm – können wir vielleicht, na ja, reden?"

Sie hatte ihre Frage ausgesprochen und dennoch klang der Satz unvollendet, wie abgeschnitten. Es war wohl der Moment, in dem sie seine Begleitung erblickt hatte. Ob sie sie kannte? Es folgte ein kurzer Moment absoluter Stille.

„Fass dich kurz.", war dann das Erste, das die Fremde von sich gab. Es sagte rein gar nichts über sie aus – oder doch? Die Tür ging, ihre Schritte entfernten sich und ich sah sie draußen davongehen. Ohne sich umzudrehen verschwand sie im Wald, wartete wohl aber sicher irgendwo zwischen den Bäumen, bis Jacob ihr nachfolgte.

„Ich…oh, Mann, du glaubst nicht, was ich dir alles sagen wollte! Aber gerade fällt mir nichts davon mehr ein…", gestand Renesmee. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie dabei belauschen sollte, wie sie sich versöhnten, oder ob ich es überhaupt wollte. Nur blieb mir keine Zeit, darüber nachzudenken.

„Ich muss los.", sagte Jacob nur und ich hätte ihn so gern dafür geohrfeigt. Bemerkte er denn nicht, wie leid es ihr tat? Sie war noch so jung, gerade er sollte es besser wissen.

Bitte, warte. Jake…ich vermisse dich. Ich weiß, dass ich viel falsch gemacht habe."

„Ist das alles?"

Wieso in aller Welt war er so abweisend, so kaltherzig? Das hatte sie nicht verdient. Es war unfair.

„Ich habe das doch nicht so gemeint! Du weißt, dass ich Träume habe, die ich gerne –"

„Träume, in denen ich keinen Platz habe.", fuhr er fort, doch ich bezweifelte, dass es das war, was sie hatte sagen wollen. Und so war es auch nicht: „Das stimmt doch nicht und das weißt du auch! Ich dachte, dass du anders darüber denken würdest, wenn ich dir mehr erzähle. Dass wir uns darüber einig werden können und du mit mir kommst." Er machte einen Laut wie ein alter Hund, der nicht mehr bellen konnte.

„Du bist über das Alter hinaus, dass ich dir erklären müsste, dass ich Verpflichtungen habe – im Gegensatz zu dir. Ich habe mir ein Leben aufgebaut, ich habe Arbeit und ich muss dafür sorgen, dass sich jeder sicher fühlen kann."

Renesmee schien zu zögern oder zumindest brauchte sie etwas Zeit, diese Aussage zu begreifen. Dann atmete sie ruckartig aus.

„Das ist nicht der Grund.", sagte sie so neutral, wie es ihr wohl möglich war. Fast, als würde sie bereits darauf gefasst sein, nun etwas weitaus Schlimmeres zu hören. Etwas, das sie verletzten würde – was sie damit zu verhindern suchte. Und obwohl ich mir sicher war, dass da nichts mehr kommen würde, überraschte mich Jacob erneut: „Ist es auch nicht. Nicht nur." Renesmee entfuhr ein Schluchzen, aber noch weinte sie nicht.

„Dann sag es. Rück raus mit der Sprache, Jake, na los. Was soll das hier? Was wird jetzt?"

Konnte sie nicht selbst darüber entscheiden, was aus ihnen wurde? Sie verlangte von Jacob eine Wahl zu treffen, die sie genauso gut selbst hätte treffen können. Doch vielleicht war sie schlicht zu jung dafür.

„Wir beide wissen das schon eine ganze Weile, Ness, ist es nicht so?", fragte er und ich vernahm ein weiteres, tiefgründigeres Seufzen von ihr: „Du willst all diese Dinge, die ich dir nicht geben kann. Dinge, die ich dir aber nur zu gern geben würde. Und deshalb gibt es für uns beide nur eine Möglichkeit." Würde er das tatsächlich tun? Renesmee machte ein Geräusch, das ich im Nachhinein als unvollendetes Wort des Einspruchs definieren konnte.

„Ich will dich glücklich machen, du weißt, das muss ich sowieso. Und das kann ich nur, wenn ich dich freigebe, zu tun was immer du willst. Ich gebe dir, was ich dir nicht geben kann, indem ich dich in die Freiheit entlasse, nach der du dich so sehnst."

„Was? Nein, ich meine - nein, Jake. Das machst du nicht…das kannst du nicht machen? Ich liebe dich und du…", flehte sie und musste ihm wohl näher gekommen sein, jedoch ohne Erfolg. Ich hörte Stoff auf Stoff kratzen, wie ein kurzes Handgemenge.

„Das ist die einzige Chance, dass du deine Ziele erreichen kannst. Mit mir kannst du es nicht.", erklärte Jacob mit fester Stimme und ich wusste nicht recht, ob ich verärgert oder beeindruckt sein sollte von seiner plötzlich erwachsenen Haltung. Es war tatsächlich etwas, das ich niemals von ihm erwartet hätte und das ich in irgendeiner Weise für gut befand, aber…es machte Renesmee auch unglücklich. Und das war es, was weder ich noch irgendjemand sonst wollen könnte. Sie verdiente eine bessere Erwiderung dieser Liebe, die sie für ihn empfand.

„Ich liebe dich.", sagte sie wieder, diesmal fast nur noch im Flüsterton. Und jetzt war ich mir sicher, dass sie weinte. Weshalb erwiderte er das nicht? Oder dachte er, so zu handeln zeigte, dass er es tat?

„Es ist besser so, wenn wir es erst einmal dabei belassen. Du siehst die Welt, und ich kann meinen Pflichten nachgehen. Und wenn du wiederkommst –"

„Das meinst du doch nicht ernst!"

Dieser Schrei ging mir durch Mark und Bein und plötzlich wurde ich mir dessen bewusst, dass ich womöglich nicht länger der einzige Zuhörer war. Wenn jemand der anderen darauf aufmerksam geworden war, dann jetzt, keine Frage.

„Das kannst du nicht ernst meinen, Jake. S-soll das heißen, du machst Schluss? Das – das k-kannst du doch gar nicht, o-oder?"

„Ich muss dich glücklich machen. Und das tue ich.", erwiderte er einfach und ich war mir nicht sicher, ob er das wirklich selbst glaubte. Lippen berührten Haut, und schließlich machte er kehrt, um seiner Begleitung nachzufolgen, während Renesmee schluchzend zusammenbrach.

Nachdem ich abgewartet hatte, bis die Tür ins Schloss gefallen war, lief ich die Treppen hinunter, bis ich sie erreichte. Renesmee saß dort am Boden wie ein Häufchen Elend, weinte aus aufgequollenen und roten Augen wie ein Kind. Ich beugte mich zu ihr und schloss die Arme um sie, und sie ließ es geschehen.

„Warum nur? Warum?", jammerte sie und benässte ihr Oberteil mit einem weiteren Schwall bitterer Tränen. Als ich sie drückte und noch näher an mich zog, wehrte sie es jedoch ab. Ihre Blicke waren auf mich gerichtet und doch nicht für mich bestimmt: „Das ist alles meine Schuld…oder nicht? Ich habe alles kaputt gemacht." Ich schüttelte den Kopf, konnte aber nichts erwidern, bevor ein neuer Heulkrampf auf sie zurollte.

Und wie bereits geahnt blieb dieser Trubel nicht länger ungehört, denn Edward stand neben mir, bevor ich es realisieren konnte. Mit tosendem Zorn starrte er auf Renesmee hernieder, wie sie da hockte und weinte, und ich wusste, dass es kein gutes Ende nehmen würde. In seinem Ausdruck spiegelte sich blanker Hass, der zeigte, dass er sich mitnichten so damit abfinden würde, wie Renesmee es zu tun schien. Edwards Kopf schnellte in Richtung der Tür, hinter der er den Verursacher ihrer Pein bereits witterte, und obwohl ihn meine Worte, er solle ihm nichts tun, rechtzeitig erreichten, ignorierte er sie. Ohne zu wissen, was tatsächlich vorgefallen war. Ohne zu ahnen, dass Jacob womöglich seine Liebe zu Renesmee aufgab, um ihr das Leben zu ermöglichen, dass Edward für sie wollte.

So blieb mir nichts, als Rosalie zu bitten, auf Renesmee zu achten, und ihm nachzufolgen, bevor Schlimmeres passierte.


Jacob!", rief Edward mit unverhohlener Wut, dass es von den Bäumen nur so widerhallte. Mit großen Schritten lief er auf ihn zu, und nahm sich dennoch alle Ruhe dabei. Jacob, auf halbem Weg zwischen Haus und Waldrand, blieb stehen und drehte sich halb um, augenscheinlich bereits darauf vorbereitet, was nun folgen sollte. Auch seine Begleitung, die auf ihn gewartet hatte, trat nun hinter den Bäumen hervor.

„Edward, bitte."

Ich sprach mit einfacher Stimme, weil ich wusste, sie würde ihn ohnehin erreichen. Nur war mir nicht klar, ob er sie auch hören wollte. Aber selbst wenn ich nur erahnen konnte, was er zu tun bereit war, musste ich wenigstens versuchen, ihn zu Verstand zu bringen.

Tatsächlich erhörte er mich, doch seine Antwort war nicht, was ich erhofft hatte: „Er hat es nicht anders verdient." Und mit diesen Worten blieb er vor ihm stehen, vielleicht ein oder zwei Meter entfernt. Jede Faser seines Körpers schien gespannt, als setzte er in jedem Moment zum tödlichen Sprung an. Das würde er doch nicht wirklich tun?

„Du hast dir das nicht gut genug überlegt, fürchte ich.", spie er Jacob entgegen, der ebenfalls eine Haltung eingenommen hatte, die ganz und gar nichts Gutes verhieß. Wollten sie hier ein Duell austragen? Deswegen? Es gab gewiss einen Grund, ihn anzuklagen, doch nicht ihn zu bedrohen. Jacob hatte sicher aus bestem Glauben gehandelt, wenn es auch nicht zum gewünschten Ziel geführt hatte. …im Gegenteil, er hatte Renesmee das Herz gebrochen. Und egal wie sehr ich ihn dafür verurteilte, so glaubte ich dennoch, dass er genug selbst darunter litt. Einer Prägung konnte man nicht leicht widerstehen und schon gar nicht ihren Zwängen entgehen.

„Ach, nein? Und was willst du jetzt machen?"

Sprang er etwa auch noch darauf an? Stieg er ein in ein sinnloses Gemetzel für nichts und wider nichts? Ich konnte das nicht glauben. Wo war ihr Verstand geblieben? Ich musste dazwischen gehen: „Hört auf damit! Das bringt doch nichts. Edward, er hat nicht –"

„Halt dich da raus, Bella!", fuhr Edward mich an, ohne sich die Mühe zu machen, sich dafür umzudrehen. Ich blieb stehen, nachdem ich nur wenige Schritte gegangen war. War er denn verrückt geworden? Sie hatten uns gerade den Vertrag gekündigt und er wollte nun direkt damit anfangen, auf Jacob loszugehen, bevor wir uns im Klaren darüber waren, was all das eigentlich bedeutete? Er machte alles nur viel, viel schlimmer. Und mich wütender.

„Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du es bereuen, sie so abserviert zu haben, glaub mir!"

Und damit hatte es sich. Mit einem Satz, der einem wilden Löwen glich, sprang er auf Jacob zu und stieß ihn zu Boden. Nur war dieser schnell wieder auf den Beinen, ein nervöses Lachen auf den Lippen, das Edward nur jede Rücksicht austrieb. Mit einem gezielten Faustschlag ins Gesicht ließ er Jacob taumeln und zurückweichen. Er nutzte seine Geschwindigkeit, wogegen sein Gegenüber chancenlos war, und überwältigte ihn, drückte ihn vornüber auf den Boden, mit einer einzige Hand an seinem Nacken, die ihn in Schach hielt. Jacob zappelte, da wurde er von hinten hoch gezogen. Edward nahm seinen rechten Arm, drehte ihn herum auf seinen Rücken, und zwang ihn in die Knie. Ehe Jacob sich versah, war er wehrlos. Ihm blieb nichts, als bewegungsunfähig zu verharren.

„Weißt du, was das Schöne daran ist, wenn ich dir die Knochen breche?", fragte Edward mit einem unübersehbar überheblichen Lächeln und riss seinen Arm noch weiter in die Höhe, was Jacob aufstöhnen ließ: „Ich kann es immer wieder tun!" Damit verrenkte er den Arm ganz und gar unnatürlich und entlockte Jacob einen tiefgründigen, schmerzerfüllten Schrei.